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Herzklopfen im Herbst

Lebenslust zählt nicht die Jahre

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch

Henriette ist siebzig und engagiert sich im Seniorenkreis, wo man sie Henny nennt. Sie hat den Schmerz überwunden, dass ihr Mann nicht mehr lebt. Der Sohn hat seine eigene Familie, die Enkel wollen die Welt entdecken. Auch Henny möchte nicht vom Sessel aus die Zeit verstreichen lassen. Sie hat noch Lust am Leben – das auch mit Siebzig-plus noch viel zu bieten hat.

Nach der Reha sind nicht nur ihre Beine wieder fit. Auch das Herz schlägt wieder in einem fröhlichen Takt. Das liegt an Ole, den sie mit ihrem Charme eingefangen hat.

Doch nicht allein die neue Liebe sorgt für Herzklopfen. Da ist der ältere Bruder Willi, der in Demenz nur noch seine Schwester kennt. Der Sohn hat Pläne mit dem alten Haus, das sich zudem als nicht einbruchssicher erweist. Und die anvertraute Hündin reißt auf der Hundewiese aus … Allzeit keine Langeweile. Schließlich hat auch Ole noch ein Anliegen.

Ruhiger Lebensabend? Vielleicht später. Denn Lebenslust zählt nicht die Jahre.

IMPRESSUM

Peter Jäger
HERZKLOPFEN IM HERBST
Lebenslust zählt nicht die Jahre

.

Ein Roman zur positiven Lebensweise im Alter.

Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten sind zufällig

und ergeben sich aus Situationen, wie sie im Senioren-Alltag

in vielen Variationen vorkommen können.

Für sachdienliche Informationen danken wir

dem Leitenden Oberarzt Dr. Florian Gal

und Pflegedienstleiter Frank Vilsmeier

im Psychiatrischen Zentrum Rickling

.

© 2019

Kadera-Verlag

www.kadera-verlag.de

.

Lektorat und Cover-Gestaltung: Günther Döscher

mit Grafik aus dem Depositphoto-Stock.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten

sind über https://portal.dnb.de abrufbar.

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ISBN 978-3-948218-10-2 Paperback

ISBN 978-3-948218-11-9 E-Book

Start in die Fahrradsaison

Henny stellt gerade ihre Kaffeetasse in den Geschirrspüler, als eine vergnügte Stimme aus dem Küchenradio tönt: »Der Mai dreht mit hochsommerlichen Temperaturen auf. Wir bekommen reichlich Sonne auf die Nase. Wir wünschen ein schönes Sommerwochenende.«

»Das passt ja prima!«, jubelt Henny und wählt aus dem Kleiderschrank die rote Stretch-Jeans und ein geblümtes T-Shirt. Gestern schon hatte sie den Winterstaub vom Fahrrad geputzt. Schluss mit den Taxitouren bei größeren Einkäufen. Endlich wieder frischen Fahrtwind spüren. Im Korb auf dem Gepäckträger klappert Leergut, als sie auf dem Weg zum Discounter ihre Nachbarin überholt, die in gebeugter Haltung einen Rollator vor sich herschiebt und ungefähr der gleiche Jahrgang ist. Was kann ich froh sein, dass ich noch Radfahren kann, denkt sie, während ihr ein leichtes Kribbeln über ihren Rücken schauert. Unwillkürlich tritt sie fester in die Pedalen, – Henny will fit sein, schon wegen Ole.

Um genau zu sein: Henriette Köhler ist siebzig und gefühlt ein gutes Jahrzehnt jünger, weshalb sie es auch gern hat, dass sie im Freundeskreis Henny genannt wird, manchmal sogar von ihren Kindern und Enkeln – und natürlich von Ole, der sie aus ihrer Witweneinsamkeit geholt hat und sie in besonderen Momenten Henriettchen nennt.

Eine knappe Stunde später schließt Henny sich im Supermarkt mit ihren Einkaufswagen der missmutig wartenden Kundenschlange an der einzigen offenen Kasse an. Allein vergnügt ist nur ein Schülertrio, das vor ihr herumalbert. Die Jungs zeigen sich Handybilder, machen Faxen und wollen Beachtung auf sich ziehen. Dabei übersehen sie trotzdem nicht, dass eine ältere Kundin hinter ihnen steht.

»Komm, Lars, hab mal Mitleid mit der Oma, wir lassen sie vor, sonst kippt sie uns noch vom Rumstehen aus den Latschen«, fordert ein spargeldünner Schüler mit wild bedrucktem T-Shirt und wirrer Frisur von seinen Kumpanen.

Henny macht große Augen und fühlt sich plötzlich wieder wie Henriette. O nein, sie möchte die wilden Spaßmacher lieber vor sich im Blickfeld behalten. »Nett von euch, aber ich habe Zeit. Mit eurem Mini-Einkauf wollt ihr doch bestimmt schnell zur Schule zurück.«

Hinter ihr wird die Schlange zunehmend länger, was einige hektische Kunden herausfordert: »Öffnen Sie bitte eine weitere Kasse! Das ist ja mal typisch für diesen Laden: vergraulen lieber ihre Kunden, bevor sie den Service verbessern!«, grölt ein kräftiger Typ, der sich preisgünstige Gartenstühle gesichert hat.

Erschrocken drückt die Kassiererin auf den Klingelknopf: Staumeldung mit Aggressionspotential ins Filialleitungsbüro.

Der lange Schüler fühlt sich zum Mitmotzen verpflichtet: »Sag ich doch: Ein Saftladen ist das hier. Scheiß-Service und viel zu teuer. Bei Lidl wäre uns das nicht passiert!«

Eine junge Frau verteidigt ihre Einkaufsstätte: »Mein Gott, was bist du für ein Kotzbrocken! Hat Mutti dir kein Pausenbrot mitgegeben?«

»Croissant und Joghurt ist besser, sonst werd‘ ich noch so dick wie Sie«, kontert der Lange.

Als die zweite Kasse öffnet, kommt die Abfertigung der Kunden schnell voran. Die Schüler zupfen vorm Ausgang noch einige Prospekte aus dem Ständer. Ein Reiseangebot inspiriert zur Verkündung: »In Malle auf dem Ballermann, fängt jeder Mann das Saufen an!«

Henny versucht es zu überhören. Und während die Kassiererin in flinker Routine ihren Einkauf über den Scanner schiebt, steigt ihr Panik in den Kopf: »Halt, bitte anhalten! Ich kann mein Portemonnaie nicht finden.«

Während sie ihre Handtasche, den Korb und den Einkaufswagen durchsucht, wird ihr bewusst, dass sie das Geld auf dem Küchentisch vergessen hat. Verflixt und zugenäht – das Versäumnis hätte ihr schon am Leergutautomaten auffallen müssen. Aber dort ist sie in Gedanken den Einkaufszettel durchgegangen.

»Was ist nun, soll ich den Einkauf stornieren?«, fragt die Kassiererin genervt, denn auch die halbierte Schlage ist voller Ungeduld.

In diesem Moment drängelt sich ein Mann mittleren Alters nach vorn. Er wedelt er mit einem Geldschein: »Hallo, Frau Köhler, ich bezahle den Einkauf, wenns Ihnen recht ist! Reicht der Fuffi für Ihre Rettung?«

Henny nickt, mustert jetzt aber den Helfer in der Not, und erstaunt platzt es aus ihr heraus: »Leute, ich fasse es nicht, unser Bürgermeister hilft einer Rentnerin aus der Patsche!«

Die Schuljungs haben es mitgekriegt. »Der kämpft doch um jede Wählerstimme!«, kichert der Lange. Sein Freund setzt noch eins drauf: »Er hats nötig, seine Partei ist auf Talfahrt.«

Diesen Blödsinn will Bürgermeister Funke nicht auf sich sitzen lassen. Er drückt Henny den Fünfziger in die Hand und eilt zu den Jugendlichen. »Schade, dass ihr heute schlecht drauf seid. Dabei habt ihr mit eurem letzten Sponsorenlauf ein starkes Ergebnis erzielt. Den Artikel über die Spendenübergabe habe ich gelesen, übrigens … vom Sohn dieser älteren Dame verfasst.«

Seine ausgestreckte Hand zeigt auf Henny, die bis zu den Haarspitzen eine rötliche Gesichtsfarbe bekommt. Dass ihm die Aktion gefallen hat, lag nicht zuletzt an dem sensationellen Ergebnis: »Sechstausend Euro – damit kann vielen krebskranken Kindern und Jugendlichen geholfen werden. Seid ihr Drei daran beteiligt? Seid ihr mitgelaufen?«

»Ich konnte nicht«, antwortet der Lange. »Aber Lukas aus unserer Klasse hatte zwölf Sponsoren, dann lohnt sich das Mitmachen.«

»Dreimal vier sind auch zwölf«, rechnet der Bürgermeister kurz vor. »Grüßt euren Schulleiter von mir!« Dann wendet er sich wieder an Henny: »Hat das Geld gereicht, Frau Köhler?«

»Dicke, Sie haben mich gerettet. Ich melde mich morgen im Rathaus.«

Um keinen Sturz zu riskieren, schiebt Henny ihr Rad nach Hause. Den Korb mit Getränken hat sie auf den Gepäckträger geklemmt. Am Lenker baumeln Einkaufstasche und Beutel. Unterwegs quält sie ein Gedanke: Wieso habe ich die Geldbörse vergessen? Das ist mir noch nie passiert. Sie gehört in die Handtasche, so wie meine Haustürschlüssel und das Handy.

»Du wirst alt, Henriette«, murmelt sie vor sich hin; dann macht sie sich grade und spricht lauter: »Das lässt du dir nicht gefallen, Henny!«

Ausgerechnet jetzt fällt ihr ein, dass sie in der vorigen Wochen ein Reinigungsmittel in den Kühlschrank gestellt hatte – direkt neben Milchtüte und Orangensaft.

Kann doch mal passieren. Mit dreißig war auch nicht jeder Handgriff perfekt. Ein gelegentlich vorkommendes unkonzentriertes Verhalten ist doch nicht gleich Altersvergesslichkeit. Das sind doch nicht die ersten Anzeichen einer schleichenden Demenz. Oder?

»Du bist schließlich siebzig, Henriette, da hat jede Maschine ihre Rostflecken. Und auch bei dir läufts im Kopf nicht mehr wie geschmiert.«

»Mach dich nicht kirre, Henny. Es hat sich im Kopf nur einiges angesammelt, da ist es ganz natürlich, dass man etwas länger suchen muss als früher.«

Aber schon dieses Hin-und-Herdenken lässt Henriettes Herz heftig auf Touren kommen. Sie bleibt neben dem Radweg stehen, um etwas zu verschnaufen.

Sie muss an ihren Bruder Willi denken, der knapp drei Jahre älter ist als sie. Seit einigen Jahren lebt er in einem Pflegeheim. Dem armen Kerl sind fast alle Erinnerungen verloren gegangen und er neigt zu aggressiven Handlungen.

Ob das in der Familie liegt?

Sie findet keine Antwort darauf. Aber die beiden Seelen in ihrer Brust, Henriette und Henny, sind sich einig: Dieses Schicksal möchten sie vermeiden.

Zoff mit Heimbewohner Willi

Dieser Hitzesommer füllt alle Freibäder bis zum Überlaufen. Auch die Bewohner eines Altenpflegeheims im Randgebiet von Hamburg hält nichts mehr in ihren Zimmern. Raus, nur raus hier, an die frische Luft! Jene, die nicht ans Bett gebunden sind, zieht es in den kleinen, romantischen Park hinterm Haus. Einige schieben ihren Rollator über den Sandweg, andere fahren im Rollstuhl hinterher. Gemeinsam mit der Pflegerin Zofia bewundern sie die üppig blühenden Rhododendronbüsche.

Dann dringt der vertraute Ruf des Küchenmitarbeiters Adam an ihre Ohren. Er steht auf der rückseitigen Terrasse und hält einen Arm hoch. Dabei tippt er mit dem Zeigefinger energisch auf die Armbanduhr und verkündet die Mittagszeit:

»Reinkommen! Essen ist fertig!«

»Okay, wir sind gleich da!«, ruft Zofia zurück. Sie ist eine erfahrene Altenpflegerin aus Danzig. Bei ihrer Einstellung hatte der Heimleiter von ihr wissen wollen, ob sie die Bücher von Günter Grass kennt, der in Danzig geboren wurde. Sie musste ihn enttäuschen, wunderte sich aber über diese Befragung. Bisher, in anderen Einrichtungen, drehte es sich nur um Deutschkenntnisse und fachliches Können. Der Chef dieses Heims schien auch kulturelle Aspekte zu berücksichtigen.

»Ist das wichtig für meinen Job?«, wollte sie ihm auf den Zahn fühlen.

»Nein, nein – ich frage nur aus Interesse. Bin zur Weihnachtszeit in Lübeck gewesen. Die meisten Touristen besuchen das Café Niederegger und lassen sich mit Marzipan verwöhnen. Ich war auch im Günter-Grass-Haus, deshalb meine Frage.«

Im Freigelände muss Zofia jetzt zwei Rollstuhlfahrer ermahnen, die in falscher Richtung unterwegs sind. Die befreundeten Männer wollen nicht umkehren. »Schwester Zofia, wir ruhen uns lieber in der Sonne aus. Essen können wir auch bei Regen«, scherzt Bruno.

»Ich bleibe auch hier, hab keinen Hunger«, unterstützt ihn sein Freund Harald, der nach einem Schlaganfall etwas schief im Rollstuhl sitzt.

Aber die Pflegehilfe erlaubt keine Extrawurst, das Heim muss einen festgelegten Rhythmus für seine Bewohner einhalten. Resolut schnappt sie sich die Griffe von Haralds Rollstuhl und dreht eine Kurve: »Ohne Aufsicht bleibt niemand im Park, habt ihr das verstanden?«

»War doch nur Spaß«, grinst Bruno, der jetzt mit kräftigen Armen die Räder bedient.

**

Zofia kennt auch Heimbewohner, die weniger leicht zu lenken sind. Beim Personal gefürchtet ist Willi, ein Demenz-Patient, der zu spontanen Attacken neigt. Er kommt mit giftigen Blicken in den Gemeinschaftsraum, wo das Mittagessen ausgeteilt wird. Er braucht keine Hilfe, findet selber zu seinem Stammplatz. Aber wehe, da setzt sich jemand hin, der ihn verdrängen will.

Von den Weibern, wie er die Bewohnerinnen tituliert, hat er nichts zu befürchten. Diese hilflosen Gestalten sollen doch froh sein, wenn die Pflegekräfte ihnen die Teller unter die Nase schieben. Lass sie glotzen, sie haben doch sonst kein Vergnügen!

In diesem Moment wird der Küchenwagen hereingeschoben, bis in die Mitte des Raumes, damit die Verteilung schneller geht. Willi riecht den dampfenden Nudelauflauf, bleibt stehen und beschließt, seinen Teller selber mitzunehmen. Die aufgeschnittenen Portionen sind mit Roten Beten am Tellerrand garniert. Er grinst, tupft einen Finger in den Saft und lutscht ihn schmatzend ab.

Nach einigen Schritten sieht Willi den Rücken eines Fremden auf seinem Stuhl. Alarm, schon wieder muss er sein Revier verteidigen! Der Befehl in seinem Kopf erreicht blitzschnell die Hände. Doch sie können nicht zupacken, sind blockiert, bis er den Teller mit der Mahlzeit fallen lässt. Das Porzellan zersplittert, vermischt sich mit Nudelmatsch und roter Soße.

Die Frauen an den Tischen kreischen. Andere beschimpfen den Ruhestörer. Der Fremde auf Willis Stammstuhl, bisher im Gespräch vertieft, fährt erschrocken hoch. »Ekelhaft, was hier passiert, ist der Mann verrückt?«

»Nein, er ist krank«, entgegnet Bereichsleiterin Margot mit leiser Stimme. Sie weiß, dass sie Willi jetzt nicht reizen darf, jetzt muss sie auch den Besucher beruhigen. Der sportlich gekleidete Typ belauert sie mit wütenden Blicken und erwartet eine Erklärung.

»Entschuldigen Sie bitte das Malheur. Wir haben nicht bemerkt, dass Willi sich selber bedient. Er braucht Betreuung rund um die Uhr.«

»Ach Quatsch!«, ruft eine wütende Stimme. »Dieser Mann ist ein richtiges Ferkel! Kein Tag, an dem er nicht ausflippt. Es passiert sogar, dass er in die Gegend spuckt!«

An allen Tischen sieht der Angeklagte jetzt verkniffene Gesichter, die eine Strafe erwarten. Aber Willi weiß, dass niemand ihn schlagen darf. Insgeheim genießt er sogar die Aufregung. Er hat es geschafft, diese schlafmützigen Grauköpfe wachzurütteln.

Plötzlich spürt er feste Griffe an beiden Armen. Margot und Zofia drängen ihn aus dem Speiseraum. »Du bekommst dein Essen aufs Zimmer, hier will dich jetzt niemand mehr sehen, Willi!«, verwarnt ihn die Wohnbereichsleiterin.

»Moment!«, stoppt er ihre Beschimpfung. »Erst muss der Kerl von meinem Platz weg. Ich bin stinksauer, er hat ihn mir geklaut!« Mit unheimlicher Kraft reißt er sich los und taumelt zum Fenster, denn in der Scheibe, in der sich die Mittagssonne spiegelt, sieht er das Bild eines vertrauten Menschen. »Da ist sie, ich sehe meine Schwester! He, ihr müsst Henriette reinlassen! Ich bekomme Besuch von meiner Schwester.«

Margot lässt ihn zum Fenster laufen. Sie vermutet, dass der demenzkranke Bewohner plötzlich Bilder sieht, die mit seinen Sehnsüchten zusammenhängen. Die polnische Kollegin zögert noch, ob sie resoluter eingreifen soll. Insgeheim bewundert sie Margot mit ihrer mütterlichen Geduld, die aber auch Grenzen kennt.

»Sag die Wahrheit, hast du deine Tabletten geschluckt? Du musst deine Medizin einnehmen, sonst geht es dir wieder schlechter. Komm, ich begleite dich auf dein Zimmer. Und deiner Schwester sage ich Bescheid, dass du auf sie wartest, ja?«

»Du musst sie reinlassen, Margot, sonst geht sie weg«, bettelt er wie ein Kind, das eine Trennung verhindern will. Mit großer Überredungskunst gelingt es der Pflegerin, ihn über einen Flur zu seinem Zimmer zu lotsen. Auf der Bettkante sitzend, starrt er vor sich hin und versucht sich zu erinnern. »Warum haben mich die Weiber angeschrien? Sollen doch froh sein, wenn ich mir nicht alles gefallen lasse. Undankbar sind sie – nein, ich will hier nicht mehr bleiben!«

Margot holt ein Glas Wasser und gibt ihm die Tablette, die er noch nicht eingenommen hat. »Hier, schluck runter, dann geht es dir wieder besser. Die Frauen sind wütend, weil du einen Teller zerdeppert hast. Noch schlimmer finden sie, wenn du auf den Fußboden spuckst. Das nächste Mal musst du den Schweinkram selber aufwischen, hat der Heimleiter angeordnet.«

»Das lass ich mir nicht gefallen! Meine Fußballer im Fernsehen dürfen auch spucken, das hab ich selber gesehen. Und keiner schimpft.«

Plötzlich grinst Willi versonnen, als wenn er seine Mannschaft im Stadion sieht. Die Spieler reißen ihre Arme hoch und jubeln mit den Fans. Nur einen kurzen Moment, dann scheint das vertraute Bild in seinem Gedächtnis abzutauchen. Er richtet seinen Blick auf die Bereichsleiterin: »Was glaubst du, steigt unser Dino wieder in die Bundesliga auf? Ich werde meine Fanartikel nicht verkaufen.«

Sie schmunzelt gerührt. »Mach dir keine Sorgen, Willi, die hängen wir hier an der Wand auf, damit du sie immer sehen kannst. Ich werde deiner Schwester Henriette ausrichten, dass sie die Sachen mitbringen soll.«

»Super, Margot! Du bist die Beste!«


Die Heilkraft der Liebe

Heiner Köhler ist ein sportlicher Typ – groß, schlank, offen für Kontakte. Mit gegeltem Haar und flottem Polohemd könnte man ihn für einen Tennisprofi halten. Henny ist stolz auf ihren Sohn und freut sich, dass er sie an diesem Sonntag zur Eröffnung der Grillsaison auf seiner Terrasse eingeladen hat. Zur Mittagszeit zieht ein betörender Duft vom Gasgrill in die Küche, wo seine Frau Andrea und Henny leckere Beilagen zubereiten.

Andrea hat zwei mit Knoblauchbutter bestrichene Weißbrotstangen in den Backofen geschoben, die sie wachsam kontrolliert, bis sie eine knusprige Bräune erreichen. Unterdessen wendet ihre Schwiegermutter einen bunten Salat im pikant angerichteten Dressing und streut als köstlichen Abschluss Oliven und gewürfelte Fetastückchen darüber. Dann huscht sie ins Bad, um sich noch etwas aufzuhübschen.

»Bin gleich wieder zurück.«

Heiner scheint zeitgleich das Finale zu erreichen. Außer zweierlei Steaks vom Rind und Schwein, hat er für seine Mutter ein Stück Fischfilet auf Alufolie gegrillt. Nach einer letzten Kontrolle sieht der ehrgeizige Hobbykoch den Zeitpunkt für ein Eigenlob gekommen. »Sensationell, was ich auf meinem Grill gezaubert habe«, verkündet er durchs Küchenfenster, dabei tupft er sich ein paar Schweißperlen von der Stirn und legt die Schürze ab. »Gooonnng! Essen ist fertig!«

Andrea legt Bestecke und Servietten zu den Tellern und trällert vergnügt den Popsong aus dem Küchenradio mit: »Ich saß immer in der ersten Reihe – und fand dich so erregend …«

Heiner fuchtelt ungeduldig mit der Grillzange: »Ich finde es eher aufregend! Wo ist Mama abgeblieben!«

»Warum so bissig? Mama ist im Bad.«

»Sitzt sie etwa auf der Brille? Ihr Fisch ist perfekt gegrillt und muss jetzt gegessen werden.«

»Vielleicht schaut sie nur mal in den Spiegel, will hübsch sein für ihren Sohn, der sogar am Sonntag arbeitet«, lästert Andrea. Sie kennt ihren Heiner. Für den ist es jetzt ein so großer Moment, wie auf der Bühne eines Theaters: Schauspieler wollen Beifall hören!

Enttäuscht ist Heiner darüber, dass Tochter Emmy und Sohn Lars an diesem Wochenende auf einer Geburtstagsparty sind. Heute, nach einer kurzen Nacht, werden sie wahrscheinlich im Freibad der Stadt eintauchen.

In diesem Moment kommt seine Mutter auf die Terrasse. Mit Trippelschritten nähert sie sich dem Grillgerät. »Köstlich! Den Duft habe ich schon im Flur geschnuppert!« Entzückt klatscht Henny in die Hände.

»Du bist heute in meinem Gourmettempel eingeladen. Aber nur, weil du mitgeholfen hast«, lacht Heiner seine Freude heraus. Wenigstens die alte Küchenfee weiß, was ihr Sohn in diesem Moment hören will. Er hat schon als Kind über den Topfrand geschaut oder ihr beim Schnippeln von Obst und Gemüse geholfen. »Ist doch zum Heulen, dass die Gören Pizza aus Pappschachteln leckerer finden!«, sagt er.

»Komm, Mutti, setzt dich auf meinen Platz, hier schützt dich der Schirm vor der Sonne«, schlägt Andrea vor, die ihren Stuhl wie einen Ehrenplatz anbietet.

»Nett von dir«, sagt Henny und wirft ihr einen dankbaren Blick zu. »Ich mag die Sonne am liebsten, wenn ich im Schatten sitze.«

Dabei fällt Andrea ein kleiner Fetzen Papier neben Hennys Nase auf, der da nicht hingehört.

»Hast du dich verletzt?«

»Nicht so schlimm, ist beim Rasieren passiert«, erklärt Henny und macht eine wegwerfende Handbewegung.

Jetzt schaut auch Heiner besorgt, der zwei aufgefüllte Teller zum Tisch bringt. »Moment mal, Mutti! Das musst du mir erklären.«

»Junge, da gibt es nichts zu erklären! Beim Blick in euren Spiegel sind mir ein paar hässliche Barthaare aufgefallen. Das mag ich nicht, Bart ist nun mal Männersache. Deshalb habe ich einen Rasierapparat gesucht.«

»Ich besitze keinen, rasiere mich nass, Mama.«

»Das habe ich mir gedacht, als ich den Rasierpinsel entdeckte. Die Klinge ist aber verdammt scharf! Bin in einer Falte abgerutscht.«

»Hast das Blut aber schnell zum Stillstand gebracht, obwohl du Marcumar-Patientin bist«, versucht Andrea zu trösten. »Ein ausgedrückter Pickel heilt nicht so schnell.«

»Mit der Pubertät bin ich durch«, sagt Henny.

Plötzlich bricht Gelächter in der Runde aus. Die gelöste Stimmung erfreut auch den Grillspezialisten. Heiner verschwindet mit schnellen Schritten im Haus, um eine Flasche Rotwein zu holen.

»Ein temperamentvoller Spanier«, sagt er, als er den Korkenzieher in den Flaschenhals dreht. »Ein besonderer Tropfen für besondere Anlässe. Hat schon ein paar Jahre darauf gewartet.«

Während er die Gläser füllt, zieht Henny eine krause Stirn: »Besonderer Anlass? Ich alte Henriette habe doch wohl nicht deinen Geburtstag vergessen? Das wäre ja eine Schande für eine Mutter. Oder euren Hochzeitstag? Aber das ist ja sowieso eure Sache.«

»Dass wir älter werden, muss ja nicht jedes Jahr gefeiert werden!«, entgegnet Heiner, der bald an die Fünfzig herankommt. »Nein, ich bin endlich in eine führende Position aufgerückt.«

»Wahrscheinlich in der Verlagsküche – ?«, spielt Henny auf seine Kochkünste an und beginnt zu kichern.

»Du solltest unsere Zeitung abonnieren, Mama, dann kapierst du, dass ich auch flott schreiben kann.«

**

Später wird über Urlaub geplaudert. Henny will wissen, wie ihr Sohn die familiären Sommerferien geplant hat. »Wollt ihr wieder nach Rügen ans Wasser? Die Berge sind ja nicht euer Ding …«

Heiner wirft seiner Mutter einen verächtlichen Blick zu. »Ich habe die blöden Wanderungen nicht vergessen, dieses Anfeuern: Bald sind wir oben. Beim Gipfelkreuz bekommst du einen Stempel in den Pass …«

»Nun bin ich aber enttäuscht, Heiner!«, protestiert Henny. »Du warst doch stolz, als du die Silberne Anstecknadel gewonnen hattest!«

»Aber die Goldene ging an einen Fettsack, der mit seinen Großeltern im Lift hochgefahren ist. Keine zweihundert Meter sind die gewandert.«

»Aber die Brotzeit auf der Alm hast du immer genossen, gemeinsam mit Papa. Keine Tour ohne Almhütte, war seine Devise.«

»Stimmt. Papa war ein großer Naturfreund, leider quälten ihn nur seine Rückenbeschwerden zu sehr«, erinnert sich Heiner.

Henny nickt versonnen und sagt: »Sein Hausarzt hatte ihn gewarnt, er sollte kürzer treten, mit Schmerzmitteln war nichts mehr zu machen. Aber du kennst ja deinen Vater – ohne seine Baustellen war er unausstehlich. Bis …« Sie hält plötzlich inne, weil sie das vergnügte Beisammensein nicht mit traurigen Erinnerungen belasten will.

Doch nach einer Weile vollendet Heiner Hennys begonnen Satz: »… bis aus seinen Beschwerden ein Bandscheibenvorfall wurde. Das macht nun mal keine gute Laune.«

»Auch später, als er schon ein Pflegefall war, hat er noch von Wiener Kalbsschnitzeln geschwärmt. Handtellergroß musste es sein. Übrigens – deinen gegrillten Fisch hätte er auch begeistert weggeputzt. Hast wieder alles perfekt hingekriegt«, lobt Henny erneut Heiners lukullisches Können.

Spontan tätschelt der Sohn ihre Hand. Die mütterliche Anerkennung ist ihm wie die Verleihung eines Gastro-Sterns.

Henny aber hat gerade entdeckt, dass noch zwei kleine Steaks in der Schale liegen. »Wenn ich gewusst hätte, dass so viel übrig bleibt, hätte ich meinen Freund Ole mitgebracht. Der hätte sich bestimmt den Bauch gerieben. Zumal deine Kinder das gar nicht zu schätzen wissen. Die hast du doch längst an McDonald‘s und irgendwelche Pizza-Heinis verloren.«

Das trifft die Schwiegertochter wie ein Giftpfeil. Als Erzieherin in einer Kita arbeitet Andrea absichtlich nur an drei Vormittagen, um stets für ihre Kinder da zu sein, wenn sie gebraucht wird. Sie will keinen Streit am Tisch, trotzdem muss sie hier etwas klarstellen. »Wir haben unsere Kinder an niemanden verloren, Mama. Sie treffen sich auch im Eiscafé, im Kino oder beim Griechen. Heute sind sie von ihrer Clique eingeladen, wollen ihre Freunde nicht vor den Kopf stoßen, verstehst du das denn nicht?«

»Na klar, sag ich doch!«, erwidert eine etwas gereizte Henriette. »Wenn Kinder die Wahl haben, enttäuschen sie lieber ihre Eltern. Aber egal – ich habe längst begriffen, dass alles anders wird.« Sie hebt ihr Glas, um von dem Thema abzulenken: »Zum Wohle, mein Sohn! Ich trinke lieber spanischen Rotwein als Rülpswasser.«

Auf einmal wird sie unruhig. Sie wirft einen verkniffenen Blick auf ihre Armbanduhr, kann sie aber ohne Brille nicht genau entziffern. Sie hat ihrem Freund Ole versprochen, zur Kaffeezeit bei ihm aufzutauchen.

Heiner spürt Hennys Anspannung. »Du bist plötzlich etwas hektisch … willst du schon gehen? Kannst doch gern noch ein Schlückchen mit uns trinken. Du hast ja nur ein paar Schritte durch den Garten und bist zu Hause.«

»Nein, Junge, ich merke jetzt schon den Wein hier oben in meinen grauen Zellen«, winkt Henny ab und tippt an ihre Stirn.

Sie bekommt Unterstützung von Andrea, die das Beisammensein gern auflösen würde. »Ich vermute, Mama hat Sehnsucht nach ihrer Couch. Es geht doch nichts über ein Verdauungsschläfchen.« Insgeheim freut sie sich auf ein Sonnenbad auf der Terrassenliege. Das Aufräumen wird vielleicht Heiner übernehmen. Hoffentlich.

Henny gefällt Andreas Vorschlag, denn sie ahnt, dass Heiner etwas im Schilde führt. Wahrscheinlich geht es ihm wieder um ihr Häuschen hinten im Garten, das sie manchmal die Keimzelle der Familie nannten, weil Heiner seinen Bungalow aufs gleiche Grundstück setzen konnte. Sie hatte vorhin bemerkt, wie verdutzt sich beide ansahen, als sie Ole erwähnte. Dass die Oma der Familie einen Freund hat, passt wohl nicht so recht in ihre Vorstellung. Henny ist sich ziemlich sicher, dass Heiner und Andrea befürchten, Ole könne in absehbarer Zeit bei ihr einziehen, da ihre Freundschaft keine Risse zeigt.

Das ist Blödsinn, denn ihr Partner besitzt eine schöne Genossenschaftswohnung am Stadtrand von Hamburg. Bis zum Bus-Bahnhof sind es nur ein paar Schritte, bequemer gehts nicht, ins Zentrum der Metropole zu kommen. Und Ole, dieser herzensgute Riese, ist der eigentliche Erfolg ihrer Reha-Kur an der Ostsee. Immer vergnügt, himmelten ihn alle Patientinnen an. Da musste schon der Zufall mithelfen, damit er seine Augen für eine Siebzigjährige öffnete.

An jenem Abend telefonierte Ole vor dem Eingang der Klinik. Wahrscheinlich wollte er mit einer Gruppe losziehen. Als er das Gespräch beendete, sprach sie ihn ungehemmt an: »Warten ist langweilig, wollen wir schon mal losziehen?« Ein bisschen war sie selbst erschrocken über diesen spontanen Vorschlag.

Ihr entgingen nicht seine prüfenden Blicke, als wenn er eine Beute abschätzen wollte. Zunächst musterte er ihr Gesicht mit den bernsteinbraunen Augen, umschlossen von einer flott geschnittenen Fransenfrisur. Dass sie ihre Haare färben ließ, konnte er nur ahnen. Anscheinend hatte sie ihn beeindruckt, denn er zog ohne die anderen mit ihr los. Bei seiner ersten lustigen Bemerkung musste Henny laut lachen. »Das ist ja, als ob ich mit Loriot und Heinz Erhardt unterwegs bin«, kommentierte sie seinen ansteckenden Humor.

»Du schmeichelst, ich bin kein Unterhaltungskünstler. Das sind alles nur Witze und Erinnerungen aus meinem früheren Berufsalltag. Ich habe durchaus Sinn für ernsthafte Literatur, das habe ich meiner verstorbenen Frau zu verdanken. Sie ermahnte mich immer: Du musst nicht nur die Spritpreise kennen, du solltest auch Bildung tanken.‹ Daran habe ich mich gehalten.«

Dieser Spruch imponierte Henny, und sie hakte gleich nach: »War sie Lehrerin, deine Frau?«

»Du liegst gar nicht so verkehrt, sie leitete Literaturkurse an der Volkshochschule. Deshalb stapelten sich bei uns nach jeder Buchmesse alle Bücher, die ihr wichtig erschienen.«

Später, als sie wieder auf der Kurpromenade waren, wagte Henny es, Ole nach dem Grund seiner Reha zu fragen: »Bist du hier, weil du einen Bypass bekommen hast?«

Ole klopfte mit der flachen Hand auf seine Fernfahrerbrust: »Mit nur einem Bypass würde ich nicht auskommen. Mein Blut rauscht durch drei Umleitungen!«

»Soviel ich darüber weiß, ist Bewegung und Liebe gut für Herzpatienten …«

Ole staunte über ihre Anspielung. Etwas irritiert blickte er zum Ufer, wo die Ostseewellen mit mächtigem Getöse auf Sand und Geröll klatschten. Immer in Bewegung. Und richtig: Das weiche Wasser besiegt mit der Zeit die harten Steine. Das hatte schon Bertolt Brecht in einem Gedicht über den weise Laotse geschildert.

Mit ihrer Anspielung auf die Liebe konnte oder wollte Ole nichts anfangen. »Wie kommst du darauf, dass von der Liebe eine Heilkraft ausgeht? Ist doch bekannt: Kurschatten, die hier nur für kurze Zeit glücklich sind, erleben zu Hause fast immer ein Waterloo.«

Hui – was hatte sie damals bloß geritten? Sie hatte Ole mit ihrer Offenheit im Hauruck-Verfahren herausgefordert: »Manche verheddern sich im Lügengestrüpp. Ich lebe übrigens schon lange ohne Mann und Maus.«

»Das passt doch zusammen, Henriette«, hatte er gesagt und lachen müssen. »Ich habe eine Macke am Herzen und du in der Wade! Du bist doch die Patientin mit der Thrombose-Operation, oder?«

»Soll ich dir meine Wadenstrümpfe zeigen? Aber dann musst du mich Henny nennen, als Henriette fühle ich mich dabei zu alt.«

Seitdem brauchte Henny keine heimlichen Liebesträume mehr. Sie erlebte seit diesem Tag alles hautnah und so, wie es früher einmal war! Ole nahm ihre Zärtlichkeiten an und gab sie zurück. Sie küssen sich wie jung verliebt und machen – einfach alles, was Spaß macht.

All das läuft Henny wie ein schneller Film durch den Kopf. Soll sie jetzt, wo Heiner sie lauernd anstarrt, die Karten auf den Tisch legen?

»Ihr gebt ja doch keine Ruhe – ja, ich treffe Ole. Wir unternehmen nachher einen Ausflug, werden das schöne Wetter genießen«, geht sie entschlossen in die Offensive. Weil ihr Sohn das Gesicht verzieht, als würden ihn böse Ahnungen peinigen, fragt sie mit blitzenden Augen: »Oder soll ich dir noch beim Aufräumen helfen, lieber Sohn?«

»Nein, das erledigt bei uns die Spülmaschine!«, stottert Heiner mit abwehrenden Händen. Wieder einmal hat er nicht mit der direkten Art seiner Mutter gerechnet.

Trotzdem – über die Zukunft ihrer Immobilie im hinteren Teil des Grundstücks muss bald gesprochen werden.

Ein Sturz mit Folgen

Auf dem Weg zu ihrem Haus wirft Henny begeisterte Blicke auf die üppig blühenden Rhododendren, die in einer Reihe angepflanzt eine dichte Front zum Nachbargrundstück bilden. Drüben wohnt der Banker Gerrit Schneider, dem es anscheinend Kopfzerbrechen bereitet, dass sie drei pralle Sparbücher besitzt. Seine aufdringlichen Versuche, einen Beratungstermin mit ihr zu vereinbaren, hat sie bisher abschmettern können.

Was soll dabei herauskommen? Sie weiß selber, wie negativ sich die aktuellen Niedrigzinsen auf ihr Erspartes auswirken. Trotzdem will sie ihr Geld nicht aus der Hand geben, in der Pralinenschachtel sind die Sparbücher gut aufgehoben, das ist ihre Überzeugung.

Als sie auf einen besonders hübschen Blütenzweig zugeht, um daran zu schnuppern, stößt ihr Fuß gegen eine aufgerichtete Wegplatte. Ehe sie sich festhalten kann, stürzt sie vornüber auf eine harte Kante aus Beton.

Hat der spanische Wein sie umgehauen? Sie kann nicht klar denken, liegt hilflos auf dem Weg, von brennenden Schmerzen gepeinigt. Mit großer Anstrengung gelingt ihr ein Hilferuf. Danach hört sie nicht mehr das vertraute Gezwitscher der Spatzen im Garten. Sie spürt nur noch Schwindelgefühle im Kopf und Feuer im rechten Knie.

**

Andrea hat ihre Liege zu den Sonnenstrahlen ausgerichtet. An den Fluglärm der Maschinen, die in Hamburg starten, ist sie gewöhnt. Auch das Gezeter der Amseln, die irgendwelche Räuber von ihren Nestern weglocken wollen, stört sie nicht. Erst der klägliche Schrei eines Menschen lässt sie aufhorchen.

Sie schwingt ihre Beine von der Liege und schaut in den Garten. Dabei streift ihr Blick ein Kleiderbündel auf dem Gehweg. Ach du grüne Neune! Sie erkennt ihre Schwiegermutter an den Sachen, die sie beim Essen getragen hat. Entsetzt rennt sie ins Haus und ruft ihren Mann: »Heiner, komm schnell, deine Mutter liegt auf dem Plattenweg! Wir müssen ihr helfen!«

Dann läuft sie zu den Sträuchern, wo Henny regungslos auf der Seite liegt. Sie bückt sich zu ihr hinunter, streichelt den Kopf und fragt besorgt: »Mama, was ist passiert? Hast du Schmerzen?«

Aber Henny reagiert nicht. Nein, das ist kein gutes Zeichen! Als Andrea vorsichtig Hennys Kopf anhebt, sieht sie die Bescherung: Die rechte Stirnseite ist blutverschmiert! Die Wunde sieht aus, als hätte ihr jemand einen Schlag verpasst.

In diesem Moment ist auch Heiner zur Stelle. »Was ist los mit ihr?«, fragt er außer Atem.

»Schlimme Verletzung am Kopf. Schnell, ruf den Rettungsdienst an! Sie ist bewusstlos. Mehr weiß ich auch nicht.«

Heiner tippt sofort 112 ins Handy. Er schildert den Notfall. »Vielleicht ist meine Mutter gestolpert, sie liegt wie tot auf dem Boden! Die Stirn blutet.«

»Bin nicht tot«, meldet sich in dem Moment die Mutter mit gepresster Stimme, dabei versucht sie, ihre Beine auszustrecken. »Autsch … mein operiertes Bein tut weh!«

»Haben Sie gehört, was meine Mutter gesagt hat?«, fragt Heiner ins Handy.

Er soll sie beruhigen. »Wir kommen sofort. Rollen Sie eine Decke zusammen und legen sie ihren Kopf hoch, damit er nicht auf den Steinen liegt.«

**

Ole holt seinen Wagen aus der Garage und fährt ihn vor die Haustür. Bis zum Anruf von Henny will er die Zeit nutzen, das ungepflegte Aussehen seines alten Ford zu ändern. Bequemer wäre der Besuch der Waschanlage an seiner Tankstelle, aber dort stehen am Wochenende die Autos in der Schlange – geschätzt mindestens vierzig Minuten Wartezeit. Kein Rentner hat soviel Geduld.

»Nur keine Müdigkeit aufkommen lassen«, unterdrückt Ole seinen inneren Schweinehund. Die Vorfreude auf ihre gemeinsame Ausfahrt mit Henny spornt ihn an. Er reißt alle Wagentüren auf und entfernt die plattgetretenen Fußmatten. Dann holt er seinen Akku-Staubsauger aus dem Kofferraum und kriecht ins Wageninnere. »Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann!«, murmelt er und muss darüber lachen, dass ihm gerade dieser Sketch einfiel.

Anstrengend ist jedoch die Mittagshitze, die ihm den Schweiß aus allen Poren treibt. Sein durchnässtes T-Shirt juckt auf der Haut. Nur sein Hals ist trocken, wie die Felder der Bauern, die dringend Regen brauchen. Deshalb beendet er die Aktion vorzeitig, um seinen Durst zu löschen. Eine Sprite-Dose ist schon angezapft, gierig lässt er den Rest in die Kehle laufen.

Als er die Matten einsammelt, um sie an einem Lattenzaun auszuklopfen, klingelt das Handy in der Hosentasche.

»Zu früh, mein Schatz!«, ist sein erster Gedanke. Aber Irrtum, der Anrufer ist ihr Sohn. Mit todernster Stimme schildert Heiner den Sturz seiner Mutter. »Jetzt liegt sie im Krankenhaus. Nach Auskunft des Rettungsdienstes scheinen die Verletzungen aber nur oberflächiger Art zu sein.«

Bereits diese Kurzfassung lässt Oles Blutdruck gefährlich hochschnellen. Alle drei Bypässe in seiner Brust müssen Akkordarbeit leisten. Und in seinem Kopf spuken Ängste herum, die er nicht verjagen kann. Vielleicht ist der Sturz schlimmer als ihr Sohn es zugeben will? Er darf sich aber keine Blöße geben, reißt sich zusammen und sagt: »Danke, dass Sie mich angerufen haben. Ich hätte sonst gerätselt, warum sie nicht kommt. Wir sind verabredet.«

»Das fällt leider aus, tut mir leid«, sagt Heiner. »Mutters Sturz hat auch uns Nerven gekostet. Sicher können wir morgen nach den Untersuchungen Genaueres erfahren. Sie dürfen selbstverständlich bei uns anrufen.«

Ole lehnt wie angewurzelt an seinem Ford. Den spontanen Gedanken, mit dem Wagen zur Klinik zu rasen, verwirft er schnell. Er kann Henny ja nicht wirklich helfen, sein besorgter Blick würde ihre Verzweiflung nur verschlimmern.

Was nun – ? Immer noch umklammert seine Hand das Handy. Er überlegt, sie anzurufen. Aber auch das könnte schiefgehen. Vielleicht liegt sie auf der Intensivstation. Oder er stört bei irgendwelchen Untersuchungen. Geknickt lässt er das Handy in seinen Bermuda-Shorts verschwinden.

Nicht abschalten lassen sich aber seine Sorgen. Henny darf nichts Schlimmes passieren. Sie ist seine zweite große Liebe. Und plötzlich werden Erinnerungen lebendig, von denen er glaubte, sie längst verarbeitet zu haben. Bilder vom Leiden seiner krebskranken Frau: Besuche im Krankenhaus. Ihre traurigen Blicke. Das Verkümmern ihrer Lebenskraft … Sollte ihm ein weiteres Trauerspiel bevorstehen?

Ole blickt zum blauen Himmel hinauf, ballt die Fäuste und brüllt seine Verzweiflung heraus. »Warum lässt du uns leiden? Warum dürfen wir nicht glücklich sein?«

Seine Stimme dröhnt so laut, dass einige Spaziergänger auf der Straße stehenbleiben und mit dem Kopf schütteln. Wahrscheinlich vermuten sie, er habe zuviel gebechert. Jetzt droht Ole ihnen mit einer Fußmatte: »Geht endlich weiter, sonst schlage ich euch dieses Ding um die Ohren!«

»Bleib, wo du bist!«, warnt ihn ein junger Mann, der mit einer Kinderkarre unterwegs ist. »Schlaf erstmal deinen Rausch aus. Durch deine Brüllerei wird nichts besser.«

Ole zögert. Soll er dem Klugscheißer eine Lektion erteilen? Dann sieht er ein kleines Mädchen, das ängstlich zu ihm herüberschaut. Versteht sie, was der Vater gerufen hat? Dass der Mann mit der Matte seinen Rausch ausschlafen soll? Verdammt, er ist stocknüchtern, will sich diese Unterstellung nicht gefallen lassen. Das Mädchen aber will er nicht noch mehr verängstigen; er wendet sich ab.

»Man stirbt ja nicht, wenn man mal stolpert. Für die Ärzte ist es sicher nur eine Kleinigkeit«, redet er sich zur Beruhigung ein.

**

Andrea hält die Untätigkeit im Liegestuhl nicht länger aus. Sie beschließt, ihre Schwiegermutter in der Notfallklinik zu besuchen.

Als sie sich geräuschvoll aufrichtet, legt Heiner seine Zeitschrift beiseite. »Was hast du vor?«

»Ich kann meine Gedanken nicht abschalten, verstehst du? Die Ärzte werden Henny bestimmt schon untersucht haben. Willst du nicht auch wissen, worauf wir uns einstellen müssen?«

»Selbstverständlich, aber ich glaube, dass es noch zu früh ist für konkrete Auskünfte. Trotzdem kannst du den Autoschlüssel bekommen, er liegt auf der Flurkommode.«

Plötzlich fallen Andrea die Kinder ein. »Hoffentlich wollen Lars und Emmy nicht abgeholt werden«, zögert sie rücksichtsvoll.

»Glaube ich nicht«, beruhigt Heiner seine Frau. »Sie wollten sich im Freibad treffen. Wahrscheinlich toben sie dort bis zum Rausschmiss!«

Eine halbe Stunde später sucht Andrea einen Parkplatz auf dem Klinikgelände. Erst nach mehreren Runden mit heruntergedrehtem Seitenfenster fällt ihr ein Besucher auf, der seinen Wagen zurücksetzt. Sie fährt bis zur Schranke, löst eine Gebührenkarte und besetzt die rettende Parklücke.

Die Empfangsdame hinterm Tresen starrt sie wie ein außerirdisches Wesen an. »Wann, sagten Sie, ist Ihre Mutter eingeliefert worden?«

»Schwiegermutter … aber egal, der Rettungsdienst hat sie gegen 14 Uhr mitgenommen.«

»Das ist ja noch nicht lange her. Wahrscheinlich sitzt die Patientin im Wartezimmer. Oder schauen sie mal im Flur hier rechts in der Notaufnahme nach ihr, da stehen einige Betten.«

Als sie die Verwunderung in Andreas Gesicht bemerkt, sagt sie: »Wir wissen auch nicht, warum an den Wochenenden so viel Notfälle passieren. Bei manchen Patienten stellt sich heraus, dass gar kein akuter Behandlungsbedarf vorliegt. Anscheinend glauben sie, dass die Wartezeiten bei uns kürzer sind als bei den Hausärzten.«

»Die alte Dame ist auf einem Plattenweg gestolpert, hat sich Stirn und Knie verletzt. Sie hätte auch lieber einen Ausflug unternommen«, erklärt Andrea angesäuert, obwohl sie zugeben muss, dass das Notaufnahmeteam keine Wunder vollbringen kann.

Ole dreht durch

Am Montag besucht Ole seine verletzte Freundin in der Klinik. Na klar, erst nach dem Frühstück, um nicht anzuecken. Er möchte wissen, wie es ihr geht. Mit dem Fahrstuhl fährt er in den 2. Stock und geht in die Abteilung Innere Medizin. Aufgeregt wie ein verliebter Gockel bleibt er vor ihrer Zimmertür stehen und befreit eine Rose aus dem Zeitungspapier. Der Mensch muss sich zu helfen wissen – das Prachtexemplar stammt aus dem Garten seines Hausmeisters.

Anklopfen ist üblich, aber Ole wartet nicht ab, bis drinnen jemand antwortet. Er huscht hinein und lässt seinen Blick über vier belegte Betten schweifen. Alle Patienten, die hier liegen, sind Frauen. Aber nur eine trägt einen Verband um den Kopf: Henny, die Gestrauchelte! Sie sitzt aufrecht, gegen ein dickes Kissen gelehnt.

»Hallo, mein Herzblatt, hier kommt Oberarzt Ole. Ich weiß, was dir fehlt … du leidest unter Liebesentzug!«

Schnell wirft er seine Rose aufs Bett, um beide Hände frei zu haben für eine Umarmung.

Henny wehrt ihn erschrocken ab. »Nicht so doll, du Wüstling, ich bin doch total verschlaucht und verkabelt!«

»Komm, wir versuchen ein Küsschen unter der Nase, da ist genug Platz für schmachtende Seniorenlippen«, schlägt Ole übermütig vor. Er ist glücklich und will Henny zeigen, dass er sie vermisst.

In diesem Moment wird die Tür aufgestoßen. Stimmen einer Personengruppe veranlassen Ole, sich mit einer kurzen Lippenberührung zufrieden zu geben. Er richtet sich auf, um sich ans Bettende zu stellen.

»Guten Morgen, allerseits! Ich hoffe, Sie haben alle gut gefrühstückt«, begrüßt der echte Oberarzt seine Patienten. »Und wer sind Sie?«, forderte er Ole, den Fremden, mit einem abschätzenden Blick heraus.

»Ich bin der besorgte Lebensgefährte von Frau Köhler. Können Sie mir Auskunft geben?«

Der Arzt beginnt mit einem kurzen Räuspern, bevor er Ole freundlich aber bestimmt abbürstet: »Das MRT ist noch nicht mit der Patientin besprochen, mein Herr. Sie sollten Frau Köhler den Vortritt lassen. Jetzt aber müssen Sie das Zimmer verlassen, hier finden vertrauliche Gespräche mit allen Kranken statt.«

Peng, das hat gesessen! Bevor die enttäuschte Henny protestieren kann, sendet Ole ihr ein Augenzwinkern, dass nur bedeuten kann: »Schatz, nicht aufregen! Ich bleibe in der Nähe.«

Auf der Station gibt es einen Wartebereich für Besucher. Von hier aus will Ole das Visite-Team beim Rundgang beobachten, bis er einen zweiten Anlauf wagen kann.

**

Verdammt, der Visitearzt kommt nur im Schneckentempo voran! Ole verliert die Geduld, drückt Hennys Handynummer, um vorzufühlen, ob sie ihn noch sehen will. Es dauert eine Weile, bis sie sich meldet. »Hallo, hier ist dein Lieblingsmensch, wie geht es dir?«

»Du bist noch da? Das nenne ich Ausdauer, du verrückter Kerl! Ich habe heftige Kopfschmerzen und brauche jetzt Ruhe.«

»Sag mir nur, was der Arzt festgestellt hat, deswegen bin ich doch gekommen.«

»Das rechte Knie ist geprellt, die Aufnahme zeigt feine Meniskusrisse, die aber schon vorher dagewesen sein können. Es gibt zwei Alternativen, hat mir der Arzt erklärt ...«

Ole staunt: »Was? Du kannst auswählen? Bist du denn Privatpatient?«

»Hör auf mit dem Blödsinn. Es gibt immer zwei Möglichkeiten – die konservative Behandlung ohne Operation oder den Eingriff mit Narkose. Da die Meniskusrisse nicht so dramatisch sind, habe ich mich für die erste Behandlung entschieden, Physiotherapie und Medikamente.«

»Wahnsinn, du redest wie eine Fachärztin! Ich denke auch, du solltest kein Risiko eingehen. Und was ist mit der Wunde an der Stirn?«

»Die Wunde ist an einer Stelle genäht, gegen meine Kopfschmerzen bekomme ich Pillen.«

»Dann hast du tatsächlich einen Schutzengel gehabt, Henny. Dein Knie kriegen wir in den Griff.«

»W-i-r ? Was meinst du denn damit?«

»Dass ich dir mit meinem Wagen und meiner Zeit zur Verfügung stehe. Die Klinik wird dich nicht lange hierbehalten. Übrigens – die Gelegenheit ist jetzt günstig. Ich möchte dir schnell noch Tschüs sagen.«

Zwei Patientinnen starren erschrocken zur Tür, weil der aufdringliche Fremde schon wieder aufkreuzt. »Entschuldigung, ich weiß, jetzt ist keine Besuchszeit. Aber ich habe vergessen, meine Rose ins Wasser zu stellen.«

Ole findet eine leere Vase, die im Schrank ein staubiges Dasein fristet, füllt sie am Waschbecken mit Wasser und stellt die stachelige Rose hinein. »So. Dafür hat dein Schatzi jetzt aber ein Dankeschön verdient«, grinst er Henny wie ein Lausbube an.

»Einverstanden! Aber dann brauche ich endlich meinen Gesundheitsschlaf.«

**

Henny wartet auf ihren Fahrer, der kurz mal seinen Wagen vom Parkplatz holt. Sie sitzt auf einer Bank vor der Klinik und blinzelt in den sonnigen Morgen. Den hässlichen Verband um die Stirn hat die Arzthelferin durch ein seitliches Pflaster ersetzt. Um sich zu tarnen und das Kunstwerk besser zu verstecken, braucht sie dringend ihre Sonnenbrille. Sie will nicht ständig von lästigen Fragen genervt werden.

In diesem Moment erkennt sie Oles Ford, der wie ein bestelltes Taxi vor dem Haupteingang anhält. Was für ein herrlicher Augenblick! Sie empfindet den Abschied von der Klinik wie eine Erlösung. Obwohl der Arzt sie davor gewarnt hatte, das Knie zu belasten, versucht sie sich ohne Hilfe zu erheben. Langsam richtet sie ihren Körper auf, spürt aber schon nach Sekunden einen stechenden Schmerz.

»Lass das, Henny!«, grölt Ole entsetzt über ihren Leichtsinn. »Warte, ich zieh dich vorsichtig hoch, und du zeigst mir, was du mit den Gehhilfen gelernt hast ...«

Auf der Fahrt braucht Ole keine Berieselung durch seinen Lieblingssender, Antenne Nord. Für muntere Gespräche sorgt seine Beifahrerin, die den angesammelten Vorrat ihrer Gedanken unsortiert ausplaudert. »Zu meiner Ärztin fahren wir morgen, ich will erstmal zu Hause ankommen. Bin gespannt, ob Andrea den Kühlschrank aufgefüllt hat, sie hat ja auch viel um die Ohren. Beim Friseur brauche ich keinen Termin, die nehmen mich auch ohne Anmeldung. Da war doch noch etwas – stimmt, meinen Bruder muss ich besuchen. Willi hat wieder randaliert.«

An dieser Stelle unterbricht Ole ihren Redeschwall. »Hallo, Henriettchen! Wir sind nicht auf der Flucht. Rate mal, warum ich an der Kreuzung rechts abgebogen bin?«

»Stimmt, habe mich schon gewundert, dachte aber, dass du eine Umleitung fahren musst.«

»Nein, keine Umleitung, ich habe etwas Schönes mit dir vor.«

»Willst du mich etwa zu dir nach Hause entführen?«, ruft Henny erschrocken. »Du, das muss ich nicht haben. Bringt auch keinen Spaß, mit einer verletzten Geliebten.«

Ole nimmt einen tiefen Luftzug, damit Henny gewarnt ist. Anscheinend hat er ihr Wiedersehen anders geplant, will sich aber nichts anmerken lassen.

Henny hakt nach: »Nun sag schon, was los ist!«

»Keine Entführung«, sagt er mit überraschend ruhiger Stimme. »Vorausgesetzt, du nimmst meine Einladung zum Essen an. Unser Steakhouse wartet schon auf uns.«

Henny klatscht begeistert in die Hände. Unglaublich, was dieser verrückte Kerl ausgeheckt hat! Statt Kuscheln auf der engen Couch, eine Einladung zum Festessen. Sie tätschelt mit ausgestreckter Hand seine kratzige Wange.

»Eine tolle Idee von dir, mein Großer! Im Krankenhaus hab ich die argentinischen Steaks sehr vermisst.«

Ein Pferd für den Kindergarten

Andrea arbeitet halbtags in der Kita »Rappelkiste«. Dort leitet sie eine Gruppe mit Krippen-Kindern. Heute hat ihre Kollegin Jasmin die Frühschicht übernommen, damit die berufstätigen Mütter die Kleinen schon ab sieben Uhr abliefern können.

Sie holt ihr Fahrrad aus dem Carport und schwingt sich auf den Sattel. Im Sommer macht das Radfahren richtig Spaß, da brauche ich kein Fitness-Studio, denkt sie unterwegs. An diesem Vormittag sind Abschiedstränen angesagt. Die Kita schickt Heidi, die älteste Erzieherin des Teams, in den Ruhestand.

Im Eingang der Kita baumelt ein großes, rotes Plastikherz. Es soll eine Botschaft vermitteln: So groß ist Heidis Herz für alle Kinder, Eltern und Kollegen!

Andrea stellt ihr Rad gegen einen Baum, denn die Ständer sind alle besetzt. Sie bleibt einen Moment lang stehen und lauscht: Aus der Eingangshalle dringen Stimmen und Gelächter an ihre Ohren. Kolleginnen schmücken den Treffpunkt, hängen Girlanden auf und bilden einen großen Kreis aus kleinen Stühlen, so hatte es die Leitung geplant.

Als sie die Kita betritt, wird sie sofort umzingelt. In allen Gruppen kennt man Andrea, weil sie schon über zehn Jahre in dieser Einrichtung arbeitet.

»Du bleibst doch bei uns?«, fragt das Mädchen Corinna mit ängstlichen Augen.

Überrascht von so viel Zuneigung, ergreift Andrea die Hände der Vierjährigen: »Ich bleibe noch lange bei euch, bei dir, bei Lasse, Tim, Anne und den anderen Kindern, mit denen du gerne spielst. Und weißt du auch, warum?«

Das aufgeweckte Mädchen muss nicht lange nachdenken, sie hat eine Idee, warum ihre Erzieherin sie niemals verlassen wird: »Weil … weil wir die Besten sind!«

»Genau, ihr seid die Besten«, wiederholt Andrea, die über ihre Kita-Erlebnisse ein dickes Buch schreiben könnte. »So, nun gehen alle in ihre Gruppenräume und warten, bis die Glocke bimmelt. Bis später, Corinna!«

Inzwischen ist auch der Star der Rappelkiste eingetroffen. Andrea wirft einen Blick zum Eingang und staunt. Heidi hat sich flott herausgeputzt, trägt eine hauchdünne Bluse und enge Jeans. Sie tuschelt mit der Kita-Leiterin, Frau Krohn. Als sich zwei Kolleginnen nähern, um sie zu begrüßen, verlassen die Tuscheltanten geschwind die Halle. Planen sie eine Überraschung?

Es dauert keine Minute, da schleppen beide Frauen eine Last herein, die mit einer Decke umhüllt ist. Beide stöhnen übertrieben laut, bevor sie das komische Monster in der Mitte des Raumes abstellen.

»Puh, ist das eine Anstrengung, viel schwerer als singen und tanzen«, stöhnt Frau Krohn und wartet, bis Heidi sich in einen Korbsessel zurückzieht. Dann bimmelt die Glocke, damit alle Gruppen wissen: Jetzt gehts los! Die Kinder bilden Ketten und folgen ihren Erzieherinnen in die geschmückte Eingangshalle.

Frau Krohn wartet ab, bis alle auf ihren Stühlchen sitzen. Und dann beginnt sie eine Ansprache: »Wir begrüßen unsere Heidi, die uns heute, nach 24 Jahren, tschüs sagen will. Und weil sie sich dazu ein Kinderlied gewünscht hat, singen wir zusammen ›Das Auto von Lucio, das hat ein Loch im Reifen‹.«

Sensationell – der große Kinderchor lässt die Decke beben! Heidi hält nichts mehr in ihrem Sessel. Hier, in ihrer vertrauten Rappelkiste, kann sie nicht tatenlos herumsitzen. Sie begibt sich in die Mitte des Kreises und dirigiert mit den Händen alle Strophen.

Das ist erst der Anfang, weiß Andrea. Danach rennen die Kinder mit einem kleinen, bemalten Holzherz in der Hand zu ihrer Heidi. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, tapfer zu sein, muss sie jetzt einige Abschiedstränen wegwischen.

Nach dieser Aktion, als alle wieder auf ihren Plätzen sind, verkündet die Kita-Chefin: »Unsere liebe Heidi hat uns doch tatsächlich noch ein Abschiedsgeschenk mitgebracht, weil es ihr Spaß gebracht hat, so viele Jahre hier zu sein. Bitte Heidi, enthülle deine Überraschung.«

Heidi macht es spannend und wartet vor dem geheimnisvoll verhüllten Monster, bis es ganz still geworden ist im Raum. Dann greift sie nach einen Zipfel der Decke und zieht – bis ein wunderschönes Holzpferd zum Vorschein kommt!

Staunen, Raunen, Gejohle der Kinder, die aufstehen und hinrennen, um das schöne Pferd zu streicheln. Heidi aber will erst noch etwas sagen, legt einen Finger auf die Lippen. »Pst! Es ist mein Geschenk für euch, aber auch für all die Kinder, die noch zu uns kommen werden«, erklärt die Erzieherin mit leiser Stimme. »Schon morgen soll das Holzpferd im Freigelände stehen und von euch gefüttert werden.«

Plötzlich hebt sie ein Bein und schwingt sich auf den Pferderücken. Das ist das Signal für alle Kinder, die gerne mitreiten wollen. Von allen Seiten wird Heidi bedrängt, bis die Kita-Leiterin besorgt einschreitet: »Nicht so wild, sonst fällt unsere Heidi gleich vom Hottehü!«

Über den lustigen Namen bricht schallendes Gelächter aus. Andreas junge Kollegin springt auf und ruft: »Lasst uns dem Holzpferd einen Namen geben! Was haltet ihr von ›Hottehü‹?«

Ihr spontaner Vorschlag bekommt viel Zustimmung. Sie kann aber nicht verhindern, dass die Reiterin mit Gejohle belagert wird. Da hilft nur ein weiteres verlockendes Angebot.

»Hallo, alle mal herhören!«, ruft Heidi in ihrer Not. »Ich habe euch leckere Naschis mitgebracht. Und weil heute keine Projekte laufen, dürft ihr jetzt in den Spieleraum und in die Theaterwerkstatt. Dort sind viele kleine Nester versteckt, als ob der Osterhase noch einmal zu Besuch gekommen ist.«

Die Kinder stürmen los, denn für Naschis sind sie immer zu begeistern.

Mit Sehnsucht im Herzen

Im Park des Seniorenheims wird ein Sommerfest gefeiert. Nicht nur die Bewohner, auch viele Besucher sitzen an den langen Party-Tischen, plaudern miteinander und verdrücken Grillwürste.

Willi ist mit einem Stehplatz zufrieden. Unter einem Baum, der kühlen Schatten spendet, hält er Ausschau nach seiner Schwester. Vorhin hat er sich sogar zur Straße gewagt, wo die Autos parken. Aber sie kommt nicht. Dabei müsste Henny wissen, dass er sie mit klopfendem Herzen erwartet.

Jetzt erhebt sich der Heimleiter von seinem Platz. Willi kann erkennen, dass der Bürgermeister an seiner Seite sitzt. Ihn begrüßt er zuerst, danach die Gäste, die Heimbewohner und zum Schluss seine tüchtigen Mitarbeiter. »Heute, liebe Leute, wird kein Weißbrot zur Wurst gegessen – ich empfehle Ihnen unseren leckeren hausgemachten Kartoffelsalat!«

Willi klatscht mit den Leuten, aber ohne richtige Lust. In seinem Kopf sind böse Gedanken unterwegs. Warum lässt Henny ihn zappeln? Alle haben Besuch bekommen, nur er ist allein. Vielleicht denkt sie auch, dass er ein Ekel ist …

Jetzt steht der Bürgermeister auf, er klopft mit einer Gabel gegen sein Glas, damit ihm alle zuhören. »Lieber Ferdinand! Ich habe eben über deine Worte nachgedacht. Ist der Salat wirklich hausgemacht? Wer schält denn bei euch die vielen Kartoffeln? Hier sitzen mindestens achtzig hungrige Personen«, neckt er den Heimleiter.

Willi ist gespannt, ob Ferdinand zugibt, dass der Kartoffelsalat von einem Lkw geliefert wird. Oft schaut er dabei zu, wenn Getränkekisten und andere Bestellungen im Hof abgeladen werden. Dabei sind ihm auch die weißen Plastikeimer für die Küche aufgefallen.

»Lieber Toni! Ich verrate nur ungern unser streng gehütetes Geheimnis. Aber es stimmt: Die Küche hat schon zu Ostern mit dem Kartoffelschälen angefangen!«

Schallendes Gelächter im Park, die beiden Männer bringen die Leute in Stimmung. Jetzt müsste die Musik loslegen, aber der Schlagerkönig fummelt noch an seiner Übertragungsanlage.

Willi verliert die Lust, blöde herumzustehen. Plötzlich, in diesem Moment der Enttäuschung, elektrisiert ihn eine Idee! Wenn seine Schwester nicht zu ihm kommt, kann er sie doch überraschen. Ohne lange zu zögern, geht er ins Haus zurück. Falls ihn jemand ansprechen sollte, weiß er schon, was er antworten wird. »Bin gleich wieder da, muss dringend auf mein Klo!«

**

So gelassen bleibt Willi nicht lange. In seinem Zimmer richtet er ein Chaos an, weil er sein Bunkergeld nicht findet. »Mein Geld ist weg!«, stöhnt er nach ergebnisloser Suche. Er hat alle Schubladen und die Wäschestapel durchwühlt, bis auf die Schuhe im untersten Regal. Vielleicht sollte er auch die Latschen kontrollieren, rät ihm eine innere Stimme. Und weil er ihr nachgibt, erlebt er ein Wunder: In einer Sandale, die er lange nicht getragen hat, findet er seine Geldbörse!

Willi springt erleichtert auf und steckt den wertvollen Fund in seinen Anorak. Im Sommer braucht er eigentlich keine Jacke. Aber irgendwo muss er die Sachen für seinen Ausflug lassen. Auch zwei Päckchen Taschentücher nimmt er mit, denn in der Bullenhitze wird er bestimmt schwitzen.

Am Ausgang peilt Willi die Lage. Im Park wird mitgesungen, wenn der DJ die guten alten Hits abspielt. Der Ranschmeißer »Ramona, zum Abschied sag‘ ich dir goodbye« erinnert ihn an Richtfeste mit Kollegen vom Bau. Anschließend sind sie nach St. Pauli weitergezogen, haben in den Tanzschuppen gesoffen und geflirtet.

Jetzt aber hat er keine Zeit für Erinnerungen, muss schnell handeln. Er wirft einen Blick zum Parkplatz. Dort schlendern zwei Besucher zu ihrem Wagen. Sie werden bestimmt gleich wegfahren, beruhigt er seine Angstgefühle. Als er zum Türöffner geht, macht er die Entdeckung seines Lebens: An der Wandseite sind drei Gehwagen abgestellt, und er kombiniert: Hier im Heim brauche ich keinen Rollator. Aber unterwegs könnte mir so ein Partner nützlich sein. Stimmt überhaupt - die Dinger haben eine Sitzfläche zum Ausruhen! Deshalb greift er zu.

Die Autoschlange scheint endlos zu sein. Willi will auf die andere Straßenseite, findet aber keine Gelegenheit zum Überqueren. Wahrscheinlich muss er warten, bis die Ampel irgendwo auf Rot springt und den Verkehr stoppt. Immer häufiger dreht er den Kopf, um sich zu vergewissern, dass ihn die Betreuer nicht suchen. Er muss weg hier, nach drüben auf die andere Seite, wo es einen breiten Weg mit Asphaltstreifen gibt.

Eine Bewohnerin im zweiten Obergeschoss beobachtet Willi mit argwöhnischen Blicken. Sie hat freiwillig auf Kartoffelsalat und Schlagermix verzichtet, weil sie größere Ansammlungen von Menschen verabscheut. Als ehemalige Polizistin erlitt sie einen Schock, als die Fernsehbilder von der entgleisten Love-Parade in Duisburg gesendet wurden. Grauenvoll, diese Massenpanik, bei der einundzwanzig Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Später, nach Ausschreitungen von maskierten Chaoten in Hamburg, hat sie sich in den Innendienst versetzen lassen.

Der Heimbewohner unten an der Straße ist kein gefährlicher Chaot, aber auch er leistet Widerstand gegen die Ordnung, die für alle in diesem Hause gilt. Sie wird ihn verpfeifen, diesen Rabauken, der ständig für Unruhe sorgt.

**

Willi kommt auf der Fahrradspur bestens voran. Wenn es hinter ihm klingelt, bleibt er zackig stehen, damit Ausflügler und Radsportler vorbeiradeln können. Er sieht auch schon die erste Ampel an einer Kreuzung, was ihm einen Seufzer abringt. Zuvor aber will er pausieren, die Hitze hat alle Poren seiner Haut geöffnet, und beide Papiertücher in der Hosentasche sind nass wie Waschlappen.

Er schiebt den Rollator gegen eine hochgewachsene Hecke und quetscht seinen Hintern auf den Sitz. Trockene Taschentücher hat er zum Glück noch im Einkaufskorb. Was ihm dringend fehlt, ist eine Erfrischung. Eine große Portion Eis. Auch ein Glas Wasser würde er nicht verachten.

Später, an der Kreuzung, fragt er eine ältere Frau nach dem Immenweg: »Da wohnt meine Schwester«, ergänzt er eifrig, was sie aber stutzig macht.

»O je – Sie sehen ja schon ganz erschöpft aus, mein Herr! Geht es Ihnen gut?«, fragt sie Willi, der sich am Rollator festklammert.

»Die Hitze ist blöd, bin ich nicht gewohnt. Aber warum sagen Sie mir nicht, wie ich zum Immenweg komme?«

»Weil das noch ein langer Fußmarsch ist, Sie sollten sich lieber ein Taxi bestellen«, rät die besorgte Passantin, die jetzt bei Grün die Straße überquert. Willi folgt ihr mit respektvollem Abstand. Er hofft, in einer Seitenstraße sicherer zu sein. Und er muss dringend über seine Lage nachdenken. Ganz bestimmt ist die Heimleitung schon darüber informiert, dass er abgehauen ist. Wahrscheinlich fährt die Polizei schon die Gegend ab, um ihn einzufangen.

Nein, er will nicht zurück. Sein Ziel ist das kleine Elternhaus im Immenweg, von seinem Vater an vielen Wochenenden gebaut. Henny wird überrascht sein, wenn der große Bruder plötzlich vor der Tür steht, denkt der erschöpfte Ausreißer.

In der nächsten Seitenstraße gibt es beidseitig viele Einzelhäuser, wie zu Hause im Immenweg! Einige haben eine Terrasse, andere sogar einen Vorgarten. Sein tapferes Herz schlägt schneller, als er zwei flotte Mädchen sieht, die auf dem Rasen Federball spielen.

Mit großer Anstrengung schiebt er den Rollator bis zum Zaun, aber nicht, weil er zuschauen will. Sein Mund ist klebrig trocken, und seine Klamotten sind nass. »Hallo, bitte… habt ihr Wasser für mich?«, fleht er mit bibbernder Stimme. Dann lassen seine Hände die Griffe los. Er rutscht langsam zu Boden.

Die Spielerin auf der linken Seite hat die Szene aus dem Augenwinkel erfasst, lässt den scharf geschlagenen Federball über ihren Kopf sausen und rennt zum Zaun. »Scheiße, Frauke! Eben ist ein alte Mann zusammengebrochen, hier bei uns! Ruf‘ Paps, er soll Wasser mitbringen!«, reagiert die Schülerin geistesgegenwärtig. Als sie bei ihm ankommt, rutscht ihr die blödeste Frage aller Zeiten heraus: »Ist alles okay?«

Die muss Willi nicht beantworten. Er streckt eine Hand nach ihr aus und wiederholt: »Hast du Wasser für mich?«

»Gleich. Mein Vater kommt mit einer großen Flasche. Sind Sie irgendwie verletzt – ich meine, dass ich den Rettungswagen bestellen soll?«

»Nein - keinen Rettungswagen!«, wimmert der gepeinigte Mensch, der nur ein Ziel kennt: Henny finden. Der Vater der beiden Badminton-Spielerinnen fackelt nicht lange. Nach einem Glas Wasser, das Willi mit gierigen Zügen austrinkt, stellt er ihn zur Rede: »Wo wohnen Sie? Und verraten Sie mir bitte, warum sie bei der Hitze unterwegs sind? Ich frage deshalb, weil Sie wahrscheinlich vermisst werden – ist das so?«

Aus Angst, er könnte ins Heim zurückgebracht werden, wiederholt Willi nur den Satz: »Ich will zu meiner Schwester im Immenweg.«

»Und wie heißt diese Dame?«

»Henriette Köhler, sie wartet auf mich«, stöhnt der erschöpfte Bruder, der verhindern will, dass seine Flucht nach den anstrengenden Strapazen beendet wird. »Darf ich jetzt weiterfahren?«

Während er die Antwort erwartet, tippt der misstrauische Familienvater eine Anfrage bei Google ein. »So, jetzt habe ich die Adresse von einer Henriette Köhler, die gibt es wirklich im Immenweg. Wo aber leben Sie? Schwindeln Sie nicht – ich muss eine Entscheidung treffen.«

Jetzt mischt sich Frauke ein, weil ihr der alte Mann leid tut. »Du kannst ihn doch zum Immenweg bringen, Paps, das wäre doch die beste Lösung.«

Willi nickt dankbar, aber dieser Vater an seiner Seite sieht darin keine Lösung: »Nichts da! Denn wie soll es weitergehn, wenn Frau Köhler nicht zu Hause ist? Wo soll ich diesen unglücklichen Menschen abliefern? Wenn ich ihn in meinen Wagen mitnehme, bin ich für ihn verantwortlich.«

In diesem Moment biegt ein Streifenwagen in die Straße ein und kommt mit verminderter Geschwindigkeit näher. Willi erkennt mit entsetzten Augen, dass ihn die Polizei gefunden hat. Er bricht in Panik aus und brüllt: »Verräter! Warum ruft ihr die Drecksäcke?«

Als ihn zwei Beamte an den Armen abführen wollen, schlägt er voller Verzweiflung um sich und schreit in den blauen Nachmittagshimmel:

»Henriette! Hilfe, sie tun mir weh!«

Frühschwimmer ärgern den Bürgermeister

Der Sitzungssaal im Rathaus ist rappelvoll. Die Tische, an denen die Parteivertreter sitzen, sind zu einem großen U angeordnet. Der Bürgermeister und zwei hilfsbereite Männer öffnen die Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Mit einer Abkühlung ist bei 30 Grad im Schatten trotzdem nicht zu rechnen, überlegt Lars, der sich für die Schule über das Thema »Digitalisierung der Verwaltung« schlau machen will.

Was ihn verwundert, ist der Andrang älterer Bürger, die aufgeregt herumwuseln, um im Besucherbereich einen der diesmal kaum ausreichenden Sitzplätze zu ergattern.

Lars tippt einem Schulfreund auf die Schulter: »Was meinst du, Bastian, sind die etwa an einer schnellerer Digitalisierung nach 4.0 interessiert?«

»Wahrscheinlich sind das die Frühschwimmer, die gegen verkürzte Öffnungszeiten des Freibads protestieren wollen. Wir werden uns wohl höflich mit Stehplätzen begnügen müssen«, zischt Bastian zurück und wendet sich an den anwesenden Schulleiter: »Möchten Sie sitzen, Herr Grimme?«

»Nein danke, ich will nicht den Überblick verlieren«, winkt der das Angebot mit einer schnellen Handbewegung ab.

Auf einen Wink des Ausschussvorsitzenden wird die Tür geschlossen. Er begrüßt die Anwesenden, fragt, ob es Einwände oder Ergänzungen zur heutigen Tagesordnung gibt, blickt prüfend über die Köpfe und stellt fest: »Das ist nicht der Fall, also können wir gleich mit der Bürgersprechstunde beginnen. Wenn ich das richtig einschätze, sind die Frühschwimmer heute besonders zahlreich vertreten. Bitte melden Sie sich mit ihrem Namen, wenn Sie Fragen an die Parteien oder an unseren Bürgermeister stellen.«

Sofort schießen drei Arme in die Höhe. Um den Ablauf zu straffen, fragt der Vorsitzende: »Ist es richtig, dass Sie das gleiche Anliegen haben?«

»Ja, vielleicht darf ich anfangen, mein Name ist Hannelore König! Ich gehöre schon seit Jahren zu den Frühschwimmern, die sich jeden Morgen im Freibad treffen. Jetzt habe ich im Kurier gelesen, dass die Öffnungszeiten reduziert werden. Warum passiert das mitten in der Badesaison? Kann mir das jemand erklären?«

»Die Vertreter der Parteien kennen die Gründe, aber vielleicht sparen wir Zeit, wenn unser Bürgermeister dazu Stellung nimmt?«, schlägt der Versammungsleiter vor. Er wirft dem Verwaltungschef einen Blick zu, der sogleich aufsteht und bedauert, dass diese Nachricht bei vielen Bürgern für Unverständnis gesorgt habe.

»Einer Partei scheint es sogar zu gefallen, scharfe Kritik an der getroffenen Entscheidung zu üben. Die muss ich aber entschieden zurückweisen. Leider fällt eine von unseren Fachkräften krankheitsbedingt für längere Zeit aus. In so einem Fall ist die Verwaltung gezwungen, kurzfristig zu handeln, um eine Gefährdung von Badegästen abzuwenden.«

Seine Empfindlichkeit gegen Kritik scheint die Frühschwimmer nicht zu beeindrucken. Sie tuscheln miteinander. Dann springt eine jüngere Besucherin auf, ohne ihren Namen zu nennen. »Herr Funke, leider haben Sie mich damit nicht überzeugt. Wenn bei mir in der Filiale eine Kollegin krank wird, können wir den Laden auch nicht später öffnen.«

Mit einem Blick zum Pressetisch bemerkt Lars, dass sein Vater mitschreibt. Neben ihm sitzt noch ein weiterer Pressevertreter, den er aber nicht kennt. Ruhe kehrt erst wieder ein, als Bürgermeister Funke zum Abschluss des Themas ein Versprechen abgibt: »Sollte die erkrankte Person früher als gedacht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, werden die Kürzungen sofort aufgehoben.«

Der Ausschussvorsitzende regt eine kurze Pause an, damit die Badegäste den überfüllten Bereich verlassen können. Die beiden Pressevertreter folgen ihnen, wahrscheinlich um einige Frühschwimmer zu befragen und Fotos zu machen.

Lars geht ans geöffnete Fenster, um bessere Luft zu atmen. Fast alle Frühschwimmer haben sich auf dem Rathausplatz versammelt, reden über die Bürgersprechstunde und lassen sich von den Journalisten befragen. Sein Vater spricht mit der mutigen Besucherin, die einen Vergleich zu ihrer Filiale gebracht hatte. Jetzt stellt sie ihm eine Frühschwimmerin mit schlohweißen Haaren vor.

»Alma ist schon über achtzig Jahre alt. Was meinen Sie, warum ist sie noch so fit ist«, fordert sie Heiners Vater heraus.

Alma hat keine Geduld und sagt: »Wer rastet, der rostet, das gilt besonders für ältere Menschen. Deshalb haben fast alle Frühschwimmer eine Saisonkarte, damit wir den ganzen Sommer über in Bewegung bleiben. Da passt es überhaupt nicht, dass der Bürgermeister uns ein Stück von unserer kostbaren Zeit abzwackt.«

Lars ist verblüfft, wie selbstbewusst die Grauhaarige ihren Standpunkt vertritt. Er bleibt am Fenster stehen, weil er auf die Frage seines Vaters gespannt ist.

»Warum ärgern Sie sich darüber? Sie könnten zum Beispiel länger schlafen.«

»Irrtum, junger Mann, die Betonung liegt auf Frühschwimmen. Wir treffen uns schon vor dem Frühstück, wenn andere noch von einem Lottogewinn träumen. Dann kann ich sogar im Bademantel zum Schwimmen gehen«, entgegnet die Seniorin.

»Danke, aber nun möchte ich mal einen Herrn befragen. Sonst denken unsere Leser, dass die Männer unserer Stadt wasserscheu sind.«

»So wie Sie!«, ruft eine kesse Seniorin dazwischen. »Ich habe Sie noch nie in unserem Freibad gesehen!«

»Stimmt nicht – ich berichte jedes Jahr über das Anbaden im Monat Mai.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783948218119
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507048
Schlagworte
Senioren-Roman Lebensplanung Liebe im Alter Wohngemeinschaft Lebenslust Demenz Altenheim Alters-Partnerschaft

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Titel: Herzklopfen im Herbst