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Zuviel ist tödlich

Geschichten von der Schattenseite

von Rena Brauné (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • Der Rosengarten
  • Die Seerose
  • Die Pralinenschachtel
  • Ist Rot die Liebe?
  • Eheglück
  • Blau ist die Treue
  • Der große Fisch
  • Mama
  • Spieleabend kontra Hochzeitstag
  • Morettis Vermächtnis
  • Geschafft
  • Der Wutanfall
  • Die Autorin Rena Brauné

Der Rosengarten

 

»Bitte, Sonny, öffne die Augen. Schau mich an. Ich bitte dich. So schlimm ist es doch nicht gewesen.« Heiner tätschelt ihre Wangen und küsst sie auf die Augen. Ordnet ihre rotbraunen Haare und fährt mit dem Zeigefinger über ihre Lippen. »Bitte, sag doch was, stell dich nicht so an!«

Aber Sonny öffnet nicht die Augen und sagt kein Wort. Der halbvolle Teller Suppe hat sich über ihren Oberkörper ergossen. Heiner holt Handtücher und Wasser, und putzt sie sauber. Er zieht ihr die Bluse aus und spricht die ganze Zeit zu ihr:

»Ich habe mir überlegt, wir bleiben für immer zusammen. Uns kann keiner trennen. Ich weiß, du willst das auch. Wie oft hast du mir gesagt: Heiner, ich liebe dich; uns trennt keiner. – Welches Kleid möchtest du denn anziehen? Oder lieber Rock und Pulli? – Komm, ich helfe dir auf.«

Heiner hebt Sonny hoch und setzt sie in den Sessel. »Wie leicht du bist. Du musst wirklich mehr essen. Nicht immer nur daran denken, dass du zunehmen könntest. Ich würde dich auch lieben, wenn du etwas molliger wärst. Bleib bitte ruhig sitzen, ich muss noch zwei Pflaster holen.«

Im Badezimmer schreckt er vor seinem Spiegelbild zurück, spricht zu sich selbst: »Du siehst aber auch scheiße aus. Kein Wunder, dass sie dich nicht anschauen will. Eine Schönheit bist du wirklich nicht.«

Bei der Rückkehr ist Sonny etwas heruntergerutscht. Er setzt sie wieder aufrecht hin.

»Ich habe doch gesagt ›Bitte bleib ruhig sitzen.‹ Du hörst aber auch überhaupt nicht. – Sieh, ich habe dein Lieblingskleid mitgebracht. Das leuchtend blaue steht dir besonders gut.«

Er hatte es ihr im Internet bestellt. Am selben Abend hatte sie in dem Kleid, mit leuchtenden Augen, für ihn getanzt und gesungen. Sie hatte sich extra für ihn geschminkt und ihn angestrahlt. Er muss schlucken, wenn er daran denkt.

Sie ist eine besondere Frau, denkt Heiner. Ich werde sie nie gehen lassen. Wir bleiben zusammen. Singend hilft er Sonny ins Kleid und stellt ihr die passenden Schuhe hin. »Du bist mein Sonnenschein, mein einziger Sonnenschein, du machst mich glücklich, mein Augenstern!«

Der Rest ist Gebrumme, mehr weiß er nicht. Früher hatte Sonny es für ihn gesungen, auf Englisch. Aber jetzt spricht sie nicht mehr mit ihm. Auch ihre Beweglichkeit ist stark eingeschränkt.

»Soll ich dir noch dein Schminkzeug holen? Und hör endlich auf mit dem Schmollen. Du weißt, ich liebe dich, dann muss man auch mal verzeihen können. Schließlich ist es nicht mit Absicht passiert«, beschwört er sie fast flehend. »Ich habe noch eine Überraschung für dich«, fährt er fort. »Schau, diesen Ring aus Mutter Schatulle habe ich für dich herausgesucht.«

Er streift den Ring mit dem strahlenden Saphir und den funkelnden Brillanten über ihren Mittelfinger. »Sieh, er passt fantastisch zu dir und dem Kleid. Ja, da freust du dich. Ich wollte ihn dir schon lange geben. Aber jetzt ist eine gute Gelegenheit.«

Zart streicht Heiner über Sonnys Hand und drückt sie leicht. »Deine Hand ist ja ganz kalt. Ich werde dir eine Decke holen, sonst erkältest du dich noch. Die Abende sind ja noch sehr kühl. Du weißt, du bist ein wenig empfindlich. Also Vorsicht!«

Und er verspricht ihr: »Heute machen wir uns einen gemütlichen Fernsehabend.«

Die nächsten Tage leben sie still im Haus. Heiner hat sich vierzehn Tage, nach dem Unfall, krankschreiben lassen. Der Arzt hat verständnisvoll genickt, als Heiner ihm die Situation schildert. So hat sich Heiner erst einmal Zeit verschafft. In dieser Zeit hat er alles gut organisiert. Seit drei Tagen arbeitet er wieder, aber nur noch in der Nacht und seine Schicht endet um zwei Uhr. Schon dreißig Jahre ist er in der Firma.

So kann er Sonny nach Feierabend versorgen und in ihr Bett bringen. Um acht Uhr war er schon wieder für sie da. Er braucht nicht viel Schlaf. Er kümmert sich liebevoll um Sonny. Vormittags braucht sie ihre Ruhe und er kann sich um den Garten kümmern. Er liebt Rosen, die schönsten Sorten wachsen bei ihm.

Die Spalierrosen – es sind drei, in Rot, Rosa und Weiß – liebt er besonders. Sie nehmen einen Teil der Hausrückwand ein. Sie wachsen wild ineinander und verströmen einen betörenden Duft. Heiner pflegt sie sorgfältig und spricht viel mit ihnen. Jede hat einen eigenen Namen. Die rote hieß Bella, die weiße Susanne und die rosafarbene, hat den schönen Namen Birte.

Seine linken Nachbarn, ein altes Ehepaar, sind immer sehr neidisch auf die Blütenpracht. »Wie machen sie das nur? Wir geben uns so viel Mühe, aber haben nie den richtigen Erfolg.«

»Wahrscheinlich liegt es mit am Dünger«, meint Heiner und gesteht lächelnd: »Ich liebe die Rosen, als seien sie meine Frauen – und ich spreche viel mit ihnen.«

»Ja, das haben wir schon oft gehört. Sie haben ihnen auch Frauennamen gegeben. Antworten die denn auch?«

»Das sehen sie doch!« Und er weist auf die üppige Blumengesellschaft, während er nur für sich hörbar murmelt: »Dumme Kuh.«

Im Grunde genommen stören ihn die Nachbarn nicht. Jeder blieb auf seinem Grundstück und man lässt sich gegenseitig in Ruhe. Und in der Nacht schliefen die beiden tief und fest. Außerdem waren sie schwerhörig. Das hatte Heiner bei einigen seiner Nachtaktivitäten festgestellt.

Ganz anders ist es mit den Nachbarn zur rechten Seite. Ein junges Ehepaar mit zwei Jungen von zehn und zwölf Jahren. Oft spielen sie im Garten Fußball. Und fast genauso oft fliegt der Ball auf Heiners Grundstück. Er hatte sich deswegen bei den Eltern beschwert. Aber die meinten, es sind nun einmal Jungen und etwas wild. Und es ist ja nur ein Garten. »Wir können sie ja nicht einsperren.«

Dagegen hatte Heiner wenige Argumente, aber bat sie dennoch, dafür zu sorgen, dass der Ball auf ihrem Grundstück blieb.

»Ich glaube, sie machen das mit Absicht«, wagte er noch einzuwenden.

»Kinderhasser! Kleinkarierter Gartenzwerg!«, – solche und diverse Schimpfworte mehr, hatten sie ihm an den Kopf geworfen. Danach wurde es noch schlimmer.

Aber er hatte es in der letzten Zeit ignoriert, weil er mit Sonny so viel zu tun hatte. Er konnte sie fast keine Minute allein lassen. Immer passierte ihr etwas – seit dem Unfall. Zum Glück hatte er den Rollstuhl seiner Mutter nicht weggegeben, obwohl er sich das oft vorgenommen hatte. Jetzt war er eine große Hilfe.

Gegen Mittag ging Heiner ins Haus und bereitete ein Mittagessen zu. Während der ganzen Zeit erzählte er Sonny, was alles er im Garten getan hatte und was er noch machen wollte.

Er erwartete keine Antwort.

Sonny hatte sich nie für seine Gartenarbeit interessierte. Aber er war froh und glücklich, dass sie da war, der ihm zuhörte.

»Wenn die Sonne heute Nachmittag scheint, können wir auf der Terrasse Kaffee trinken. Ich ziehe dir wieder ein schönes Kleid an. Ich denke, dieses Mal nehme ich das smaragdgrüne, das passt gut zu deinen rotbraunen Haaren. Weil die Sonne dich blenden könnte, bekommst du meinen Gartenstrohhut und die Sonnenbrille. Die frische Luft wird dir guttun. Ja, so machen wir das.« Ganz zufrieden summte er ihr Lieblingslied: »Du bist mein Sonnenschein.«

Dann schob er Sonny zum Ausruhen in das Gästezimmer, wo sie seit dem Unfall schlief. Vorsichtig legte er sie hin.

»Versuche, etwas zu schlafen. Du hast fast nichts gegessen. Du musst doch bei Kräften leiben. Versprich mir, dass du deinen Kuchen nachher aufisst. Ich habe ihn extra für dich gebacken. Ich weiß doch, dass du Süßes liebst. Bis nachher, Liebes.«

Dann kümmerte sich Heiner um den Haushalt. Es machte ihm keine Mühe, schon bei seiner Mutter Margarete hatte er sämtliche Arbeiten erledigt. Mit der Küche war er schnell fertig, obwohl er immer wieder einen schnellen Blick in den Garten warf. Von hier aus hatte er den Rosenbusch Margarete im Blick. Damit hatte seine Rosenliebe begonnen. Rund um Margarete hatte er den Garten, nach dem Tod seiner Mutter, völlig neu gestaltet. Kleine Wege und niedrige Rosenbüsche, gemischt mit Lavendel. Am Ende des Gartens hatte er eine kleine Laube, mit einer Steinbank, errichtet. So hatte er seinen Garten von zwei Seiten voll im Blick. Wenn er auf der Steinbank saß, schaute er auf die wunderschönen Spalierrosen.

Der Mittelpunkt des Gartens war immer Margarete und er ist immer ganz gerührt, wenn er sich das alles in Ruhe anschaut. Nur dieses Jahr blühte Margarete spärlich, genau wie die Spalierrosen. Heiner wusste den Grund, aber nächstes Jahr würden sie umso schöner blühen.

»Das hättest du nicht gedacht, Margarete«, murmelte er leise vor sich hin, »dass der Garten mal so schön werden würde. Du mochtest es ja nie, wenn ich im Garten gearbeitet habe. Du wolltest immer, dass ich bei dir sitze.«

Damals bestand der Garten auch nur aus einer Rasenfläche und ein paar Büschen. Wenn er versuchte ihr die Pläne zu erklären, sage sie nur: »Papperlapapp, das lohnt nicht.«

Heiner reckt und streckt sich. Es macht zwar viel Arbeit, denkt er, aber wieviel Freude und Genugtuung, wenn alles schön blüht.

Und leise bestätigt er sich: »Aber ich nehme auch nur den feinsten Dünger und passe auf, dass keine größeren Stücke dabei sind. So lässt er sich am besten unterarbeiten. Es ist nicht ganz einfach, an den richtigen Dünger heranzukommen. Aber ich habe da meine Quellen. Ich muss bald wieder für Nachschub sorgen, denn mein Vorrat geht langsam zur Neige.« Heiner lächelte, zufrieden mit sich und der Welt.

Dann beginnt er alles für den Kaffeetisch auf der Terrasse herzurichten. Das Wetter würde sich halten. Er kleidet Sonny an und flechtet aus ihren langen, rotbraunen Haaren, auf die sie so stolz ist, einen Zopf. Dann setzt er ihr Hut und Sonnenbrille auf und schiebt sie nach draußen.

»Ich weiß, du magst den Hut und die Brille nicht, aber die Sonne würde dich sonst zu sehr blenden und deinen Augen wehtun.«

Er kümmert sich wirklich um alles: »Ich habe den Sonnenschirm etwas schräg gestellt, damit du im Schatten sitzen kannst. Ist es gut so? Ja, so ist es perfekt«, sagt er.

Er wieselt um sie herum. Schenkt Kaffee ein, legt ein Stück Kuchen auf ihren Teller und zerteilt ihn in kleine Häppchen.

»So, mein Liebling, und nun guten Appetit.«

Mit einem Seufzer lässt er sich auf seinen Platz nieder und beginnt zu essen. Ab und zu zeigt er mit seiner Gabel auf Dinge im Garten. Auf die Vogeltränke, wo wie immer ein reger Betrieb herrscht oder auf die neu gepflanzten Blumen. Er erklärt Sonny genau, was er alles noch vorhat. In seinem Garten gibt es immer etwas zu tun.

Sonny hört geduldig zu.

Nach dem Tod seiner Mutter hatte er ein paar Mal versucht eine Partnerin zu finden.

Dreimal insgesamt. Aber jedes Mal war es schief gegangen. Sie konnten es einfach nicht akzeptieren, dass sie nicht an erster Stelle kamen.

»Außerdem sprichst du mit den Pflanzen, du bist doch bekloppt«, sagte die eine.

Er hatte sich von allen getrennt und fast schon die Hoffnung aufgegeben, als er Sonny traf.

Jetzt saß er hier mit ihr auf der Terrasse und überlegte, wie es gekommen wäre, wenn er sie nicht getroffen hätte. Als er sie vor einem Jahr kennen lernte, war sein Garten in voller Blüte und zu einem Rosenparadies herangewachsen Sie war tief beeindruckt und wollte überhaupt nicht mehr gehen. Heiner erging es genauso, er wollte, dass sie blieb, und das für immer. Der Sommer war voll Liebe und Träume. Am Ende des Herbstes war alles im Garten bestellt, und Heiner richtete sich auf einen gemütlichen Winter ein.

Erst im Frühjahr würde wieder die richtige Arbeit im Garten beginnen. Jetzt würden sie gemütliche Tage am Kamin haben. Er mit seinen Pflanzenprospekten und Sonny wahrscheinlich mit einer Handarbeit oder einem gutem Buch. Genau wusste er das nicht, denn er hatte Sonny noch nie mit einem Strickzeug oder einem Buch gesehen. Im Liegestuhl lag sie meistens nur mit einer Zeitschrift über Mode oder die Reichen und Schönen. Oder sie sonnte sich nur. Aber die Zeiten waren nun erst einmal für mehrere Monate vorbei.

Im Laufe des Winters wurde Sonny unzufrieden. »Ich brauche die Sonne, im Haus ist alles so eng und muffig. Ich fühle mich eingesperrt«, sagte sie zu Heiner.

Sie machte Pläne für eine Reise in den Süden und versuchte, Heiner das schmackhaft zu machen. Der aber wollte nicht verreisen. Und schon gar nicht in den Süden. Er sagte: »Ich würde meinen Garten zu sehr vermissen.«

Denn auch jetzt, wo alles winterfest war, ging er jeden Tag einmal hinaus und sprach mit seinen geliebten Rosen. Besonders intensiv mit den Spalierrosen und mit Margarete.

Vor Weihnachten gab Sonny Heiner ihren Wunschzettel. Eine sehr teure Handtasche und Schuhe standen ganz oben auf der Liste. Dann folgten noch einige preiswertere Dinge, zum Beispiel Parfüm und Kosmetik.

Heiner schaute sich verdutzt den langen Zettel an und fragte sie: »Welches Teil würdest du denn am liebsten haben? Was soll ich kaufen?«

»Alles!«, war ihre Antwort.

Das würde sein Konto sprengen. Noch nie hatte er es überzogen, oder den Dispo in Anspruch genommen.

Innerlich sträubte sich bei ihm alles. Aber dann sagte er sich: »Sonny ist etwas Besonderes.«

Und er nahm das Geld vom Sparkonto, das eigentlich für Notfälle gedacht war. Ihre Freude und Dankbarkeit war riesig und er glaubte, das Richtige getan zu haben.

Im Februar wurde Sonny zum ersten Mal laut. Sehr laut und sie beschimpfte ihn.

»Du bist ein Versager und Geizhals. Wenn du willst, dass ich bei dir bleibe, musst du schon etwas springen lassen. Ich kann jeden Mann haben, alle wollen sie mich verwöhnen. Überlege es dir gut, wer ist dir wichtiger, dein Garten oder ich.«

Heiner war geschockt. Seine lustige Sonny, immer hatte sie ein keckes Lächeln oder ein kleines Lied auf den Lippen. Jetzt war sie zu einer Furie geworden. Er überlegte: Ich muss ihr wohl etwas mehr bieten, wenn sie bei mir bleiben soll.

Daraufhin buchte er eine Woche Gran Canaria. Sparkonto hin oder her, er wollte eine glückliche Sonny. Danach überschüttete sie ihn mit Liebkosungen und Streicheleinheiten.

Auf Gran Canaria war sie in ihrem Element. Abends saßen sie noch in der Bar und es fand sich immer jemand, der mit ihr tanzte. Ein paar Mal hatte sie versucht, Heiner auf die Tanzfläche zu locken, aber das lehnte er strikt ab. Es passte ihm nicht, wie Sonny sich auf der Tanzfläche gebärdete. Wie eine Discoqueen. Er selbst, der nicht tanzen konnte, wollte sich daneben nicht wie ein dicker Tanzbär darbieten.

Am vorletzten Abend war ein Karaoke-Wettbewerb geplant. Sonny wurde ganz hibbelig. »Ich brauche ein neues Kleid. Ich will da mitsingen und Schuhe brauche ich auch. Du willst doch nicht, dass ich dich blamiere.«

Sie verlangte Heiners Kreditkarte.

Zähneknirschend gab er sie ihr. »Bitte übertreib es nicht, wir sind nicht so reich«, gab er ihr noch mit auf den Weg.

»Nein, natürlich nicht, Schatz.« Kuss, Kuss und weg war sie.

Nach drei Stunden kam sie freudestrahlend wieder zurück, drei mittelgroße Tüten bei sich. Wenn die Tüten nicht so groß sind, wird es wohl nicht so teuer gewesen sein, dachte Heiner naiv.

»Ich war noch zum Friseur und zur Kosmetik. Ich werde heute Abend die Schönste sein – nur für dich. Die neuen Sachen bekommst du erst heute Abend zu sehen. Bei meinem Auftritt.«

Auftritt, dachte Heiner, wie sich das anhört. Als wenn ein Star auf die Bühne geht.

Den ganzen Sommer hatte sie über solche Ideen kein Wort verloren. Sie war am Boden zerstört, als er sie kennenlernte. Sie erzählte ihm, sie hätte eine böse Trennung hinter sich. Der Kerl hätte sie belogen und betrogen. Und zum Schluss auch geschlagen. Dann hatte er ihr alles weggenommen und sie rausgeschmissen. Sie hatte nur eine kleine Reisetasche bei sich, mehr besaß sie nicht und sie wusste nicht wohin.

Jetzt, wollte sie ein Star sein. Heiner wusste nicht, was er davon halten sollte. Am Abend warteten im Publikum viele auf den Auftritt ihrer Liebsten?

»Ich bin die Vorletzte«, hatte Sonny zu Heiner gesagt. »Ich konnte das mit Axel so einfädeln. Gut, nicht wahr? Bei den letzten Auftritten hat das Publikum nämlich schon vergessen, was die Ersten gesungen haben. Und zum Schluss wird abgestimmt. Ich sage dir, mein Outfit wird dich umhauen.«

Verschwörerisch kniff sie ein Auge zu.

Wer ist Axel, fragte sich Heiner? Er hatte noch nie etwas von ihm gehört. Was hatte er da verpasst?

Eigentlich war er der Meinung, sie hätten fast alles gemeinsam gemacht. Aber irgendwo gab es da eine Lücke und er wusste nicht, was da passiert war. Auch Heiner saß gespannt in der Menge.

»Du musst nicht von Anfang an dabei sein, die anderen taugen sowieso nichts«, hatte Sonny noch abschätzend gesagt.

Aber er wollte den ganzen Ablauf sehen, obwohl er mit Karaoke nichts am Hut hatte. Er bekam Sonny die ganze Zeit vor ihren Auftritt nicht zu Gesicht. Die anderen Teilnehmer huschten ab und zu mal zu ihren Männern oder Frauen. Aber Sonny nicht. Sie will mich überraschen, sagte er sich – und das gelang ihr zu hundert Prozent.

Mit Entsetzen und Scham sah Heiner, was sie aus sich gemacht hatte. Sie sieht aus wie eine Nutte. Vielleicht ist sie ja eine? Was weiß ich denn überhaupt von ihr?

Ihr Kleid, wenn man es so nennen wollte, war ein klitzekleines glitzerndes Ding. Es bedeckte gerade mal den Hintern. Oben ließ es so viel Freiraum – Heiner hatte Angst, es rutscht gleich etwas heraus.

Sonny hatte diese Angst anscheinend nicht, denn sie bewegte sich so leicht und locker, als wenn sie nie etwas anderes gemacht hatte. Auf ihre rotbraunen Haare, die sie offen trug, hatte sie einen glitzernden Zylinder gesetzt. In der Hand hielt sie einen silbernen Spazierstock. Man hatte für sie einen Stuhl auf die kleine Bühne gestellt. Da stand sie kess, einen Fuß auf den Sitz gestellt. Sie imitierte Marlene Dietrich. Das Lied, »Ich bin die fesche Lola«, kannte sie auswendig, bemerkte Heiner.

Sie musste überhaupt nicht auf den Prompter schauen und man merkte, dass sie nicht zum ersten Mal vor Publikum sang. Ihre Bewegungen waren sicher, manche wirkten leicht obszön.

Sie war so stark geschminkt, dass Heiner sie im ersten Moment nicht erkannt hatte.

Wenn sie einen Schmollmund machte und ihre Hand langsam vom Oberschenkel in Richtung Scham wanderte, johlte die Menge. Heiner wand sich und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Das war nicht seine Sonny. Er schämte sich für sie.

Aber Sonny fühlte sich wohl und genoss die Aufmerksamkeit. Genau wie sie vermutet hatte, wurde sie zur Siegerin gekürt. Stolz ließ sie sich die Schärpe umbinden.

Eine Riesenflasche Champagner war der Preis. Sie ließ sich von allen Seiten feiern. Alle Kerle wollten sie küssen und Sonny genoss es. Um Heiner kümmerte sie sich überhaupt nicht mehr. Es war fast so, als wenn er nicht existierte. An ihrer Seite war ein hochgewachsener Jüngling. Braungebrannt, mit blondierten Haaren.

Heiner fiel es wie Schuppen von den Augen: Das war also AXEL.

Er war Fitnesstrainer hier im Club und Sonny war jeden Tag in seinen Kurs gegangen.

Heiner hatte sich gewundert, denn zu Hause machte sie nur Liegestuhlsport. Auch das Kochen und die Arbeiten im Haushalt mochte sie nicht. Zweimal hatte sie gekocht. Ehrlicherweise musste Heiner zugeben: Es war ungenießbar. Der Nudelauflauf war furztrocken und die Kartoffelsuppe angebrannt.

Heiner hatte zu ihr gesagt: »Lass man, ich mach das wieder.«

Es kam kein Einwand, keine Widerrede von ihr. Später hatte er ein paar Mal gedacht: Ob sie es wohl absichtlich gemacht hatte, weil sie dazu keine Lust hatte.

Nachdem sie aus Gran Canaria zurück waren, suchte Sonny bei jeder Gelegenheit Streit. Sie wollte ausgehen und tanzen. Auch eine Ausbildung als Sängerin schwebte ihr vor. »Alle haben gesagt, dass ich begabt bin«, jammerte sie.

Heiner musste aber oft in der Nacht arbeiten, und eine Gesangsausbildung kam überhaupt nicht in Frage. »Das kann ich mir nicht leisten«, sagte er ehrlich zu ihr.

Sonny schmollte: »Dann gehe ich eben mit meiner Freundin aus.«

Heiner hatte noch nie von einer Freundin gehört. Deswegen wunderte er sich, sagte aber nichts. Als er das nächstes Mal Nachtdienst hatte, nahm Sonny es ganz ruhig hin, ohne zu murren oder still zu schmollen.

»Ach,du Armer«, meinte sie. »Ich werde mir einen Film im Fernsehen ansehen«, küsste ihn auf die Wange und lächelte ihn lieb an.

Heiner starrte sie erstaunt und ungläubig an. Dieses nette Getue ließ ihn misstrauisch werden. Früher als er gesagt hatte, kam er wieder zurück. Das Licht im Wohnzimmer brannte, der Fernseher lief, aber keine Sonny im Haus. Heiner setzte sich an den Küchentisch und überlegte.

Was würde passieren, wenn er Sonny dabei ertappte, dass sie fremdging. Dann musste er reagieren. Aber er wollte, dass sie bei ihm blieb. Nicht so wie bei den drei anderen, von denen er sich trennen musste, weil sie kein Verständnis für den Garten hatten. Bei der Gartenarbeit hatte Sonny nie mit ihm gemeckert.

Er entschied sich, wieder wegzufahren und zur gesagten Zeit wieder zurückzukommen. Dann konnte er so tun als wenn er von nichts wusste.

Bei seiner Rückkehr lag Sonny im Bett und schien zu schlafen. Nur ein kleiner Rest vom Make-up und der Geruch nach Sex verriet sie.

Aber Heiner sagte kein Wort. Wie sollte er reagieren? Er konnte doch die Nachtarbeit nicht aufgeben. Erstens verdiente er da mehr als am Tag – und das war wichtig für Sonnys Wünsche. Zweitens kam er nur dann an diesen besonderen Dünger. Er konnte immer etwas abzweigen. Alle vertrauten ihm, denn dreißig Jahre in einer Firma ist eine lange Zeit. Auf den Dünger wollte er auf keinen Fall verzichten, das war er seinen Rosen schuldig. Er war durch Zufall an den Dünger gekommen, als er den Rosenbusch für seine Mutter pflanzte. Heiner war in einer Zwickmühle. Was sollte er noch alles aufgeben, damit Sonny bei ihm blieb?

Zwei Tage später: Heiner kam gegen Mittag vom Einkaufen zurück. Den Wagen hatte er auf der Straße stehen lassen. Leise ging er ins Haus und horchte. Wahrscheinlich lag Sonny im Liegestuhl auf der Terrasse, denn die letzten Tage waren schon angenehm warm, obwohl es erst Anfang Mai war. Dann aber meinte er von oben aus dem Schlafzimmer ihre Stimme zu hören.

Ja, er hörte sie ihr Lieblingslied singen: »Du bist mein Sonnenschein.« Am Anfang hatte er gedacht, sie singt es nur für ihn. Genauso das andere Lied, »Ich bin von Kopf bis Fuß …« usw.

Bis er eines Besseren belehrt wurde. Heiner hatte einen neuen Duft für Sonny gekauft und schlich leise die Treppe hoch. Er wollte sie überraschen. Die Schlafzimmertür stand halb offen. Dann sah er sie, Sonny stand nackt vor dem großen Spiegel. Ihre Augen hatte sie geschlossen. In einer Hand hielt sie ihr Handy und sang hinein. Mit der anderen Hand streichelte sie sich. Zwischendurch stöhnte sie und stieß kleine Schreie aus. Dann riss sie plötzlich die Augen auf und schrie: »Ja, jetzt, Axel!«

Heiner stand wie angewurzelt und starrte entgeistert auf das Bild. Sonny hatte ihn nicht bemerkt. Angeekelt tastete er sich vorsichtig die Treppe wieder hinunter. In Panik lief er aus dem Haus und fuhr weg. Seine Einkäufe hatte er noch an sich gerissen. Sie sollte nicht wissen, dass er sie gesehen hatte. Er schämte sich – auch für sie.

Was war das nur für eine Frau? Was kam als nächstes? Axel in seinem Bett, mit Sonny? Konnte sie denn nicht wenigstens warten bis er zur Arbeit ging? Er schrie und schimpfte, Alle Schläge, die er Sonny nicht geben konnte, bekam jetzt sein Lenkrad. Plötzlich stand er vor seiner Bank. Wie ferngesteuert war er hier gelandet. Immer noch wütend, aber gefasst, ging er hinein.

Heiner ließ Sonnys Karte und jeden Zugriff auf das Konto sperren. Denn in der letzten Zeit hatte sie immer wieder Beträge abgehoben. Dadurch musste er das Konto oft ausgleichen, indem er das Geld vom Sparkonto nahm. Aber auch da zeigten sich schon Lücken.

Bei der Rückkehr machte er viel Lärm und Getöse. Er rief nach Sonny und gab ihr das Parfüm.

Sie tat ganz verschlafen. »Ich bin im Liegestuhl eingeschlafen. Die Sonne scheint so schön.«

Bei dem Parfüm zog sie eine Flunsch und sagte enttäuscht: »Ach, das ist ja gar nicht mein Lieblingsduft.«

»Aber nun probiere es doch erst einmal. Mir gefällt er gut. Ich finde, er passt zu dir.«

»Na ja, ich kann es ja mal versuchen. Wann essen wir denn?« Dann trat sie hinter Heiner und scheuerte mit Ihrer Brust an Heiners Rücken. Dabei summte sie ihr Lieblingslied.

Heiner konnte seine Wut und seinen Ekel gerade noch unterdrücken und sagte gepresst: »Geh weg, ich muss kochen und danach zur Arbeit.«

»Ach immer nur Arbeit, niemals Spaß. Mein armer, kleiner Heiner.« Das ›kleiner‹, betonte sie extra stark.

Oh, wie gemein konnte sie sein. Er knirschte mit den Zähnen, sagte aber nichts. Er wusste, dass er fast einen Kopf kleiner war als sie. Aber wenn sie mein Geld nimmt, bin ich nicht klein, dachte er.

»Geh weg«, sagte er noch einmal.

Maulend ging Sonny ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher auf volle Lautstärke.

Plötzlich zitterte Heiner, die Wut überschwemmte ihn wie eine Woge. Er verließ fluchtartig das Haus und dachte nicht mehr daran, etwas zu kochen. Was bildete sich Sonny eigentlich ein. Wer war er denn, dass er sich alles gefallen ließ.

Er fuhr in seine Gärtnerei, hier konnte er immer am besten abschalten und informierte sich über eine neue Spalierrose. Er würde sie so an die Rückwand setzen, dass die Terrasse von zwei Seiten eingerahmt wäre.

Er fachsimpelte noch mit dem Besitzer. Sie einigten sich, dass es besser wäre, noch zwei bis drei Wochen zu warten.

Auch im Mai gab es noch Frostnächte. Aber Heiner reservierte sich schon eine schöne, kräftige Pflanze. Nächstes Jahr würde sie schon mit den anderen um die Wette blühen. Dann fuhr er in die Firma und war froh, dass er die nächsten Nächte arbeiten musste. Er wollte Sonny im Moment nicht sehen, solange er nicht wusste, was er machen sollte.

Am zweiten Tag nach seiner Nachtschicht kommt Heiner am frühen Nachmittag in die Küche. Am Tisch sitzt Sonny mit wütender, versteinerter Miene. Vor ihr liegt die große Gartenschere, mit der Heiner die Hecken schneidet. In der Hand hält sie ein Brotmesser und sticht damit wieder und wieder in einen Brotlaib, der vor ihr liegt.

Sie knurrt heiser: »So, da hast du es, mit mir nicht. Das lasse ich mir nicht gefallen.« Und sticht voller Wucht wieder zu.

Heiner steht versteinert in der Tür und fragt: »Was ist los?«

Mit wutverzerrter Miene dreht Sonny sich zu ihm. »Was los ist? Das fragst du noch? Hier, die kannst du dir sonstwo hinstecken«, und sie schmeißt Heiner die Scheckkarte vor die Füße.

»Wie stehe ich denn da in der Bank? Und ich beschwere mich noch, der Apparat wäre kaputt. Außerdem erfahre ich, dass ich nichts mehr vom Konto abheben kann. Hinter meinem Rücken haben die sich sicherlich kaputtgelacht. Haha, die dumme Pute von Heiners Gnaden.«

Dann fegt heftig die Gartenschere vor seine Füße.

»Du Geizhals kannst dir ja mal anschauen, was ich dir Schönes in deinem Garten bereitet habe. Du wirst deine wahre Freude haben.«

Heiner stürzt raus und Sonny lacht hämisch hinter ihm her. Kein Wort kommt über seine Lippen, nur ein tiefer Seufzer. Und die Tränen strömen ohne Unterlass. Die Spalierrosen hatte sie bis auf dreißig Zentimeter gekürzt. Wahllos gewütet und alles niedergetrampelt. Auch von Margarete steht nur noch ein kleiner Busch.

»Warum«, fragt er leise? »Warum«, schreit er sie an? Das sind auch Lebewesen und sie haben dir nichts getan. Warum hast du deine Wut nicht an mir ausgelassen?«

»An dir?«, lacht sie laut. »So tut es dir doch viel mehr weh.« Es ist ein hässliches Lachen, fast ein Kreischen. Sie kann sich überhaupt nicht beruhigen. Es ist ein richtiger Anfall.

»So bist du deine ach so geliebten Rosen und mich los. Denn ich werde gehen und du wirst mir noch Geld dazugeben. Denn sonst…«

Mit einem Ruck reißt sie das Messer aus dem Brot und geht auf ihn los.

»Du wirst keine ruhige Minute mehr haben. Einschlafen würde ich an deiner Stelle lieber nicht. Wer weiß, ob du dann noch aufwachst?«

Plötzlich, er weiß nicht wie, hatte er das Messer in der Hand und sticht zu. Einmal und noch einmal. Sonny schaut ihn erstaunt an und lächelt. Dann sackt sie langsam in sich zusammen. Heiner fängt sie auf und setzt sie auf den Küchenstuhl. Langsam kommt er wieder zu sich. Viel Blut ist nicht zu sehen.

Er bringt sie ins Bad und schaut sich die Wunden genauer an. Es gibt einen Stich am Oberarm, der blutet.

Dann noch einen Schnitt am Rücken, der aber nur sehr wenig blutet. Glück gehabt, denkt Heiner, das ist halb so schlimm. Er verarztet die Wunden und trägt Sonny in ihr Bett. Er gibt ihr noch etwas gegen die Schmerzen. Sie hatte noch keinen Ton gesagt und so getan, als wenn sie die Beine nicht bewegen kann.

»Du weißt, dass ich dir nicht weh tun wollte«, stammelte er. »Es war Notwehr. Bitte sag doch etwas. Was soll ich machen. Möchtest du, dass ich einen Arzt rufe?«

Aber Sonny sagte nichts und schloss nur die Augen.

»Ist gut, ich lasse dich schlafen, ruh dich aus. Ich räume inzwischen den Garten auf. Bevor ich zur Arbeit fahre, komme ich noch einmal zu dir.«

Gut zwei Stunden schuftete er im Garten. Immer wieder lief ihm der Schweiß in die Augen. Aber er wusste, es war nicht nur Schweiß, auch viele Tränen waren dabei.

Er konnte das Weinen nicht abstellen und ließ sich völlig erschöpft auf die Steinbank nieder. Wie sah alles so trostlos aus. Ob sich die Rosen jemals wieder erholen würden? Die ganzen Jahre Arbeit – alles umsonst. Leise sprach er mit seinen Rosen: »Bella, Susanne, Birte, ihr müsst jetzt stark sein. Bitte lasst mich nicht im Stich. Ihr habt es doch gut gehabt bei mir.«

Zu Margarete sprach er noch eindringlicher, »Los Margarete, ich weiß, du bist stark, lass dich nicht unterkriegen!«

Danach ging er ins Haus, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Plötzlich hörte er auf der Treppe ein lautes Gepolter. Sonny hatte sich chic angezogen und wollte sich rausschleichen. Auf der Treppe musste ihr schwindelig geworden sein. Nun lag sie etwas verdreht am Fuß der Treppe.

Ihr Koffer war aufgesprungen und der Inhalt hatte sich auf den Boden verteilt. Heiner sah nur Sonny. Ihr Gesichtsausdruck war der eines erstaunten Kindes. Sie hob mühsam den Kopf und eine Hand, ließ dann aber beides kraftlos sinken.

Heiner war geschockt: »Sonny, Sonny was machst du denn? Warum willst du mich denn unbedingt verlassen? Ich liebe dich, egal was kommt. Ich will, dass du bei mir bleibst. Oh, meine Sonny.«

Vorsichtig hob er sie hoch. Sie hing in seinen Armen wie eine Puppe. Dann brachte er sie wieder in ihr Bett. Seither hat sie kein Wort mehr mit Heiner gesprochen. Auch ihre Beine kann sie seit dem Sturz nun wirklich nicht mehr bewegen. Sie ist voll und ganz von Heiner abhängig. Aber er tut alles für sie.

Jetzt, wo sie auf der Terrasse sitzen und Kaffee trinken, muss Heiner sie immer wieder anschauen.

Ja, Sonny wird für immer bei ihm sein. Sie kann nicht weggehen, das ist sicher. Er erhebt sich. Langsam wird es Zeit, wieder ins Haus zu gehen. Er steht seitlich vor Sonny und will gerade den Rollstuhl ins Haus bringen, als ein Ball angeflogen kommt.

Er rollt direkt vor seine Füße. Wütend bückt er sich und schleudert ihn dem heranlaufenden Jungen entgegen. »Wenn ich dich noch einmal erwische, kannst du was erleben.«

Heiner steht mit geballten Fäusten da. »Meine Frau ist sehr krank, da könnt ihr doch Rücksicht nehmen.«

Die spöttische Miene des Jungen vergeht und etwas bedrippelt sagt er: »Oh, es tut mir leid. Wir werden daran denken.« Und weg ist er.

Heiner steht stocksteif vor Sonny und wagt sich nicht zu rühren, bis der Junge weg ist. Beim Bücken nach dem Ball, war Heiner ganz leicht an den Rollstuhl gekommen.

Jetzt spürt er, dass eine Hand von Sonny vom Tisch gerutscht ist und gegen sein Bein baumelt. Beim Umdrehen sieht er, dass Sonnys Strohhut verrutscht ist. Ein Anblick zum Fürchten. Der Arm baumelt lose und das Gesicht ist halb bedeckt.

Wie bei einer Toten. Was ist, wenn der Junge das gesehen hat? Das würde er bestimmt nicht für sich behalten. Seine Eltern würden ihm die Behörde auf den Hals hetzten.

Er greift schnell den Rollstuhl und fährt ihn rein. Die ganze Zeit spricht er mit Sonny: »Du hast recht. Ich finde es auch unerhört mit den Jungen. Aber es sind Kinder. Ich glaube, jetzt haben sie es kapiert. So schnell wagen sie es nicht wieder.«

Aber Heiner ist klar: So kann es nicht weitergehen. Er muss jetzt handeln. Die ersten zwei Wochen nach Sonnys Unfall war er ja noch krankgeschrieben.

Aber jetzt arbeitet er wieder und es konnte immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Das war ihm jetzt klar. Das heutige Erlebnis im Garten hatte eine Schranke eingerissen. Es war Zeit für Veränderungen. Er packt Sonnys Sachen, die inzwischen drei Koffer füllen.

»Ja, schau nicht so traurig, mir tut es ja auch leid. Aber so kann es nicht weitergehen. Du wirst sehen, eine Luftveränderung wird dir guttun. – Du weißt, ich habe alles versucht, aber ich muss auch an mich denken.«

Nachdem er auch ihre Kosmetikartikel verpackt hat, macht er noch ein leichtes Abendessen. Dann fährt er kurz vor 22 Uhr den Wagen aus der Garage. Er grüßt die Nachbarin, die immer um diese Zeit mit ihrem Hund noch einmal Gassi geht.

»Wie geht es Ihrer Frau?«, fragt sie.

»Meiner Frau geht es nicht gut«, sagt Heiner. »Ich habe jetzt für sie eine Klinik gefunden, dort bringe ich sie heute hin. Aber Sonny mag es nicht, wenn die Leute sie so anstarren, darum fahre ich in der Nacht. Morgen komme ich schon wieder zurück. Bis dann.«

»Dann wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt. Gute Besserung für Ihre Frau. Sie haben sich auch wirklich aufgeopfert. Wenn alle Männer so wären, gäbe es keine Scheidungen mehr.«

»Ja, da haben sie recht, die wären dann überflüssig.«

Endlich geht die Nachbarin weiter. Der Hund hatte schon die ganze Zeit an der Leine gezogen. Aber sie wollte ihr Schwätzchen halten. Heiner war es recht, so würde es die ganze Siedlung erfahren und er musste nichts erklären.

Dann verstaute er das Gepäck im Auto, einschließlich Rollstuhl. Er ist sicher, hier im Haus würde er ihn nie wieder gebrauchen. Dann trägt er Sonny hinaus. Er ist gerade dabei sie anzugurten, als die Nachbarin zurückkommt.

»Fahren sie ja vorsichtig mit ihrer kostbaren Fracht«, ruft sie ihm zu.

»Da können sie sicher sein, ein Schlafender würde nicht aufwachen, so behutsam fahre ich. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, bis bald.«

»Ja, bis bald«, brummelt Heiner.

Auf der Fahrt erklärt er Sonny wieder, warum er sich nun doch von ihr trennen muss.

Aber sie antwortet auch dieses Mal nicht. Seit diesem schrecklichen Tag ist sie stumm wie ein Fisch. Naja, denkt er, jetzt ist es auch egal, es wird schnell gehen. Sie wird gar nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Heute Nacht hat er allein Dienst. Drei Körper sind zum Verbrennen vorgesehen. Nun würden es eben vier werden. Keiner würde etwas merken im Krematorium. Die Asche würde er mit nach Hause nehmen.Rosengarten.jpg

So wie bei den drei anderen.

Die neue Spalierrose wartet schon. Ab heute hat er dann für immer vier stumme Frauen um sich. Bella, Susanne, Birte und jetzt auch Sonny.

Aber Sonny würde seine Liebste sein und für immer sein Sonnenschein bleiben.

Leise summt er ihr Lieblingslied.

 

 

Die Seerose

 

»Hör endlich auf. Dein ewiges Gequake geht mir auf die Nerven. Nichts kann ich dir Recht machen.

Du meinst, ich verwöhne dich nicht genug.

Wir machen keine Fernreisen.

Du bekommst keinen Schmuck von mir.

Du willst Abwechslung und dich amüsieren.

Selbst mit dem Essen bist du nicht zufrieden.

Es ist dir zu wenig.

Du meinst du wirst nicht satt.

Dabei bist du schon ganz schön aufgebläht.

Den ganzen Tag muss ich mir das anhören.

Selbst in der Nacht gibst du keine Ruhe.

Ich kann es nicht mehr ertragen.Seerose.jpg

Nun mach nicht so große Augen. Ich brauche auch mal Zeit für mich.

Ich werde dich verlassen.«

 

Dreht sich um und mit einem großen Sprung landet er fünf Seerosenblätter weiter.

Quak! Quak!

 

 

Die Pralinenschachtel

 

Ich komme vom Joggen zurück und zögere kurz vor der Wohnungstür. Ich habe heute länger gebraucht, da ich auf der Bank am See fünfzehn Minuten eine Pause gemacht habe. Der leichte Sommerwind brachte den Wildblumenduft. Das Vogelgezwitscher und das leise Geräusch von den Wellen ließ mich vollkommen entspannen.

Ein bisschen habe ich ein schlechtes Gewissen und hoffe, Lisa wird nicht gleich mit Vorwürfen über mich herfallen. Leise schließe ich die Tür auf. Kein Geräusch empfängt mich. Weder aus aus dem Badezimmer noch aus der Küche.

Sollte Lisa noch schlafen? Es wäre möglich, in letzter Zeit war sie oft so erschöpft. Sie ist auch dünner geworden – zu dünn. Ich habe in der letzten Woche wiederholt versucht, mit ihr darüber zu reden. Sie will nicht zum Arzt und Ratschläge von mir zählen sowieso nicht.

Das käme nur davon, dass ich sie so oft allein lasse. Sie hätte nur Kummer und würde doch gut essen, wie ich sehen könnte. Ja, wenn ich dabei bin, isst sie viel, für meine Begriffe fast zu viel. Aber was passiert hinterher, frage ich mich?

Außerdem würde ich sie immer bedrängen, dass sie sich doch um Arbeit bemühen solle. Bisher sei aber nie das Richtige für sie dabei gewesen. Das belaste sie zusätzlich.

»Du mit deinem tollen Job, der dir so viel Freude macht … gerade du musst das doch verstehen«, sagt sie.

Ja, ich habe wirklich einen tollen Job. Ich vertrete eine große Pharmafirma und bin viel im Ausland unterwegs. Ich halte Vorträge und Seminare vor Ärzten und Apothekern. Es ist sehr abwechslungsreich und wird außerdem bestens bezahlt. Es macht mir nichts aus, für Lisa aufzukommen. Sie braucht jemanden, der für sie da ist. Meine Wohnung ist groß genug. Es gibt zwei Bäder und ein schönes großes Gästezimmer.

Aber immer tönt Lisa mir in den Ohren: »Ich will unter Menschen, ich will hier nicht versauern, in will in meinen Beruf zurück.«

Ich kann das verstehen, denn ich würde ohne Arbeit verrückt werden. Aber sie tut nichts dafür. Durch Freunde haben wir uns vor einem halben Jahr kennengelernt. Eines Tages stand sie vor der Tür, mit ihren Habseligkeiten. Ich konnte sie doch nicht wegschicken, diese kleine zarte Person, die mich so lieb anlächelte. Außerdem verstehen wir uns gut. Ich kann mit ihr über viele Dinge reden und ich muss nicht mehr die Nachbarin bitten, bei mir die Pflanzen zu gießen. Denn die ist die Neugier in Person und hat gern in den Schubladen geschnüffelt.

Leider gab es in den letzten Wochen vermehrt Probleme mit Lisa. Sie jammerte und schimpfte und ist nur noch müde.

Selbst das kleinste Lächeln kann ich ihr nicht mehr entlocken. Sie ist wahrscheinlich krank, aber will davon nichts hören. Ich kann sie doch nicht fesseln und zum Arzt schleifen. Was soll ich tun?

Leise schleiche ich in die Wohnung, ich will sie nicht aufwecken. Erst einmal duschen und dann mache ich uns ein schönes Frühstück.

Dabei werde ich ihr erzählen, dass uns heute Nachmittag ein Freund besuchen wird. Ich habe letzte Woche mit meinem Freund Olaf über Lisa gesprochen. Olaf ist Arzt. Er hat mir vorgeschlagen, uns am Sonntagnachmittag zu besuchen, ohne dass Lisa seinen Beruf kennt. Ich war sehr erleichtert über seinen Vorschlag. Nun muss ich nur aufpassen, dass Lisa nicht abhaut, was sie manchmal tut, wenn Besuch kommt.

Die Entspannung vom See wirkt auch unter der Dusche noch nach. Leise summe ich vor mich hin. So gut gelaunt und locker war ich schon lange nicht mehr. Während ich das Frühstück mache, dudelt das Radio und singe ich sogar einige Schlagertexte mit.

So langsam wird es Zeit die Schlafmütze zu wecken und sie zu fragen, ob sie in der Küche oder im Wohnzimmer frühstücken möchte. Langsam öffne ich ihre Zimmertür. Die Vorhänge sind noch zugezogen.

Aber im Bett ist keine Lisa. Was ist nun los? Ich stürze zum Kleiderschrank. Ihre Sachen sind alle noch da. Dann wird sie im Wohnzimmer sein. Vielleicht ist sie auf dem Sofa wieder eingeschlafen. Nein, auch da keine Lisa. Das verstehe ich nicht.

Mein Blick wandert durch den Raum und dort, am Esstisch – da sehe ich Lisa. Ihr Kopf liegt auf dem Tisch. Was ist los? Sie ist doch da nicht etwa eingeschlafen? Dann sehe ich: Ihr Gesicht liegt mitten in einer Pralinenschachtel.

Wie furchtbar, in meinen Pralinen! Ich habe die Schachtel vor zwei Tagen zum Geburtstag bekommen. Aber wieso liegt ihr Gesicht direkt da drin? Irgendwie sieht sie komisch aus – so tot. Ich fühle ihren Puls am Hals. Nichts!

Also tatsächlich tot!

Ich stehe vollkommen ratlos neben ihr. Ganz in Gedanken stecke ich zwei Pralinen, die neben der Schachtel liegen, in den Mund.

Was soll ich tun? Ich muss wohl die Polizei rufen. Mir gehen die verrücktesten Sachen durch den Kopf. Igitt, denke ich, die Pralinen sind alle versaut. Was hat sie sich dabei gedacht, an meine Pralinen zu gehen? Ich gehe doch auch nicht an ihre Sachen.

Wer weiß, wofür das gut ist, sagt eine gehässige Stimme in mir. So bist du sie wenigstens los. Sie war ja in der letzten Zeit eine richtige Last. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Wie kann ich nur so etwas denken. Das wird der Schock sein. Ja, ja, sagt der Teufel im mir. Schieb nur alles auf den Schock. In Wahrheit bist du doch froh. Nach außen hin tust du lieb und sympathisch. Aber wie es in deinem Inneren aussieht, das weiß ja keiner. Du kleiner Teufel. Willst du wirklich die Polizei anrufen? Warte doch, dein Olaf kommt doch nachher. Der kann den Totenschein ausstellen. Der weiß, was zu tun ist – ganz unkompliziert.

Diese Stimme in mir, ich bringe sie nicht zum Schweigen. Ich klopfe gegen meinen Kopf und sage laut: »Sei endlich still, ich will nichts mehr hören!« Bisher hat das immer geholfen.

Ich werde erst einmal frühstücken, denn für heute werde ich alle meine Kräfte brauchen. Vorsorglich schließe ich die Wohnzimmertür ab. Man weiß ja nie. Denn die neugierige Nachbarin rauscht immer gleich durch. Während des Frühstücks werde ich meine weiteren Pläne überlegen. Was soll ich machen? Soll ich Lisa einfach so in den Pralinen liegen lassen?

Vielleicht wäre es besser, sie würde im Bett liegen. Noch ist sie ja beweglich. Verdammt es gibt nur Probleme mit ihr. Während des Frühstücks rasen die Gedanken durch meinen Kopf.

Ich habe die Pralinen zum Geburtstag bekommen. Also waren sie für mich bestimmt. Was ist, wenn in den Pralinen Gift ist? Aber wer wollte mich vergiften? Wer hat mir die Pralinen eigentlich geschenkt? Ich grüble und stopfe gedankenlos das Frühstück in mich hinein.

Plötzlich verspüre ich einen starken Brechreiz. Ich springe auf und renne zur Toilette. Gerade noch rechtzeitig – ich gebe alles wieder von mir. Ich zittere am ganzen Körper, aber fühle mich gleichzeitig erleichtert. Wahrscheinlich erging es Lisa genauso, geht es mir durch den Kopf.

Ich muss mir Lisa noch einmal anschauen. Denn ihr Gesicht habe ich mir überhaupt nicht angesehen. Vorsichtig schließe ich die Wohnzimmertür auf und schleiche auf Zehenspitzen rein. »Was machst du«, zetert die Kopfstimme. »Du kannst doch laut sein. Tot ist tot. Sie hört nichts mehr. Aber zu ihren Lebzeiten hast du auch immer Rücksicht genommen. Wie oft hatte sie Kopfschmerzen und du bist auf Samtpfoten geschlichen. Du bist ein Weichei, hä, hä.«

Diese verdammte Stimme! Das muss endlich aufhören. Ob andere Menschen auch so etwas haben? Ich hebe Lisas Kopf hoch und schaue in ihr Gesicht.

Nein das darf doch nicht wahr sein. Das ist ja völlig unmöglich, ein Stück von einer Praline steckt noch halb aus ihrem Mund. Aber es ist kein Schaum oder eine andere Flüssigkeit zu sehen. Die Lippen sind trocken und spröde, aber nicht blau angelaufen. Also wahrscheinlich kein Gift.

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Ihre toten Augen blicken fast erstaunt. Der Tod muss eine Überraschung für sie gewesen sein. Was soll ich nur tun? Ob ich Olaf anrufe? Er könnte etwas früher kommen. Oder doch zuerst die Polizei? Je länger ich warte, desto schwieriger wird es. Dann setzt die Leichenstarre ein.

Ich schaue auf Lisa hinab. »Warum hast du mir das angetan?«, schreie ich sie an. »Wieso bist du nicht im Bett geblieben? Es kann ja an der Viertelstunde Verspätung nicht gelegen haben. Nur die kurze Zeit auf der Bank die ich mir gegönnt habe. Ich verstehe dich nicht!«

Ich werde sie doch in ihr Bett legen, überlege ich. Vorsichtig hebe ich sie hoch. Wie zart und leicht sie ist. Vielleicht ist ihr Herz einfach davongeflogen, wie ein kleines Vögelchen. Jetzt liegt das Vögelchen in seinem Nest und ich säubere ihren Mund. Mehr wage ich nicht. Zart lege ich die Decke über sie, als wenn sie es noch spüren kann. Sie sieht aus, als ob sie schläft. Ich werde jetzt Olaf anrufen, auch wenn er es nicht gern hat, dass ich ihn zu Hause anrufe; ein Arzt braucht die Ruhe der Familie. Aber das hier ist ein Notfall.

Schon nach dem dritten Klingeln hebt er ab und fährt mich gleich an: »Du sollst mich doch hier nicht anrufen.«

Bevor er weitersprechen kann, sage ich schnell: »Lisa ist tot, bitte komm so schnell du kannst her. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Ja«, kommt es von ihm, »in zehn Minuten bin ich da.« Im Hintergrund höre ich die Stimmen seiner Frau und der beiden Jungen. Es sind zwei wilde Rangen, die hecken immer etwas aus. Ich beneide Olaf um seine Familie. Ich bin jetzt Mitte dreißig, ich liebe Kinder und hätte auch gern eine Familie.

Aber das wird nie passieren. Denn, wie sagt man so schön: Ich bin schwul, und das ist cool! Bei mir haben die Partner oft gewechselt. Ein wenig Ruhe war bei mir eingekehrt, seit Lisa in meinem Gästezimmer wohnte. Wir lebten wie Bruder und Schwester. Sie hat nie etwas gesagt wenn ich Besuch bekam. Aber ich hatte Lisa gegenüber eine Scheu, ihr flüchtige Bekanntschaften vorzustellen.

Diese kleine zarte Person mit ihren riesigen Augen, ich hatte immer das Gefühl, sie schaut direkt in mich hinein. Ich glaubte, sie beschützen zu müssen. Aber das war ja gründlich danebengegangen. Ich hatte mich viel zu wenig um sie gekümmert. Selbst Olaf hatte ich ihr nicht vorgestellt. Olaf, den ich schon sehr lange kenne. Aber wir waren nie ein Paar. Denn Olaf ist bisexuell und hat sich für eine Familie entschieden.

Als Arzt kommt es besser an, wenn man eine Familie hat, meint er. Aber immer in Abständen finden wir zueinander. Wenn er sich mal wieder über seine Frau und Kinder ausheulen will. Ich sage nie nein und tröste so gut ich kann. Obwohl ich weiß, es ist höchstens für einen oder zwei Tage. Heimlich liebe ich Olaf schon immer. Aber nie, nie würde ich ihm das sagen. Wir studierten zusammen an der Uni und ich war Olafs erster Mann. Es war für ihn ein Schock, er hat lange gebraucht es zu akzeptieren, dass er bisexuell ist. Aber er würde nie seine Familie aufs Spiel setzen.

Pünktlich nach zehn Minuten ist Olaf da. Ohne weitere Erklärungen bringe ich ihn zu Lisa.

Als er ihren Oberkörper frei macht, sehe ich sein entsetztes Gesicht. Selbst mir geht es nicht anders. Ich habe Lisa immer nur bekleidet gesehen. Manchmal hatte sie sogar drei Pullover übereinander, weil ihr immer so kalt war.

»Ja«, sagt Olaf, »sie ist tot, wahrscheinlich ein Herzstillstand. Durch ihre Magersucht hatte sie keine Widerstandskraft mehr vorhanden. Ich schreibe den Totenschein aus.«

Mir gab er den Rat: »Du musst ihre Angehörigen benachrichtigen. Die müssen sich um die Bestattung kümmern. Sonst musst du das machen. Du rufst am besten sofort an.«

»Ja, sofort«, stottere ich, »kannst du nicht noch ein bisschen bleiben?«

»Eine Stunde habe ich Zeit, aber dann habe ich Termine.«

Mit feuchten Augen suche ich in meinem Adressbuch nach der Nummer. Der Anblick von Lisa ist mir doch sehr nahe gegangen. Endlich habe ich sie gefunden. Als Lisa bei mir einzog, habe ich sie um eine Kontaktadresse gebeten. Zuerst wollte sie mir keine geben. »Die sind alle für mich gestorben, die einzige Verwandte ist meine Oma, die liebt mich so, wie ich bin.« Plötzlich beginne ich unkontrolliert zu zittern.

»Ist gut, gib her, ich mach das schon«, sagt Olaf. Er hat mein Zittern zum Glück missverstanden. Als ich so dicht neben ihm stehe und den typischen Duft von ihm wahrnehme, hätte ich ihn am liebsten geküsst. Wie verrückt bin ich eigentlich?

Wir stehen hier an Lisas Leiche und ich wäre am liebsten mit Olaf ins Bett gehen. Dabei habe ich damals extra das Medizinstudium aufgegeben, weil ich mit dem Aufschneiden der Toten nicht zurechtkam. Ich habe dann auf Chemie gewechselt. Olaf sagte zwar, dass es auch ihn innerlich schüttelt, aber äußerlich hat er es lässig gemacht. Auch dafür bewundere ich ihn. Nein, ich bete ihn an. Aber ich werde es ihm nie sagen oder zeigen. Es gibt nur sehr wenige Personen die wissen, dass ich schwul bin.

Auf meinen Vorträgen habe ich immer wieder eindeutige Angebote von Frauen. Ich finde Frauen toll und die meisten sind auch noch amüsant. Ich beneide sie manchmal ein wenig. Warum? Sie dürfen farbige Kleidung tragen! Ich liebe Farben! In meinem Beruf muss ich mich aber immer dezent kleiden. Zum Glück ist blau meine Lieblingsfarbe und da gibt es ja genug Dezentes. Ab und zu leiste ich mir mal einen Ausrutscher und trage einen zarthellblauen Pullover. Plötzlich fällt mir ein, wer mir die Pralinen geschenkt hat. Mich überfällt wieder dieser schreckliche Brechreiz. Aber ich habe schon alles von mir gegeben. Tief einatmen und ausatmen, das wird schon wieder.

***

Wie konnte ich nur Michael vergessen.

Michael hat eine eigene Apotheke, beziehungsweise, seine Frau hat sie von den Eltern geerbt. Er könnte die Pralinen vergiftet haben. Aber nein, ich will es mir nicht vorstellen. Obwohl ich erst vor kurzem zu ihm gesagt habe, was für eine Plage er ist. Normalerweise beginne ich nie eine Liebelei in meinem Berufsumfeld. Aber vor ein paar Monaten haben wir uns auf einem Seminar kennengelernt. Ich stellte ein neues Arzneimittel vor und hinterher gab es eine Diskussionsrunde. Wir haben gleich erkannt, auf welcher Seite wir stehen.

Dann habe ich einen großen Fehler gemacht, und wir haben zwei Tage und Nächte miteinander verbracht.

Ich kann nicht erklären, wie es passiert ist. Es war für mich ohnehin nichts Ernsthaftes. Aber Michael hat seitdem keine Ruhe mehr gegeben. Er wollte sich von seiner Frau trennen und mit mir ein neues Leben beginnen.

Ich will kein neues Leben.

Mein bisheriges, gefällt mir gut. Darum bin ich neulich klar und deutlich geworden.

»Michael, ich will dich nicht in meinem Leben haben. Deine ewigen Anrufe sind nur lästig. Du bist eine Plage.«

Seine Gesichtsfarbe wechselte von knallrot zu leichenblass. Die Augen zu Schlitzen zusammengezogen, sagte er mühsam: »Du wirst es bereuen.«

Ja, jetzt weiß ich es wieder genau, die Pralinen sind von Michael. Sogar eine kleine Karte lag dabei. Lisa hatte sich noch über den komischen Spruch gewundert: »Die Plage, der Plage, auf dass niemand mehr klage.«

Sollte er die Pralinen geimpft haben? Erst jetzt wage ich, Olaf zu erzählen, wie ich Lisa gefunden habe. Und von meinem Verdacht. Stirnrunzelnd hört er mir zu.

»Nein«, sagt er, »es ist bestimmt kein Gift. Aber warum hast du Lisa denn nicht so gelassen?«

»Ich fand es so entwürdigend, wie sie mit dem Gesicht in den Pralinen lag. Ich kann es dir nicht erklären, aber ich habe mich für sie geschämt.«

Er zeigt mir den Vogel. »Dann muss das aber unter uns bleiben und der Oma darfst du auch nichts erzählen«, meint er.

Ach Gott, die Pralinen, die habe ich total vergessen. Die müssen noch auf dem Esstisch rumliegen. Ich muss sie einsammeln, dabei kann ich feststellen, ob Lisa überhaupt eine davon gegessen hat. Aber bis auf meine zwei und die eine die Lisa im Mund hatte, fehlt nichts. Ich bin erleichtert, also war es Herzversagen. Ich packe alle in die Schachtel und bitte Olaf, eine Analyse machen zu lassen. Ich erzähle ihm von dem Brechreiz und dass mir immer noch übel ist. Auch von Michael und seiner komischen Art mit der Karte. Auch mein Verhalten beschönige ich nicht.

»Du hast ihn wahrscheinlich sehr gekränkt«, meint Olaf, »aber ich werde das erledigen.«

Ich bin erleichtert, denn ich muss Gewissheit haben.

Als Lisas Oma kommt, geht Olaf so lieb mit ihr um, als wenn es seine eigene Oma wäre. Er hat sie gleich in den Arm genommen und getröstet. Nach dem ersten Schock, ist sie ruhig und vernünftig. Sie hatte nur kurz das Nachthemd von Lisa etwas angehoben. Man sah ihrem Gesicht an, dass sie über Lisas Zustand Bescheid wusste.

Jetzt sitzen wir drei in der Küche bei starkem Kaffee. Wir haben die Oma in die Mitte genommen. Olaf streichelt ihre Schulter und ich ihre Hand. Sie erzählt uns Lisas Geschichte:

»Alles begann, als Lisas Mutter starb. Sie wollte einfach nichts mehr essen. Ihr Vater hat sie einweisen lassen. Nach der Kur ging es ihr auch wieder ganz gut. Bis sie ihren Job verlor. Ich habe sie dann zu mir genommen. Aber sie hat ein System entwickelt, uns alle zu täuschen. Als sie bei dir einzog habe ich gedacht, jetzt geht es wieder aufwärts. Sie hat so geschwärmt. Richtig euphorisch war sie. Aber das hätte mich stutzig machen müssen. Es tut mir weh, dass sie ihr Leben so weggeworfen hat.«

Olaf tröstet und wiegt die Oma in seinem Arm.

Kein Wort mehr wegen Termine. Ich bewundere ihn, er ist ein absoluter Familienmensch. Nur Lisas Oma ist jetzt wichtig.

»Ich muss jetzt meinem Schwiegersohn Bescheid geben«, sagt Lisas Oma. »Auch er hat mit Lisa sehr gelitten. Sein einziges Kind und das alles gleich nach dem Tod seiner Frau, meiner Tochter. Wir konnten nicht zusammen trauern. Zu dritt wären wir stark gewesen, aber so war jeder für sich allein. Ich sage dann Bescheid, wann die Beerdigung ist.«

Als Lisas Oma weg ist, sitzen wir beide noch einen Moment am Küchentisch. Ich sehe Olaf die Anstrengung an. Mein Olaf, es tut mir weh, wenn ich ihn so erschöpft sehe. Aber gleich darauf rappelt er sich wieder hoch. Energisch verlangt er die Pralinen.

»Ich will jetzt auch wissen, was da drin ist. In zwei Tagen bekommst du Bescheid.« Blitzschnell ist er weg. Ich hatte das Gefühl, als wenn er auch Angst hatte, dass wir uns doch noch in die Arme fallen.

Zwei Tage später, ist das Ergebnis da. Die Pralinen enthielten ein starkes Brechmittel. Nicht tödlich, aber wenn ich mehr davon gegessen hätte, wäre ein Kreislauf-Zusammenbruch wahrscheinlich gewesen. Ich überlegte, wie ich Michael am besten bestrafen könnte. Ich grübelte die ganze Nacht, und mir gingen die verrücktesten Ideen durch den Kopf. Von zusammenschlagen, alles seiner Frau erzählen oder die Reifen seines Autor zerstechen, ist alles dabei. Aber nichts erscheint mir das Richtige zu sein.

Olaf ruft an und fragt: »Was willst du tun? Kann ich dir helfen?«

Da endlich habe ich die Idee. »Bitte geh zu Michael. Erzähle ihm, dass es mir schlecht geht und ich würde ihn gern sehen. Es ist wichtig. Er soll bitte zu mir kommen.«

»Das mache ich und wenn du möchtest, bin ich bei der Unterredung dabei.«

»Nein nicht gleich am Anfang, aber wenn du eine halbe Stunde später kommen könntest, wäre das schön. Ich hoffe, dass ich nicht ausraste.«

Zehn Minuten später ruft Olaf wieder an: »Er hat sich gleich auf den Weg gemacht, in spätestens zehn Minuten ist er bei dir.«

Es sind gerade fünf Minuten vergangen, als es bei mir Sturm klingelt. Michaels Gesicht ist hochrot und völlig verschwitzt, als wenn er einen Dauerlauf hinter sich hätte.

»Bist du Fuß gelaufen?«, frage ich perplex.

»Ja«, stößt er außer Atem hervor, »ich wollte doch so schnell wie möglich zu dir. Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass es dir so schlecht geht. Du solltest nur etwas Übelkeit und Erbrechen haben. Vielleicht noch etwas Durchfall, aber mehr nicht. Wieviele hast du denn von den leckeren Pralinen gegessen?«

Ich schaue mir Michael genauer an. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich bei ihm schwach geworden bin. Dieser große, blonde, muskulöse Mann sieht Olaf sehr ähnlich. Aber gleichzeitig wird mir klar, er ist kein Ersatz für Olaf. Obwohl wir ein schönes Paar wären. Ich bin schlank, fast zierlich, dunkle Haare und immer leicht gebräunt, dazu dieser blonde Riese, das würde rein äußerlich gut passen.

Aber wenn ich Olaf nicht haben kann, will ich auch nicht sein Fastdoubel haben.

»Außerdem«, schreit es in meinem Kopf, »du darfst nicht vergessen, was er mit den Pralinen gemacht hat. Du hättest sie ja auch während einer Autofahrt essen können. Wenn du ohnmächtig geworden wärest. Du hättest überall reinfahren können. Vielleicht in eine Gruppe Menschen. Das ist ja so wie ein Mordversuch. Du kannst das nicht einfach so hinnehmen, nur weil er ›bitte, bitte‹ sagt. Wehr dich! Schlag ihm eine rein! Los, oder willst du immer der Loser sein?

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783944459127
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v488787
Schlagworte
Krimi Erbschleicher Giftmord falsche Liebe perfekter Mord Beziehungsstress

Autor

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    Rena Brauné (Autor)

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Titel: Zuviel ist tödlich