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Der Flügel der Zeit

Ein Capriccio über die Lübeck-Reise des jungen Johann Sebastian Bach

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch

Begeistert ist der Icherzähler nicht, als er ein Lübecker Altstadthaus erbt. Mit Denkmalschutz belastet, klebt es an der Stadtmauer. Er möchte anonym bleiben und wechselt das Messingschild »Silbermann, Instrumentenbauer« gegen ein eigenes: »Alexander Pope, Gartenarchitekt«.

Ein seltsamer Konzertflügel scheint im Haus vergessen zu sein. Und da taucht auch schon der mystisch anmutende Silbermann auf und erzählt dem neuen Besitzer, was es mit dem Instrument auf sich hat.

»Ich habe das Instrument so eingerichtet, dass man mittels Musik in die Zeit reisen kann, in der sie komponiert wurde. Sie reisen Jahrzehnte oder Jahrhunderte in die Vergangenheit, bis Sie selbst den Deckel schließen und unversehrt ins Heute zurückkehren.« Doch jedes Wunder hat Gefahren: »Schließt ein anderer den Deckel, bleiben Sie in der Vergangenheit gefangen – und ebenso, wenn Sie dieses Geheimnis mit anderen teilen oder versuchen jemanden ins Jetzt mitzunehmen.«

Was für verlockende Möglichkeiten! Mr. Pope spielt sich mit Johann Sebastian Bachs Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders in das Jahr 1705, als der junge Komponist nach Lübeck wanderte, um den Kirchenmusiker Dieterich Buxtehude zu behorchen. Lübeck ist zu dieser Zeit alles andere als eine friedliche Idylle. Der Nordische Krieg und der Spanische Erbfolgekrieg werfen ihre Schatten auf die neutrale Reichsstadt. Ein Zentrum fremder Spione und Hasardeure. Doch Mr. Pope findet Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft, den Komponisten – und zu Buxtehudes ältester Tochter Anna.

IMPRESSUM

Dieter Bührig

DER FLÜGEL DER ZEIT

Ein Capriccio über die Lübeck-Reise

des jungen Johann Sebastian Bach

© 2019

Kadera-Verlag

www.kadera-verlag.de

Cover-Gestaltung: Günther Döscher mit Fotos von Dieter Bührig, ergänzt mit Grafik aus dem Depositphoto-Stock.

Literarische Bezüge: John Eliot Gardiner: Bach, München 2016;

Konrad Küster: Der junge Bach, Stuttgart 1996;

Hans Franck: Pilgerreise nach Lübeck, Gütersloh 1936, 2007.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten

sind über https://portal.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-948218-08-9 Paperback

ISBN 978-3-948218-09-6 E-Book

Kapitel 1 · Der Flügel der Zeit

Wahrlich, es ist nicht unbedingt das große Glück, ein Haus in Lübeck zu erben. Zumal, wenn es mit dem Siegel des Denkmalschutzes belastet ist. Ein immobiler Pflegefall also. Und wer hat denn Eigenbedarf für einen engen Altbau. Ein doppelt geschenktes Buch kann getauscht werden, für einen Theater-Gutschein findet sich leicht ein Liebhaber. Doch eine Immobilie, weder verrück- noch veränderbar, nicht umzutauschen oder weiterzuschenken – wer könnte so etwas kaufen wollen?

Das Haus, das den Anlass für diese Geschichte liefert, liegt am Rande der Altstadt. Seine Rückseite war einst Bestandteil der mittelalterlichen Wehranlage, die den Stadthügel umgab. Als die Stadt prosperierte und der Wohnraum in der umschlossenen Innenstadt immer knapper wurde, hatten die Bürger schon früh damit begonnen, ihre Häuser an die Innenseite der Stadtmauer zu heften. Dadurch ersparten sie sich eine komplette Hauswand. Backsteine waren damals teuer.

Die Mauer war auf die Ewigkeit berechnet, und so wundert es nicht, dass die Fenster hinaus zum Vorfeld auch heute noch wie Schießscharten anmuten. Nur hoch oben im zweiten Stock, hatte ein Vorbesitzer eine zwei Meter breite Öffnung herausgeschlagen und einen lichtspendenden Erker eingebaut, zu einer Zeit, als es vor den Toren keine Feinde mehr gab und innerhalb der Stadtmauer noch keinen Denkmalschutz.

Zur Stadtseite hin zeigt sich das Gebäude mit seiner Backsteingotik, mit den offenen Fensterfluchten und der hohen Dielenetage wie viele andere Bürgerhäuser, die sich den Stromschnellen der Zeit unbeschadet widersetzt haben. Ein dreistöckiger Staffelgiebel krönt die Fassade, eigentlich Blendwerk, denn dahinter verstecken sich lediglich steile, kaum bewohnbare Dachgeschosse. Es wäre unangemessen, dies als Angeberei des Hausbesitzers abzutun. Wir sollten uns hüten, vergangene Zeiten aus unserem heutigen Blickwinkel zu beurteilen. Natürlich spielten schon damals Besitz und Vermögen eine wichtige Rolle, doch sie waren kein Selbstzweck, sie bestimmten sich durch die Ständeordnung, in die man hineingeboren wurde.

In meinem Erbhaus wohnte früher einer der wichtigsten Zöllner der Stadt, denn es schließt unmittelbar an das Burgtor an, das den nördlichen Zugang zur Stadt sicherte. Mit seinen fünf Stockwerken und der an eine preußische Pickelhaube erinnernden Bedachung sieht das Tor wie ein riesiger Zinnsoldat aus, dessen zu kurz geratene Beine die Straßendurchfahrt flankieren.

Oft war ich durch das Burgtor geradelt, um in der Innenstadt einzukaufen oder in einer Kneipe einzukehren. Nie hätte ich es mir träumen lassen, eines Tages mit diesen alten Mauern beerbt zu werden.

Nun gut, ich liebe die Stadt und flaniere gern durch ihre mittelalterlichen Gassen. Doch wohnen in jener pseudoromantischen Idylle, in der man auf Schritt und Tritt von der Schwere einer verblassten Geschichte erdrückt wird, wo es ständig nach Kohl riecht, wo man die Sonne nur in den oberen Stockwerken genießen kann und wo allenfalls ein paar Löwenzähne in löchrigen Regenrinnen dahinvegetieren? Gar als Hausbesitzer? Ein Altstadthaus als Statussymbol?

Nein, das brauchte ich nun wirklich nicht.

Den Erblasser kannte ich nicht, nicht einmal vom Namen her. Die Ironie des Zufalls hatte mich zum Besitzer eines geschichtsträchtigen Stadthauses gemacht, mit dem ich, wie gesagt, herzlich wenig anzufangen wusste.

Sollte ich es vermieten? Das hätte Investitionen in eine Renovierung erfordert, die ich mir im Moment nicht leisten konnte. Oder sollte ich es selbst beziehen? Nein, meine alte Wassermühle, mein Anwesen im ländlichen Umkreis mit der guten Anbindung an die Autobahn, mochte ich nicht aufgeben. Also wollte ich einen Makler beauftragen, einen Käufer zu finden. Mit dem Erlös könnte ich mir vielleicht eine Reise um die Welt leisten.

Aber erst einmal wollte ich das Objekt genauer in Augenschein nehmen. Bevor ich den ersten Schritt über die Schwelle setzte, erkundigte ich mich bei den Nachbarn. Was ich dort hörte, war nicht unbedingt ermutigend. In den letzten Jahren hatte das Haus leer gestanden, nur ein Hausmeisterdienst war mit den nötigsten Wartungsaufgaben betreut worden. Wahrscheinlich sah es im Inneren trostlos aus. Schimmel an den Wänden, bröckelnder Putz, undichtes Dach, Schwamm im Keller, marode Leitungen, kaputte Heizungen, undichte Fenster und wer weiß was sonst noch.

Zuletzt hatte dort ein Musiker gewohnt, ein Eigenbrötler, wie die Nachbarn sagten. Er hauste in dem Gebäude wie ein Bohemien in einem vergessenen Elfenbeinturm. Außer seiner Musik interessierte ihn nichts. Nicht einmal Blumenkästen oder Vorhänge gönnte er sich. Während die Nachbarn ihre Fenster schmückten, machte seine Hausfront stets einen unwirtlichen Eindruck.

Angeblich sollte er vor drei Jahren verstorben sein, doch die Nachbarn behaupteten, dass weiterhin jeden Abend Klaviermusik aus dem Turmzimmer herab auf die Straße töne. Keine definierte Musik, keine Mozartsonate, keine Bachfuge. Es klänge eher, als würde der Geist des Toten ein Klavier mit einem unendlichen Tonumfang stimmen.

Mit verhaltener Neugier stieg ich die wenigen Stufen hinauf zur Eingangstür. Auf einem verwitterten Messingschild prangte immer noch der Name des Sonderlings:

Silbermann, Instrumentenbauer

Ich sollte das Schild bei nächster Gelegenheit entfernen lassen. Doch, was sollte an seine Stelle treten? Ohne Namen ist ein Bauwerk ein anonymes Objekt, eine Hütte, eine Höhle, eine Behausung, aber eben kein Zuhause.

Meinen eigenen Namen wollte ich der Öffentlichkeit nicht preisgeben, schließlich kannte man mich als naturverbundenen Träumer, als Liebhaber der Landluft. Immerhin hatte ich die alte Wassermühle zu neuem Leben erweckt. Das Mühlrad war repariert worden. Es versorgt mich sogar mit elektrischem Strom. Demnächst will ich auch das Räderwerk um den Mühlstein herum erneuern. Schon der Anblick der Zahnkränze und Gestänge fasziniert mich. Wie ein riesiges Uhrwerk mutet es an. Es scheint nur darauf zu warten, als Perpetuum der Zeit erneut in Gang gesetzt zu werden.

Vielleicht wird meine Mühle eines Tages Getreide mahlen, Korn, Symbol des Lebens. Was gibt es Edleres, als sich dem Leben, der Zukunft zu widmen? Nein, auf keinen Fall will ich meinen wirklichen Namen an die Tür eines mit verstaubter Vergangenheit durchtränkten Stadthauses heften.

Das unscheinbare Vergissmeinnicht, das auf der obersten Stufe in einer Ritze neben der Haustür dahinvegetierte, erinnerte mich an meinen Garten, an die Obstbäume hinterm Haus, die ich selbst gepflanzt hatte und die seit dem letzten Jahr Früchte tragen, und an die blumenübersäte Wiese am Rande des Mühlenteichs.

Bei der Anlage meines Gartens hatte ich mich von einem englischen Gartenbauer aus der Barockzeit inspirieren lassen, Alexander Pope, ein Mann, der sich im Geiste der Aufklärung für einen natürlichen Umgang mit der Gartenkunst einsetzte. Das kam meinen Anschauungen entgegen.

Als ich kürzlich sein Konterfei auf einem antiquarischen Ölgemälde sah, wurde er mir richtig sympathisch. Es war, als stände ich vor einem Spiegel, nur die Kleidung stimmte nicht überein. Ein Zwillingsbruder, nein, mein eigenes Ich stand vor mir, getrennt durch einen Zeitsprung von über 300 Jahren.

Bin ich gar seine Wiedergeburt?

Alexander Pope, ein passender Name für mich. Warum sollte er nicht das Türschild meines neuen Eigentums zieren?

Alexander Pope, Gartenarchitekt

*

Die Türangeln knirschten träge, als ich eintrat, ein Zeichen, dass sie in letzter Zeit nur selten benutzt wurden. Das brüchige Geräusch klang, als wollte die Tür mich fragen: Was suchst du hier? Das ist nicht deine Welt! So klingt kein Willkommensgruß, fand ich.

Die Diele machte einen überraschend geräumigen Eindruck. Nichts, absolut nichts befand sich in dem hohen Raum, kein Schrank, kein Stuhl, kein Bild, nicht einmal ein abgebrannter Kerzenstummel. Nichts, nur Staub und tote Fliegen.

Hier war die Zeit stehen geblieben. Unverputzte Backsteine starrten mich an, als seien sie die Augen früherer Bewohner. Die Dielenbretter knarrten unter den Fußtritten unsichtbarer Geister. Der Luftzug durch die Fenster sang passend dazu sein altes Lied.

Ähnlich sah es in den anderen Räumen aus, bis hinauf ins Dachgestühl. Wenigstens fand ich weder Schimmel an den Wänden noch bröckelnden Putz. Es würde also nicht allzu schwierig sein, den alten Gemäuern wieder neues Leben einzuhauchen.

Schon wollte ich mich wieder auf den Rückweg machen, da entdeckte ich in der Nische unter der Wendeltreppe eine unscheinbare Tür, hinter der ich eine Rumpelkammer vermutete. Doch der vermeintliche Abstellraum entpuppte sich als schmaler Aufgang zu einem der Obergeschosse des benachbarten Burgtors. Über einen dunklen Treppengang gelang ich in einen höchst merkwürdigen Raum, in eine Art Faradaykäfig, an dessen Mauern der elektrisierende Strom der Zeit abprallte.

Ich wurde plötzlich ins Mittelalter zurückgeworfen. Die unverputzten Backsteinwände stammten offenbar aus jener Zeit, ebenso die hohen Fenster, die aus Butzenglas mit Bleifassungen bestanden. Sie gingen zur Stadtseite hinaus, nach Süden, und sie sorgten dafür, dass der Raum in ein helles, doch nebeliges Licht getaucht wurde. An der Nordseite gab es lediglich drei längliche Öffnungen, jene Schießscharten, von denen ich bereits berichtete, die nur einen engen Blick in das Vorfeld erlaubten, aber nur, wenn man sich auf Zehenspitzen stellte.

Durch die Butzenglasfenster blickte ich hinab auf die Burgstraße. Direkt unter mir befand sich die eigentliche Tordurchfahrt. Jetzt, zum Feierabend, herrschte reger Verkehr auf der Straße. Rushhour. Das Stimmgewirr der Passanten, das Klingeln der Radfahrer und das Poltern der Autos, all dieser übliche Stadtlärm drang infolge der dünnen Fensterscheiben ungedämpft nach oben. Wenn ein Linienbus die Durchfahrt passierte, vibrierte die Luft wie beim Klang einer tiefen Orgelpfeife.

Das Mobiliar des weitläufigen Raums bestand aus zwei Gegenständen, einem schwarzen Flügel und einer Klavierbank. Im Grunde genommen passte das moderne Instrument nicht in das spätmittelalterliche Ambiente, doch es machte auf mich nicht den Eindruck, als sei es ein Fremdkörper. Die unterschiedlichen Epochen verschmolzen hier zeitindifferent zu einem harmonischen Miteinander.

Im Lack des Flügels spiegelten sich Fenster und Wände. Während in den Ecken und auf den Fenstersimsen eine dicke Staubschicht lag, wirkte der Flügel wie frisch poliert. Jemand musste ihn noch bis vor Kurzem bespielt haben. Das würde die geheimnisvollen Klaviertöne erklären, von denen die Nachbarn sprachen.

Ich öffnete den Deckel und spielte ein paar Töne an. Der Flügel war tadellos gestimmt, und ich bekam Lust, aus dem Stegreif eine Melodie zu improvisieren. Sie füllte den Raum sofort mit warmem Klang. Der Straßenlärm verebbte, je länger ich spielte. Ich hatte das Gefühl, als höbe die Musik die Einheit von Zeit und Raum auf.

Ich spielte bereits eine Weile, als ich im Lack des Deckels das Spiegelbild eines Mannes entdeckte, der seitlich hinter mir stand. Erschrocken hielt ich inne und klappte den Deckel wieder zu. Sofort kehrte der Lärm des Alltags zurück. Zeit und Raum waren wieder im Lot.

»Oh, entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen. Gestatten, Silbermann. Gefällt Ihnen der Flügel?«

Die Stimme des Fremden klang zurückhaltend weich, nahezu unterwürfig. Dennoch spürte ich einen Unterton, der keinen Zweifel daran ließ, dass er eine markante Persönlichkeit war.

Ich drehte mich um und blickte zu dem Gast hinauf. Er sah genauso aus, wie man sich einen Herrn Silbermann vorstellt. Von kleinem Wuchs, mit silberner Haarmähne und mit einem weisen Lächeln, sowie mit Augäpfeln, in denen sich der Raum spiegelte, als wären sie Kugeln einer Wahrsagerin. Er steckte in einem abgetragenen Cordanzug und roch entsetzlich nach Kautabak.

Der Fremde gab mir keine Gelegenheit zu antworten. »Ach, was frage ich, ich höre ja, dass Ihnen der Flügel zusagt.«

Er schien alles über mich zu wissen. »Sie sind also der neue Hausbesitzer? Es wäre schade, wenn Sie wieder verkaufen würden. Schade gerade auch wegen des hervorragenden Flügels. Es würde mir wehtun, ihn den Fingern eines Dilettanten zu überlassen. Es hat nämlich eine besondere Bewandtnis mit dem Flügel. Ohne zu übertreiben darf ich behaupten, sein Meister zu sein.«

Silbermann kramte umständlich in seiner Jackentasche und holte eine flache Dose hervor. Als er sie öffnete, breitete sich starker Tabakgeruch aus – Kautabak. Er griff sich einen Brocken, groß wie eine Backpflaume, steckte ihn in den Mund und begann genussvoll zu kauen.

Endlich konnte ich zu Wort kommen. »In der Tat ein außergewöhnliches Instrument. Gehört es zum Inventar des Hauses oder ist es Ihr privates Eigentum?«

»Nein, nein, es stand schon hier, als ich zur Miete einzog. Ich hatte mit Ihrem Vorgänger einen Vertrag geschlossen: Wenn ich mich um die Pflege des Instruments kümmerte, durfte ich es uneingeschränkt nutzen, so oft und solange ich wollte.«

Silbermann drehte seinen Kopf zum Fenster und blickte mit seinen Wahrsagerkugelaugen verträumt auf die Straße. Seine Gedanken schweiften in die Ferne.

»Ich habe die Pflege des Instruments sehr ernst genommen. Das gesamte Wissen der Musiktheorie und der physikalischen Akustik steckt in ihm. Mehr noch, der Flügel ist die Krönung meines Lebenswerks, denn er beantwortet auf revolutionäre Weise eine der ältesten Fragen der Menschheit: die nach dem Wesen von Raum und Zeit.«

»Sie sind ein interessanter Mensch, und ich könnte mir vorstellen, dass ich den Mietvertrag mit Ihnen verlängern werde. Doch ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wovon Sie sprechen.«

»Das ist schnell erklärt. Ich möchte Ihnen gegenüber keinen philosophischen Vortrag über den Einfluss der Musik auf Raum und Zeit halten. Zu dem Thema gibt es ganze Bibliotheken voller Fachliteratur. Lassen Sie uns das in der Praxis erleben.«

Silbermann wandte sich wieder dem Flügel zu. Aus dem Stapel der Noten, der auf ihm lag, zog er ein dünnes Quartheft hervor.

»Hier. Johann Sebastian Bach. Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders. Ich denke, Sie können das vom Blatt spielen.«

*

Adagio arioso –
Ist eine Schmeichelei der Freunde,
um denselben von seiner Reise abzuhalten

Hornsignale verbreiten Aufbruchstimmung die Mut macht. Die schlichte Kantilene ist mit vielen Verzierungen durchsetzt. Mit ihren anschmiegsamen Sextparallelen erweckt sie den Eindruck, es würde sich um eine unbeschwerte Reise aufs Land handeln. Ich gab mir Mühe, das so ausdrucksstark wie möglich zu interpretieren.

Doch beim nächsten Satz kippt die heitere Stimmung. Er trägt die Bezeichnung

Vorstellung unterschiedlicher Casuum,

die ihm in der Fremde könnten vorfallen.

Was auf den ersten Blick wie ein normaler Kontrapunkt aussieht, entwickelt sich rasch als eine aus den Fugen geratene Fuge. Die transponierten Stimmeinsätze entsprechen nicht dem Regelwerk.

Bachs kleiner Kompositionstrick machte mir plötzlich bewusst, dass so eine Reise ins Ungewisse ein Abenteuer, eine Kehrtwendung vom Alltag bedeuten könnte.

Dann ein lamentables Thema, das immer weiter nach unten moduliert, eine Miniaturoper ohne Libretto, eine, die mit einem Oh weh! in f-Moll schließt.

Meine anfängliche Gelassenheit verblasste zusehends. Silbermann musste meine Unsicherheit bemerkt haben, denn er unterbrach mich, kaum war der letzte Akkord verklungen.

Er war inzwischen wieder zum Fenster zurückgekehrt. »Sie spielen gut. Für meinen Geschmack ein wenig zu romantisch, aber das kann die Komposition eines jungen Mannes, der Bach damals war, bis zu einem gewissen Grad vertragen.«

Ich wollte ihm widersprechen, doch wiederum ließ er mich nicht zu Wort kommen. »Ich habe mich nicht in Ihr Spiel eingemischt, um es zu beurteilen. Ich wollte Sie auf etwas aufmerksam machen, das Sie interessieren könnte. Kommen Sie bitte her und schauen aus dem Fenster.«

Langsam ging mir seine Geheimnistuerei auf die Nerven. Den Blick auf die Burgstraße kannte ich bereits, was sollte es da so Aufregendes geben, das es wert wäre, mich in meinem Spiel zu stören? Dennoch – ich tat ihm den Willen und ging zum Fenster.

Was war das? Ich traute meinen Augen nicht.

Die Fahrbahn der Burgstraße war viel schmaler geworden und bestand aus Buckelsteinen statt aus Asphalt. Bäume säumten die Gehwege. Einige Häuser erkannte ich nicht wieder, so stark hatte sich ihre Architektur verändert. Die grellen Firmenschilder an den Hausfassaden waren verschwunden, die Leuchtreklame in den Schaufenstern erloschen. Eine alte Straßenbahn kam die Burgstraße heraufgefahren und verschwand laut klingelnd unter mir durch das Tor. Der spärliche Verkehr bestand nur aus ein paar Pferdekutschen und zwei Oldtimerautos. Von Rushhour keine Spur. Die Menschen gingen langsamer als gewohnt, und sie waren altmodisch gekleidet. Melone statt Cappy, Stehkragen statt T-Shirt, Ulster statt Parker, Lederschuhe mit Gamaschen statt Sportschuhe.

Hatte Silbermann das Fenster in eine Leinwand verzaubert, die mir eine Straßenszene aus der Jugendzeit der Filmgeschichte vorgaukelte?

Ich war wie gelähmt, doch Silbermann überbrückte meine Sprachlosigkeit. »Sie sehen, mein Experiment ist gelungen. Die Musik hat uns mehr als hundert Jahre zurückgeworfen. Das ist kein Zaubertrick, das ist die Realität. Und das ist allein Ihr Verdienst.«

Nur mühsam fand ich meine Sprache wieder. »Das verstehe ich nicht. Das müssen Sie mir erklären.«

»Ihre Verwirrung überrascht mich nicht, doch ich hatte Sie gewarnt. Der Flügel und ich als sein Schöpfer – wir sind Herrscher über die Zeit.«

Silbermann gönnte sich einen neuen Brocken Kautabak, bevor er sich zu weiteren Erklärungen herabließ. »Im Grunde genommen ist es sehr einfach. Ich habe das Instrument so eingerichtet, dass man mittels Musik in die Zeit reisen kann. Nehmen Sie ein beliebiges Musikstück, spielen Sie es mit der nötigen Einfühlsamkeit, und Sie werden in die Vergangenheit reisen, solange, bis der letzte Ton verklungen ist. Dann landen sie in dem Jahr, in dem die Musik komponiert wurde. Beim vorliegenden Werk von Johann Sebastian Bach wäre es das Jahr 1705. Es ist eine Zeit, in der man Hammerklaviere dieser Art noch nicht kannte, obwohl man mit dieser Technik bereits experimentierte. Neben der Orgel waren damals das Cembalo und das Clavichord die gängigen Klaviere. Nebenbei bemerkt stand dieser Begriff für alle Instrumente mit Klaviertastaturen, er war also weiter gefasst, als es heute üblich ist. Doch im Moment befinden wir uns im Jahr 1911, in einer Zeit, in der sich der Konzertflügel längst das Podium der Musiksäle erobert hat.«

Silbermann legte seine Hand auf meine Schulter und seufzte. »Meine Erfindung ist leider nicht so perfekt, wie ich es mir wünschte. Der präzise Zeitpunkt der Ankunft lässt sich nicht genau vorausberechnen. Er variiert um Tage, sogar um Monate, gelegentlich um mehrere Jahre. In meinem Metier gibt es keinen Fahrplan wie bei der Eisenbahn. Das ist aber auch kein Wunder, denn, welches Datum sollen wir zugrunde legen, wenn wir von der Entstehung eines Kunstwerks sprechen? Ist es der Moment des ersten genialen Gedankens? Ist es der Augenblick, an dem der Komponist sein Manuskript abgeschlossen hat und es selbstzufrieden in seine Schublade legt? Orientieren wir uns am Zeitpunkt des Erstdrucks? Oder fragen wir besser, wann die Komposition zum ersten Mal öffentlich erklang?«

Einen Augenblick folgten seine Gedanken seinen eigenen Fragen, bevor er offenbarte: »Ich habe da noch keine Lösung gefunden. Ich verlasse mich einfach auf die Wirkung der Musik. Jedenfalls würde mich interessieren, in welchem Moment man genau ankäme, wenn man Bachs Capriccio zu Ende spielte.«

Dann fiel ihm etwas Wichtiges ein. »Es gibt noch eine Besonderheit, die Sie nie vergessen sollten: Wenn Sie Ihr Spiel unterbrechen, können Sie sich in der jeweiligen Vergangenheit räumlich frei bewegen. Die Zeit verläuft dann wie gewohnt weiter, nur eben um Jahrzehnte oder Jahrhunderte versetzt. Doch wenn sich der Deckel schließt, hört die Reise schlagartig auf. Wenn Sie am Instrument sitzen und das selbst tun, kehren Sie unversehrt in die Gegenwart zurück. Doch wehe, jemand anders klappt den Deckel zu, wenn Sie irgendwo in der Umgebung herumlaufen. Dann bleiben Sie für immer, genauer gesagt bis zu Ihrem Ableben, in Ihrer neuen Lebenszeit gefangen. Wenn ich jetzt zum Flügel zurückkehrte, während Sie hier am Fenster ständen, und wenn ich den Deckel schlösse, würden Sie dazu verdammt sein, den Ersten Weltkrieg zu erleben. Ich kehrte in unsere ursprüngliche Gegenwart zurück und hätte einen perfekten Mord begangen. Man würde Sie für vermisst melden, und Ihre Leiche würde nie gefunden werden. Nicht einmal das Motiv würde man verstehen. Niemand kennt das Geheimnis dieses Flügels, außer uns beiden. Und so soll es auch bleiben.«

Täuschte ich mich oder lag für einen Moment etwas Teuflisches in Silbermanns Blick? Mit seinen hervorstechenden Kugelaugen fixierte er mich eine Weile, als wollte er meine Gedanken lesen.

Mit strengem Ton fuhr er fort. »Sowie Sie jemand anderem unser Geheimnis enthüllen, verfällt der Zauber meiner Erfindung. Das lasse ich nicht zu! Der Deckel wird sich sofort schließen, ehe Sie auch nur ein einziges verräterisches Wort zu Ende gesprochen haben. Wenn Sie dann nicht gerade am Flügel sitzen, sind Sie für unsere Gegenwart ein für alle Mal verloren. Und versuchen Sie niemals, eine fremde Person aus ihrer Reisezeit in die unsrige mitzunehmen. Dann würden Sie beide in ein Zeitloch fallen, das sich nie wieder schließt.«

Er fasste mich unter den Arm und zog mich zum Flügel zurück.

»Aber das sind nur Gedankenspielereien. Ich würde so etwas ungern zulassen, denn ich bin froh, dass Sie der neue Eigentümer sind. Sie verstehen etwas von Musik, wie mir scheint, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich weiterhin als Mieter in Ihrem Haus dulden.«

Am Flügel angekommen, setzten wir uns beide nebeneinander auf die Klavierbank. Mit feierlicher Geste schloss Silbermann den Deckel.

Sofort kehrte der gewohnte Alltagslärm zurück.

Ich war wieder allein in meinem neuen Haus.

Kapitel 2 · Die Bälgetreterin

Johann Sebastian Bachs Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders. Der Schlusssatz, eine Fuge über das Posthornsignal. Ein technisch anspruchsvolles Stück voller Geist und Laune, eine Aufforderung, sich ohne Wenn und Aber auf das Abenteuer einer Reise in eine unbekannte Welt einzulassen.

Ich ließ die Coda langsam auspendeln und hielt über der Fermate auf dem B-Dur-Akkord lange inne. Ich schloss die Augen, um diesen letzten Moment des Absterbens der Saitenschwingungen bis in die kleinste Nuance zu erleben.

Er dauerte Minuten. Eine Ewigkeit. Zeit genug, um sich auf das bevorstehende Wagnis vorzubereiten. Erinnerungen an Vergangenes und Fragen an Zukünftiges schwirrten mir durch den Kopf.

Wird Silbermanns Experiment gelingen? Die Reise neulich in das Jahr 1911 war zwar ein vielversprechender Anfang, doch im Grunde genommen hatte ich immer noch Zweifel, ob sie nichts anderes war als ein raffinierter Taschenspielertrick, das Vorgaukeln einer virtuellen Welt. Ich hatte zwar die alten Häuser und die altmodisch gekleideten Menschen gesehen. Aber nur von oben, vom Turmzimmer aus.

Mich würde Silbermanns Erfindung erst überzeugen, wenn ich persönlich meinen Fuß über die Schwelle eines dieser Häuser setzen könnte, wenn ich diesen Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und mit ihnen Worte wechseln würde.

Nüchtern betrachtet, ich bin ein Verfechter des aufgeklärten Rationalismus, ist es unmöglich, in seine eigene Vergangenheit zurückzukehren. Das hätte Spuren hinterlassen. Ich kann nicht meine eigene Geburt erleben, geschweige denn, sie verhindern. Ich kann als Erwachsener nicht meiner zukünftigen Mutter entgegentreten und ihr sagen: Ich werde dein Sohn sein. Wenn sie wüsste, dass ich ein mittelloser, mäßig begabter und Bluejeans tragender Musiklehrer geworden bin, hätte sie mich wahrscheinlich erst gar nicht geboren. Außerdem hätte mein Auftreten in der Presse gestanden, vielleicht sogar in den Geschichtsbüchern. Doch das war nicht der Fall. Das wüsste ich. So wichtig bin ich nun auch wieder nicht.

Oder ist alles eine Frage der Begrifflichkeit? Vielleicht gab es mich ja damals bereits, nur kannte man meinen Namen nicht. Man benannte mein Wesen anders: den geschichtslos Fremden, den Messias aus dem versunkenen Inselreich Atlantis oder wie auch immer.

Andererseits weiß ich, dass es auch Wahrheiten jenseits des realen Küchenalltags gibt. Ernstzunehmende Physiker sprechen von Parallelwelten, von Wurmlöchern, bei denen man wie ein etwas zu klein geratener Fisch durch die Netzmaschen von Raum und Zeit schlüpft.

Und als Musiker bin ich mir sicher, dass uns Musik in Welten versetzen kann, von denen wir nicht einmal gewagt hätten zu träumen. Musik, wie andere Künste auch, vermag uns, unsere Welt als andere erleben zu lassen. Und dann sind wir nicht mehr wir selbst.

Wir sind verzauberte Wesen, die das erstickende Gefängnis unseres wirklichen Lebens hinter uns lassen. Wir treten hinaus als andere, um stellvertretende Erfahrungen zu machen, die unsere Fantasie in Realität verwandelt. Sie ergänzen uns raumzeitlich beschränkte Wesen, denen das grausame Schicksal auferlegt wurde, nur ein einziges Leben zu haben, aber die Fähigkeit, tausend zu wünschen.

Vielleicht war es das, was das Geheimnis des Herrn Silbermann ausmachte.

Ich wollte meine Reise in die Vergangenheit ohne den Meister antreten. Ich fühlte mich stark genug, sie ohne ihn zu wagen. Jedenfalls hatte ich mich gründlich vorbereitet. Zunächst hatte ich dafür gesorgt, dass genügend Nahrungsmittel vorhanden waren. Mit meinen Euroscheinen konnte ich ja wohl schlecht einkaufen gehen. Auch ließ ich mir eine Liege in das Turmzimmer bringen, damit ich des Nachts eine Unterkunft hatte und nicht in einer fremden Welt herumirren musste.

Um in jener Welt nicht aufzufallen, hatte ich mich eingehend über die Kleidung und die Sitten und Gebräuche der Zeit informiert. Mit Bluejeans, Sneakers und einem T-Shirt mit der Aufschrift I have a dream konnte ich nicht auftreten. Also fragte ich mich, als was ich mich ausgeben sollte. Patrizier oder Adeliger kamen nicht infrage. Das wäre zu aufwendig gewesen. Sollte ich die Rolle eines Geistlichen spielen? Dann wäre die Kleiderfrage durch ihre Schlichtheit relativ einfach gelöst. Doch wehe, man hätte festgestellt, dass ich nicht einmal annähernd bibelfest bin.

Konnte ich als Musiker durchgehen? Immerhin spiele ich passabel Klavier. Doch nach dem, was ich über den Status eines Musikers jener Zeit gelesen hatte, wurde mir klar, dass ich allenfalls als Fahrendes Volk auftreten könnte, es sei denn, ich gäbe mich als durchreisenden Orgelvirtuosen aus. Aber da wäre ich beim erstbesten Probespiel sofort entlarvt worden.

Schließlich kam ich auf die Idee, die Rolle des Mannes einzunehmen, dessen Name ich für mein Türschild ausgeborgt hatte. Ich griff auf das Porträt von Alexander Pope zurück. Es zeigte, dass er einen legeren Modestil bevorzugte. Also ließ ich mir von einer Kostümschneiderin des Theaters ein passendes Outfit zusammenstellen: Kniebundhose, Rüschenhemd, seidenes Halstuch. Dazu einen englischen Tuchrock mit langen Stößen, sowie unauffällige Schnallenschuhe. Zum Glück musste ich mir keine Perücke zulegen. Mein langes Haar, zu einem Zopf zusammengebunden, passte durchaus in das Image eines damaligen Gartengestalters.

Digitaluhr und Ohrringe musste ich ablegen, so etwas gehörten nicht in die Zeit. Dann streifte ich mir meine historische Kleidung über. Schließlich überlegte ich, ob ich mein Handy mit auf die Reise nehmen sollte. Damit hätte ich die Möglichkeit, einen Notruf abzugeben, falls etwas schieflaufen sollte. Doch den Gedanken verwarf ich schnell. Wer weiß, vielleicht würden sich die elektromagnetischen Schwingungen meinem Salto rückwärts in die Jetztzeit widersetzen.

Als ich mich an den Flügel setzte, um meine Reise anzutreten, bemerkte ich, dass ein mir fremder Lederbeutel auf dem Instrument lag. Er roch etwas stockig, als sei er in die Jahre gekommen. Neugierig öffnete ich ihn und schüttete den Inhalt auf eines der Notenhefte, die wie immer auf dem Flügel lagen. Ein Batzen alter Münzen kam zum Vorschein, Schillinge, Taler und Lübsche Mark. Daneben lag ein Zettel.

»Eine kleine Starthilfe für Ihre Reise. Gewissermaßen als Anzahlung auf meine Jahresmiete.«

Woher hatte Silbermann die alten und gewiss wertvollen Münzen, und wieso wusste er, dass ich heute auf die Reise gehen wollte?

Herr Silbermann wurde mir langsam unheimlich.

Zurück zu meiner neuen Gegenwart. Nur noch ein Hauch des Grundtons war spürbar, und nur, wenn man direkt am Flügel saß. Ich nahm die Hände von der Tastatur und löste das Fortepedal. Jetzt müsste ich gemäß Silbermanns Vorhersage im Jahr 1705 angekommen sein. Für mich zweifellos der wichtigste Augenblick in meinem bisherigen Dasein. Was, wenn sich das Ganze als übler Scherz meines neuen Mieters herausstellte? Ich würde ihn sofort zum Teufel jagen.

Ich atmete tief durch, ehe ich aufstand. Dann näherte ich mich vorsichtig dem äußeren Butzenglasfenster und hielt mich im Schutz der Mauernische. Ich klammerte mich am Fenstersims fest und blickte verstohlen um die Ecke, wie ein Kind beim Versteckspiel. Hoffentlich schaute mir jetzt von dort unten niemand zu.

Draußen herrschte ein so trübes Wetter, dass ich die Straße kaum erkennen konnte. Vorhin, als ich das Turmzimmer betrat, schien draußen noch die Sonne. Dieser plötzliche Wetterumschwung bedrückte mich. Sollte das ein böses Omen sein, ein geheimes Zeichen, die Zeitreise abzubrechen? Doch dann wurde mir bewusst, dass ich während des etwa zehnminütigen Klavierspiels – vorausgesetzt Silbermanns Prognose würde zutreffen – eine Zeitspanne von über 300 Jahren überbrückt hatte. Es wäre ein kurioser Zufall gewesen, wenn damals das heutige – oder müsste ich sagen, heute das zukünftige? – Wetter geherrscht hätte. Meine Sorge vor einem bösen Omen wich einer Euphorie, die meinen Pulsschlag erhöhte.

Neugierig begab ich mich zur Nordseite des Turmzimmers, stellte mich unterhalb einer der Schießscharten ähnlichen Öffnungen auf die Fußspitzen und lugte aufs Vorfeld hinaus.

Hier ballte sich der Nebel nicht ganz so dicht wie in der Stadt. Was ich sah, verschlug mir die Sprache. Kein Stichkanal, keine Hubbrücke, kein Verkehrskreisel, keine Hafenanlagen, keine Müslifabrik. Nur ein weiträumiger Burgzingel samt Wallanlagen und Wachtposten. Weiter draußen erkannte ich den Gertrudenfriedhof und eine von Kastanien gesäumte Allee, die sich in Richtung Norden verlor.

Meine Welt hatte sich tatsächlich grundlegend verändert. Das Experiment schien gelungen. Aufgeregt stürzte ich die Wendeltreppe hinab ins Haupthaus. Niemand war anwesend, das heißt, zumindest kreuzte niemand meinen Weg. Zum Glück, denn wie hätte ich einem hunderte von Jahren älteren Vorgänger erklären können, dass ich so unvermittelt in sein Haus eingedrungen war?

Es wurde offenbar genutzt, doch es war anscheinend nicht bewohnt. Die Diele war mit Holzbänken und Schemeln vollgestellt. Andere Möbel gab es nicht, keinen Kleiderschrank, keine Kommode mit persönlichen Dingen. Nur ein Regal voller Weinhumpen und eine Theke, auf der ein Weinfass ruhte. In einer Ecke stand ein Cembalo, an der Wand hing eine Gitarre. Der Boden war frisch gewischt. Ich kam mir vor, als wäre ich in einer menschenleeren Kneipe gestrandet, in der die letzte Nacht lang geworden war.

Voller Spannung auf das, was auf mich zukommen würde, öffnete ich die Haustür. Die Türangel knirschte wie gewohnt. Wenigstens in dieser Beziehung hatte sich nichts verändert von damals auf heute. Oder sollte ich sagen, von heute auf die Zukunft?

Der Zeitsprung machte mir langsam zu schaffen.

Ein Hausdiener, der gelangweilt den Staub von den Eingangsstufen fegte, schaute mich verwundert an, als wäre ich der letzte Gast, der seinen Rausch ausgeschlafen hatte und nun müde nach Haus torkeln wollte.

Er brummelte etwas vor sich hin, das eher wie ein Selbstgespräch als wie eine Frage klang. Ohnehin war er an einer Antwort wenig interessiert. Achselzuckend drehte er mir den Rücken zu. Was kümmerten ihn andere Menschen, er hatte mit seiner eigenen Arbeit genug zu schaffen.

Ich ging die wenigen Stufen hinunter auf die Straße. Als ich auf das bucklige Kopfsteinpflaster trat, riss für einen Moment der Nebelvorhang auf. Die Backsteinfassade leuchtete freundlich warm im Sonnenlicht. Doch dann bemerkte ich, dass meine Gestalt keinen dunkelgrauen, sondern einen blauen Schatten an die Mauer warf.

Ohne normalen Schatten, das ist, als sei man ein Fremder, der seine Identität verloren hat. Hoffentlich fällt das niemandem in meiner neuen Welt auf.

Vielleicht war es auch nur eine Sinnestäuschung in meinem Kopf. Vielleicht war der Schatten ja wirklich grau, nur für mich als Zeitreisenden sah er blau aus, bestimmt wegen einer gewissen Zeitdilatation aufgrund der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit. Immerhin war ich mehrere hundert Jahre gegen den Zeitstrom geschwommen. Konnte es da nicht passieren, dass sich Sein und Bewusstsein nicht mehr hundertprozentig deckten? Ein bislang unbekannter Nebeneffekt der Relativitätstheorie?

Silbermann wird mir das erklären müssen.

*

Wieder Nebel. Ein Wabern so dicht, dass ich nur mühsam die Umrisse der Häuser erkannte. Trotz der schlechten Sicht spürte ich, dass sich etwas Entscheidendes verändert hatte. Die Straßenschlucht kam mir enger vor und in den Farben verblasst. Keine Leuchtreklame, keine Straßenlaterne. Kein Lichtschimmer drang aus den Fenstern der gegenüberliegenden Wohnungen.

Der Klang der Straße ließ mich aufhorchen. Er war genauso polyfon wie immer, nur obertonärmer. Das konnte nicht allein am Nebel liegen, der die Schärfen milderte. Auch der Rhythmus war anders. Weniger hektisch, nicht im pulsierenden Zwölfachteltakt unserer Zeit, ich meine, der Zeit zu Beginn meiner Reise. Eher gravitätisch wie bei einer Passacaglia.

Am auffälligsten hatte sich der Geruch verändert. Roch es sonst bei Nebel nach einem Mix aus Autoabgasen und den süßlichen Aromen der nahe gelegenen Müslifabrik vor dem Tor, unten am Hafen, so schlugen mir heute die Ausdunstungen von Kohleintopf und Pferdemist entgegen. Ich ekelte mich nicht. Im Gegenteil, der Geruch war anheimelnd, gesellig, menschlich. Er flößte Vertrauen ein.

In der Burgstraße herrschte reges Treiben. Niemand kümmerte sich um den Fremden mit dem blauen Schatten, geschweige denn um die Probleme der Relativitätstheorie. Die Menschen hatten andere Sorgen. Mir sollte es recht sein.

Vor nahezu jedem Haus stand ein Planwagen oder eine Handkarre. Lastenträger mühten sich mit gebeugtem Rücken und gemächlichen Schritten ab, entluden den einen Wagen, stapelten Leergut auf einen anderen. Zwischendrin liefen die Ladenbesitzer aufgeregt kommandierend hin und her, kontrollierten die Ware oder trieben ihre Angestellten an. Die Auslagen vor den Ladentüren mussten fertig werden, schon drängten sich die ersten Kunden durch die Straße.

Gleich gegenüber dem Alten Zollhaus befand sich eine Schreinerei, dessen Spezialität die Herstellung von Spielzeug war. Die Steckenpferde, Puppen und Kreisel zogen eine Schar Kinder an, deren Augen glänzten. Gleich daneben hatte ein Musikalienhändler sein Domizil. Lauten und Flöten hingen einträchtig zusammen mit Trommeln und Schalmeien von einer Querstange herab. Auf dem Ladentisch lagen zwei Geigen. Eine dritte hatte ein junger Mann zur Hand genommen und begutachtete sie. Ob er das wertvolle Instrument erstehen würde?

Als nächster kam ein Tuchhändler an die Reihe. Seine Ballen von feiner Seide und kostbarem Damast in unterschiedlichen Farben lagen sauber gestapelt in Reih und Glied auf den Regalen. Von der Ladendecke hingen kunstvoll gestickte Baumwolltücher und flämische Spitzendeckchen herab, um das Herz der vorbeiflanierenden Damen höherschlagen zu lassen.

In unübertrefflichem Kontrast stellte im Nachbarhaus ein Schlachter seine Ware aus. Statt der Spitzendecken hingen hier Würste und Schinken. Gegenüber pries lautstark ein Fischer seinen frischen Fang. Seine Heringsfässer standen weit bis auf die Straße hinaus, sodass ich fast darüber gestolpert wäre und mich mit dem kräftigen Fischgeruch verpestet hätte.

Ein paar Häuser weiter machte sich ein Töpfer breit. Auch er beanspruchte mit seinen Krügen und Tonkesseln den gesamten Bürgersteig. Ein streunender Hund, der gerade eine Katze jagte, stieß eine der Tonpyramiden zum hellen Entsetzen des Handwerkers um und verschwand, einen jämmerlichen Scherbenhaufen hinterlassend.

Die Wahrsagerin neben ihm, eine Zigeunerin mit einer Glaskugel und einem Kartenspiel auf dem Tisch, jammerte, weil sie befürchtete, dass ihr in dem Chaos die Kunden wegbleiben würden.

Fast jedes zweite Haus beherbergte eine Gastwirtschaft oder eine Bierschänke. Aus einer der Eckkneipen tönte der übermütige Streit Betrunkener, begleitet vom Gejohle ihrer Zechkumpane. Ein Ordnungshüter schritt ein und beförderte den Rädelsführer mit einem kräftigen Tritt in den Hintern in die Gosse.

Vor einem der Backhäuser lag eine Fuhre Holz mitten auf der Fahrbahn. Ein halbes Dutzend Holzsäger war aufmarschiert, das sich mit großem Ernst, aber ohne sich übermäßig anzustrengen, an die Arbeit machte. Die Sägen wurden mit Speckschwarten geschmiert, und dann ertönte ein ohrenbetäubendes Gekreisch, das durch die gesamte Burgstraße hallte.

Ich hatte Mühe, mich durch das Gewimmel hindurchzuwinden. Einerseits musste ich den geschäftigen Menschen ausweichen, andererseits aufpassen, nicht gegen irgendeine vorgebaute Bude zu stoßen oder gar in einen der offenen Kellerschächte zu fallen, die sich wie tiefnarbige Wunden in den Bürgersteig hineinfraßen und deren Einfassungen fußhoch über den Boden emporragten. Auf ihnen stapelten sich Kisten, Körbe und Fässer, die darauf warteten in den Kellern verstaut zu werden.

Manchmal war so wenig Platz, dass ich gezwungen war, die mit Eichenholz ausgelegte Gosse zu überqueren und auf den Fahrweg zu springen. Wehe wenn mir dann eine der Pferdekutschen in den Weg käme, die rücksichtslos in voller Fahrt über den buckelkrummen Fahrweg hinwegpolterten. Wenn die mir hätten ausweichen müssen, wären sie mit Sicherheit umgekippt und hätten auf der Straße ein heilloses Durcheinander verursacht.

Zum Glück erreichte ich unbeschadet den Koberg. Am Rande des Platzes hatte man das Pflaster aufgerissen. Ein breiter Wasserschwall ergoss sich aus der Baustelle und floss unkontrolliert eine der östlichen Seitenstraßen hinunter. Notdürftig hatte man die Gehwege mit Holzbohlen gesichert, damit die Passanten trockenen Fußes den Platz queren konnten.

Vor mir ging eine Frau mit einem Korb unterm Arm, der mit Gemüse und allerlei Dingen gefüllt war. Obenauf lag etwas, das wie eine Zeitung aussah. Etwas unbeholfen balancierte sie auf den Bohlen, als eine plötzlich unter ihren Füßen nachgab. Die Frau strauchelte und tapste in die Wasserpfütze. Fluchend richtete sie sich wieder auf und sprang auf die Fahrbahn. Dabei rutschte ihr die vermeintliche Zeitung aus dem Korb und fiel auf das schmutzige Pflaster. Sie hatte es nicht bemerkt und setzte ihren Weg fort. Sofort war ich hinter ihr, bückte mich und hob das Papier auf. Es handelte sich nicht um eine Zeitung, sondern um ein schmales Notenheft.

Ich erkannte die Musik sofort: das Manuskript des Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders. Welch ein Zufall, ausgerechnet das Stück, das mir meine Zeitreise ermöglicht hatte. Oder war es kein Zufall, sondern wieder einer der wundersamen Tricks des Herrn Silbermann?

Ehrfürchtig entfernte ich den Schmutz vom Umschlag und strich liebevoll glättend über das Papier.

»Hallo, junge Frau, Ihr habt etwas verloren.«

Die Frau drehte sich erschrocken um. So jung, wie ihre zierliche Gestalt es von hinten vermuten ließ, war sie nicht wirklich, weder jung noch alt, eher von unbestimmbarem Alter. Ihrer Kleidung nach war sie eine Dienstmagd. Ein einfacher, fußlanger brauner Baumwollrock, eine blaue Schürze und eine weiße Haube, die ihr leicht angegrautes Haar zusammenhielt.

Sie erinnerte mich an Vermeers Bildnis einer Milch abfüllenden Küchenmagd, dessen Reproduktion diesen Monat den Wandkalender meines Schlafzimmers in der alten Wassermühle schmückte. Sie war keine auffallende Schönheit. Doch ihre schlichten Gesichtszüge, vor allem ihr stiller Blick, zeugten von einem Menschen, der sich trotz der Alltagssorgen seine Menschenwürde und seinen Stolz bewahrt hatte.

Etwas wichtigtuerisch redete ich auf sie ein. Vielleicht wollte ich mit meinem Wissen prahlen, oder es war die unerwartete Freude, so schnell Kontakt mit einem dieser Wesen aus vergangener Zeit knüpfen zu können.

»Das Capriccio in B-Dur von Johann Sebastian Bach. Wer hätte das gedacht!«

Beinah hätte ich vor Begeisterung herausposaunt, dass ich es gerade eben gespielt hatte. Doch im letzten Moment biss ich mir auf die Lippen. Das durfte ich in der jetzigen Situation nicht sagen. Das hätte gegen Silbermanns Regeln verstoßen. Wer weiß, vielleicht beobachtet er mich und schließt den Klavierdeckel, weil er befürchtet, ich könnte sein Geheimnis verraten.

Die Unbekannte riss mir das Heft aus der Hand und schaute mich an, als käme ich aus einer anderen Welt.

»Ihr kennt die Noten? Das kann nicht sein. Erst vor wenigen Minuten hat mir Herr Bach die Handschrift überreicht, damit ich sie zum Kupferstecher bringe. Ihr wollt Euch wohl über mich lustig machen. – Und überhaupt. Wer seid Ihr?«

Ich hatte das Gefühl, sie hätte mich durchschaut. Ich musste rasch eine Ausrede finden, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

»Entschuldigt, es war ein schlechter Scherz meinerseits. Ich wollte Euch nicht brüskieren. Den Titel und den Namen habe ich auf dem Deckblatt gelesen. Tut mir leid, dass ich versucht habe, mich wichtig zu machen. – Bach, Johann Sebastian Bach? Den Namen habe ich noch nie gehört. Wer ist das? Dem Notenbild nach muss er ein bedeutender Komponist sein.«

»Ein junger Mann, der zu Gast bei meinem Meister ist, und der von seiner Musik lernen will, wie er gesagt hat. Mein Meister scheint viel von ihm zu halten, auch wenn dieser Bach noch keinen Namen hat. Es hätte mich gewundert, wenn Ihr ihn schon einmal gehört hättet. Wenigstens könnt Ihr Noten lesen. – Nun, wer seid Ihr? Ich kenne Euch nicht. Eurer Kleidung nach kommt Ihr nicht von hier.«

»Ihr habt es richtig bemerkt, ich bin fremd in dieser Stadt. Wenn Ihr gestattet: Pope. Alexander Pope. Ich komme aus London, England, und übe den schönen Beruf eines Gartengestalters aus. Ich bin auf der Suche nach der idealen Verbindung zwischen Gartenlandschaft und Stadtkultur.«

»Ich bin Cathrin, die Bälgetreterin von Meister Buxtehude. Entschuldigt, dass ich Euch vorhin so unfreundlich entgegengetreten bin. Mit Verlaub, in letzter Zeit treiben sich in unserer Stadt so viele Fremde herum, dass man nicht mehr weiß, woran man ist. Aber Ihr macht mir einen ehrlichen Eindruck, und Engländer sind bei uns immer willkommen. Jedenfalls bin ich Euch zu großem Dank verpflichtet.«

Sie legte das Manuskript in den Korb und drückte ihn mir in die Hand. »Würdet Ihr mal kurz halten?«

Während ich den Korb mit dem für mich wertvollen Inhalt sorgfältig mit beiden Armen umklammerte, strich Cathrin ihr Kleid glatt, tupfte mit einer Ecke ihrer Schürze den Schmutz von den Schuhen und klemmte ihre widerspenstigen Locken unter die Haube.

»Immer diese verdammten Baustellen. Jeden Tag reißen sie woanders die Straße auf. Die hölzernen Wasserleitungen sind überall in der Stadt marode. Ist ja eine schöne Sache, mit sauberem Trinkwasser versorgt zu werden, aber deswegen muss man nicht ständig auf einer riesigen Baugrube leben. Ist das bei Euch in London auch so? Ich werde mich bei nächster Gelegenheit vor dem Rat beschweren. Wär schade, wenn Reisende wie Ihr ein schlechtes Bild von unserer Stadt bekämen.«

Mit einer resoluten Bewegung nahm sie mir den Korb wieder ab. »Jedenfalls habt Ihr bei mir drei Wünsche offen, dafür, dass Ihr mich vor einem bösen Missgeschick bewahrt habt. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich das Manuskript des Herrn Bach verloren hätte.«

Ich muss wohl einen verlegenen Eindruck gemacht haben, denn sie setzte mit entschiedenem Ton nach. »Nur zu, sagt frei heraus, was ich für Euch tun kann.«

»Nun, ein solch offenherziges Angebot muss gut überlegt sein. Ich möchte Euch ja nicht unnötig zur Last fallen. Wie wärs, wenn Ihr mir Eure Stadt zeigen würdet? Natürlich nur, wenn Ihr Zeit für mich übrig habt.«

»Aber gern. Ich habe noch ein paar Erledigungen zu machen. Es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr mich dabei begleiten würdet. Dann kann ich Euch viel über meine Stadt erzählen. Was wäre denn Euer zweiter Wunsch?«

»Ihr sagtet, Ihr seid Bälgetreterin. Ein interessanter Beruf, wie mir scheint. Die Musik gewissermaßen von der Rückseite aus erklingen zu lassen. In der Marienkirche nehme ich an, denn ich habe gehört, dass Euer Meister Buxtehude dort die Orgel traktiert. Wäre es vermessen, Euch zu bitten, einmal dabei zu sein, wenn Ihr die Bälge tretet?«

»Den Wunsch erfüll ich Euch gern. Wenn es Euch nicht zu unschicklich ist, könnt Ihr gern neben mir den zweiten Balg treten. Das würde auch dem Meister gefallen, denn er liebt den vollen Klang. Und dazu bedarf es viel Luft. Allerdings müsstet Ihr Euch Eures Rocks entledigen. Das Bälgetreten kann schweißtreibend sein.«

»Oh, das ist kein Problem. Ich bin nicht eitel. Wenn es der Musik dient, tue ich fast alles.«

»Ihr gefallt mir, denn das ist auch meine Devise. Wäre noch der dritte Wunsch offen.«

»Ich fürchte, den werdet Ihr mir nicht erfüllen können. Ich weiß nicht, ob das in Eurer Macht steht. Ich würde gern diesen Herrn Bach kennenlernen. Und natürlich auch den Meister Buxtehude. Sein Name hat bei uns in London einen guten Ruf. Meine Freunde würden mich beneiden, diesen berühmten Musiker persönlich kennengelernt zu haben. Aber das ist wohl ein unerfüllbarer Wunsch.«

»Nur nicht zu bescheiden, Mister Pope. Ihr ahnt nicht, welch geheime Macht eine Bälgetreterin hat. Ohne uns Bälgetretern ist auch der beste Organist ein Nichts. Ohne die richtige Luft durch die Orgelpfeifen gibt es keine gute Musik im Kirchenschiff. Meister Buxtehude weiß das. Außerdem muss ich im Winter das Kohlebecken auf der Orgelempore beaufsichtigen, damit dem Meister nicht friert. Er weiß das zu schätzen, und er achtet mich und meine Arbeit, obwohl ich nur eine einfache Magd bin. Deswegen bin ich ihm sehr dankbar, und ich denke, ich habe bei ihm einen Stein im Brett. Er wird mir meine Bitte nicht ausschlagen.«

»Schön, das freut mich. Dann hätte ich noch eine vierte Bitte an Euch.«

»Ihr gefallt mir, doch übertreibt es nicht mit Euren Wünschen. Ich bin nur ein einfacher Mensch.«

»Keine Sorge. Ich würde gern Euren Korb tragen, während ich Euch begleite. Was steht zuerst auf Eurem Plan?«

Cathrin drückte mir ihren Korb lächelnd in die Hand. »Ihr Londoner seid wirkliche Kavaliere. So weltoffen, und dennoch habt Ihr keine Skrupel, einer einfachen Frau aus dem Volk die Hand zu reichen. Das gefällt mir. Zuerst muss ich zum Kupferstecher. Der wohnt im Handwerkerviertel gleich in einer der nächsten Gassen linker Hand.«

Sie hakte sich bei mir ein. »Bleibt einfach an meiner Seite. Ihr werdet es nicht bereuen.«

*

Wir passierten kopfsteingepflasterte Straßen, in denen es nach feuchter Wäsche roch und in denen Kinder unbesorgt mit einem groben Lederball kickten, ohne sich um die fahlen Scheiben der butzigen Kleinkrämerläden zu kümmern, oder um den Pferdemist, der ab und zu den Rinnstein verstopfte.

Die Werkstatt des Kupferstechers lag am unteren Ende der Gasse nahe der Stadtmauer. Ein unscheinbares Haus, eins ohne Fassadengiebel, eins, das ich sicherlich übersehen hätte, wenn Cathrin es nicht zielstrebig angesteuert hätte. Ein Ladenschild gab es, wie bei den anderen Geschäften in dieser Gasse, nicht. Lediglich ein paar Bilder, die an den Fensterscheiben angebracht waren, deuteten darauf hin, dass hier ein Kupferstecher arbeitete. Einige der Motive auf den Stichen erkannte ich wieder, darunter eine Ansicht vom Burgtor samt dem Alten Zollhaus, von dem aus ich meine Zeitreise angetreten hatte.

Als wir eintraten, schlug mir ein beißender Geruch von Terpentin entgegen. Es war eng und dunkel. Der Raum erinnerte mich an die Alchimistenküchen auf Abbildungen in alten Geschichtsbüchern. Eine riesige Druckerpresse, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der altmodischen Wäschemangel meiner Urgroßmutter hatte, dominierte den Raum. An dem mächtigen vierarmigen Spindelrad mühte sich ein junger Mann ab. Mit beiden Händen zog er den jeweils oberen Hebel herunter, während er mit dem Fuß den darunterliegenden Hebel mit einfühlsamem Taktgefühl durchdrückte, wie ein Organist, der gleichzeitig Hand- und Fußmanuale bediente. Dadurch gelang es ihm, den Druckschlitten, auf dem die Kupferplatte, das Papier und eine Filzmatte lagen, gleichmäßig durch die beiden Walzen zu ziehen.

Vor dem Fenster hockte ein weiterer Geselle und kehrte mir den Rücken zu, in einer halb sitzenden, halb liegenden Körperhaltung, die man sonst nur von späten Wirtshausabenden kennt. Das Gesicht zur Tischplatte gesenkt, die Ellbogen wie Flügel eines Albatros weit auseinandergespreizt. Der linke Unterarm ruhte über einer Kupferplatte, als wollte er sie vor dem Einfluss des Tageslichts schützen. Mit der rechten Hand führte er einen Griffel, den er rhythmisch über die Oberfläche bewegte, wie ein Dirigent, der ein gefühlvolles Adagio zum Leben erweckt.

Neugierig und vorsichtig, um ihn nicht zu stören, näherte ich mich und schaute ihm über die Schulter. Mit feinen Schnitten zog er die Gesichtszüge einer männlichen Person nach. Der geheimnisvolle Blick und das etwas spöttische Lächeln in den Mundwinkeln erinnerten mich an Herrn Silbermann.

Im hinteren Winkel des Raums hantierte jemand mit Reagenzgläsern und diversen Pulvermörsern.

»Moment, bin gleich für Euch da.«

Der Stimme nach war es der Meister.

»Will erst den Deckfirnis zu Ende bringen. Muss frisch aufgetragen werden, sonst verdirbt es mir die ganze Platte.«

Cathrin zog mich am Ärmel zu ihm hin.

»Meister Hildebrandt«, flüsterte sie mir zu. »Der beste Kupferstecher weit und breit.«

Ich schaute ihm eine Weile zu, wie er geschickt Pulver und Flüssigkeiten mischte. Mit seinem lädierten Lederrock, seinem verwitterten Gesicht und seinem buckligen Rücken sah er aus wie ein Hutzelmännchen, dem sich die Säuren und Pülverchen tief in Mark und Knochen eingebrannt hatten.

»Ist ja eine richtige Wissenschaft, was Ihr da macht. Fast wie bei einem Apotheker.«

»Stimmt. Wissenschaft, Fingerspitzengefühl und Erfahrung, jede Menge Erfahrung. Ich habe lange gebraucht, um die optimale Rezeptur zu finden.«

Zufrieden stellte er sein Gefäß ab. Dann widmete er sich mir mit einem kritischen Seitenblick.

»Aber Ihr verratet mein Geheimnis nicht?«

»Oh nein, ich bin Gartenbauer, ich habe auch so meine Geheimnisse. Einen Außenstehenden weihe ich gern ein, aber einen Kollegen? Nein, das schafft nur unnötige Feinde.«

Das überzeugte ihn. Während er das Gebräu umrührte, erklärte er mir sein Geheimnis.

»Ich nehme ein halbes Quart rektifizierten Weingeist, jeweils zwei Lot Sandrak und Mastix, drei Lot Kolophonium und dazu jeweils ein Lot Terpentin und Terpentinöl.«

»Daher also der starke Geruch.«

»Ja, das lässt sich nicht vermeiden. Damit müssen wir leben. Gesundheitsschädigend ist es nicht, wenn man für genug Belüftung sorgt. Wenn nicht, bekommt man schnell Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit. Noch geht es. Ich kann im Moment nicht Fenster und Türen aufreißen, sonst weht zu viel Staub auf unsere Platten.«

Ein wenig Frischluft könnte nicht schaden, dachte ich. Doch ihn störte es nicht. Im Gegenteil, er breitete sein Wissen vor mir aus, als sei er stolz, jemanden gefunden zu haben, der sich für seine Kunst interessierte.

»Sandrak, Mastik und Kolophonium werden zu Pulver zerrieben und in ein Glas mit dem Weingeist gegeben. Bei gelinder Wärme löst sich das Pulver auf. Dann gießt man das Lösungsmittel auf und lässt das Glas bei mittelmäßiger Wärme noch eine Weile stehen, jedoch nicht, ohne es hin und wieder gut durchzurütteln. Das alles sind Vorgänge, die jeder bessere Kupferstecher beherrscht. Meine Spezialität ist es, diesem Firnis ein wenig Kienruß, besser noch Frankfurter Schwärze beizumengen.«

Er nahm sich eine der Kupferplatten vor, die auf einem Nebentisch lagerten.

»Damit bedecke ich sowohl die Stellen, die weiß bleiben sollen, als auch dort, wo man gedenkt, Tinten oder Halbtinten zu machen.«

»Und das soll für ein gedrucktes Blatt herhalten?«

»Ein Blatt? Nein, eine ganze Auflage, und zwar in bester Qualität. Hält eine Ewigkeit, ich meine, fast eine Ewigkeit. Jedenfalls werden sich noch viele Generationen an meinen Drucken erfreuen.«

Ich war versucht, ihn darin zu bestätigen, denn ich hatte in den Museen unserer Stadt schon oft Kupferstiche aus seiner Lebenswelt gesehen, Drucke, die über drei Jahrhunderte hinweg nichts von der Aura ihrer Geburt verloren hatten. Doch das hätte ich ihm wohl kaum erklären können, deswegen flüchtete ich mich in eine unverbindliche Floskel.

»Ja, ja, die Zeit. Wär schön, sie überlisten zu können.«

Meister Hildebrandt griff meine Bemerkung nicht auf. Vielleicht konnte er mit meiner Philosophiererei nichts anfangen, vielleicht war er zu sehr in seine Arbeit vertieft.

Als er fertig war, richtete er sich auf.

»Ach, das Fräulein Cathrin. Habt Ihr einen neuen Auftrag für Meister Buxtehude?«

»Nicht direkt. Es ist im Auftrag eines Gasts, der bei uns wohnt. Johann Sebastian Bach, ein junger Musiker aus Thüringen.«

Sie reichte ihm das Manuskript des Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders.

»Keine große Auflage. Nur ein paar Exemplare für meinen Meister, als Empfehlung und als Dank für die Gastfreundschaft, und ein paar Abzüge, die Bach nach Haus schicken will. An seinen Bruder Johann Christoph in Ohrdruf, wie er sagte.«

»Als Empfehlung an Meister Buxtehude? Das will was heißen, dann wird er die Komposition nicht ohne Hintergedanken ausgewählt haben. Will er sich um die Stelle an Sankt Marien bewerben?«

»Was weiß ich. Nach den Absagen von Telemann und Mattheson ist der Meister krüscher geworden. Nicht, dass die Stelle unattraktiv wäre. Das Problem ist, dass er verfügte, sein Nachfolger müsse eine seiner Töchter heiraten. Zurzeit kommt auffällig häufig ein Musiker von der Hamburger Oper zu Besuch, ein gewisser Johann Christian Schiefferdecker. Vielleicht wäre er der richtige Mann. Dieser Bach ist zu jung, kommt aus der Provinz und hat keine Opernerfahrung. Die braucht man, wenn man Buxtehudes Abendmusiken weiterführen soll. Dorothea, die Jüngste, schwärmt ja für Schiefferdecker. Aber ich fürchte, der Meister will erst Anna, die Älteste, unter die Haube bringen. Aber die ist ziemlich wählerisch. Wie ihr Vater.«

Hildebrandt ging, ohne weiter auf Cathrin zu achten, ans Fenster und hielt das Manuskript ins Licht. Das interessierte ihn mehr als der Tratsch einer Dienstmagd.

»Gute Handschrift. Klare Linien, schwungvoll und selbstbewusst. Keine Korrekturen, keine übertriebenen Schnörkel. Eigentlich ungewöhnlich für einen jungen Mann. Und die Aufteilung der Takte zeigt mir, dass er sich außerdem sehr gut in der Kunst der Kupferstecherei auszukennen scheint. Wahrscheinlich praktiziert er sie zu Haus selbst. Mal sehn, wie der Ton ist.«

Leise summte er die Melodiestimme vor sich hin.

»Eine interessante Komposition. Allein die programmatischen Überschriften. Das ist in Mode, so machen’s die Franzosen. Und hier, das Posthornmotiv, aus dem Tonos B heraus. Als sänge der Postillion sein Lied und knallte dabei lustig mit der Peitsche. Fürwahr, eine überaus lebendige Musik.«

»Ihr seid auch Musiker?«, unterbrach ich ihn.

»Nein, aber als Kupferstecher muss man mit vielen Künstlern zusammenarbeiten. Maler, Architekten und eben auch Komponisten. Man muss ihre Sprache verstehen, sonst produziert man nur krauses Zeug.«

Er wandte sich wieder Cathrin zu und gab ihr die Hand. »Abgemacht. Diesen Auftrag übernehme ich gern. Und Gruß an den Meister, bin auf die nächste Abendmusik gespannt.«

*

Als ich die Ladentür hinter mir schloss, war ich froh, wieder an die frische Luft zu kommen. Der Geruch und die dunkle Enge des Raums hatten mir zugesetzt. Außerdem brannte ich darauf, endlich Johann Sebastian Bach kennenzulernen. Doch Cathrin gab mir einen Dämpfer.

»Tut mir leid, aber da müsst Ihr Euch ein wenig gedulden. Ich habe noch ein paar Sachen zu erledigen. Außerdem hatte ich versprochen, Euch meine Stadt zu zeigen. Mit dem Besuch bei einem Kupferstecher ist das noch lange nicht abgehakt. Als Nächstes muss ich zur Druckerei Schmalhertz Witwe.«

»Oh, bitte nicht schon wieder Terpentingeruch. Mir brummt bereits der Schädel.«

»Keine Angst, Schmalhertz ist ein großes Verlagshaus. Die eigentliche Produktion findet im Hinterhaus statt. Das Büro ist im Vorderhaus, da bekommt man von dem Lärm der Druckerpressen und vom Geruch der Farben nichts mit. Im Gegenteil. Dort, wo wir uns aufhalten, riecht es, wie ich finde, angenehm nach Holz und Leder. Wie in meiner Bälgekammer von Sankt Marien.«

»Das erinnert mich an meinen zweiten Wunsch, mit Euch die Bälge zu treten. Sollten wir nicht gleich zur Marienkirche gehen? Ich meine, der Tag ist nicht mehr jung.«

Die resolute Cathrin duldete keinen Widerspruch. »Nein. Erst will ich in der Druckerei nachfragen, ob die Texthefte für die Abendmusiken fertig sind.«

Cathrin führte mich wieder hoch in die Innenstadt, in die Breite Straße, wo es ruhiger zuging als in der Burgstraße. Die Häuser waren zwar ähnlich, doch viel höher und geräumiger gestaltet. Hinter den vornehmen Fassaden residierten die Patrizier, erklärte sie mir, die Überseefahrer, Weinhändler und Manufakturisten. Weder gab es hier Läden mit Publikumsverkehr noch Marktbuden auf dem Bürgersteig.

Meine Stadtführerin hielt vor einem Haus, dessen Portal mit Ornamenten prachtvoll verziert war, und von dem ein Hauch von Weltoffenheit ausging. Als ich eintrat, öffnete sich eine helle, etwa fünf Meter hohe Diele, in der der Geruch von Erde nach einem Regenschauer schwebte.

Das Licht empfing der Raum von den hohen Fenstern, die einerseits zur Straße, andererseits zum Hof lagen. Von einer Luke in der Decke hing ein Seilzug bis auf Stehhöhe herab. Wahrscheinlich diente er dem Be- und Entladen von Fuhrwerken, denn die altersgrauen Steinfliesen auf dem Boden wiesen ausgefranste Spurrillen auf.

Eine breite, von einer mächtigen Dielensäule aus Marmorimitat gestützte mehrläufige Treppe beherrschte den Raum. Sie führte auf das Hängegeschoss, einer von einem imposanten Hausbaum getragenen Innengalerie. Man konnte von unten die Fenster und Türen zu mehreren Gemächern erkennen.

Links im Erdgeschoss befand sich das durch eine Fensterfront abgetrennte Kontor, in dem Schreiber über ihren Rechnungsbüchern saßen. Es grenzte an die ehemalige Küche, die jetzt als Depot für Rohpapier genutzt wurde.

Ein bis an die Galerie reichender hölzerner Wandschrank nahm die gesamte rechte Seite der Diele ein. Einige offene Schranktüren gaben den Blick frei auf Bücher, Zeitschriften, Flugblätter und andere Druckerzeugnisse. In der hinteren Ecke der Diele lagerten mehrere Fässer, die wie Weinfässer aussahen, doch es waren Versandfässer. Ein Jugendlicher, wahrscheinlich ein Lehrling, holte aus einem der Fässer Bücher hervor, die er sorgfältig prüfte. Einige legte er in eines der Schrankregale. Andere sortierte er aus und warf sie auf den Boden.

»Wieder mal ein undichtes Fass, weder wetterfest noch bruchsicher. Ein Drittel der Ware ist verdorben und kann nicht mehr verkauft werden. Ich hab schon immer gesagt, dass man bei Sendungen auf eine Lederballenverpackung bestehen sollte. Aber auf mich hört ja niemand.«

Weder er noch die Schreiber im Kontor kümmerten sich um uns. Schon wollte Cathrin eine Klingel betätigen, die auf einem Verkaufstresen rechts neben der Eingangstür lag, als sich oben auf der Galerie eine Tür öffnete und ein Mann mittleren Alters und eine deutlich jüngere Frau erschienen. Sie hatte sich bei ihm untergehakt, als wären beide ein gestandenes Ehepaar.

»Zum Teufel,« raunte mir Cathrin zu. »Was treibt sich Sophia in den Privatgemächern des Mauritz Schmalhertz herum?«

»Sophia, wer ist das?«

»Die mittlere Tochter meines Meisters. Soviel ich weiß, ist sie dem Gewürzkrämer Johann Nicolaus Herman versprochen.«

»Und Mauritz?«

»Na, der Juniorgeschäftsführer der Druckerei. Wenn das keinen Ärger gibt!«

Das Paar kam die Treppe herunter. Als Sophia die Bälgetreterin ihres Vaters erkannte, errötete sie. Eine Spur zu hastig löste sie sich von Mauritz und rief verlegen: »Ach, sieh einer an, die Cathrin. So ein Zufall. Ich wollte gerade die Texthefte für die Abendmusiken abholen. Ich nehme an, du bist aus dem gleichen Grund hier?«

»Ja, der Meister hatte mir den Auftrag gegeben. Offenbar hat sich das überschnitten. Aber macht nichts, ich habe noch genug andere Dinge zu erledigen.«

Sophia war von kräftiger Statur, hochgewachsen und ein wenig knochig. Dennoch nicht als hässlich zu bezeichnen. Im Gegenteil, ihre glatte hohe Stirn und die lebhaften Augen zeugten von aufgeschlossenem Geist.

Ihr offenkundiger Liebhaber Mauritz war das genaue Gegenteil. Mit seiner kurzen Lockenperücke und den billigen Ärmelschonern, die er über seinen Rock gestreift hatte, kam er mir vor wie ein Büroschreiber, der sich pedantisch für jeden Buchstabenschnörkel interessiert. Schwer vorzustellen, dass er ein leidenschaftlicher Liebhaber sein könnte. Mit unnahbarem Blick musterte er mich. Ich nahm mir vor, ihm gegenüber besonders vorsichtig mit meinen Äußerungen zu sein.

»Ja, ja,« mischte er sich in das Gespräch, um die peinliche Situation zu überbrücken. »Die Texthefte sind längst fertig. Sie liegen dort im Wandschrank. Ich freue mich auf die Aufführungen.«

Was hattet ihr im Obergeschoss zu suchen, wenn doch die Hefte hier unten lagern?, ging es mir durch den Kopf. Ein flüchtiger Seitenblick auf Cathrin zeigte, dass sie in diesem Moment das Gleiche dachte. Doch sie sagte nichts. Im Gegenteil, um dem Gespräch eine unverfängliche Wendung zu geben, stellte sie mich vor.

»Das ist Mister Alexander Pope, ein Gartenbauer aus London, der die Grünanlagen unserer Stadt studieren will. Doch ich bin mir sicher, der liebe Gott hat ihn zu mir geschickt. Seiner Aufmerksamkeit ist es zu verdanken, dass ein Manuskript des Herrn Bach, das ich im Auftrag des Meisters zum Kupferstecher bringen sollte, nicht in der Gosse landete. Zum Dank habe ich mich angeboten, ihm die Stadt zu zeigen, und ich weiß, dass er gern meinen Meister und den Herrn Bach persönlich kennenlernen möchte.«

»Ihr interessiert Euch für Johann Sebastian Bach?«, fragte Sophia. »Seid Ihr auch Musiker? Gartenbau und Musik passen gut zusammen. In einem schönen Garten erinnert mich das Wechselspiel der Blumen stets an den Kontrapunkt einer kunstvollen Fuge.«

Mir war es unangenehm, so plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt zu werden. Schließlich durfte ich meine Identität nicht preisgeben, zumal meine Anwesenheit weniger dem lieben Gott, als der Erfindung des Herrn Silbermann zu verdanken war. Also wich ich ihrer Frage aus.

»Euer Vergleich trifft den Kern meines Berufs. Doch was die Musik betrifft, so bin ich nur Laie und dilettiere auf dem Klavier. Aber ehrlich gesagt, den Meister Buxtehude würde ich gern einmal an der Orgel erleben.«

»Das dürfte kein Problem sein, zumal mein Vater ein Freund der schönen Künste ist, und dazu zählen wir auch den Gartenbau. Ich würde Euch in unserem Haus willkommen heißen, doch ich habe noch einiges in der Stadt zu erledigen. Cathrin wird es ein Vergnügen sein, Euch mit nach Sankt Marien zu nehmen. Ich bin sicher, mein Vater wird sich freuen, Euch kennenzulernen.«

Sie sagte das etwas hastig und warf dabei einen kurzen Seitenblick auf Cathrin, sodass ich den Eindruck hatte, es ginge ihr nicht unbedingt darum, mir einen Gefallen zu tun. Vielmehr schien sie sich mit dieser Bemerkung Cathrins Wohlwollen erkaufen zu wollen, um sie als Mitwisserin ihrer Beziehung zu Schmalhertz auf ihre Seite zu ziehen.

Auf dem Verkaufstresen, vor dem wir standen, lag ein Buch, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte:

Schelmuffskys Warhafftige

Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung

Zu Wasser und Lande

Und zwar die allervollkommenste

und accurateste Edition,

in Hochteutscher Frau Mutter Sprache

eigenhändig und sehr artig an den Tag gegeben.

Gedruckt zu Schelmerode

Im Jahr 1696.

Ich nahm das Buch in die Hand und blätterte ein wenig darin herum. »Das ist ja hochinteressant. Christian Reuters berühmter Roman in der Originalausgabe. Sicherlich ein wertvolles Stück.«

Sofort fühlte sich Mauritz Schmalhertz als Buchhändler angesprochen.

»Ihr scheint Euch nicht nur auf Gartenbau und Musik zu verstehen, sondern auch auf die Literatur. Ihr habt recht. Eine besonders kostbare Ausgabe. Wir haben sie erst vor Kurzem bekommen. Überhaupt, all unsere Bücher sind wertvoll. Wir versuchen, auf dem Laufenden zu sein, und damit sind wir in unserer Stadt federführend. Unsere Konkurrenz, das Druckhaus Jäger mit dem Buchladen beim Jakobifriedhof, kann da nicht mithalten. Jäger verfügt zwar über hebräische Lettern und besitzt die neueste Druckerpresse. Doch wir haben die besseren Kontakte auf der Leipziger Buchmesse und sind so in der Lage, mit den neuesten Veröffentlichungen aufzuwarten. Es wundert mich außerordentlich, dass Ihr dieses Buch schon kennt.«

»Nun ja. Ich interessiere mich für Abenteuerliteratur. Schließlich bin ich auch so einer wie Schelmuffsky, ein Reisender durch Raum und Zeit, überaus kurios und gefährlich. Günter Grass, ein weitläufiger Freund, Ihr werdet ihn nicht kennen, hat es mir empfohlen. In London, kurz vor meiner Abreise.«

Meine kleinen Lügen kamen mir inzwischen so selbstsicher über die Lippen, dass niemand Anstoß an meiner merkwürdig unzeitgemäßen Erscheinung nahm. Auch nicht Sophia. Sie nahm mir das Buch aus der Hand. »Der Buchtitel klingt interessant. Ich lese gern Romane, die mich aus meinem Alltag entführen.«

»Da haben wir etwas gemeinsam«, gestand ich ihr. »Romane können uns verzaubern, uns unsere Welt aufs Neue erleben lassen. Sie sind wie eine innere Reise durch Raum und Zeit.«

»Das habt Ihr schön gesagt. Eure Anschauungen gefallen mir. Ihr seid ganz anders als Bach, unser zweiter Zugereister. Er ist oft bei uns zu Besuch, aber ich habe ihn noch nie mit einem Buch in der Hand gesehen, obwohl wir zu Haus eine stattliche Sammlung haben. Auch scheint er sich überhaupt nicht für Malerei zu interessieren. In unserem Proberaum hängen wunderschöne Gemälde, doch sie haben noch nie seine Aufmerksamkeit erregt. Wenn er bei uns ist, stürzt er sich sofort auf das Pedalcembalo. Er stimmt daran herum und übt seine Fingerfertigkeit. Eigentlich schade, dass dieser Mensch sich so wenig für andere Künste interessiert. Dabei haben doch gerade Bücher ihre Reize. Ich jedenfalls bin vernarrt in sie.«

Sie hielt sich das Buch vor die Nase und roch daran. »Ich mag den Geruch. Ihr nicht?«

»Doch, doch. Ich auch. Ich rieche Bücher gern, ich nehme sie gern in die Hand, und ich lese sie gern. Anfassen, Lesen und Riechen gehören zusammen. Zum Beispiel Neuerscheinungen, die den Duft harzigen Waldes verströmen, oder in Leder gebundene Folianten, die nach schweißtreibender Wildschweinjagd duften. Besonders ältere Publikationen faszinieren mich. Sie riechen modrig, und für manche Menschen sind sie nur der Staub der Zeit. Doch ich liebe sie. Wenn ich sie zur Hand nehme, habe ich das Gefühl, sie wieder zum Leben zu erwecken. Wenn ich sie lese, denke ich, ich wäre dabei, als sie geschrieben wurden. Es ist, als wäre die Zeit seither stehen geblieben.«

»Euer Vergleich mit dem harzigen Wald gefällt mir«, beteuerte Schmalhertz. »Die Nase ist ein wichtiges Werkzeug, um Herkunft und Qualität eines Buches zu beurteilen.«

Er holte ein schmales Büchlein unter dem Tresen hervor und bot es mir wie eine geheime Kostbarkeit an. »Was sagt Eure Nase hierzu?«

Den Buchtitel konnte ich nicht entziffern, weil der Umschlag recht verschlissen war. Ich öffnete eine Seite und steckte meine Nase hinein.

»Riecht nach abgestandenem Puder, nach der Kommode meiner Großmutter.«

»Gut beobachtet. Das ist der Duft sterbender Bücher. Sie riechen so, weil sie zerfallen. Ich fürchte, diese Homer-Übersetzung wird uns nicht überleben. Ich kann ihre Geschichte riechen, das Aroma vergangener Tage, und ich fühle mich mit den Seelen der Vergangenheit vereint.«

Er legte das Büchlein vorsichtig zur Seite und holte zwei Bücher aus einer Büchertonne hervor, die neben dem Tresen stand. Er schloss die Augen und beschnüffelte sie mit kurzen Atemstößen und aufgeblähten Nasenflügeln. »Dieses Buch stammt aus England. Das vermute ich wegen des ledrig-warmen Dufts, der nur englischem Pergament anheftet. Ganz anders jenes mit dem typisch scharf-kühlen Duft italienischen Papiers.«

Die Buchtitel verrieten mir, dass Schmalhertz richtig vermutet hatte. Mit einem leicht überheblichen Selbstbewusstsein fuhr er fort. »Ich kann allein durch den Geruchssinn erkennen, ob Papier und Einband aus China stammen, aus Nordafrika oder aus Europa, ob das Papier aus Lumpen hergestellt wurde oder aus Pflanzenfasern. Und ich erahne, wie alt ein Buch ist, ob es lange unberührt in einer trockenen Bibliothek stand, in einem Überseekoffer auf Reisen ging oder in der Küche aufbewahrt wurde. Sogar über den Tabakkonsum des Vorbesitzers kann der Geruch etwas verraten.«

Cathrin unterbrach ihn, ihr lief die Zeit davon. »Entschuldigt, ich muss daran erinnern, dass wir nicht wegen alter Bücher, sondern wegen der Texthefte für die Abendmusiken hier sind.«

»Ja, richtig, die Texthefte«, besann sich Schmalhertz. »Ich will Eure kostbare Zeit nicht über Gebühr strapazieren.« Er holte einen Stapel Hefte und legte ihn in Cathrins Korb. Dann wandte er sich mit nachdenklicher Miene an mich.

»Pope, Alexander Pope? Der Name erinnert mich an jemanden. Jedoch nicht an einen Gartenbauer. Kann es sein, dass ich Euch mit etwas Gedrucktem in Verbindung bringe, mit einem Roman oder einem Gedicht?«

Seine plötzliche Frage verunsicherte mich. So genau hatte ich mich mit dem Leben meines Namensgebers nicht auseinandergesetzt, als dass ich eine präzise Antwort geben konnte.

»Mag sein«, stotterte ich ein wenig hilflos. »Ich dilettiere hier und dort. Mag sein, dass einige meiner Worte gedruckt wurden. Aber das ist, wie ich glaube, nicht so wichtig, um erwähnt zu werden. Wir sollten uns besser auf die berühmten Musiker konzentrieren, die diese Stadt beherbergt.«

Mauritz schien meine Antwort nicht zufriedenzustellen. Er wollte nachhaken, doch zum Glück brachte Sophia das Gespräch in eine andere Richtung.

»Eure Bescheidenheit gefällt mir, Mister Pope. Ich würde mich freuen, Euch bald in unserem Haus begrüßen zu können.«

Mit einem Seitenblick auf Mauritz fügte sie hinzu: »Das Buch könntest du mir bei passender Gelegenheit schenken.«

Nun, da Cathrin die Texthefte in ihrem Korb wusste, drängte sie zum Aufbruch. »Auf gehts! Wir haben noch genug vor uns. Die Hefte wollen verteilt werden, im Katharineum und in der Ratsapotheke.«

Sie reichte mir den Korb. Er fühlte sich deutlich schwerer an als vorhin. Mit einem schelmischen Lächeln fügte Cathrin hinzu: »Wenn ich mich recht erinnere, hattet Ihr mir versprochen, den Korb zu tragen, während Ihr mich begleitet. Jetzt, wo er voll ist, könnt Ihr zeigen, dass Engländer wahrhafte Gentlemen sind.«

Ich tat ihr gern den Gefallen, denn ich brannte darauf, das Katharineum zu betreten, wo ich einen großen Teil meiner eigenen Schulzeit mehr schlecht als recht verbracht hatte.

*

Dass ich das Schulgebäude von außen nicht wiedererkannte, verwunderte mich nicht, nachdem ich erlebt hatte, wie sich mir im Laufe meiner kurzen Zeitreise die Häuser der Stadt im Gewand einer längst vergessenen Zeit präsentiert hatten. Statt wie gewohnt von der offenen neugotischen Fassade empfangen zu werden, offenbarte sich die Lateinschule als ein von hohen und fensterlosen Mauern umgebener Klosterbau. Kann eine derart abgeschottete Anlage der geeignete Ort für eine weltoffene Bildung sein?

Cathrin spürte mein Zaudern. »Was ist? Habt Ihr Angst, eine Schule zu betreten? Ihr hattet wohl keine leichte Jugendzeit.«

»Nein, nein, seid unbesorgt. Ein Kloster als Schule …«

»Da müsst Ihr Euch an vieles mehr gewöhnen. Manchmal kommt mir die gesamte Stadt wie ein riesiges Kloster vor, das von den Stürmen der Zeit verschont wurde.«

Mit unsicheren Schritten betrat ich den Vorhof und blieb stehen. Es fiel mir schwer, meine alte Schule wiederzuerkennen. Plötzlich stießen mich zwei Jungen in Schuluniform zur Seite und liefen zur Eingangstür des Quergebäudes, ohne sich weiter um uns zu kümmern. Doch bevor sie im Labyrinth der Klostergänge verschwinden konnten, baute sich ein Primaner vor ihnen auf und packte sie am Kragen.

»Warum kommt ihr so spät? Die Pause ist schon seit einer halben Stunde vorbei. Und wieso habt ihr das Schulgelände verlassen? Ihr wisst, dass es den Sextanern verboten ist, sich während der Schulzeit auf der Straße herumzutreiben.«

»Wir haben eine Sondererlaubnis«, erwiderte der größere der beiden mit einem frechen Grinsen. »Wir sind Solosopranisten bei den Abendmusiken in Sankt Marien. Was können wir dafür, wenn der Kantor die Hauptprobe überzogen hat!«

Als Cathrin das hörte, wurde sie wütend. Es fehlte nicht viel, und sie hätte dem Burschen eine Ohrfeige gegeben. »Du lügst wie gedruckt! Erstens gibt es heute keine Hauptprobe in der Kirche, das wüsste ich als Bälgetreterin. Und zweitens seid ihr keine Solosopranisten für die Abendmusiken. Die kenne ich fast alle persönlich.«

»Und überhaupt«, ergänzte der Primaner. »Die Probe findet gerade im Musikraum statt. Und zwar seit mehr als einer Stunde. Umso schlimmer, wenn ihr als angebliche Solosopranisten jetzt erst auftaucht! Also Schluss mit dem Theater. Klarer Verstoß gegen die Schulordnung. Name und Klasse, ansonsten zerre ich euch gleich zum Rektor. Der wird für eure Lügenmärchen wenig Verständnis haben.«

Die ertappten Missetäter knickten sichtlich ein, als sie merkten, dass ihre Ausrede nicht verfing. Unterwürfig nannten sie Name und Klasse. Der Primaner notierte alles sorgfältig in seinem Quartheft und entließ die beiden.

»Ihr geht jetzt direkt zu eurem Lehrer und meldet ihm, was vorgefallen ist. Er wird für die geeignete Bestrafung sorgen. Ich werde das nachprüfen, und wehe, ihr lügt erneut!«

Nachdem die Burschen verschwunden waren, sprach ich den Aufpasser an. »Wie ich an Eurer Kleidung sehe, seid Ihr ebenso ein Schüler wie die beiden Sextaner. Ist es bei Euch üblich, dass ein Schüler seine Mitschüler ankreiden darf? Ich meine, ist das nicht die Aufgabe eines Lehrers?«

Der Primaner starrte mich verständnislos an, sodass es Cathrin für angebracht hielt, meine aufdringliche Neugierde zu erklären.

»Der Gentleman ist ein Schriftsteller aus London, der in unserer Stadt weilt, um die Sitten und Gebräuche kennenzulernen. Bitte erkläre ihm, was deine Aufgabe ist.«

Ich fand es belustigend, dass Cathrin mich vom Gartenbauer zum Schriftsteller erhob, nur weil Mauritz Schmalhertz vorhin meinen Namen mit Gedrucktem in Verbindung gebracht hatte. Der Primaner jedenfalls fühlte sich sichtbar geehrt, als er hörte, dass sich ein Literat für seine Aufgaben interessierte. Eifrig spulte er eine Litanei über die Schulordnung ab.

»Ich gehöre zu den Corycäen der Oberprima. Ihr müsst wissen: In jeder Klasse werden der Zucht und Ordnung wegen Decurionen, Notatoren und Corycäen bestellt, die ihr Amt redlich und ohne Ansehen der Person wahrnehmen sollen. Die Decurionen notieren die Fehlenden und die zu spät Kommenden, fordern die abzuliefernden Arbeiten ein, vermahnen die Irrenden und zeigen die Widerwilligen und Ungehorsamen den Lehrern an. In jeder Klasse gibt es darüber hinaus zwei Notatoren, von denen der eine die fehlerhaft Latein Redenden, der andere die Übertretungen der Schulordnung sorgfältig notiert.«

»Vielen Dank für die Belehrung. Nun fehlt mir nur noch die Aufklärung über Eure eigene Tätigkeit.«

»Gern, zu Diensten. Wir Corycäen sollen unsere Mitschüler auf der Straße, vor den Toren und an anderen Orten beobachten, bei keinem Nachsicht üben, aber auch keinen Unschuldigen anklagen. Die beiden Sextaner haben sich offenbar über die Pause hinaus in der Stadt herumgetrieben. Und dann logen sie mich obendrein frech an. Da musste ich eingreifen, das bin ich der Würde meines Amtes schuldig.«

Mein Gott, ging es mir durch den Kopf, Bespitzelung der Schüler untereinander. Gut, dass ich meine eigene Schulzeit in einer anderen Epoche absolvieren durfte.

Für Cathrin war die Sache selbstverständlich. »Recht so. Die Jugend braucht eine harte Zucht, damit was Ordentliches aus ihr wird. Ich habs auch erst lernen müssen, sonst wär aus mir keine Bälgetreterin geworden. Immerhin darf ich darauf stolz sein, die einzige Frau in diesem verantwortungsvollen Beruf zu sein. Ich bin gewissermaßen die Lunge der Musik. So wie ein Mensch Luft zum Leben braucht, ist der Organist auf meine Arbeit angewiesen, um seinem Spiel Atem einzuhauchen. Im Grunde genommen bin ich es, der Buxtehudes Präludien und Fugen erst wirklich zum Leben erweckt.«

»Ihr habt recht. Besonders bei den Abendmusiken seid Ihr der unsichtbare Geist der Orgel«, pflichtete ich ihr bei. Dabei hielt ich bedeutungsvoll den Korb mit den Textheften hoch, um sie an den Anlass unseres Besuchs im Katharineum zu erinnern.

»Ja, ja, die Abendmusiken. Deswegen sind wir ja gekommen. Wo finden wir den Rektor?«

Der Schüler zuckte mit den Achseln. »Genau weiß ich das nicht, aber ich nehme an, dass er in seinem Büro ist. Ich würde Euch gern hinbringen, doch ich darf meinen Platz hier nicht verlassen. Wer weiß, wie viele Rumtreiber noch auftauchen.«

»Oh, die Pflicht ist natürlich wichtiger als das Vergnügen, uns helfen zu können«, beruhigte ich ihn. »Doch ich weiß ohnehin, wo das Büro des Schulleiters ist.«

Kaum hatte ich das ausgesprochen, fiel mir ein, dass ich einen Fehler begangen hatte. Wieso sollte sich ein englischer Gartenbauer so gut im Katharineum auskennen?

Cathrin bemerkte den Widerspruch sofort. »Wart Ihr denn schon mal in Lübeck oder seid Ihr ein Hellseher?«

»Weder noch«, versuchte ich mir eine Ausrede auszudenken. »Es ist nur so, dass meine Schule in England viel Ähnlichkeit mit dieser hier hat. Bei uns thronte der Schulleiter im ersten Stock über dem Refektorium.«

»Genau so ist es bei uns. Interessant, dass das englische Schulwesen so dem unsrigen ähnelt«, ereiferte sich der Primaner. »Ihr könnt das Rektorat überhaupt nicht verfehlen. Die rechte Treppe hinauf, dann gleich rechter Hand den Gang entlang bis zum Ende.«

*

Merkwürdig, welche Macht persönliche Erinnerungen haben, wenn man eine Reise in die eigene Vergangenheit antritt. Ich fühlte mich plötzlich um Jahre jünger. Merkwürdig auch dieser Quantensprung im Rahmen einer dreihundertjährigen Zeitreise. Die Zeit ist eben kein Kontinuum, wie es die klassische Philosophie lehrt, jedenfalls nicht die erlebte Zeit.

Im Inneren der Schule fand ich mich schnell zurecht. Hier hatte sich seit meiner Zeit nicht viel verändert. Die abgewetzten Backsteinmauern, die hallenden Kreuzgänge mit den gotischen Gewölben, die Innenhöfe mit den schräg einfallenden, spärlichen Sonnenstrahlen. Sogar die Geräusche kamen mir vertraut vor.

Aus dem Raum der Unterprima drang eine monoton dozierende Stimme, die mich an meinen alten Lateinlehrer erinnerte. De bello Gallico. Als Primaner hatte ich stets eine vehemente Abneigung gegen die trockene, prosaische Auseinandersetzung mit der Weltliteratur. Meine Lehrer haben es mir mit schlechten Noten quittiert. Wahrscheinlich ist deswegen nie ein Schriftsteller aus mir geworden. Und leider auch nicht der Gartenbauer, den ich vorgebe zu sein. Doch jetzt, mit der Distanz einer Zeitreise, erlebte ich den Bello Gallico nicht wie einen Geschichtsbericht, sondern wie einen poetisch verfassten Roman. Die monoton leiernde Stimme des Lehrers war plötzlich Musik in meinen Ohren.

Im Primanerhof, der vom Kreuzgang umrahmt war, saßen ein paar ältere Schüler und debattierten über etwas, das ich nicht verstehen konnte. Der Hof machte einen nüchternen Eindruck. Kein Grün, nur eine vermooste Steinbank, auf der wahrscheinlich schon der Gründer der Schule und Lutherfreund Johannes Bugenhagen verweilte, um über die Zukunft dieser Anstalt nachzudenken.

Zu meiner Zeit war der Hof ein Biotop, von einer Arbeitsgemeinschaft unter Anleitung eines Biologielehrers liebevoll gepflegt, mit lauschigen Büschen, einem Brunnen und ein paar Holzbänken. Sogar ein Falke hatte sich in einer Nische der Wand zur benachbarten Kirche eingenistet.

Als Oberprimaner saß ich hier oft, händchenhaltend mit Jessica, in die ich damals sehr verliebt war, bis sie mir eröffnete, einen Studenten der Musikhochschule zu lieben. Der wäre poetischer als ich.

Sagte ich eben: Ich saß hier? Nein, ich werde in dreihundert Jahren hier sitzen. Merkwürdig, dass mir an diesem Ort die Zukunft als Vergangenheit erschien.

Für einen Moment meinte ich, Jessica über den Hof huschen zu sehen. Doch das war natürlich eine Täuschung. An einer Lateinschule gab es in meiner neuen Gegenwart kein weibliches Wesen, weder unter den Lehrern noch unter den Schülern.

An der gegenüberliegenden Wand hing neben einer Sandsteinfigur der Heiligen Katharina, der Namensgeberin der Schule, eine Holztafel, die meine Neugier weckte. Unbewusst zitierte ich einige der Sätze, die dort in liebevoll ausgeführter Schönschrift festgehalten waren.

Schulgesetz

Gotteslästerung und leichtsinniges Schwören sollen die Schüler meiden. Niemanden verwünschen, auf keines Haupt herabfluchen, Zauberei verabscheuen.

Mit Dolchen oder Stiletten dürfen sie nicht einhergehen. Messer sollen sie durchaus nicht in die Schule bringen, Pistolen, Degen und andersartiges Gewaffen, womit jemand verletzt oder verwundet werden kann, nicht gebrauchen.

Komödien dürfen sie ohne des Rektors Befehl nicht anstellen, auch ohne sein Geheiß nicht Gedichte noch andere Schriften drucken lassen.

Zweideutigkeit und Possenreißerei darf sie nicht ergötzen. Nichtsnutzige Bücher und schändliche Bilder sollen sie weder kaufen noch lesen. Des Fechtens und anderer öffentlicher Schauspiele haben sie sich zu enthalten.

Aufrührerische Rottierung und böse Gesellschaft sollen sie meiden. Mit denen, welche Vergehens halber von der Schule verwiesen sind oder sonst in Unehren dieselbe verlassen haben, gehen sie nicht um.

Der Reinlichkeit und Nettigkeit, wie sie gesitteten Jünglingen ziemt, mögen sie sich nach Kräften befleißigen: Hände, Gesicht und Augen rein waschen, die Haare kämmen, die Schuhe putzen, ungewöhnliche und bunte Kleidung, Kniebänder, die bis auf die Fersen hinabhängen u. dgl. nicht anlegen.

Das Haar muss nicht wild und struppig, aber auch nicht mit Eisen gebrannt sein, unflätiger Haarwuchs aber, als Schülern unziemlich, auch ohne Vermahnung abgeschnitten werden.

Auf den Gassen gehen sie ehrbar einher, blicken nicht frech um sich, machen nicht unnützen Aufenthalt. Vor der Obrigkeit, den Dienern der Kirchen und andern vornehmen Männern, Matronen und Jungfrauen erweisen sie die gebührende Ehre, entblößen ihr Haupt, gehen aus dem Wege.

Zur Sommerzeit baden, schwimmen und fischen sie nicht in Deichen oder Flüssen. Im Winter laufen sie nicht auf dem Eise umher oder werfen mit Schneebällen.

Die Ferien benutzen sie zur Frömmigkeit und zum Studieren. Das Spiel diene ihnen zur Kräftigung des Körpers und zur Sammlung des Geistes. Um Geld, Bücher oder dgl. spielen sie nicht. Würfel und Karten nehmen sie nicht in die Hand. Das Ballspiel sei ihnen vor allen lieb, nur auf den Gassen, Kirchhöfen, Märkten oder anderen verbotenen Plätzen dürfen sie keinerlei Spiel anstellen.

»Mein Gott, die armen Schüler«, wandte ich mich an Cathrin. »Kein Wort davon, dass Lernen auch Spaß machen kann. Jugend braucht ein gewisses Maß an Freiheit, um sich entwickeln zu können. Unter solchen Bedingungen wär ich kein vernünftiger Mensch geworden, und ich denke, jener Johann Sebastian Bach, also jener junge Mann, über dessen Manuskript wir beide uns kennengelernt haben, ebenfalls nicht.«

Mit meiner Bemerkung hatte ich gehofft, Näheres über den Charakter Bachs aus Cathrins Mund zu erfahren. Schließlich waren die beiden seit geraumer Zeit fast jeden Tag zusammen.

Ich sollte mich nicht täuschen, auch wenn Cathrin mich zunächst in die Schranken wies. »Ob dieser Bach ein vernünftiger Mensch geworden ist, wage ich nicht zu beurteilen. Dazu ist er in meinen Augen noch zu jung und unerfahren. Sicher, er hat gute Ansätze, vor allem, was das Komponieren angeht. Doch ein guter Komponist ist nicht gleich auch ein vernünftiger Mensch, der es zu etwas bringt. Das muss dieser Bach erst noch beweisen, und es wäre allein zukünftigen Generationen angemessen, dies zu beurteilen. Ich jedenfalls kann nur sagen, dass ich ihn gelegentlich zu eigensinnig finde, oft aufbrausend und nicht selten jähzornig.«

»Aber dennoch müsst Ihr zugeben, dass er bestimmt ein Musterschüler war, sonst hätte er nicht so ein durchkomponiertes Meisterwerk wie das Capriccio erschaffen können.«

Cathrin schaute mich verärgert an. »Wie wollt Ihr das beurteilen? Ihr habt die Noten durch nur für einen kurzen Augenblick gesehen. Von einem Schriftsteller hätte ich etwas mehr Weitsicht erwartet.«

Wieder wurde mir klar, dass ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Natürlich konnte ich in Cathrins Augen Bachs Musik noch gar nicht kennen. Also versuchte ich mich auf andere Weise zu rechtfertigen.

»Entschuldigt, vielleicht habe ich etwas voreilig dahergeredet, doch das Urteil des Kupferstechers war eindeutig: ein junger Mann mit ungewöhnlichen Eigenschaften. Da liegt es nahe, eine gute Schulbildung zu vermuten.«

»Ach was, von wegen gute Schule. Bei Euch in England mag das gelten, nicht aber bei uns. Die Schulordnung, die Ihr eben vorgelesen habt, kommt nicht so von ungefähr. Und dieser Bach war sicherlich kein braver Musterschüler. Er hat mir hin und wieder so manches aus seiner Schulzeit erzählt. Er war oft bei den musikalischen Gottesdiensten in Sankt Marien dabei, als die Schüler oben auf der Chorempore zusammengepfercht waren oder zur Strafe im Schwitzbänkchen sitzen mussten. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was für ein Trubel da geherrscht hat. Meister Buxtehude musste mehrfach handfest eingreifen, und auch von den Gemeindemitgliedern kamen Beschwerden.«

»Das wird Bach doch sicherlich verurteilt haben, schließlich sollte die Musik im Vordergrund stehen.«

»Im Gegenteil. Er sagte, er könne die Schüler verstehen, er wäre in jungen Jahren selbst einer wie sie gewesen. Auf seiner Lateinschule in Eisenach protzte man damit, ungehobelt und aufsässig zu sein, dem Bier und dem Wein ausgiebig zuzusprechen, den Mädchen hinterherzulaufen, ab und zu ein Fenster einzuschlagen und bei jeder passenden Gelegenheit mit dem Messer herumzufuchteln. Er meinte, das ganze System mit den zum Chorgesang verpflichteten Schülern sollte abgeschafft werden zugunsten von professionellen Sängern, die für gute Leistung bezahlt und für Verfehlungen bestraft werden.«

Ich wollte Bach in Schutz nehmen, aus dem Gefühl heraus, dass man einem der größten Musiker aller Zeiten ein derartiges Makel nicht anheften sollte. Doch ich kam nicht dazu. In diesem Augenblick stampfte lautstark eine gewichtige Persönlichkeit die Treppe herunter.

»Rektor Enoch Schwante«, flüsterte Cathrin mir zu.

Eine imponierende Persönlichkeit. Gewaltige Kraushaarperücke über einem rundlichen Gesicht mit ausladendem Doppelkinn, sympathischer Blick, der die Strenge seiner Erscheinung milderte. Schwante erinnerte mich an den Direktor Zeus aus dem Film Die Feuerzangenbowle.

Als er Cathrin erkannte, rief er mit markanter Bassstimme, dass es im Kreuzgang widerhallte: »Aha, eine Abordnung aus Sankt Marien beehrt unsere bescheidene Anstalt. Wie geht es dem Meister Buxtehude? Die Proben zu den Abendmusiken schreiten voran, wie ich hörte.«

»In der Tat«, erwiderte Cathrin. »Wir sind gekommen, um Euch die Texthefte zu bringen.« Sie deutete auf den Korb, den ich mit beiden Händen fest im Griff hatte. »Druckfrisch, im Folioformat und in bester Qualität. Aus dem Verlagshaus Schmalhertz Witwe. Und der Gentleman an meiner Seite ist zwar kein Kollege an Sankt Marien, wohl aber ein Gast beim Meister. Sir Alexander Pope, ein berühmter Schriftsteller und Musiker aus London, der in unsere Stadt gereist ist, um unsere Kultur kennenzulernen.«

Inzwischen war ich für Cathrin also vom Gartenbauer über den Schriftsteller zum Musiker aufgestiegen. Eine steile Karriere in so kurzer Zeit, die mich ein wenig verlegen machte. Ich wollte abwinken, doch Schwante lebte auf, als er das vernahm.

»Oh, welch eine Ehre. Ein englischer Kulturattaché in meiner bescheidenen Bildungsanstalt. Ich meine, bescheiden in Hinsicht auf die äußere Erscheinung. Noch müssen wir mit den engen Gemäuern des ehemaligen Klosters vorliebnehmen. Wir platzen aus allen Nähten, und die Mühlen der Zeit mahlen im kulturellen Leben unserer Stadt recht langsam. Doch es gibt Pläne für eine umfassende Neugestaltung. Allein, noch fehlt es an Geld.«

Er streckte das Rückgrat und schob den Bauch nach vorn, um die Würde seiner Erscheinung zu betonen.

»Was die Bildungsinhalte angeht, so stehen wir jedoch an der Spitze. Das Latein, also die Lektüre von Livius, Cäsar, Nepos und Plinius, sowie das Griechische, ich nenne nur die Namen Sokrates, Xenophon, Plutarch und Hesiod, stehen im Mittelpunkt. Bis vor Kurzem wurde Unterricht im Hebräischen erteilt. Doch das habe ich zugunsten der Übung in deutscher Sprache fallengelassen. Die Schule muss heutzutage ihre Zöglinge auch auf die praktischen Dinge ihres zukünftigen Berufslebens vorbereiten.«

Schwante holte tief Luft, als wollte er sich auf einen längeren Vortrag einstellen. Ich nutzte die Pause, um ihn an die Tafel mit dem Schulgesetz zu erinnern.

»Was Ihr da sagt, ist beeindruckend, und ich bin sicher, in London wird man von Eurem System lernen können. Doch, wenn ich mir hier diese Tafel anschaue, ich meine, das mit dem Degen und der Possenreißerei, so scheint mir, als sei Euer Weg mit Dornen gepflastert. Offenbar folgt nicht jeder Zögling Euren Bemühungen.«

Schwante stutzte. Dann atmete er erneut tief durch. Er fühlte sich bemüßigt, mir die Sachlage ausgiebig zu erklären. »In der Tat. Bildung ist kein einfaches Geschäft. Es ist wie mit der Baumzucht.«

»Oh, das wird Mister Pope interessieren«, unterbrach ihn Cathrin. »Ihr müsst wissen, unser Gast ist nicht nur Poet, sondern auch Gartenbaumeister des Königs.«

Ihre Aufschneiderei ging mir langsam auf die Nerven. Zum Glück beachtete Schwante ihre Bemerkung nicht.

»Bäume wachsen von Natur aus nicht gerade in den Himmel. Man muss sie anbinden, sie beschneiden, sie sorgfältig düngen, damit sie groß und stark werden. Bei meinen Zöglingen ist es ähnlich.«

Bei diesen Worten fühlte ich mich vollends in den Film Die Feuerzangenbowle versetzt. Schwantes weitere Auslassungen nahm ich wahr, als drangen sie wie durch eine Nebelwand an mein Ohr.

»Doch in ihrer Unreife wissen die Schüler das nicht zu schätzen. In der Tat war es notwendig, die wichtigsten Regeln des Schulalltags so anzuschlagen, dass sie jeden Tag aufs Neue in Erinnerung gebracht werden. Es ist unter diesen Gesetzen keines, das nicht von den meisten Schülern verletzt, ja mit Füßen getreten wird. Weder die Frömmigkeit gegen Gott, noch die Ehrfurcht gegenüber den Lehrern, weder der Fleiß im Studieren, noch Bescheidenheit, Mäßigung oder Dankbarkeit finden sich bei ihnen. Im Gegenteil haben Gottesverachtung, Ungehorsam, Eigenwilligkeit, Trägheit, Dünkel, Frechheit, Hoffart, Undank, Treulosigkeit, Lüge, Rottierung und hundert andere Laster in den Gemütern der meisten so tiefe Wurzeln geschlagen, dass Tadel kaum noch etwas dagegen vermag.«

Er rückte seine Halskrause mit einer energischen Bewegung zurecht, um sich innerlich Mut zu machen. »Gerade neulich hat der Superintendent anlässlich eines Inspektionsbesuchs die Schüler zum Abtun des eitel sorgfältig genährten Haarwulstes aufgefordert. Statt die unflätige Haarsaat zu pflegen und die unreinen Nester der Ungeziefer zu vergrößern, sollten sie dem Befehl Gottes folgen, der strengen Gehorsam gegen Obrigkeit und Lehrer fordert.«

Unwillkürlich strich ich meine Haarlocken zurück, duckte mich und senkte den Blick schuldbewusst auf den Boden. Wenigsten meine Schuhe hätte ich putzen sollen, bevor ich die edle Bildungsanstalt betrat.

»Jenen gilt mein Wort, die absichtlich aller Scham und Bescheidenheit die Stirn bieten, Lob und Ruhm mit Füßen von sich stoßen, sich nicht scheuen, den Lehrern alle mögliche Last aufzubürden und aus dieser Werkstätte heiligen Geistes einen Tempel der Frechheit machen, die gegen die vom hochedlen Rat gegebenen Gesetze konspirieren und die Pflichtgetreuen mit Drohungen aller Art aufs Äußerste reizen.«

Er deutete auf die Sandsteinskulptur neben der Holztafel. »Die Heilige Katharina ist unser Vorbild. Sie hat uns gezeigt, dass man durch das christliche Streitgespräch Heiden bekehren, Unwissende erleuchten kann. Und genau das ist der Kern unserer Erziehung. Doch leider wissen das die Jugendlichen nicht immer zu schätzen.«

Der sympathische Zug verschwand aus seinem Gesicht. Die Stirnadern schwollen besorgniserregend an. Es fehlte nicht viel, und er hätte Katharinas Rad und Schwert in die Hand genommen, um den folgenden Worten den notwendigen Respekt zu verschaffen.

»Jenen, die von der Stille und dem Ernst der Schule nichts wissen wollen, die des Nachts mit Degen bewaffnet durch die Straßen streichen und das Lärmen lieber haben als das Lernen, jenen, die sich nicht schämen, Neulingen Geld abzupressen und diesem Orte sogar mit Kot, mit Steinen und dergleichen Schmach antun, jenen, die den Dirnen zu Gefallen ihr Haar, nach Buhlerinnen Art, mit Eisen brennen, scheiteln, locken, frisieren…«.

Ich blickte zur Heiligen Katharina auf. Tränen standen in ihren Augen.

»Die, während ihre Mitschüler fromme Gesänge anstimmen, unten in der Kirche truppweis sich umtreiben oder ehrlicher Bürger Plätze einnehmen und selbst Bürgermeistern die gehörige Achtung versagen, jenen, die ohne der Lehrer Erlaubnis außen bleiben, andere bis zur Schule begleiten und sich dann heimlich davonmachen, ja wohl zu Lügen verführen, womit sie ihre Abwesenheit entschuldigen wollen…«.

Wieder schwebte Jessica durch die Gänge. Sie streifte den Bart des Rektors, doch der bemerkte das in seinem Eifer nicht.

»Jenen, die ungeladen zu Hochzeitsmahlen, den Fliegen gleich, herbeischwärmen und nicht allein tapfer zechen, sondern auch mitzutanzen wagen und nicht eher fortgehen, als man ihnen heimgeleuchtet hat, jenen endlich, die mit den aus der Schule Entlaufenen täglich verkehren, die nicht Liebe zur Wissenschaft, sondern die Lust, den Bauch zu mästen…«.

Ich schloss die Augen und sah mich, wie ich Jessica in den Primanerhof folgte. Die Litanei des Schulleiters verschwamm in weiter Ferne.

»Vermahnt oder tadelt man sie, damit sie sich schämen, so greinen sie und wechseln Worte. Schlägt man sie, so fluchen sie dem gütigen Lehrer. Sie zu züchtigen, müsste man ein Dutzend Träger kommen lassen.«

Offenbar hatte Schwante meinen geistesabwesenden Blick bemerkt. Ich stand immer noch etwas unbeholfen da, den Korb mit den Textheften krampfhaft in den Händen haltend.

Unvermittelt brach er seinen Vortrag ab. »Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Abendmusiken. Das trifft sich. Pagendarm probt gleich im ehemaligen Refektorium. Wenn Ihr wollt, erlaube ich Euch, der Probe beizuwohnen. Und ihr könnt ihm dann auch die Texthefte persönlich überreichen. Er wird dann für die Verteilung im Kollegium sorgen.«

Sofort fühlte sich Cathrin bemüßigt, mich genauer zu instruieren. »Johann Jacob Pagendarm ist Kantor an der Marienkirche und Musik- und Lateinlehrer am Katharineum. Er steht nach dem Rektor und dem Subrektor in der Schulhierarchie an dritter Stelle.«

Weiter kam sie nicht, denn Schwante setzte erneut wortgewaltig zu einem Monolog an.

»Den Chor zu diesen Konzerten bilden, wie im Gottesdienst, die Schüler des Katharineums. Das bedeutet ein Problem, weil der Chor zwar zur Teilnahme am Gottesdienst, nicht aber an den Abendmusiken verpflichtet ist. Denn diese sind weder vom Rat angeordnet, noch gehören sie zum sonntäglichen Gottesdienst. Die Chorschüler sind dem Lehrerkollegium unterstellt. So muss ihre Teilnahme an den Abendmusiken jeweils schriftlich bei mir oder beim Kantor beantragt werden, und als Honorierung der erteilten Erlaubnis erhalten sämtliche Lehrer Texthefte und Sitzplätze für die Aufführung.«

In diesem Moment wurde Schwante durch musikalische Klänge unterbrochen, die als verwirrendes Durcheinander im Kreuzgang widerhallten.

»Oh, es ist schon so weit. Cathrin wird Euch den Weg zeigen. Ich selber kann die Probe leider nicht überwachen. Meine Pflichten rufen. Da haben sich wieder zwei Sextaner unerlaubt auf der Straße herumgetrieben. Ihr wisst, was das bedeutet, die Schulgesetze kennt Ihr ja nun. Viel Freude dann an der Musik. Es würde mich ehren, Euch bei den Aufführungen in Sankt Marien begrüßen zu dürfen.«

*

Der Musikraum sah fast genauso aus wie zu meiner Zeit. Der Eingang befand sich zwar an einer anderen Stelle, doch das von Säulen gestützte mehrteilige Kreuzrippengewölbe prägte nach wie vor den Raum. Erstaunlich, wie er die Jahrhunderte unbeschadet überstanden hatte. Allerdings fehlten an der westlichen Stirnseite die Secco-Malereien aus dem 15. Jahrhundert, doch ich erinnerte mich, dass man die Malereien erst wenige Jahrzehnte vor meiner eigenen Schulzeit bei Restaurierungsarbeiten wieder ans Tageslicht befördert hatte. Jetzt, wo es mir meine Fantasie erlaubte, die Malerei durch die Kalktünche hindurchzusehen, fiel mir ein, was uns unser Religionslehrer damals erklärt hatte. Das Bild sei im Grunde genommen ein Spiel mit der Zeit, eine Verschmelzung von Gegenwart und Zukunft. Eine Zeitreise also, ähnlich der, die ich gerade im Begriff war zu unternehmen.

Als Schüler hatte mir besonders die Szene mit Mariä Verkündigung imponiert. Dargestellt war ein Garten, in dem der Erzengel Gabriel ein Einhorn verfolgt, das in Marias Schoß flüchtet. Gabriel steht nicht zufällig auf der linken Seite, hatte unser Lehrer ausgeführt, denn das Geschehen ist zukunftsorientiert. Das setzt die allgemeine Leserichtung des Frühmittelalters voraus. In spätantiken Darstellungen kommt der Engel von rechts, weil die Bilder sich an der Leserichtung des Hebräischen und Arabischen orientierten. Gabriel trägt also die Zukunft in Marias Gegenwart. Ähnliches gilt für die Taube, die ein Kreuz im Schnabel hält, eine Ankündigung von Jesu Schicksal, bevor er das Licht der Welt erblickte. Über allem schwebt ein perspektivisch verkürzter Gottvater. Zeitlos und wie von einer jenseitigen Sphäre aus lenkt er das Geschehen. Ein Symbol der Aufhebung von Zeit und Raum, hatte mein Lehrer betont.

Mich faszinierte am meisten das Einhorn. Angeblich solle es Jesus symbolisieren. Es steht für unbesiegbare Stärke. Nur eine Jungfrau – eben eine wie Maria – ist in der Lage, es einzufangen. Mit seinem dreifach gewundenen Horn soll es stehende Gewässer reinigen, sodass alle Tiere daraus trinken können. In der Mitte des 16. Jahrhunderts verbot das Konzil von Trient die Symbolisierung Christi durch das Einhorn, bedauerte der Religionslehrer. Ich auch, denn das Einhorn ist für mich mehr als ein Fabelwesen, gerade weil die Naturwissenschaft es als Hirngespinst abtut. Das Einhorn, es existiert. Heute wie damals. Man muss es nur sehend erlauschen können. Denn es ist eins der Wesen, die Wirklichkeit und Fiktion umklammern. Ohne ihre Existenz hätte ich meine Zeitreise nicht antreten können.

Es brannte mir auf der Zunge, Cathrin auf das Kunstwerk jenseits der Kalkschicht hinzuweisen. Doch das wäre der göttlichen Verkündigung gleichgekommen, was mir nicht zustand. Außerdem hätte ich gegen Silbermanns kategorische Regel verstoßen. Der Flügeldeckel wäre zugeschlagen, ehe ich in meiner Zeitreise heimisch geworden wäre.

Apropos Flügel. Den etwas ramponierten, ständig verstimmten braunen Flügel, auf dem ich während meiner Schulzeit zum Leidwesen meines Musiklehrers bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Rock‘n’Roll gespielt hatte, den gab es natürlich auch nicht. Stattdessen stand vor der Wand mit den verborgenen Malereien ein Orgelpositiv auf einem Podest, von dem aus sich der Kantor Pagendarm mit seinen singenden Zöglingen abmühte.

Er machte auf mich den Eindruck eines kranken, verbrauchten Menschen, und in der Tat hatte er einen schweren Stand. Mit verhärmtem Gesicht, fahrigen Handbewegungen und einer brüchigen Stimme versuchte er, dem diffusen Klangbrei eine musikalische Form zu geben.

Ach wie nichtig, ach wie flüchtig …

»Die Tenöre leiser! Ihr brüllt wie die Berserker. Wenn das so weitergeht, werfe ich euch raus und hol mir Tenöre aus dem Hamburger Johanneum. Das wird zwar teurer, aber dafür kommt der richtige Ton heraus. Kollege Gerstenbüttel verfügt über exzellente Chorknaben, von denen könntet ihr viel lernen. – Also, den Chorsatz noch mal von vorn. Aber bitte mit verhaltenem Tenorgesang.«

… sind der Menschen Tage …

Ich bekam den Eindruck, als wirkte Pagendarms Standpauke. Die melancholische Atmosphäre, die diese Musik aufgrund der feinen harmonischen Spannungen zwischen den Stimmen atmete, war jetzt deutlich zu spüren.

Doch es dauerte nicht lange, bis Pagendarm erneut abbrach. »Die Bässe singen zu tief. Gerade sitzen, zum Teufel! Mit schlaffem Bauch kann man keine Musik machen. Hier, hört euch mal an, wie es richtig klingen soll.«

Er spielte auf dem Positiv eine abwärtsgeführte Basslinie.

»Immer wenn ihr eine stufenweise fallende Melodie vor der Nase habt, müsst ihr euch vorstellen, ihr steigt im Grunde genommen stattdessen Stufe um Stufe höher. Es ist so, als würdet ihr die Treppe eines vornehmen Schlosses hinabschreiten, erhobenen Hauptes, stolz und würdevoll. Nicht von ungefähr sind die Stufen eines Herrscherhauses flacher als bei einer Bauernstiege. Ihr Bässe seid die Basis der Musik. Wenn ihr die Tonstufen nur dumpf hin und her rutscht, seid ihr Bauern, keine Majestäten. Wenn ihr das nicht kapiert, müsst ihr im Stehen singen. – Also diese Stelle noch mal. Nur Tenöre und Bässe. Ganz langsam, aber auch ganz bewusst. Ton für Ton majestätisch voranschreiten.«

… und mit Laufen hält nicht innen …

Immer wieder musste Pagendarm unterbrechen. Mal stimmten die Einsätze nicht, mal schlichen sich falsche Töne ein. Die Schüler im Sopran und Alt begannen sich zu langweilen. Ich beobachtete, wie einer von ihnen mit einem Nagel ein Loch in eine der Säulen bohrte. Er bewerkstelligte das geschickt auf der dem Kantor abgewandten Seite. Pagendarm bekam es in seinem Eifer nicht mit.

Ich machte Cathrin auf den Frevler aufmerksam, doch sie winkte nur müde ab.

»Das ist der Sohn vom Weinhändler Tesdorpf, dem wichtigsten Förderer der Abendmusiken. Mit dem dürfen wir es uns nicht verscherzen.«

Wird wohl nicht so schlimm sein, dachte ich mir. Das Kreuzgewölbe stürzt nicht gleich ein. Es hat bis in meine Schulzeit gehalten. Und ich erinnerte mich, dass mein Nachbar, der Sohn des Bürgermeisters, während unseres langweiligen Musikunterrichts die Initialen der Rockband AC/DC in die gleiche Säule gekratzt hatte, gleich unterhalb des in den Jahrhunderten inzwischen angewachsenen Lochs von Tesdorpf Junior.

Zum Schluss ging Pagendarm den Chorsatz ohne Unterbrechung durch. Jetzt war das klangliche Ergebnis für meine Begriffe schon recht ordentlich. Ich bekam Lust, die Bassstimme mitzusingen. Vom Blatt singen war schon immer meine Stärke, im Schulchor wie später im Vokalkreis meiner Gemeinde.

Ich rückte meinen Stuhl leise neben einen Bassisten aus der letzten Reihe und sang, ohne auf Cathrins erschrockenes Gesicht zu achten, beherzt mit. Dem Primaner jedenfalls gefiel es. Er zwinkerte mir dankbar zu und hing sich an meine Stimme. Endlich hatte er jemanden, der ihm die Einsätze in der richtigen Tonlage vorgab.

… so eilt unsre Zeit von hinnen.

Jetzt, wo ich mittendrin in der Musik steckte, entdeckte ich, wie kunstvoll Buxtehudes Komposition gestaltet war. Vieles erinnerte mich an die Kantaten von Johann Sebastian Bach, die ich immer gern gesungen hatte.

Besonders diese letzte Textzeile hatte es musikalisch in sich. Nach der eingangs lyrischen Stimmung entwickelte sich die Musik zunehmend zu einem dramatischen Wettstreit der Stimmen. Warum hat der in die Jahre gekommene Buxtehude die uralte Frage nach dem Wesen der Zeit so angelegt, als wollte er uns in eine aufwühlende Theaterszene versetzen? Lief ihm die Zeit davon?

Pagendarm gab sich Mühe, jedes noch so kleine Detail sorgfältig herauszuarbeiten. Offenbar lag ihm viel an dieser Stelle. Lief auch ihm die Zeit davon?

Er bemerkte nicht, dass kurzzeitig ein Sänger mehr unter seinen Bassisten saß. Jedenfalls war er mit der Probe zufrieden. Für einen Moment entspannte sich seine Mimik. Er zog ein überdimensionales Taschentuch aus der Hose und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Nicht schlecht für den Anfang, Jungs. Endlich beginnt der Bass erwachsen zu werden. Morgen um die gleiche Zeit proben wir den Schlusschoral Nun lasst uns den Leib begraben. Wenn ihr so gut drauf seid wie jetzt zum Schluss, wird das für euch ein Kinderspiel.«

Dann entließ er die Schüler in die Pause. Cathrin legte ihm einen Stapel Texthefte auf die Orgelbank.

»Für das Kollegium. Genau abgezählt und mit Platzvermerk versehen. Bitte seid so freundlich und verteilt sie im Kollegium.«

Pagendarm griff ein Heft und blätterte darin herum.

»Ja, ja«, erwiderte er zerstreut. »Wie immer. Wird schon schief laufen, die Aufführung. Mein Chor muss noch viel üben. Üben, üben, üben. Das zehrt an den Kräften.«

Er zog eine kleine Medizinflasche aus seiner Tasche und nahm einen Schluck. »Das hat mir Apotheker Stolterfoth verschrieben. Schmeckt bitter, aber dass es hilft, bezweifle ich. Ihr müsst wissen, um meine Gesundheit ist es schlecht bestellt. Ich habe dem Rektor bereits angedeutet, dass er sich rechtzeitig um einen Nachfolger bemühen sollte.«

Als er das sagte, hatte ich plötzlich eine Idee. »Wie wärs mit Bach? Der könnte das machen. Das musikalische Talent hat er jedenfalls. Wer weiß, vielleicht ist er ja nicht nach Lübeck gekommen, um, wie ich gehört habe, Buxtehudes Stelle zu übernehmen. Vielleicht will er sich als Kantor an Sankt Marien bewerben.«

»Nein, nein«, wehrte Pagendarm ab. »Ich habe ihn während unserer Arbeit an den Abendmusiken gründlich kennengelernt. Bach lehnt jegliche Kantorentätigkeit ab. In dieser Beziehung ist er eine Spur zu selbstgefällig, wie ich finde. Er will höher hinaus, will Director organi sein, also Aufführungen von der Orgelempore aus leiten. Oder besser gleich als Director musices das gesamte Musikleben der Stadt gestalten, einzig mit dem Hintergedanken, seine eigenen Werke zu Gehör zu bringen. Nein, als Kantor, der zugleich Lehrer am Katharineum sein muss, ist er sich zu schade. Im Übrigen hat er mir mehr als einmal gestanden, dass er Proben mit Schülern hasst. Ihm fehlt dazu nicht nur pädagogisches Geschick, er ist einfach zu ungeduldig, wenn es um die Qualität der Musik geht.«

Ich wollte Pagendarm noch ein paar Fragen zu seiner Interpretation der Schlusszeile stellen, doch ich unterließ es. Er machte einen übermüdeten Eindruck. Lange wird er so nicht weitermachen, ging es mir durch den Kopf. Es stimmt, die Zeit eilt uns allen zu schnell davon.

Auch Cathrin gönnte ihm eine wohlverdiente Pause. »Lieber Pagendarm, wir wollen Euch nicht länger in Anspruch nehmen. Ihr habt für heute genug geleistet. Der Chor klingt doch schon ganz gut.«

Mir zugewandt ergänzte sie: »Nehmt den Korb mit den restlichen Textheften. Wir müssen noch rasch in die Ratsapotheke, bevor es in die Marienkirche geht.«

*

Die Ratsapotheke lag in der Breiten Straße, schräg gegenüber dem Kanzleigebäude. Dessen Fassade erkannte ich sofort wieder. Sie hatte sich in den vielen Jahren nicht verändert. Das spätgotische Backsteinhaus mit seinem Gerichtssaal und dem ehemaligen Gefängnis, dem Bullenstall, bildet heute wie damals zusammen mit dem Rathaus und der Marienkirche einen eingeschworenen Dreierbund von Recht, Rat und Religion. Wie ein steinerner Sarg thront es auf mächtigen Arkaden, als müsse es vor dem Treiben auf der Straße geschützt werden.

Ganz anders sah es auf der gegenüberliegenden Seite aus. Hier kannte ich die Breite Straße als Produkt der Nachkriegszeit. Nur ganz wenige historisch gewachsene Häuser hatten die verheerende Bombennacht des Zweiten Weltkriegs überstanden. An ihre Stelle waren Gebäude getreten, die in ihrer architektonischen Charakterlosigkeit an jeder anderen Stelle der Welt stehen könnten, mit Geschäften, die der Globalisierung alle Ehre machen, aber nicht dem geschichtsträchtigen Flair meiner Stadt.

Jetzt, wo ich vor der prächtigen Renaissancefassade der Ratsapotheke stand, fühlte ich eine starke Sehnsucht, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu können, gewissermaßen eine Zeitreise in die Zukunft zu unternehmen, die es erlaubt, nicht nur Personen, sondern auch die alten Steine einer ganzen Stadt mitzunehmen.

Doch das hätte Silbermanns Kunst überfordert. Langsam dämmerte mir, dass ich eigentlich ganz stolz auf mein frisch geerbtes Haus neben dem Burgtor sein konnte, auf die denkmalgeschützte Backsteingotik, mit der ich anfangs nichts anzufangen wusste.

Auf den ersten Blick sah die Ratsapotheke wie ein vornehmes Bürgerhaus aus. Am Vordergiebel prangte in vergoldeten Lettern die Jahreszahl 1582. Der Staffelgiebel war mit gefälligen Voluten samt aufgesetzten Zierobelisken geschmückt. Auf der Dachspitze thronte ein stolzer Pelikan. Über der reichdekorierten Haustür breitete ein Adler seine Flügel aus. Die Fenster bestanden aus Butzenscheiben, die das Tageslicht farbig reflektierten.

Äußerlich wies nichts auf eine Apotheke hin, doch als ich die Offizin betrat, wurde ich in eine andere, eine märchenhaft anmutende Welt versetzt. Es roch nach Kräutern und ätherischen Ölen. Der Verkaufsraum hatte Ähnlichkeit mit dem der Druckerei, die wir vorhin besucht hatten, doch das Inventar war viel aufwendiger gestaltet. Hohe, mit Schnitzereien reichlich versehene Regale verdeckten die Wände und beherbergten im Oberteil ein Arsenal an Arzneigefäßen und im unteren Bereich Schubladen für die Kräutersammlung. Die Gefäße aus Steinzeug, Porzellan und Glas standen in Reih und Glied wie eine Heerschar Zinnsoldaten und strahlten Strenge und Solidität aus. Sie unterschieden sich lediglich durch kleinere Formvariationen und durch die Namensschilder, deren Bedeutungen sich mir allerdings nicht erschlossen.

Auf einem der Regale standen merkwürdige Gefäße, die mich an Aladins Wunderlampe erinnerten. Darunter befand sich eine Batterie dickbäuchiger Glaskolben, gefüllt mit schillernden Flüssigkeiten, sodass ich den Eindruck hatte, als würden jeden Augenblick Geister aus den Flaschen entweichen. An der Decke hing ein ausgestopftes Tier, das wie ein Krokodil aussah. Von einem Schrank äugten ein präparierter Kauz, ein Hermelin und ein Fasan auf mich herab. Ein massiver Tresen bildete das Zentrum des Raumes und trennte den Fachbereich vom Kundenbereich. Hier fiel mir sofort die Apothekerwaage auf, deren Träger kunstvoll in Gestalt eines exotischen Mohren ausgearbeitet war. Daneben ruhten Mörser samt Stößel, einer aus Messing, einer aus Porzellan und einer aus Holz. Ferner lagen dort diverse Tiegel, Alabasterschalen, Scheren, Seziermesser und dergleichen mehr.

Das Fenster neben der Eingangstür diente als Durchreiche. Draußen stand eine junge Frau mit einer auffälligen Haube von weißem Tüll, auf der ein sonderbar geformter Strohhut mit grüner Einfassung und gleichfarbigem Band saß. Sie wurde von einem Apothekergehilfen bedient.

»Das ist eine Gemüsefrau vom Markt«, erklärte Cathrin. »Man erkennt sie an der Farbe der Bänder. Bei den Fischfrauen sind sie blau. Ihr seht, bei uns ist alles genau festgelegt. So erkennt man gleich, wen man vor sich hat.«

»Na ja«, versuchte ich ihr vorsichtig zu widersprechen. »Wie man’s nimmt. Dort, von wo ich herkomme, schätzt man eher das Persönliche. Standesunterschiede spielen bei uns nicht so eine vordergründige Rolle.«

Cathrin starrte mich irritiert an und wollte aufbrausen, doch zum Glück kam ein Mann meines Alters auf uns zu. Seine Kleidung ähnelte der meinigen, doch er trug eine graue Langhaarperücke, die sein runzliges Gesicht einrahmte. Mit seinem müden Blick machte er auf mich den Eindruck eines sich selbst bemitleidenden Mannes, dessen Pessimismus ihm Halt fürs Leben gab.

»Johann Jacob Stolterfoht, der Hausherr«, flüsterte Cathrin.

Details

Seiten
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Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783948218089
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507029
Schlagworte
flügel zeit capriccio lübeck-reise johann sebastian bach

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Titel: Der Flügel der Zeit