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EinmachEngel

Die vegane Fleischeslust der jungen Frau von Metzger Kolb

von Nikola Anne Mehlhorn (Autor) Nikola Anne Mehlhorn (Autor)

2019 135 Seiten

Leseprobe

Krähentage

7. Februar

 

Hier in der Marsch gibt es Möwen- und Krähentage. An Möwentagen ziehen silbrige Sicheln über blanken Himmel, durchsichtige Linien hinterlassend wie Luftsegler, an Krähentagen streifen dunkel Gefiederte tieffliegende Wolken und geben dem Wind ihre Stimme.

Komischerweise kreuzen niemals Krähen die Schönwettertage, oder Möwen die Wolkentage, somit begegnen auch die beiden Vogelarten sich nicht.

Aber die Geflügelten beäugen jeder für sich mit seitwärts gedrehten Köpfen humane Unbeherrschbarkeiten und ihre ausgerufenen Königreiche voller Desinteresse aus der Höhe.

Unten stehe ich, an einem Krähentag, in meinem Königreich, der schleswig-holsteinischen Elbmarsch, dem vermeintlich fiktiven Ort Seesterau, hinter der Fleischtheke.

»Hundert Gramm Wurst bitte.«

»Kalb oder Schwein?«

»Kalb.«

»Fleisch- oder Blutwurst?«

»Die da.«

»Also Jäger.«

»Das ist doch Bio?«

»Ja, das ganze Sortiment. – Macht 3 Euro.«

»Bitteschön.«

»Danke und guten Tag noch.«

Ladenglocke, Winterluft.

Dieses Geschäft hat eine antike Türglocke aus Messing, Tradition symbolisierend, hier wird wertig gearbeitet in der Biofleischerei Kolb, Overschau 30, welch unspektakuläre Straße, sich in lichtlosem Winternebel verlierend, beidseitig Einheitshäuser wie bleifarbene Tupfen, dahinter angedeutet Windräder, Wald und die Kahlheit der Elbmarsch; vor dem Kolbschen Schaufenster heute Morgen kältesteife, von Atem verhüllte Passanten, wattierte Kleinkinder, ihre flinken Gesten gedämpft; Klänge oder Dünste dringen nur mit Kundschaft zu mir herein, in Jans Elternhaus, gelbgeklinkert, spitzdachig, zur Overschau hin die Fleischerei, Schlachtbereich hinten dezent, darüber alte Wohnräume, gefüllt mit unserem Bund fürs Leben, nicht bunt, eher Besitzstand, Zustand, in jedem Hauswinkel der Nr. 30 dumpf inhalierbar.

 

CHOR, Elementargeister des Ortes Seesterau:

Oh, Lioba Kolb, Lieblingskönigin aller Fleischerslust! Ihr würstlicher Hofstaat: Apfelwurst rosa Bärchenwurst Bierwurst aromatische Blutwurst saftige Bregenwurst Brühwurst Cervelatwurst ordentliche Cornedbeefscheiben Fleischwurst angeordnete Frankfurter Friesenwurst glänzende Geflügelwurst rohe Grützwurst Jagdwurst rechtschaffene Jägerwurst Kalbswurst geschichtete Kasselerscheiben würzige Kochwurst akkurate Lachsschinkenstapel Lammsalamischeiben liebliche Lammwurststücke feine Leberwurst grobe Leberwurst Lyonerwurst angerichtete Meerettichwurst große Mettwurstscheiben ausgesuchte Mortadella Paprikawurst Pfefferwurst perfekte Pökelwurst gefächerte Putensalamischeiben anständige Roastbeefteile dunkle Rotwurst Sardellenwurst dicke Sauerfleischscheiben frische Schnittlauchwurst Sülzwurst: durchsichtiger Block mit beigen und rosa Fetzen korrekte Schweinewurststücke schimmernde Schinkenwurst Speckwurst makellose Suppenwurst Teewurst lustige Wienerwurstringe delikate Wildschweinwurst Zervelatwurst untadelige Zwiebelfleischscheiben Zwiebelwurst rotgepunktete Zungenwurst – appetitlich rund und bunt unter dem Spuckschutz ausgebreitet, dekoriert mit frischem Biogrün und Behördenzertifikaten, was fürs Genießerauge, amtlich genehmigter Kadaververkauf, ordentlich gestapelte Glieder, fein geschichtete Weichteilscheiben, saftige Leichenstücke im Netz, mit Kräutern marinierte Gedärme; Wurst ist ein Nahrungsmittel aus zerkleinertem Fleisch, Speck, bei bestimmten Sorten auch mit Blut und Innereien, als ob das Metzeln eine humane Passion wäre, vielleicht sogar deren liebste, betrachtet man die enthusiastischen Fleischberge: Verrenkte Arme, Beine, gebogene Leiber, bleiche Leichenhaufen mit oder ohne Kreuz, überall in den Königreichen der Humanen.

 

Ladenglocke. Der winterblasse Bäckermeister Söhl von nebenan weht kalten Hefegeruch herein: »Sie sehen heute besonders gut aus, Frau Kolb.«

»Danke Herr Söhl«, sage ich hinter der langen Fleischtheke, auf kleinbeigen Fliesen, die sich bis zur Ladentür vervielfachen, »was darf’s sein?«

»Kühl ist es hier.«

»Verderbliche Ware.«

Herr Söhl nickt, reibt sich die im Neonlicht fahlen Hände: »Meine Frau beneidet Sie ja um Ihr Aussehen, besonders Ihr Haar.«

»Echt?«

»Diese kräuseligen Locken – ein Traum.«

»Albtraum! Früher mit dem Glätteisen bekämpft.«

»Nein!«

»Als junger Mensch ist man halt überkritisch.«

»Sie sind doch ein junger Mensch, liebe Frau Kolb«, lacht: »Oder sind Sie ein überirdisches Wesen?«

»Das würde nicht in einer Fleischerei arbeiten.«

Herr Söhl mustert irritiert die Fleischtheke mit Flyerständer, Konservendosenpyramide, Wechselgeldteller: »Es riecht heute so anders.«

»Ich habe Orangenöl versprüht, gegen den Blutgeruch.«

Der Bäcker schaut sie nicht an: »Sie sind ja Vegetarierin…«, verlegen: »Etwas Schweinebraten bitte, und Rinderhoden für unseren Hasso.«

»Wahrscheinlich betrauert ein jeder sein Leben für das, was es nicht ist.«

»Wo Sie recht haben!«, sagt Herr Söhl ergeben.

 

CHOR: Überall Genitalien, den ganzen vollen Tag, vom Morgengrauen bis zum Abendblau, in engen Strumpfhosen, Slips, Jeansröhren, weiten Röcken, Tangas, beigen Rentnerbundfalten, hinten in der Kühlkammer: Schweinehoden, Schafsschamlippen, Rinderpenisse, blutig, eingeschweißt, Hundefutter – die humanen Genitalien grüßen Fleischerskönigin Kolb, sie haben auch oben Öffnungen, Münder genannt, beschweren, bedanken sich, manipuliert vom Elektronenhirn, ultimativ taktgebendem Zentrum, seit Myriaden von Jahren aller Existenz das Gleiche dirigierend; Lebewesen Blüte und Vernichtung, Materie Urgesteinwerdung, Liebenden ewig rhythmisches Ringen.

 

»Tschüss«, ruft Herr Söhl laut, Ladentürklinke in der Hand, das Emblem der Fleischerei Kolb schaukelt im Winterhauch: Lachendes Pappschweinchen auf grasgrünem Gras unter halbrundem Blau; Herr Söhls Gesäß in der geräumigen Flanellhose, wie sagte ein Altbundeskanzler: »Entscheidend ist, was hinten rauskommt.« Wobei Durchfall nicht besser als Zufall ist – plötzlich und ungesund; drückende Übelkeit in der Magengegend, um den Nabel des Bauches, Dreh- und Mittelpunkt, die seit Tagen zunimmt, weshalb nicht bei Kunden, mein Magen als Stellvertreter, den Absatz anzeigend, je Kilo Fleisch, ein Pfund Druck, Zwangsernährung, kränkend.

»Tschüss«, rufe ich Herrn Söhl nach, nichtahnend, wie ich ihn schon nächste Woche brauchen würde.

 

CHOR: Wenn humane Nahrungsaufnahme als unanständig gälte, Verdauung als reinigend, jeder ein Dunkelloch sein eigen nennte, das er nicht zu verbergen suchte – wären die Humanen freundliche Spiegelbilder ihrer selbst, jähes Wohlwollen und Altruismus im kollektiven Umgang? Nein! Idyllische Gemeinschaftstoiletten, Abputzservice, edle Kot-Orgien, vegetarische Stuhlgangtorte, Erlebnisurinale, signiertes Klopapier – deren gieriges System mit verkehrten Vorzeichen.

HALBCHOR: Aber wie zimperlich, dass kein gieriger Humaner seine Mitmenschen isst oder die Heimtiere, unökonomisch, überall lungert eiweißreiches Fleisch, das etliche Humane versorgen könnte, unverdaut verkommend, Verlust, Vergeudung.

CHOR: Das ist willkürliche Selektion, die sie Logik nennen.

 

Zwei Transporter biegen zwischen parkenden Anwohnerautos der Overschau vor der Bäckerei Söhl in den Hof der Fleischerei Kolb ab, ein dunkler, ein heller Wagen soweit ich im Winterdunst erkennen kann, heute Amtskontrolle, quartalsmäßig, bürokratische Strapaze mit ungewissem Ausgang, neun Uhr, Schafsschlachtung, ich richte die Auslage; nicht Glücklichsein wird von mir erwartet, nein, Würste ordnen, das!

Weit hinten scheinen Windräder vage vor sich hinzuschwappen, grübelnd, ob Rotieren heute angebracht ist, Übelkeit wogt mit.

 

CHOR: Obwohl Lioba optisch Lichtwesen in elysischen Gefilden gleicht, ist sie unseres Wissens eine gewöhnliche Humane. Während ihres Studiums hat sie sicherlich viel gelesen, auf dem Wochenmarkt Brot gekauft, beim Edelsteinstand Schönheiten bewundert: Schwarzen Schwan, Sonnenstein, Falkenauge, Sandrosen, Tigereisen, Silberaugenstein, Fensterquarz, Eisenkiesel, dann bei der Deichreihe einen Frühlingsspaziergang, Drillingsblumen gepflückt, während Flugmaschinen weiße Gitternetze über den Himmel legten. Jetzt, jetzt, hat sie ausschließlich Leichname vor der Nase, plus kleine, übermächtige Metall- und Papierstücke, die ihrem humanen Dasein Wert verleihen, das Mark des Lebens, auch wenn es heute Euro heißt.

 

Die Kontrolleure betreten Kolbs Betrieb durch den Hofeingang. Vorne erklimmt eine dicke Dame mit geradem Mund die drei Treppenstufen zur Ladentür. Glocke, Zugluft.

»Fiev Frankfurter«, atmet die Kundin hochmütig, »Knackwust, junge Frau!«

»Natürlich«, sage ich, halb in der Fleischtheke, Preisschilder sortierend.

»De letzten hebbt na nix smeckt.«

»Das ist Bio«, erkläre ich.

»Dor hebbt se mit Krüder knusert«, krächzt sie.

»Biowurst unterscheidet sich von konventioneller in Geschmack und Konsistenz«, antworte ich, während ich die Würstchen aus der Theke nehme und mich aufrichte.

»Min Kookwüst vun letzt Week weern to fett un harr in de Mitt en eeklig blödigen Kern«, ärgerliches Atmen.

Auch meine Lippen als Linie, rechnen auf dem Kassendisplay: »Fünf Euro fünfundzwanzig bitte.«

»Dat is liekers allns veel to düür!«

»Ö-ko-Ka-da-ver«, skandiere ich bemüht ruhig.

Die Kundin zückt die Augenbrauen: »Unverschaamt!!«

»Ob Anstand unterschiedlich stark ausgeprägt ist«, möchte ich sagen, »so wie Nasen oder Leibesfülle?«, während ich das Aas einpacke, sage es aber, glaube ich nicht, oder doch.

Ladenglocke, kein Geld, bitterkalte Brise, Würste zurück in Auslage legen.

Wenn diese Amtskontrolle Mängelrügen brächte, wäre das ökonomischer Exitus, Magen strebt nach oben, Grenze des Zwerchfells ignorierend, Lunge und Herz mit anhebend, schlucken, säuerliche Luft.

 

CHOR: Ist Lioba doch eine Drude, Zauberin, weiße Dame, stört sie die Fleischerslust? Schauend, dass bei den Humanen eine Mäuseepedemie herrscht, die Entthronung säumig ist, Monetenmäuse, lästig wie Läuse.

HALBCHOR: Und dass sie Furcht vor ihren eigenen Schöpfungen haben – die humane Welt blüht laut und falsch.

 

Öfter schlucken, ätzender Geschmack im Mund, aus dem Büro nähern sich Stimmen: Kontrollteam des schleswig-holsteinischen Veterinäramts, Tierärztin und Lebensmittelprüfer; alles ist eingenordet, Schlachtung in Perfektion, Fliesen strahlend, Fleischerkleidung schneeweiß, Gummistiefel blank, Jan hat Werkvertragsarbeiter angeheuert; die Kontrolleure betreten meinen Verkaufsraum, gehen über kleinbeige Fliesen, langsam an der gläsernen Fleischtheke vorbei, inspizieren Dosenpyramiden mit Dauerware, ausgestellte Flyer, mich, ich grüße höflich, nahezu unsichtbar hinter besonders ansehnlichem Sortiment, besonders gestärkter Schürze und besonders großem Lächeln – würge.

Die Prüfer grüßen zerstreut zurück, machen sich Notizen und gehen in Richtung Schlachtbereich.

Sofort zur Toilette laufen, durch den weißgefliesten Gang, Tür knallen, in die schmucklose, verkalkte Kloschüssel spucken, es kommt nur Gallengeriesel, Verkaufsschürze glattstreichen, »du Unstern« zum Spiegelbild sagen, selber umarmen, dann langsam zum falschen Ort zurückkehren, mich bereits erwartend, Schafott, gierig Unschuldige empfangend, Täter und Straflose.

 

CHOR: Oh, welch Wunschkonzert für Tiere: Bioschlachtung. Das genau ist ihr Begehr und Streben! Kein Nachtmahr, dass humane Bio-Fleischer und normale sich lediglich durch ihre Zutaten unterscheiden, da wird penibel auf Fleisch und Gewürze aus ökologischer Erzeugung geachtet, ansonsten wird bei der Schlachtung auf gar nichts penibel geachtet, der Bio-Kontrolleur kommt einmal im Jahr für vier Stunden.

HALBCHOR: Gekrönte und verlassene Anarchie, verwunderlich.

 

Plötzlich läuft etwas Helles vor dem Schaufenster vorbei. Ich gehe nach vorne und sehe ein Lamm auf der Overschau stehen. Es dreht seinen falbkrausen Kopf in die Höhe, etwa vier Monate alt, Milchlamm, muss mit den Schlachttieren angeliefert worden, vielleicht durch einen Spalt in der Metallumzäunung entkommen sein, niemand scheint nach ihm zu rufen, keiner sucht hinterher, auch es verhält sich still, die Gefahr witternd.

Ich bin allein, trete langsam die drei Treppenstufen hinunter auf den Bürgersteig, strecke dem Tier meinen Arm hin, Glasaugen mustern mich, es beriecht meine Hand, saugt dann am Mittelfinger.

»Isaak«, murmele ich zart, der Schlachtung entkommen. Den Kontrolleuren melden, sicher nicht, den Schäfer anrufen, der würde es erneut ausliefern.

In den kleinen wilden Garten bringen, hinter der Fleischerei, links am Haus vorbei, damit keiner der Schächer uns sieht. Ich hebe das Lamm hoch, ziemlich schwer, es verhält sich ruhig, als ob es diesen Griff kennt, Kuscheltier, streng riechend, nach Bock und Kot, schleppe es nach hinten. Dort ist ein alter Verschlag, Kolbs hatten früher Hunde, das Tier verkriecht sich sofort in der Holzhöhle.

Als ich wiederkomme, mit einem Topf voll Milch, liegt es wohlig, mit wachen Augen, kaut Gras, ich kraule und kehre dann zurück hinter die Ladentheke, frisches Lammfleisch verkaufen, noch warm.

Kurz nach dreizehn Uhr fährt das Kontrollteam vom Hof, biegt vor der Bäckerei Söhl zwischen den parkenden Anwohnerautos in die Overschau ab, weißer Transporter, dunkelblauer Kastenwagen.

Mein Magen flaut, die Pfunde verkauften Fleisches zersetzen sich in Ferne; Kamillentee, und Klappstuhl hinter der Theke, Zeitschrift: »motion«, in der letzten Ausgabe ein Bericht über Halligen, in dieser ein Artikel über Lebensglück; vier Testfragen:

 

Lebst du an dem Ort, den du liebst?

Lebst du mit den Menschen, die du liebst?

Tust du die Arbeit, die du liebst?

Wenn du morgen gehen müsstest,

hättest du nichts versäumt? –

 

Ich schlage das Heft zu: NEIN, viermalig, muskulöses Wort, ohne Gnade oder Güte, vier Schriftzeichen, stets in stabiler Anordnung, nicht EINN oder NIEN gar INNE, nein NEIN.

Das Testergebnis lautet: Nicht den Mut verlieren, oftmals erscheint das Glück unverhofft. – Primitiver Tipp, danke; wer ahnt, dass die Autorin recht behalten sollte, Liebesglück scheint sich nicht um Niveau zu scheren, der Himmelskörper, der bald in mich einschlagen würde, ebenfalls nicht, flammend und unangemeldet.

 

Um achtzehn Uhr kommt Jan Kolb vom Schlachtbereich nach vorne in den Laden, spitze Nase kältegerötet, gestreifter Metzgerkittel locker über seinem Bauch. Mein Mann schließt die Ladentür ab, zückt einen Blumenstrauß, farblos, schiebt seine Fleischermütze in Schiffchenform gen Nacken, bis schütteres Stirnhaar sichtbar wird:

»Ging nicht früher, wegen Amtskontrolle: Weiterhin Glück und Segen«, summend die Tenorstimme, wie er auch summend das Schlachtvieh beruhigt, unser Hochzeitstag, mitten im Februar, sieben Jahre, ganz vergessen, heute am Kontrollmorgen überstürzt aufgestanden, Jan deutet einen Kuss an.

Feierabend: wie gewohnt Frischware in den Kühlraum bringen, Anrufbeantworter abhören, während Herr Kolb den Schlachtraum mit seinem lauten Hochdruckreiniger desinfiziert, auch Glück und Segen, alles keimfrei; mein Mann hat die Trenntüren offengelassen, zwischen den zischenden Sprühstößen höre ich Fetzen seines Summens.

 

Am Abend sind Georg und Irene eingeladen, Trauzeugen aus Hamburg, immer noch langbärtig, kurzhaarig; seufzen über Ärger mit ihren Schwiegereltern, den sie nicht möchten, die Vergeblichkeit, ein Kind zu zeugen, trotz biologisch-dynamischen Powerfoods, Konflikte am Arbeitsplatz; treue Larmoyanz, konstant, seitdem wir uns kennen, während des Klagens lächeln sie dauernd. Ich habe vegetarisch gekocht, nachdem Isaak eine Schale Milch bekommen hat, Fliederbeersuppe, Mehlbeutel mit Birnenbeschlag und Quittenschnee als Nachspeise stehen auf dem Kolbschen Dunkelholztisch – es schmeckt ausgezeichnet, finde ich, hinter Jans Stirn lese ich den Satz »Kann sie nicht Kalbsbraten kochen«, Georg und Irene reden von einer besseren Welt, die sicherlich irgendwann kommt, und in der es Taler regnen wird, plus Gerechtigkeit und Weihe, spätestens nach unser aller Tod. Gegen dreiundzwanzig Uhr verabschieden sie sich, ich schließe die Seitentür zur Overschau hinter ihnen.

Leben: Immer das gleiche Theaterstück mit wechselnden Darstellern, zutiefst groteske Veranstaltung, bisher hatte ich gedacht, dass es sich mit zunehmendem Alter enträtseln, entziffern würde.

 

 

Morgensprache

8. Februar

 

JAN: Sechs Uhr. Winterdunkel. Auf unserem Hof rappeln Viehtransporter. Meine osteuropäischen Lohnarbeiter sind schon dabei. Schweineschlachttag.

Ich föhne, es ist dunstig. Schräg vor mir im Badspiegel meine Frau. Liobas Locken, blond-störrisch. Ich beuge mich hinüber, Kuss auf den Hals, sie weicht zurück. Wenn ich mich nähere wird ihr Mund kräuselig wie ihr Haar. Crush Eis. Kein Wunder, dass wir kinderlos sind, so wenig wie wir miteinander schlafen. Okay, mit vierzig Jahren beginnt Männerfleisch zu wandern, Richtung Bauch; Lioba hat noch keine Lappenbusen, ist ja keine Vierzig, aber in den Öko-Klamotten sieht sie auch nicht toll aus.

»Schröders haben eine Schweineschlachtanlage gekauft«, sagt Lioba laut gegen den Fön an, »CO2-Gas, automatisch ausbluten, brühen und abflämmen. Dazu brauchst du mit den alten Geräten Stunden.«

»Kosten?«, frage ich.

»20.000 Euro?«, rät Lioba, kämmt ihre Haare.

»Erledigt«, antworte ich.

»Bei Gas denke ich an Juden. Die sind weiß Gott nicht mit Schweinen zu vergleichen! Niemals!«

»Nee, nie«, stimme ich bei.

»Das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte haben diesen Holocaust-Vergleich verboten, weil Bagatellisierung«, redet Lioba weiter. »Aber auch wenn das Bundesverfassungsgericht den Vergleich verboten hat, ist nicht alles geklärt.«

Ich schalte fragend den Fön aus.

»Juden-Vergasen war im Dritten Reich weder Straftat noch legitim, aber Fakt. Ich bin nicht schizophren, ich weiß, dass Schweine-Vergasen in Deutschland keine Straftat ist.«

»Also«, sage ich.

»Und natürlich müssen alle irgendwann sterben. Aber wer darf über das Irgendwann der Schweine entscheiden? Du?«

»Ja.«

»Und wer legitimiert das?«, fragt sie aufgebracht. »Das Bundesverfassungsgericht!«

»Genau«, antworte ich, ahnend wie es weitergehen würde.

»Und diese überflüssigen Amtskontrollen; im Dritten Reich wurde ja auch akribisch kontrolliert: Alle Entwesungsanlagen der KZ wurden über die Abteilung ›Sanitätswesen und Lagerhygiene‹ beaufsichtigt, die waren auch mit der zentralen Schulung von SS-Desinfektoren beauftragt, als stellvertretender Abteilungsleiter fungierte der Erste Lagerarzt.«

»Lioba!«, rufe ich. Halt’s Maul, hätte ich am liebsten gesagt.

»Tötungsanstalt hier, echt!«, schreit sie.

Ätzend! Nerverei. Schlimm in letzter Zeit. Ein Bad soll der Körperhygiene dienen, nicht zum Streiten. Ein Bad ist ein Bad.

 

LIOBA: Bad, Wohlfühlort und Raum zum Entspannen, dient nicht nur Körper- sondern auch Seelenhygiene, so etwas gibt es. Herr Kolb, der bestreitet, dass Unsichtbares existiert, Funktionszombie, für den H2O Wasser ist, das Feuern von C-Fasern Schmerz, offensichtlich in EEG-Kurven, medizinischen Statistiken, Aristoteles sah das Zentrum der Schmerzempfindung im Herzen, Kolb bedient nur Maschinen, schaltet Apparate ab, nichts Dramatisches. Es ist warm im kleinen Badezimmer, riecht nach Shampoo und After Shave, kein Ort für Wortkriege, frustrierend, Fleischermeister Kolb begreift nicht, er lehnt am laminierten Waschtisch, putzt sich die Zähne. Kolbs gelblicher Kolben pendelt frei bei jeder Bewegung, seine Haarspitzen zittern beim Putzen, so wie sie es vermutlich tun, wenn er sich in mir bewegt, Kolbenschussgerät, ruppig schießend, steht eigentlich irgendwo in der Heiratsurkunde, dass Sex fortan verpflichtend und exklusiv stattzufinden hat, dass Eheleute jeweils zur Gänze in den Besitzstand des anderen übergehen, ist das amtlich.

 

CHOR: Wurstkönigins Brechreiz, Aberwille des humanen Deliriums; aus Sprachverwesung, Wortgeräuschen, Satzjauche, Redeausfluss, Seuchenherden, alles eskalierend, von Tag zu Tag, Anfang bis Ende.

 

Jans Haare werden schütterer, seit acht Jahren, undefinierbare Farbe, strähnig, dünn, versteckt unter seiner Schiffchenmütze, die der mittelgroße Mann immer trägt, auch privat, der entstehenden Glatze als Tarnkappe vor Spott und Sonnenstrahlung dienend, die Knicksenkspreitzplattfüße, knicksenkspreitzplatter werdend, in weiße Schlachtergummistiefel getaucht, seine Stimme aber lässt sich nicht kaschieren: Jans spermizides Lachen, meckernd, weit außerhalb der Norm – als Ekel sind diese Sinnesreize nicht mehr zu bezeichnen; meine Zwillingsschwester sagte letztens, die meisten Ehen sind längst zu Ende, sie gehen nur trotzdem immer weiter.

Jan holt sich Unterwäsche, während ich mir langsam die Zähne putze.

 

CHOR: Männer, wahres Ungeziefer der Welt! Heiliges Hauen und Stechen humaner Schwanzträger, wieso existieren kaum Fleischerinnen?

 

Jan kommt zurück, Ehering vergessen, er trägt den Ring mit meinem Namen, während er schlachtet, ich ziehe an meinen Haaren, diesen renitenten Dingern. Draußen blökt Isaak.

»Hast du von den Aktionen dieser Tierschützer gehört?«, frage ich, das Blöken übertönend.

»Hm«, macht Jan lauschend, wittert der Schächer das Opfer?

»Nennen sich ›pets‹, oder so.«

»Ja«, auf mich blickend steckt Jan den Ehering an, ich trage meinen schon lange nicht mehr, Jans blasse Haut an den Fingern ist aufgequollen vom Waschen.

»Demolieren hier in der Region Schlachtstätten. Mich haben etliche Kunden darauf angesprochen. Als Biobetrieb sind wir wohl nicht auf deren Radar.«

»Klar«, er greift nach seiner Kleidung.

Dabei sollten sie auch uns bald erwischen, die Aktivisten der Ehre, der unbestechlichen und lauteren Natur.

 

CHOR: Als Nächstes zieht der humane Metzler die deutsche Fleischertracht an, helle Hose, gestreifter Fleischerkittel, weiße Mütze. Normgerechte Schutzkleidung, als ob der Metzler geschützt werden müsste, wovor, er könnte mit Blut bespritzt werden, mit Schuld und Grauen, die Tiere könnten ihn erkennen, zuckend mit in den Tod nehmen.

HALBCHOR: Besser müssten die Tiere geschützt werden, wovor, vor den Metzlern natürlich. Warum gibt es für Metzler Schutzuniform, für Tiere im Augenblick ihres Todes nicht. Es steht Nacktheit gegen Uniform, wobei erstere natürlich die Opferrolle erbeutet, letztere die Legitimation der damit verbundenen Tätigkeit.

CHOR: Verwaltetes Unrecht, verunstaltetes Anrecht.

 

Wo ist dein Schiffchen, fragt Jan regelmäßig, auch ich soll die Fleischermütze tragen, nicht an der Ladentheke, aber zumindest im Hygienebereich und in der Produktion, also zum Frischware holen, Würste herstellen, jeden Abend hänge ich die Mütze an den Haken, nein Nagel, und sehe, wie sie verschmilzt mit dem Metall, der Nagel sich in sie schmiegt, bohrt, sie nicht mehr freigibt, eine innige Schutzverbindung eingeht für Lioba, ehrenhafte Stoff-Legierung, Staunen und Dankbarkeit in mir auslösend, bis am nächsten Morgen der Nagel sich zurückgezogen hat, dem weißen Stoff unversehrt hängen hilft, ihn mir aufdringlich anbietet, die Schutzwirkung gekündigt, ungefragt, unerwünscht.

»Es heißt ja, dass wir Ökoleute human mit den Tieren umgehen«, sage ich und trage Deo auf.

»Genau«, sagt Jan.

»Wir hatten große Pläne in der Biobranche, hatten! Jan, merkst du nicht, dass mich der Aashandel krank macht?«

»Oh«, stöhnt Fleischermeister Kolb genervt.

»Dir geht es bestimmt auch nicht gut, finanziell. Aber ich rede gerade von mir.«

»Ach«, meint er.

»Wenn, redest du immer von dir.«

»Du auch.«

»Lass’ uns endlich einen Bioladen aufbauen. Ich will keinen Schmutz und Schmerz mehr!«

»Sünde«, sagt Jan.

»Einen Familienbetrieb abzuwickeln? Ich bin geschäftsschädigend?«

Jan rauscht aus dem Badezimmer, mit seinem staksigen Gang.

JAN: Gang, vertrauter Heimatgang. Rechts die Treppe runter zum Arbeitsbereich, links zum Wohnbereich. Früher lief Mutter hier in ihren Cord-Hausschuhen. Im ganzen holzverschalten Durchgang steht meine Playmobil-Sammlung, regalhoch, geordnet: Erste Modelle, Baujahr 1974, oben, aktuelle Fahrzeuge unten. Werte lagern hier. Vom Schlachtbereich dringen gewohnte Arbeitsgeräusche hoch. Beim Runtergehen die abgestoßenen Stufen, rissige Tapete. Eigentlich wollten wir renovieren. Aber erst Zeitmangel, dann Geld- und Zeitmangel. Die Entscheidung wegen Lioba auf Bio umzustellen, hat uns finanziell reingerissen. Die Kunden gucken nur auf den Preis. Ich rücke meine Schiffchenmütze gerade. Trotzdem will Lioba uns Fleischern dauernd ein schlechtes Gewissen einreden. Aber ich habe bei den Lohnarbeitern nachgefragt: Kein einziger hat Gewissensprobleme mit seiner Arbeit! Für alle ist das Fleischerhandwerk ein Beruf wie jeder. Einer tötet Tiere, der andere nicht. Und sie dreht sich trotzdem weiter, die Erde.

 

LOBA: Erde, Heimaterde, blutgetränkt, sündig,  bevölkert mit heroischen Fleischern, die ihre Berufsehre hochhalten. Jetzt im Februar muss ans Ostergeschäft gedacht werden, Rindfleisch abhängen, Trockenreifung, Catering-Bestellung für Lämmer, Fleischlogistik – das also ist mein Leben, im beleuchteten Badspiegel die Zunge, ribbelig, feuchte Mondlandschaft mit Hügelchen, gleich den Tierzungen, die täglich an diesem Ort zucken, erstarren.

Hinüber gehen in den Kolbschen Wohnbereich, hinter der Gelbglastür verwohnte Räume: das Elternschlafzimmer mit dem hälftig belegten Ehebett, Jans schmales Kinderzimmer, Küche mit bräunlichen Hängeschränken; auf dem Sofatisch das gestrige »Hamburger Tageblatt«, Titelzeile SEX IM HOSPIZ, darauf der Briefbeschwerer meiner Mutter, lackierter Stein aus Zermatt; wie die Dinge ihre Besitzer überdauern, sie im Leben präsent halten. Sie war dermaßen alleinerziehend; nie wollte ich so unversorgt sein, so beschränkt.

 

CHOR: Bloß Liobas Erzeuger ist unscharf, verwackelte Erinnerung, hat die humane Familie früh verlassen, Zwillingsmädchen waren zwei Zumutungen zu viel für ihn.

HALBCHOR: Seit der Krebs ihre Mutter vor zwei Jahren aufgegessen hat, ist es Lioba unmöglich, Leichen zu essen.

 

Auf das Sofa mit der grauen Husse setzen, oft saß ich hier, um Verletzungen des Tages zu sortieren; dass ein Angetrauter ein Unvertrauter bleiben kann; keinen Appetit auf Frühstück, diese elenden Quiekgeräusche von unten, plötzlich verstummend, Töten auf Termin, damit die Kundschaft beim Einkauf nicht merkt, dass ihre Aufschnitte, Würste mal gelebt haben, tabuisierter Alltag.

Meine Schwester sagt, Männer seien auch Nutztiere, zum Kinder zeugen, Leben finanzieren, und ich hätte Jan geheiratet aus weiblicher Zeitnot, seinen Augen vertrauend, diesen blassen, nichtssagenden; aber es kommt kein Nachwuchs, dabei hortet Jan Spielzeug, buntes Material versus Pflichtleben; Untersuchung letztes Jahr beim Kinderwunschzentrum: Jans Sperma ist ungenügend, künstliche Befruchtung 10.000 Euro, nicht mal denkbar, wir waren bei der Bank.

 

JAN: Bank im Anlieferungsbereich. Dort können Landwirte sitzen oder ich. Schiffchenmütze hochschieben, Lieferscheine laut Viehverkehrsordnung unterzeichnen. Gestern fehlte ein Schaf, Irrtum. Familie ist etwas Schönes, hatte ich gedacht. Wie bei meinen emsigen Eltern. Mit Lioba ist es nicht schön. Vielleicht muss man das aussitzen. Dabei gebe ich mir Mühe: Blumen, pünktlich zum Valentinstag, Geburtstag. Nur das Wichtigste fehlt: der Sex. Wahrscheinlich seit der Spermadiagnose. Obwohl das vorher anfing, so vor zwei Jahren. Damals kochte sie plötzlich nur noch vegetarisch – Hohn für einen Fleischer.

»Überraschung!«, hatte sie am Anfang ihrer Ehe oft gesagt, jedes Jahr im Mai den Sommerschnitt gezeigt. Rasiert, bis das fleischfarbene Zipfelchen hervorschaute, geil. Früher hab’ ich sie auch mal »Engel« genannt …

Der Handelsklassenkontrolleur kommt – harmloser Typ, schlaksig, will uns nichts Böses. Er muss unangemeldet kommen, so verfügt es die Lebensmittelaufsicht. Er schaut um alle Ecken, verabschiedet sich mit Handschlag.

Die Schweine sind abgeladen, fünfzehn Stück für heute. Das wird Arbeit. Ohne die ungelernten Osteuropäer wäre Land unter. Wir müssten expandieren, das wäre Erfolg! Starke Konzerne verteilen ihre Produkte wie Reviermarken – überall, mit langem Arm.

 

LIOBA: Arm sind wir, arm an Freude, oder  waren wir zeitweise glücklich und haben es nicht gemerkt? Ich ziehe meine Arbeitskleidung an, Jeans, Wollpullover aus kontrolliert biologischer Tierhaltung, gestärkte Schürze; Fakt ist, dass Jan mir zwar Insignien der Liebe liefert – Blumen, Küsse – aber sich ansonsten seine negativen Eigenschaften verstärken, die positiven zurückbilden.

 

CHOR: Spiegelbild des Spruchs: Gib mir Kraft, Dinge zu ändern, die zu ändern sind, gib mir Gelassenheit, Dinge zu ertragen, die nicht zu ändern sind, und gib mir Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

HALBCHOR: Jan lebt das perfekt verkehrt herum: Lässt mit Gelassenheit Dinge, die zu ändern wären, klagt über Dinge, die nicht zu ändern sind, und Weisheit, wo.

CHOR: Wir Geister fordern vom Weltenlenker, allen irdischen und echten Göttern, Tierrechtlern, Schutzwesen, dass sie Jan Albdrücke senden, die getöteten Tiere ihn heimsuchen, im Schlafe fertig machen, ans Messer liefern, meucheln, ausrotten, zur Sau machen, Ansturm der Seelen.

HALBCHOR: Aber nichts dergleichen passiert, Jan wird nur fahler, ruhiger, in der Regel verlangsamt sich der Schritt im Laufe des Lebens bis zum Stillstand.

CHOR: Er wird fünfzig werden, sechzig, Lebensherbst, friedlich sterben, belohnt für ein fleißiges Leben, unbelangt, amnestiert, obgleich er kein Lebewesen verschont hat.

HALBCHOR: Gerechtigkeit, Paradoxon des Universums, weder prä- noch postmortales Sortieren in Gut und Böse, der Heilige Geist weht wo er will.

 

Treppe runter in den Arbeitsbereich, Schiffchenmütze vom Haken nehmen, ich sehe nicht, dass nächste Woche der Tag kommen sollte, an dem Jan Kolb total aus der Haut fahren würde, verändert, irr, gefährlich – schier ohne Bremsen.

 

JAN: Bremsen, Fliegen – Insekten klatscht Lioba exzessiv, ohne Gewissensbisse. Mancher Gärtner tötet mehr Tiere als ich. In der Kennlernphase hat sie mich gefragt: »Wie kann man Töten zum Beruf machen?«

»Alle Lebewesen sind Gottesgeschöpfe«, habe ich geantwortet, »auch Fleischer.«

»Der Herr ist mein Hirte, er wird mich schlachten, oder wie?«, und hat sich nicht abgewendet, wie die Frauen vor ihr. Sie war ja auch Langzeitstudentin, Dreißig, ein Alter in dem Kompromiss kein Schimpfwort mehr ist. Dann hat sie gesagt: »Es ist eine Anmaßung zu behaupten, dass es Gott gibt, es ist eine Anmaßung zu behaupten, dass es Gott nicht gibt.«

Heute sind wir müde. Ich ziehe mir die Schiffchenmütze tiefer ins Gesicht. Ich lebe halt auf meine Weise.

 

LIOBA: Weise sein, bedeutet das: Augen zu? Morgens am Schlachtraum vorbeigehen, um Frischware aus dem Lager zu holen. Grelles Quieken. Am Tag nach Großkontrollen ist es am schlimmsten, die Anspannung vorbei, keiner gibt sich Mühe, lahme, verletzte Schweine, von Arbeitern mit elektrischen Viehtreibern getrieben, ein ungeschlachter Feister zieht ein schreiendes Tier an den Ohren in den Kopffixierer, andere wetzen Schlachtmesser, ich sehe Blut, alle in ihrer Uniform, weiße Gummistiefel, bodenlange Schlachterschürze, Messerköcher seitlich, gestreifter Metzgerkittel, weiße Schiffchenmütze, Töten als Tätigkeit, Jan in seiner Fleischertracht schließt die Metalltür, er summt laut.

 

CHOR: Bei geschlossener Tür klingt das schrille Quieken dumpfer aber nimmt kein Ende, wenn nicht »richtig« gestochen wird verbluten die Tiere, werden gebrüht oder zerlegt bei wiedererwachtem Bewusstsein – da ist eins, ein großes Schwein, es hebt den Kopf, obwohl es rot trieft, das quasi tote Tier versucht aufzustehen, schwach vom Blutverlust, der Schieber kippt es ins kochende Brodeln, zuckendes Versinken, die Bewegungen enden, das Schweineleben auch, mit Marter und Pein, trotz humaner Tierschutz-Schlachtverordnung, Königreich Deutschland, wo Kontrolleure laut Gesetz selten sind, legitime Anarchie, korrekt.

HALBCHOR: Zwölf Prozent aller Metzeltiere sterben unbetäubt.

CHOR: Oh, welch Ehre fürs Vieh, von den ungekrönten Königen der Schöpfung hingerichtet zu werden, rühmenswerte Opfer, in vollem Widerstand ihres Willens getötet und verzehrt.

HALBCHOR: Dabei ist das Antonym von human animalisch, auch bestialisch, blutdürstig, satanisch.

CHOR: Fehler oder verwandelbar.

 

Und ich schweige, ich schweige? Zu gerne würde ich Jan die bleiche Schiffchenkrone vom Kopf schlagen, ihn töten, aus Rache für die unendlichen Toten, die er auf dem Gewissen hat, als Vergeltung dafür, dass er ist wie er ist, Blut für Blut, Zahn um Zahn, Schlag für Schlag, Wurst wider Wurst, Auge um Auge, Blutrache, Blutschuld, blutige Flammen, Blutgericht; wie kann jemand, der täglich tötet, es nicht ethisch hinterfragen, wie kann ich, die ich von diesem »Handwerk« lebe, mich im Spiegel betrachten ohne ihn zu zerschlagen, absurd.

Erst benötigt man keine Windeln mehr, später keine Tampons, schließlich ist man alt; ich bekomme diesen leeren Bitterblick – um das vierzigste Lebensjahr, dann wird man nicht mehr nach seinen Talenten beurteilt, sondern nach seinen Entscheidungen.

 

Es ist sechs Uhr fünfundvierzig. Isaak hat Milch bekommen, kleine Flatterzunge, Kraulen, dankbares Stillhalten, wohin mit ihm.

Ich trage die Plastikbox voll frischer Ware, die Schiffchenmütze, hänge sie an den Haken, vor der Ladentür wartet ein früher Kunde.

 

 

Details

Seiten
135
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783948218003
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v488786
Schlagworte
vegan vegetarisch schlachten Tierschutz Partner-Konflikt vegane Fleischeslust erotisches Drama

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Titel: EinmachEngel