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Prinz Arschloch

Männer sind so – Frauen auch

von Katja Oelmann (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch

Nicht alle Menschen sind gleich. Nicht alle Netten sind pausenlos erträglich. Klugscheißer lösen nicht alle Probleme. Die Schönen können uns mächtig auf die Nerven gehen. Aber Machos können hilflos sein und in absolute Arschlöcher kann man sich sogar verlieben.

Katja Oelmann lädt mit ihrer Geschichte ein zu einem Ausflug durch menschliche Unzulänglichkeiten und charakterliche Verschiedenheiten. Da sind die Prototypen und die Außenseiter, die Unverbesserlichen und die Prinzipienreiter. Mit dem Leseabstand werden peinliche und kritische Situationen zu witzigen Passagen. Und dann entdeckt man sich vielleicht sogar selbst – und lacht noch darüber. Manchmal beginnt die Toleranz eben bei uns selbst ...

 


IMPRESSUM

 

Katja Oelmann

Prinz Arschloch

Männer sind so – Frauen auch

Roman

 

© 2018 - Kadera-Verlag - Norderstedt

www.kadera-verlag.de / verlag@kadera.de

Autoren-Kontakt: katja.oelmann@gmx.de

Cover-Gestaltung unter Verwendung iStock-Grafik

Die handelnden Personen sind frei erfunden,

Namensähnlichkeiten sind zufällig und beziehen sich

nicht auf real existierende Personen.

Detaillierte Daten im Katalog der Deutsche Nationalbibliothek:

https://portal.dnb.de

 

ISBN Print: 978-3-944459-96-7

ISBN E-Book: 978-3-944459-97-4

 

 

Muschi

Ungefähr so fing es an. Im Internet:

@zonengabi1974: moesizlak7 Dein Username ist mir zu kompliziert. Ich werde dich ab heute einfacherweise Muschi nennen.

@moesizlak7: zonengabi Was für ein witziger Name! Du möchtest den Männern gerne sagen, was sie zu tun haben, nicht wahr? Deine Mechanismen des Scheiterns haben dich hierher gebracht. Der Hass gegen deinen Vater und deine restliche verkorkste Familie, die dich nie lieb gehabt hat, und dein unsinniges Dasein. Jetzt hockst du mit einem Frauenmagazin in deinen Händen auf deiner spackigen Couch, telefonierst mit deiner ebenfalls dummen, schwatzsüchtigen Freundin und wetterst gegen die Männer. Du bist ein armes Würstchen und du brauchst immer männliche Idioten, um dich gut zu fühlen und um dich Powerfrau zu nennen. Du kannst dich gut artikulieren, aber das ist keine Kunst. Ich möchte dich also bitten, dich zu entfernen, ansonsten werde ich dich in den Kommentaren fertigmachen! Du bist kein Gegner für mich!

Was haben wir uns in den letzten Wochen für wohlformulierte Sätze via Internet an den Kopf geschmissen! Unterstellungen, die bis weit unter die Gürtellinie gingen! Aber was mich betrifft, haben seine Anschuldigungen nie den Tatsachen entsprochen, die er von mir annahm oder zu wissen glaubte.

Wir wurden jeden Tag besser. Jeder konnte es lesen.

Ich soll mich entfernen, schreibt er mir jetzt als private Mail. Mach ich aber nicht. Muschi ist es anscheinend nicht gewohnt, Paroli zu bekommen. Und ein Macho mag auch nicht Muschi genannt werden. Will er mir etwa erklären, dass er in einer anderen Liga spielt? Ganz unrecht hat Muschi nicht. Männliche Idioten um einen herum sind ja ganz angenehm, aber die sind stets von ganz allein gekommen. Soll ich sie wegschicken, wenn sie schon einmal da sind? Fressen ja kein Brot. Im Gegenteil, die bringen Kuchen mit. Gut, vielleicht bin ich zu hart zur Männerwelt, weil ich bisher immer das zweifelhafte Glück hatte an blöde Machos zu geraten.

Trotzdem kann Muschi genauso wenig aus einer Mail lesen wie ich aus Kaffeesatz. Er weiß nicht, dass ich aus Faulheit nicht gern telefoniere. Das macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen, was die Freundschaftspflege angeht. Der Zustand meiner Couch ist Ansichtssache, aber mit einem Frauenmagazin in den Händen sitze ich da nie drauf. Wie kommt er auf sowas?

Soweit ich in anderen Kommentaren von ihm gelesen habe, hat er die Vorstellung, dass die Powerfrau von heute klodeckelgroße Sonnenbrillen trägt, während sie versucht, ihre Shoppingtüten in den Kinderwagen zu stopfen, mit dem sie durch die Gegend eiert.

Dass ich keine Normal-Eigenschaften habe, die eine Frau im täglichen Leben mit sich bringen sollte, kann ich Muschi nicht mehr sagen. Er hat sich aus dem Forum abgemeldet. Einfach so – und weg! Ich hatte mich schon so an ihn gewöhnt. Schade, dass ich nie herausfinden werde, ob ich in meinen Äußerungen richtig gelegen habe.

Andererseits wird er auch nie erfahren, dass ich gerne in den Baumarkt gehe, nicht Fahrrad fahren kann, keine Handtasche und auch kein Kleid, ja nicht mal ein Portemonnaie besitze, keine Absatzschuhe trage, mich nur einmal am Tag schminke, aber trotzdem ganz gut aussehe, und dass ich nie eine Diät machen musste.

 

Es ist fast drei Uhr morgens. Mit diesem Gedanken versuche ich einzuschlafen. Vorher lasse ich den vergangenen Tag noch einmal abspulen und denke an die Dinge, über die ich mich besonders gefreut oder geärgert habe. Gefreut habe ich mich über den verdammt gut aussehenden Haustürvertreter, der mir ein Reinigungsgerät für Heizkörper verticken wollte. Geärgert habe ich mich darüber, dass im gesamten Haus eine Fußbodenheizung verlegt ist. Danke, Fortschritt!

An meinen vorletzten Vertreter kann ich mich auch noch gut erinnern. Ich habe vom Fenster aus beobachtet, wie er vor dem Haus eingeparkt hat. Er war so blass, als hätten sie ihm bei der Blutspende aus Versehen ein paar Liter zu viel abgepumpt. Bevor er aus seinem Auto ausstieg, hat er sich noch kurz das am Spiegel hängende Duftbäumchen durch die Achseln gezogen. Optimistisch stand er mit seinem ganzen Equipment vor meiner Tür. Ich hab ihm nicht aufgemacht.

Was er verkaufen wollte, weiß ich nicht. Parfüm war es sicher nicht.

 

 

Mein »Irish Pub«

Verschlafen! Wie so oft. Gewöhnt daran, habe ich es gelernt, morgens zehn Sachen gleichzeitig zu machen. Kaffee kochen und Haare kämmen. Zähne putzen und schminken. Kaffee trinken im Auto. Ich habe mich auch schon an die komischen Blicke der Nachbarn gewöhnt, wenn sie mich dabei beobachten, wie ich neben meinem Auto in die Hocke gehe und erst mal meine beiden Kaffeetassen auf dem Erdboden abstelle, um das Auto aufzuschließen und meine Utensilien einzuladen. Danach stelle ich routiniert eine Tasse auf das Armaturenbrett und mit der anderen Tasse in der Hand fahre ich los. Inzwischen habe ich ein Gefühl dafür, wie man mit einer Tasse in der Hand lenkt, bremst, schaltet und gleichzeitig Tasse Nummer zwei im Auge behält. Heute klappt es mal wieder vorbildlich.

Ich bin bereits bei der zweiten Tasse, die lauwarm ist. Und ich bin zufrieden mit mir, weil ich heute mal nichts zu Hause vergessen habe, weswegen ich hätte umkehren müssen. Auch so eine Schwäche von mir: Die Vergesslichkeit. Ich schiebe sie meistens auf Hektik und Stress. Dann kann ich leichter damit leben. Der einfache Weg war schon immer der angenehmste für mich. Das sind alles Dinge, über die ich nie lange nachdenke – pure Zeitverschwendung.

Gleich bin ich an meinem kleinen »Irish Pub«, den ich seit fast zehn Jahren betreibe.

»Wir waren um zehn verabredet«, höre ich eine genervte Stimme.

»Ja, ich weiß, aber der Verkehr«, stottere ich. Was soll ich denn sonst sagen? Dass mein Goldfisch Schnupfen hat? Ich bin doch genauso genervt von ihm wie er von mir.

»Würden Sie dann bitte mit ausladen? Es warten noch andere Kunden.« Er ist wirklich etwas mehr genervt über meine Unpünktlichkeit.

»Klar, natürlich.«

Das ist so ein Moment, wo ich mich über mich selbst ärgere. Wäre ich wie verabredet dagewesen, hätte ich nicht einen Handschlag tun müssen. Egal.

»Haben Sie Leergut?«

»Ja. Aber keine Sorge, ich fasse mit an.«

Puh, daran hatte ich gar nicht gedacht. Leergut.

Komisch, jetzt erinnere ich mich zwangsläufig wieder an die männlichen Idioten, die den Kuchen mitbringen, und lächle ihm freundlich hinterher, während ich mich insgeheim über die neue Warenrechnung ärgere. Ich sehe sie mir später an. Nach der ersten Kaffeepause. Genau!

Jetzt tut mir der Lkw-Fahrer doch etwas leid. Helfen beim Ausladen konnte man das wirklich nicht nennen. Habe bloß die Kartons hin und her geschoben. Aber warum soll‘s ihm besser gehen als mir. Ich kann mir meine Kundschaft ja schließlich auch nicht aussuchen. Außerdem muss ich jetzt alles allein auspacken. Diverse Sorten Alkohol, Säfte und alles andere, was gerade knapp wurde. Im Vorratsraum muss wirklich alles durchdacht aufgestapelt werden. Viel Platz ist nicht in dem kleinen Raum. Manchmal frage ich mich, warum noch niemand in diesen Raum eingebrochen ist. Solange die Sommerlauben laut Zeitung noch interessant sind, denke ich auch nicht über eine Alarmanlage nach. Beim Gedanken daran frage ich mich, was in so einer Sommerlaube überhaupt zu klauen ist. Opas abgestandene, fast leere Flasche »Goldi« oder Omas Rüschendecke, die sie beim Vietnamesen ihres Vertrauens auf dem Wochenmarkt billig erstanden hat? Oder klauen Einbrecher den Inhalt des Kühlschranks? Blumenzwiebeln? Würfelbecher? Ich hab keine Ahnung. Will es auch gar nicht wissen.

Die Rechnung des Lieferanten steckt dreifach gefaltet in meiner Hosentasche. Angesehen habe ich sie bisher nicht. Ich sitze in einem Biergarten, direkt auf der Einkaufsstraße, und habe einen Stuhl auf der Sonnenseite gewählt. Wie es aussieht, bin ich fast allein – nur noch zwei ältere Damen. Ist ja auch Mittagszeit, und dazu noch sehr heiß heute. Die Bedienung muss wegen mir tatsächlich ihr Sonnenbad beenden und arbeiten. Gleich wird sie dem Koch mitteilen, dass sich seine Kochleidenschaft entfalten darf. Ich sehe schon jetzt das aufgesetzte Lächeln, wenn sie mir mit Eifer meinen Teller serviert. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich vor zwanzig Minuten selbst noch nicht gedacht hätte, dass ich bei dieser Hitze auf etwas Überbackenes Appetit haben könnte. Aber der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein, auch nicht bei dreiunddreißig Grad im Schatten.

Ich denke, es ist an der Zeit, die heutige Rechnung unter die Lupe zu nehmen. Ich habe mir nicht umsonst Arbeit mit in die Mittagspause genommen. Doch vorerst lasse ich mich gern davon ablenken.

Es scheint, als wäre gerade eine Armada an Touristenbussen angekommen. Es füllt sich. Ich beobachte vier junge Frauen, jede mit Kinderwagen, die sich mit Gewalt den Weg zu einem der Tische bahnen. Vom Alter und der Kleidung her haben sie wegen der Entbindung die Schule abgebrochen und werden noch vom Jugendamt betreut. Als das Quartett am Tisch angekommen ist, weckt ein schreiendes Baby das nächste. Eine Geräuschkulisse wie auf einer Geburtsstation zwingt die vier gebärfreudigen Mütter, permanent an den Wagen zu rütteln, während sie sich gegenseitig über die Dauer ihrer Wehen aufklären. Als wäre es ein Wettbewerb, gibt jede einzelne Mami damit an und versucht, die anderen zu übertrumpfen. Dabei geben sich die Mammis gegenseitig Ratschläge, wie sie die Schwangerschaftpfunde wieder loswerden können. Sinnlos, denn sie schaufeln sich riesengroße Tortenstücke rein.

Ich höre den vier Rubens-Grazien nun eine Weile zu und frage mich, wer sie wohl zu Müttern gemacht hat. Ich ahne, dass bei allen vier Kinderwagenbewohnern der biologische Vater längst über alle Berge ist, hauptberuflich arbeitslos ist und keinen Unterhalt zahlt. Wie so oft.

 

Ich lassen meinen Blick öfter über die Einkaufsmeile schweifen. Der Biergarten füllt sich mehr und mehr.

Wie fast immer, sitze ich allein am Tisch. Heute an einem Vierertisch. Vielleicht gesellen sich noch andere Leute zu mir. Manchmal ist es ganz spannend, denn die Leute vergessen oft die vierte Person am Tisch, die sie nicht kennen, die aber alles mithört. Wenn ich mal an ein Dreiergespann gerate, das sich untereinander nicht kennt, ist es nur halb so spannend.

Eine alleinstehende Frau sollte sich nie, nie, nie an einen Zweiertisch setzen. Dann ist die Fahrstuhl-Atmosphäre vorprogrammiert. Wir waren doch alle schon mal im Fahrstuhl, oder?

Oft sind sie rundum verspiegelt. Wer allein darin steht, mustert sich zwangsweise in diesem Kasten, sucht sein Gesicht nach Pickeln ab oder macht ‘ne Fratze. Wenn sich weitere Personen im Fahrstuhl befinden, wird geschwiegen und auf den Boden gestarrt oder nach oben auf die Etagenanzeige. Jeder macht sich schmal wie eine Ölsardine und wartet auf den Gong.

Heute habe ich Glück. Niemand setzt sich zu mir an den Tisch. Ich beobachte Touristen, die in alle Richtungen fotografieren, und Reisegruppen, die staunend die Fassaden der Häuser betrachten. Sie sind fasziniert von Dingen, die ich als Einheimische gar nicht mehr wahrnehme.

Eine Person fällt mir immer wieder ins Auge, denn sie ist ebenso auffällig wie penetrant. Ein als Handy verkleideter Typ, der einen Stapel Papier in der Hand hält und Passanten offensichtlich auf tolle Handyverträge aufmerksam machen will.

Heute scheint nicht sein Glückstag zu sein. Bis jetzt konnte ich jedenfalls nicht beobachten, dass er auch nur ein Flugblatt losgeworden ist. Manchmal ruft er den dankend abwinkenden Leuten abfällige Bemerkungen hinterher. Je näher er dem Biergarten kommt, desto deutlicher höre ich, was er sagt. Gerade eben hat er eine Frau als Arbeitslosenpack bezeichnet. Einige aufgebrachte Passanten regen sich über das rotzfreche Handy auf, andere gehen kopfschüttelnd weiter.

Der Job ist nicht der richtige für den Handy-Typen. Das merkt er allerdings nicht. Er diskutiert eifrig mit einem älteren Paar, das sich nun abwendet und den Biergarten betritt. Da jetzt nur an meinem Tisch Platz ist, weiß ich, dass sie gleich bei mir sitzen werden. Ich hätte beim Beobachten ab und zu auf meinen Teller sehen sollen – habe mich total bekleckert. Das ältere Paar nimmt am Tisch Platz und bestellt Kaffee und Kuchen. Auch sie haben den Handy-Mann noch im Auge. Der geht vor dem weißen Lattenzaun des Biergartens auf und ab. Seine Strategie hat er nicht geändert. Er pöbelt wieder Leuten hinterher, die seine Mobil-Tarife für zu teuer oder ihn für zu unfreundlich halten.

Der ältere Mann an meinem Tisch kann nun einfach nicht mehr nur zusehen und wettert lautstark über den Zaun. Der Handy-Typ kommt näher und die beiden Männer streiten sich. Der alte Herr ist schlagfertig und kontert ordentlich, was mich zum Lachen bringt und dem Handy-Typ offensichtlich nicht entgeht. Daraufhin posiert er sich wie King Kong direkt vor mir.

»Willst du auch noch deinen Senf dazugeben?«

Das betrachte ich doch glatt als Einladung!

»Ja, gerne«, erwidere ich mit bösen Blicken. »Jetzt pass mal auf, Handy! Also spätestens dann, wenn ich mich als Telefon verkleidet in einer Fußgängerzone wiederfände, würde ich mich fragen, was in meinem Leben vielleicht schiefgelaufen sein könnte. Und was deine Qualitäten als Promoter angeht, sieht es so aus, als wärst du vom Arbeitslosenpack nicht weit entfernt.«

Das hat gesessen! Das Handy weiß nicht mehr, was es sagen soll, sein Akku ist leer. Als ihn nun auch die restlichen Besucher des Biergartens anstarren, gibt er auf und geht.

Seine widerwärtige Art lässt mich wieder an Muschi denken. Ebenso hätte auch er im Handy-Kostüm stecken können. Schade, dass dieser Internet-Proll in der Versenkung verschwunden ist. Er konnte gut austeilen, musste aber auch einstecken. Vielleicht war ich deshalb sein Problem, vor dem er aus dem Portal floh. Aber Parolen über ein völlig verzerrtes Bild der Frauenwelt kann ich nicht auf mir sitzenlassen. Weil ich nicht zu den Frauen gehöre, die nur zu zweit zur Toilette gehen oder jedem Trend aus einem Modemagazin hinterherjagen. Ich weiß auch nicht, warum er Frauen generell für unterbelichtet hält und einen Hass auf geschäftstüchtige Frauen oder Frauen in Führungsebenen hat. Wieso bloß? Nimmt die männliche Potenz beim Anblick von Karrierefrauen ab? Hatte er mal eine böse Chefin? Verdient seine Frau, falls er eine hat, mehr Geld als er? In seiner Welt gehören Frauen dem Mann untergeordnet. Warum? Ich weiß es nicht.

 

»Darf es noch was sein?«, fragt die Bedienung und reißt mich aus meiner Mittagspausen-Philosophie.

»Nein, danke. Ich würde gern zahlen.«

Während die Kellnerin in ihrer Geldbörse nach Wechselgeld sucht, beobachte ich, wie der Mann am Tisch hinter uns ungeniert auf ihre Beine starrt. Wenn es nach ihm ginge, könnte die Kellnerin wohl den ganzen Tag in dieser leicht gebeugten Position stehen.

Die Hitze wird langsam unerträglich und ich sehne mich nach meinem gekühlten Vorratsraum.

 

Als ich wieder zwischen den Kartons stehe, habe ich der Rechnung immer noch keine Beachtung geschenkt. Das Thermometer im Lager zeigt vier Grad an. Für den Moment erfrischend. Die Kellnerin vom Biergarten würde sicher gern mit mir tauschen. Die Getränke, die ich an der Bar brauche, stehen nun zur Abfahrt in dem kleinen Güterlift bereit. Ich schicke sie per Knopfdruck eine Etage höher, direkt in den zweiten Lagerraum meines Irish Pubs. Ich nehme die Treppe. Wenn der Lift größer wäre, sodass ich mit reinpasste, würde ich nicht einmal die Farbe des Treppengeländers kennen, bequem wie ich bin. Ich bin schon in der Lage, mich selbst zu beurteilen. Selbsteinsicht ist ja der erste Weg zur Besserung, lässt sich mit mir aber nicht beweisen.

Alles steht zum Auspacken parat. Ich habe kein Problem damit, alle Flaschen in die Regale hinter dem Tresen zu ordnen. Die leeren Kartons danach zu falten, um platzsparend die Papiertonne zu befüllen, gehört allerdings nicht zu meinen Lieblingsaufgaben, ebenso wenig wie die Buchhaltung, die regelmäßig auf mich wartet. War da nicht noch etwas?

Genau! Meine Warenrechnung.

Ich hatte mit mehr gerechnet. Das ist die Summe der letzten Woche. Heute habe ich schon wieder einen neuen Lieferschein bekommen, für den dann nächste Woche die Rechnung kommt. Da man auf der Welt nichts geschenkt bekommt, nehme ich es hin, dass ich mich in einem immer wiederkehrenden Kreislauf befinde, schalte in meinem kleinen Büro den Computer an und überweise brav den Betrag.

Bei der Gelegenheit könnte ich eigentlich kurz mal nachsehen, ob Muschi die Internetwelt wirklich verlassen hat. Vielleicht hat er sich mit seinem Tarnnamen moesizlak7 auch in anderen Foren angemeldet. Ja, wofür gibt es denn sonst Suchmaschinen? Okay, dann mal los!

Die Suche ergibt nichts. Schade. Hatte ich sowieso nicht anders erwartet. Dafür halte ich Muschi doch für zu schlau, was mich aber auch etwas ärgert. Egal. Gleich muss ich sowieso in die Startlöcher.

 

Heute gibt es Live-Musik. Mit den Bands läufts immer gleich ab. Meistens besteht eine Band aus zwei oder vier Musikern, von denen einer immer absolut unsympathisch ist. Das ist ausnahmslos der Chef, der sogenannte Bandleader, oft auch als Sänger bekannt. Er selbst nennt sich Bandleader, denn der Begriff »Sänger« klingt ihm wohl zu belanglos.

Der Bandleader ist immer ganz wichtig und muss, kaum ist er durch die Tür, erstmal das Finanzielle klären. Besonders wichtig ist so ein Sänger, wenn er sich schon einen Kabelträger leisten kann. Dieser hat dann während des Auftritts die Aufgabe, pausenlos Flyer und Autogrammkarten zu verteilen und selbstgebrannte CDs am selbstgebastelten Verkaufsstand zu verscherbeln.

Die Aufgabe des Sängers hingegen ist, dass er in den Pausen die weiblichen Gäste aufsucht und sich ihnen mit Drink in der Hand und absoluter Selbstüberzeugung so darstellt, als wäre er schon für den nächsten World Music Award nominiert. Das macht er sehr, sehr gewissenhaft. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er so glücklich mit sich und der Welt ist, dass er sich jeden Abend vor den Spiegel stellt und fragte: »Und, wie war ich?« Na klar: Toll, toll, toll!

Ich habe schon erlebt, dass Leadsänger ihre eigenen Autogrammkarten dabei hatten. Irgendwann später kriegen wir diese Autogrammkarten sogar im A4-Format, falls A3 gerade alle ist. Man will sich ja auch irgendwie abheben. Das ist verständlich.

Die gebuchte Band macht den letzten Soundcheck. Ich weiß nicht, ob es ein Ehrencodex ist, aber er klingt immer gleich. »One, two. One, two, three. Ssssiiiit. Zsss.« Fertig. Aber auch nur, wenn kein Bandleader beim Soundcheck dabei ist, denn der lässt es sich natürlich nicht nehmen, schon mal einen Vorgeschmack seines Gesangtalents zu geben.

Manchmal buche ich Bands über eine Agentur. Aus finanziellen Gründen kann ich mich nur in der Kategorie »Bekannt und bezahlbar« umschauen. Bezahlbar, weil die Musiker meist vor zwanzig Jahren ihre große Zeit hatten, als noch Mädels im Faltenrock Blumensträuße auf die Bühne brachten. Den einen oder anderen Star – oder sagen wir alternden Künstler – habe ich sogar selbst im TV gesehen, als ich noch klein war. Fast ohne Ausnahme hatten diese Musiker nur einen großen Hit, an den sich ein Teil des Publikums schwach erinnert - oder gar nicht. Diesen Song muss die Band dann zwangsläufig am Anfang, am Ende und auch zwischendurch noch einmal zum Besten geben. Die Stars von gestern würden natürlich nie zugeben, dass ihr Zug schon vor einer Ewigkeit abgefahren ist. Sie machen sich noch nicht einmal Sorgen, wenn die Tontechniker mehr Angebote von weiblichen Zuhörern bekommen als sie selbst.

Oft leisten sie sich bis zum letzten Tag Manager, die aber während der vielen Wochen, in denen die Stars nicht gebucht werden, eher als Psychotherapeuten und Mädchen für alles herhalten müssen. In der Regel finden sich die Manager damit ab, dass sie ein anderes Gehalt und andere Aufgaben haben als in vergangenen Glanzzeiten. Treue Seelen verlassen eben nicht die Hand, die sie so viele Jahre gefüttert hat und das immer noch tut. Der Brötchengeber wird ja immerhin ab und zu noch gebucht. Beide kommen doch über die Runden, und er, der Manager, will ja schließlich auch nicht normal arbeiten gehen.

Mein Abend hat sich gelohnt. Der Laden war voll und die Band sorgte für Stimmung. Was will man mehr?

Zufrieden vor meinem kleinen Häuschen angekommen, stelle ich fest, dass heute der Tag der Kaffeetassen ist. Es wird Zeit, mal wieder welche in Richtung Geschirrspüler zu tragen. Also raus aus dem Auto mit dem Geschirr, auch wenn ich zweimal laufen muss. In den letzten Tagen haben sich so einige Tassen hier angesammelt – und nicht nur die. Ich hoffe, dass ich nicht mit einer Pilzfarm unter meinem Sitz durch die Gegend fahre, denn öfter rollen auch mal Pommes darunter, wo sie dann für sehr lange Zeit bleiben. Oder für immer. Überhaupt sehe ich ein Auto nur als Gebrauchsgegenstand an. Mehr als Fahren macht das Ding ja auch nicht. Ich habe nie die Männer verstanden, die ihr Wochenende mit Autoputz und Polieren verbringen. Kann man daran wirklich Spaß haben?

 

 

Mit Koffer nach Stuttgart

Sonnenstrahlen wecken mich. Es ist fast 14 Uhr. Ganz vorsichtig mache ich erst mal ein Auge auf, aber auch blitzschnell wieder zu. Mein Nachtschrank sieht aus wie eine Kellerbar. Leere Chipstüten, drei leere Piccolofläschchen, zwei leere Wasserflaschen und vier verklebte Gläser, die sich in den letzten Tagen hier angesammelt haben. Erstaunt stelle ich fest, dass die Gläser Wasserflecken in Anordnung der Olympiaringe auf meinem Nachtschrank hinterlassen haben. Wenn ich prominent wäre und eine Putzfrau hätte, würde sie bestimmt jede Menge Fotos von dem Chaos in meinem Haus machen und sie an eine Zeitung verkaufen. Gott sei Dank bin ich normal. Dafür muss ich allerdings meinen Müll auch selbst wegräumen. Prominenten-Putzfrau zu sein ist bestimmt ein ganz interessanter Beruf. Und aufregend.

Blitzartig fallen mir sofort zehn Promis ein, bei denen ich gerne mal saubermachen würde. Aber wahrscheinlich würde ich nach drei Tagen achtkantig rausfliegen, weil ich nur Sherlock Holmes gespielt hätte und die Bude immer noch dreckig wäre. Na ja.

Beim Gedanken daran, dass ich aufräumen müsste, drehe ich mich auf die Seite und nicke wieder ein.

Meine Augen wollen nicht aufgehen. Der Fernseher lief die ganze Nacht. Jemand redet. Ich bin irgendwie immer noch im Halbschlaf und höre ein Interview mit Karl Lagerfeld. Hat eigentlich schon jemals einer verstanden, was er sagt? Ich meine, auch sinngemäß? Ich nicht. Nur Wortsalat. Vielleicht ist er als kleines Kind mal in die Textilfarbe gefallen. Ich kann ihn nicht wegschalten, die Fernbedienung ist weg.

Heute habe ich es Karl Lagerfeld zu verdanken, dass ich schon auf den Beinen bin. Wenn die Fernbedienung nicht zu mir kommt, muss ich eben zum Fernseher. Ich ziehe den Stecker. Karl ist jetzt ruhig.

 

Heute ist Montag. Montags bleibt die Bar geschlossen. Und in dieser Woche öffne ich überhaupt nicht. Wegen Straßenbauarbeiten gar nicht; der Bürgersteig wird aufgerissen. Etwas Urlaub ist ja auch mal ganz nett. Wie lange ist der letzte überhaupt schon her? Mein Kühlschrank ist so leer, dass ich eigentlich die Gelegenheit nutzen und ihn mal auswischen könnte. Aber ich habe heute frei. Vielleicht morgen, denke ich. Thema vertagt. Heute trinke ich meinen Kaffee mal wieder ganz normal zu Hause am Tisch. Genau genommen am Schreibtisch. Internet an und ab zur Seite des Autohändlers, auf der ich das Auto entdeckt habe, das bald mir gehören wird.

Den Wagen habe ich schon letzte Woche telefonisch reserviert und sehe mir jetzt aus Vorfreude noch einmal die Bilder an. Am Mittwoch hole ich das Schätzchen in Stuttgart ab, was sechshundertdreiunddreißig Kilometer von meinem Wohnort entfernt ist, nur weil ich es nicht abwarten konnte, ein solches Auto in der Nähe zu finden.

Meine Ungeduld ist ein weiteres Defizit. Aber ich bin auch in diesem Fall nicht streng mit mir, schließlich war ich noch nie in Stuttgart.

Meine Abflugzeit in Berlin ist 8.30 Uhr und mein Weg zum Flughafen dauert eine knappe halbe Stunde. Vielleicht mache ich dann im Taxi noch kurz die Augen zu, denn um sechs Uhr morgens aus den Federn zu kommen gehört ebenfalls nicht gerade zu meinen Stärken.

 

Endlich ist Mittwoch. Verschlafen falle ich aus dem Bett. Mein Taxi ist da. Der Sommer scheint uns verlassen zu haben. Es ist kalt. Auf den Kaffee muss ich heute verzichten, obwohl ich kein Problem damit hätte, auch ins Taxi mit einer Tasse einzusteigen. Der Taxifahrer wahrscheinlich schon, und der muss eh schon genug Geduld aufbringen.

Zweimal muss ich, meiner Vergesslichkeit wegen, noch ins Haus zurück. Ein drittes Mal, weil ich, wie schon erwähnt, keine Handtasche besitze und deshalb alles in den Taschen meiner Jacke verstaut habe, die irgendwann prall wie Dolly Buster waren. Leider auf Hüfthöhe.

Reisepass, Handy, Geldbündel, Taschentücher, Kleingeld, mein Schlüsselbund mit dreißig Schlüsseln, zu denen es teilweise gar nicht mehr die Schlösser gibt. Die zwei riesigen Beulen in der Jacke sehen aber wirklich nicht toll aus. Ich muss also etwas Ähnliches wie eine Tasche oder einen Rucksack finden. Ich mache mich auf die Suche, obwohl ich derartige Behältnisse längst entsorgt habe oder gar nicht erst besitze. Mit einer Plastiktüte will ich auch nicht abfliegen. Ich finde auf die Schnelle nichts – außer einem alten blauen Plastik-Reisekoffer. Er ist riesig. Wem gehört der eigentlich? Wer hat ihn hier vergessen? Spontan sehe ich vor mir die Gesichter meiner Ex-Freunde wie in einem Film auftauchen. Ich hab keine Ahnung, wie er hierher kommt. Egal. Ich habe auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.

Jetzt liegen die Dinge, die meine Jackentaschen ausgebeult haben, in einem großen Reisekoffer, wie ihn üblicherweise Urlaubsreisende mit sich tragen. Natürlich ist alles lose und klappert etwas, der Koffer ist ja fast leer.

»Los jetzt!«, feuere ich mich selbst an. Ich will die Nerven des Fahrers nicht länger strapazieren, denn die Zeit wird deutlich knapp.

Der Taxifahrer verstaut meinen Koffer im Kofferraum. Zum ersten Mal ergibt das Wort Kofferraum für mich einen Sinn. In meinem Kofferraum rollen immer nur Lebensmittel durch die Gegend, die ich im Supermarkt eingekauft habe.

Ich sitze hinten. Im Rückspiegel kann ich das Gesicht des Taxifahrers sehen. Er erinnert mich irgendwie an meinen Fahrschullehrer, der meine Übungsstrecken immer perfekt vorgeplant hat, oder sagen wir besser, nicht er, sondern seine Frau: Reinigung, Kaufland, Baumarkt, Gartenmarkt, Schuster, Apotheke. Wir haben alle Punkte angefahren, die auf seiner Liste standen. Immer sagte er: »Fräulein Rosenbach, ich bin in zwei Minuten wieder da.«

Wenn ich alle dieser besagten zwei Minuten zusammenrechnete, könnte ich locker vier Doppelstunden nachfordern. Das war mir schon damals klar. Besonders wenn ich bedenke, dass »Miss Fahrschullehrerin« von Beruf Hausfrau war und alle Zeit der Welt hatte, ihren Allerwertesten selbst in die Apotheke zu bewegen. Aus diesem Grund habe ich meinem Fahrschullehrer bei der Suche nach dem passenden Geburtstagsgeschenk für seine Frau auch großzügig meine Hilfe angeboten. Ich habe ihm zu sexy Unterwäsche als Präsent geraten. Und als wir in der Wäsche-Boutique standen, die sexy Spitzenwäsche wieder aus der Hand genommen und sie gegen einen vierundvierzig Euro teuren Baumwollschlüpfer eingetauscht, der einen extrem flachen Bauch machen soll.

»Die sollen wirklich funktionieren. Leistet sich ‘ne Frau auch nicht jeden Tag bei dem Preis«, versicherte ich ihm. »Vielleicht noch ein kleines Beauty-Paket dazu, oder ist das Limit vom Preis her schon erreicht? Da würde sie sich bestimmt drüber freuen.«

»Sicher, aber davon habe ich keine Ahnung. Machen Sie das für mich?«

Natürlich hab ich das für ihn gemacht. Liebevoll habe ich ein kleines Körbchen für einen entspannten Beauty-Tag zusammengestellt und alles ordentlich in Folie gepackt. Billigparfüm, damit sie schön stinkt wie eine russische Hafennutte, Rosskastaniencreme, Anti-Cellulite-Creme, Faltencreme, Hornhautraspel, ein Präparat als Vorbeugung von Altersflecken, ja sogar den Werbeprospekt vom Fitnessstudio aus der Wurfzeitung, die jeden Mittwoch kommt, habe ich kunstvoll mit eingebunden. Schleife dran. Fertig. Ein Wunder, dass ich meine Fahrschulprüfung bestanden habe.

 

Ich bin am Flughafen. Der Abfertigungsschalter für meinen Flug befindet sich natürlich am anderen Ende des Terminals. Ich kämpfe mich mit meinem Koffer durch den Gang, vorbei an hektischen Menschen, Gepäckwagen, Stewardessen mit Koffer-Trolleys und Muttis mit Kinderwagen. Wenigstens ist mein Koffer leicht, denn die Chancen auf einen Gepäckwagen stehen nicht gut, weit und breit ist keiner zu sehen.

Handy, Pass und Ticket hole ich nun aus dem Koffer. Es sind nur noch ein paar Meter bis zum Schalter und ich kann jetzt schon deutlich sehen, dass ich Wartezeit mitbringen muss. Vor mir stehen zirka vierzig Personen in Doppelreihe in der Schlange. Es geht einfach nicht vorwärts. Ich starre auf die Marmorfliesen auf dem Boden und auf meine ungeputzten Schuhe. Ich könnte mir auch mal wieder ein Paar neue leisten. Das habe ich letztes Jahr schon zu mir gesagt, erinnere ich mich. Schön sehen sie wirklich nicht mehr aus, aber sie sind so bequem. Und wer sieht in dem Gedränge schon auf meine Schuhe? Nur ich – aus Langeweile.

Ein riesiger schwarzer Lackschuh gerät in mein Blickfeld. Während ich versuche, die Größe zu erraten, frage ich mich, ob Lackschuhe überhaupt noch modern sind. Soll man die wirklich mit der Innenseite einer Bananenschale polieren? Das hab ich mal irgendwo gehört oder gelesen. Neben diesem Lackschuh sehen meine Schuhe noch ungepflegter aus. Das gefällt mir nicht. Der Träger der Lackschuhe hätte sich auch weiter hinten anstellen können. Langsam merke ich, wie sehr mir der Kaffee fehlt. Allmählich schiebt sich die Schlange weiter und weiter Richtung Schalter. Herr Lackschuh ist immer dicht hinter mir. Ich sehe weiter nach unten und erkenne ein Stück schwarzen Hosensaum auf dem Schuh und die Ecke seiner Notebook-Tasche, die immer wieder in mein Blickfeld schwingt. Notebook-Tasche! Das wäre es doch gewesen! Und ich habe sogar eine Tasche für mein Notebook. Aber nein, ich verreise natürlich mit vier Kleinteilen im Reisekoffer, nur weil ich nicht schon einen Abend vor Abflug gepackt habe, wie andere Leute es tun. Aber es gab ja auch nichts zu packen. Ich fahre schließlich nicht in den Urlaub.

Geschafft! Jetzt bin ich dran. Die Dame am Schalter kommt mir vor wie eine Maschine. »Reisen Sie allein? Ihre Buchungsbestätigung bitte! Ihren Ausweis oder Reisepass bitte!« Alles mit monotoner Stimme. Sie sieht eher wie eine russische Gemüseverkäuferin aus als wie eine Flughafenmitarbeiterin.

Jedenfalls könnte ich mir Schürze und Kopftuch besser an ihr vorstellen als diese Uniform. Ich bekomme meine Bordkarte.

»Haben Sie Gepäck?«

»Nein.«

»Ist das nicht Ihr Koffer?«

»Oh, doch!«

»Würden Sie ihn dann bitte aufs Band stellen?«

Die Waage zeigt 2122 Gramm an. Peinlich! Ich weiß genau, was sie jetzt denkt. Wieso habe ich nicht an die verdammte Waage gedacht? Oder daran, dass ein Koffer als Handgepäck vielleicht etwas zu groß sein könnte.

»Spinnt jetzt die Waage oder ist Ihr Koffer leer? Entschuldigung, aber mir ist bisher noch nie ein Reisekoffer mit zwei Kilo Gewicht übers Band gelaufen«, erklärt sie.

Verschämt blicke ich mich um. Direkt in die Augen von Herr Lackschuh. Oh mein Gott! Was für ein Mann! Eine Statur wie ein Gott. Braun gebrannt, himmelblaue Augen und blonde Haare bis zur Schulter, so eine Art Schüttelfrisur vom Typ Jürgen Drews, nur eben in Blond. Ich glaube, Amors Pfeil hat mich getroffen. Aber das will ich gar nicht wahrhaben.

Die Dame am Schalter steht nun auf und hebt meinen Koffer selbst an. »Leer, oder?«

»Mein Koffer ist nicht leer! Nur der Inhalt wiegt etwas wenig«, reagiere ich nun etwas beleidigt, denn Herr Lackschuh bekommt gerade alles mit, was die Situation für mich nicht besser macht. Und er ist sichtlich davon amüsiert.

Die Schalterfrau klebt eine Papierschlaufe an den Griff meines Koffers und ich beobachte, wie mein eigentliches Handgepäck über das Förderband hinter den breiten Gummibändern verschwindet. Jetzt habe ich nichts mehr, außer meiner Bordkarte und meinem Pass.

Auf zum Gate! Nach der Sicherheitskontrolle sitze ich auf einem Stuhl in der Abflughalle und starre auf den Kaffeeautomaten. Mein gesamtes Geld befindet sich im Koffer. Leider kann man keine Bordkarte in den Automaten schieben. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Stewardess im Flugzeug gleich mit dem Rollwagen an mir vorbeikommt. Wenn es nach mir geht, direkt nach dem Anschnallen. Von mir aus dürfen sie mich auch schon direkt beim Einsteigen mit einer Tasse Kaffee an Bord begrüßen.

»Herzlich willkommen an Bord! Ihre Bordkarte bitte!« Eine besonders hübsche Stewardess überprüft meine Bordkarte mit einem Dauerlächeln. »16B befindet sich rechts«, gibt sie mir freundlich mit auf den Weg.

Ich stopfe meine Jacke ins Handgepäckfach und setze mich auf meinen Platz am Gang.

 

Das Flugzeug füllt sich und jetzt kann ich mal in Ruhe Herrn Lackschuh in seinem schwarzen Anzug betrachten, den die Stewardess gerade begrüßt. So schön, wie er aussieht, so arrogant kommt er mir auch vor. Jetzt zeigt die Stewardess mit ausgestrecktem Arm in meine Richtung. Auch das noch! Herr Lackschuh nickt und geht durch den Mittelgang, auf der Suche nach seinem Platz. Er kommt! Blick zum Fenster, aber schnell!

»Guten Morgen!«, höre ich eine raue Stimme. Als hätte ich es gewusst. »Ich sitze neben Ihnen, aber Sie dürfen gern zum Fenster durchrutschen.«

»Danke, nein, ich habe den Gangplatz gebucht.«

»Sie würden doch sicher gern am Fenster sitzen, oder?«, fragt er, als wäre ich ein Kleinkind, für das nichts aufregender ist als ein Fensterplatz in einem Flugzeug.

»Nein!« Das war deutlich, und ich stehe auf, um ihn samt seiner schwarzen Tasche zum Fensterplatz vorbeizulassen. Ich kann es mir natürlich nicht nehmen lassen, eine Geste ohne Worte dafür zu nutzen, mit Wink und Knicks. Wieso bin ich jetzt so gereizt? So bin ich doch sonst nie. Weil seine Schuhe glänzen und meine nicht? Will ich nicht wahrhaben, dass er mir gefällt?

»Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord der A319 auf unserem Flug nach Stuttgart. Bitte nehmen Sie nun Ihre Sitzplätze ein. Wir machen Sie gleich mit den Sicherheitsvorkehrungen an Bord vertraut. Bei der Sitzplatzsuche wird Ihnen die Crew gerne behilflich sein«, ertönt es aus den Lautsprechern. »Ladies and gentlemen, we welcome you onboard the A319 on our way to Stuttgart. Please, take your seat now. In a few minutes we are going to show you the safety features of this aircraft. The crew would like to help you searching your seat.«

»Ich verstehe nicht, warum Sie den Fensterplatz nicht haben wollen. Alle Frauen sitzen gern am Fenster«, kommt es von meiner Linken.

»Vielleicht bin ich nicht wie alle Frauen. Außerdem buche ich immer einen Platz am Gang.«

»Meine Damen und Herren, im Namen von Kapitän Müller und der Besatzung möchten wir Sie noch einmal recht herzlich an Bord begrüßen. Wir möchten Sie nun mit den Sicherheitsvorkehrungen an Bord vertraut machen. Richten Sie bitte hierzu ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Ihre Flugbegleiter!« – »Ladies and gentlemen, in name of Captain Müller and the entire crew we would like to welcome ...«

»Wieso immer am Gang?«, fragt er und schaut mich an. Oh, er sieht wirklich gut aus. Ich strecke meine Beine und verstecke meine Schuhe unter dem Vordersitz.

»Damit man ein Bein im Gang ausstrecken kann. Deshalb! Und weil man keine schlafenden Nachbarn anstupsen muss, wenn man zur Toilette möchte. Außerdem kenne ich den Blick aus dem Flugzeugfenster und die viereckigen grau-grünen Karos, die immer kleiner werden«, verkünde ich.

»Meine Damen und Herren, bitte achten Sie darauf, alle schweren Handgepäckstücke unter Ihrem Vordersitz und nicht in den Fächern über Ihnen zu verstauen, da diese ...«

»Wir wollen hoffen, Ihr Koffer ist nicht in der ersten Kurve vom Band gefallen, so leicht wie er ist«, sagt er belustigt. Darauf habe ich gewartet!

»Den Wert eines Koffers wollen wir doch nicht vom Gewicht abhängig machen, oder?«

»Gold scheint ja nicht gerade drin zu sein«, sagt er arrogant.

»Nett, dass Sie sich Sorgen machen, aber ich verreise generell immer ohne mein Gold, falls es Sie beruhigt.«

Gold ist wahrlich nicht im Koffer, aber mein gespartes Geld für das Auto. Jetzt werde ich unruhig. Geld hat man doch normalerweise im Handgepäck. Wie konnte ich nur so blöde sein? Ich hoffe sehr, der Koffer kommt in Stuttgart an. Sonst habe ich nur noch meinen Pass und meine Bordkarte und ein Problem. Panisch werde ich jetzt bei dem Gedanken, das Geld könnte bei der Durchleuchtung meines Koffers vom Flughafenpersonal entdeckt und gerecht aufgeteilt worden sein. Ist Geld versichert? Ich glaube, nein. Unruhig blicke ich ständig auf mein Handy und prüfe, wie lange es noch bis zur Landung dauert. Dabei sind wir gerade erst abgeflogen.

»Würden Sie bitte Ihr Handy ausschalten?«, ermahnt mich die Stewardess freundlich bei ihrem Kontrollgang.

»Natürlich!« Sofort schalte ich es ab, wovon sich mein Sitznachbar neugierig überzeugt, als wäre das seine Pflicht.

»Meine Damen und Herren, wir haben unsere Reisehöhe erreicht und der Kapitän hat soeben die Anschnallzeichen ausgeschaltet. Sie können sich nun frei im Flugzeug bewegen. Wie immer empfehlen wir Ihnen aber, während des gesamten Fluges angeschnallt sitzen zu bleiben. Sie können nun auch Ihre elektronischen Geräte benutzen. Vergewissern Sie sich, dass diese sich im Flugmodus befinden.«

Ich schalte mein Handy wieder ein und schaue auf das Display. Aus dem Augenwinkel sehe ich meinen Sitznachbarn grinsen, als er mein altes Handy erblickt.

»Hier ist sowieso kein Empfang«, klärt er mich auf, als hätte ich danach gefragt. »Außerdem hat Ihr Handy sicher keinen Flugmodus. Dafür ist es zu alt.«

»Das weiß ich«, erwidere ich, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie man den einschalten würde.

»Vielleicht hätten Sie ein Frauenmagazin mitnehmen sollen. Dann könnten Sie ein paar Strickmuster ausprobieren.«

Frauenmagazin? Strickmuster? Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Hatte mir nicht Muschi neulich noch unterstellt, ich würde mir einen lila Pullover stricken, und hatte dabei Strickmuster aus der Zeitung erwähnt? Dabei trage ich gar kein Lila, und stricken kann ich auch nicht. Werde ich auch nie können, denn ich habe schon Probleme, einen Knopf anzunähen. Habe ich überhaupt Nähzeug? Ich glaube, nicht.

»War auch meine Überlegung, aber leider ist gerade meine lila Wolle alle«, entgegne ich. Wieso antworte ich überhaupt? Hat er vielleicht etwas an meinem schwarzen Strickpulli auszusetzen, den ich heute trage?

Er wird mir immer unsympathischer und ist einfach nur selbstverliebt. Bestimmt trägt er einen Schlafanzug mit Superman-Motiv und hat eine Kaffeetasse mit einem Bild von sich selbst drauf. Wahrscheinlich ist sein Keller voll mit solchen Kaffeetassen, und jeder, der seinen Weg kreuzt, bekommt eine davon geschenkt, ob er will oder nicht. Ja, so schätze ich ihn ein. Selbstverliebt und egoistisch. Ein Noppenkondom würde er bestimmt auch noch linksrum benutzen, damit er den größten Spaß hat. Und wie oft er sich mit den Fingern durch die Haare fährt oder sie sich mit einem Schwung aus dem Gesicht schüttelt. Ob er überhaupt weiß, wie häufig er das tut? Ich habe auch lange Haare, und zwar viel längere als er, aber das tue ich nicht halb so oft. Wahrscheinlich fährt er gern Fahrstuhl – wegen der Spiegel. Da möchte ich nicht Mäuschen sein, wenn er den Fahrstuhl für sich alleine hat. Und wer weiß, wie lange er morgens im Bad braucht? Fragen über Fragen – und das so früh am Morgen.

Doch Rettung naht in Gestalt eines Rollwagens. Kaffee! Am liebsten würde ich gleich nach zwei Tassen fragen, falls die Flugbegleiterin nicht noch einmal wiederkommt, aber das gehört sich ja nicht.

»Guten Morgen! Möchten Sie Kaffee oder Tee?« Die Stewardess schaut uns immer abwechselnd in die Augen, während sie diesen Spruch aufsagt, als wären wir miteinander verheiratet.

»Kaffee!«, schießt es gleich aus mir heraus. Endlich Kaffee! Ich denke nicht weiter darüber nach, ob die Frau zurückkommt und ich eine zweite Tasse bekomme. Wenn ich in Stuttgart bin und mein Handgepäck im handlichen Schrankformat wiederhabe, kann ich mir jede Menge Kaffee kaufen.

Dass mein Sitznachbar gut riecht, fällt mir schwer einzugestehen, weil er so eine widerliche Art an sich hat. Ständig streicht er sich kleine weiße Flusen und kaum sichtbare Fasern von der Anzughose und den Ärmeln des Sakkos. Gerade wieder! Ob ich mal ...? Ja!

»Schon mal ein Schuppenshampoo probiert? Ich weiß ja nicht, ob es gute gibt, die helfen, aber ...«

»Das sind keine Schuppen«, blafft er. Empörung – das wollte ich sehen – und freue mich über den Triumph.

»Entschuldigung, aber für mich sieht es doch sehr stark nach Schuppen aus«, sage ich. »Das muss Ihnen doch nicht peinlich sein, auch wenn Schuppen auf schwarzen Anzügen natürlich sehr auffällig und unschön sind.«

»Ich habe keine Schuppen!«, sagt er nun so laut, dass es auch die Fluggäste in den umliegenden Sitzreihen deutlich hören.

Das rege Interesse der Mitreisenden, die ihre Blicke zu meinem Sitznachbarn wenden, entgeht ihm nicht – und ärgert ihn umso mehr. Am liebsten würde ich Prinz Arschloch jetzt noch einen leichten Silberblick einreden, aber er hat sich schon wieder seinem Notebook auf dem Klapptisch zugewandt. Es herrscht Funkstille. Bis jetzt hat er am Bildschirm irgendetwas gelesen, nun beginnt er zu schreiben. Ich schließe meine Augen. Am Geklimper der Tasten kann ich erahnen, dass er sehr schnell schreibt. Keine Kunst, kann ich auch. Das habe ich schließlich damals in meiner kaufmännischen Ausbildung lernen müssen.

Die Geräusche der Tasten sind zwar leise, stören aber trotzdem. Dennoch reiße ich mich zusammen und sage nichts. Es ist ja auch nicht verboten, im Flugzeug zu schreiben. Ob ich mal heimlich die Augen einen Spalt öffnen und rüberschielen soll, um zu sehen, was er so schreibt? Bei meinem Glück würde er mich sicher dabei ertappen. Mit dem Gedanken daran und an die Möglichkeit, dass er wahrscheinlich nur eine Tabelle bearbeitet, nicke ich ein.

»Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten beginnen wir mit unserem Landeanflug auf Stuttgart. Wir bitten Sie nun, sich wieder hinzusetzen und sich anzuschnallen. Bitte schalten Sie Ihre elektronischen Geräte aus. Vielen Dank!«

»Ladies and gentlemen, in a few minutes ...

Sind wir wirklich schon da? Wir sind doch gerade erst abgeflogen! Um mich davon zu überzeugen, ob wir wirklich schon in Stuttgart sind, beuge ich mich zum Fenster rüber, fast in den Schoß meines Nachbarn. So weit, dass ich mit meinem Ellenbogen den rechten Arm von Herrn Lackschuh streife, woraufhin seine Hand von den Tasten abrutscht.

»Entschuldigung!«, stammel ich. »Ich habe geschlafen.«

»Das war nicht zu überhören.«

»Das soll doch nicht etwa heißen ...?«, frage ich empört.

»Dann fragen Sie doch bitte die anderen Fluggäste, die Ihretwegen nicht schlafen konnten!«

»Sie haben doch sowieso die ganze Zeit nur sinnloses Zeug getippt, und zwar auch nicht geräuschlos!«

»Ach so, haben wir etwa spioniert?«

»Wie kommen Sie denn darauf? Ich habe geschlafen!«

»Sie haben doch gerade meine Texte als sinnloses Zeug bezeichnet.«

»Würden Sie bitte Ihr Notebook ausschalten und den Tisch nach oben klappen? Wir befinden uns bereits im Landeanflug.« Diesmal ist das Lächeln, das er der hübschen Stewardess schenkt, nicht so freundlich wie beim Betreten des Flugzeugs. Fühlt sich wohl bei dieser Aufforderung auf den Schlips getreten. Oder auf den Lackschuh.

Wenigstens hat sie unser Gespräch zur rechten Zeit unterbrochen, denn ich hatte gerade keine günstige Antwort parat, was eigentlich eher selten vorkommt.

Beim Landeanflug ist sie normalerweise auch immer da, die Fahrstuhl-Atmosphäre. Dann redet keiner und alle sind irgendwie angespannt, warten die Landung ab und den kleinen Ruck, wenn die Maschine auf dem Boden aufsetzt. Dann kommt das obligatorische Klatschen. Die Passagiere entspannen sich, froh, endlich wieder am Boden zu sein.

Das Flugzeug landet, aber diesmal klatscht keiner. Wieso nicht? Gut, ich bin lange nicht geflogen. Vielleicht ist das nicht mehr mode – und nur ein Inlandsflug.

»Meine Damen und Herren, wir sind soeben in Stuttgart gelandet. Wir hoffen, Ihnen hat der Flug mit uns gefallen und Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt an Bord. Im Namen von Kapitän Müller und der gesamten Besatzung hoffen wir, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen. Bitte bleiben Sie noch so lange angeschnallt sitzen, bis wir unsere finale Parkposition erreicht haben. Vielen Dank! Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Stuttgart.«

Ein kurzer Blick zu Herrn Lackschuh verrät mir, dass er noch immer angespannt und launisch ist.

»Sie haben es ja gleich geschafft, dass Sie ...« Ich werde von einer Durchsage des Captains unterbrochen.

»Meine Damen und Herren, wir haben soeben unsere finale Parkposition erreicht. Sie können das Flugzeug jetzt verlassen. Wir verabschieden uns von Ihnen. Auf Wiedersehen.«

»Ladies and gentleman, we have just reached our final parking position. You can leave the aircraft ...«

Ich nutze das Gedränge der sofort aufspringenden Leute, die eifrig die Gepäckklappen über sich öffnen und ihr Handgepäck zu sich herunterziehen, und den Andrang derer, die schon im Gang stehen, um das Flugzeug zu verlassen. Blitzschnell öffne ich die Klappe über mir, schnappe mir meine Jacke, aber weiter komme ich nicht. Der Gang ist voll. Mit Blick Richtung Cockpit bleibe ich neben meinem Sitz stehen, in der Hoffnung, dass ich gleich zwei, drei Sitzreihen weiter vorne bin. Ich weiß nicht, warum das so lange dauert, bis sich die Sitze in den Reihen vor mir leeren, und warum die Passagiere hinter mir so drängeln und immer wieder versuchen, auch noch die kleinste Lücke zu nutzen, um dann schneller am Gepäckband zu sein, wo eh alle warten müssen. Es geht voran, wenn auch langsam.

Etwas erleichtert blicke ich zu Boden, auf den grauen Teppichbelag. Irgendetwas stört im Rücken. Natürlich, Lackschuh! Er steht direkt hinter mir und eine Kante seiner Notebook-Tasche, die an seiner Schulter hängt, trifft mich ständig im Rücken. Kann er die Tasche nicht in der Hand halten? Nein! Das sollen wohl seine letzten Grüße an mich sein, weil ich ihn nicht so bewundert habe wie er sich selbst. Aber da stehe ich drüber und reagiere gar nicht. Nein, Amelie, sagte ich mir, da sind wir schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden.

Gleich geschafft. So ein Kurzstreckenflug kann ja anstrengender sein, als man denkt.

»Vergessen Sie nicht, den Inhalt Ihres Koffers zu überprüfen. Schön nachsehen, ob noch alles da ist, wenn Sie ihn vom Band holen«, höre ich hinter mir.

Was antworte ich jetzt? »Eine Veränderung würde ich sofort am Gewicht merken«, sage ich überzeugt, als würde ich es selbst glauben.

In der Hoffnung, ihn das letzte Mal gesehen zu haben, drehe ich mich noch einmal um und lächle ihn widerwärtig und zugleich übertrieben freundlich an. Das war zwar nicht die optimale Antwort, aber ganz wirkungslos wohl auch nicht, denn er hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Oder er will keine Antwort mehr geben, denn inzwischen werden wir von der hübschen Stewardess verabschiedet.

»Ihnen auch einen schönen Aufenthalt«, wünscht er ihr ausgesprochen freundlich. Was er mir wünscht, will ich lieber nicht wissen. Wenigstens hat er kein Gepäck aufgegeben, wie ich in Berlin beobachtet habe. Am Förderband muss ich ihn also nicht mehr sehen.

Als ich dort ankomme, dreht mein Koffer schon seine Runden. Ich angele ihn mir und sehe sogleich in einer stillen Ecke nach dem Inhalt. Alles da! Was für eine Erleichterung! Den Umschlag mit dem Geld und loses Kleingeld nehme ich sofort an mich und verstaue es in meiner Jackentasche, wo schon mein Pass liegt. Im Koffer verbleiben nun noch die Taschentücher und das Schlüsselbund. Insgeheim trage ich mich mit dem Gedanken, diese auch wieder in meiner Jacke zu verstauen und den Koffer einfach hier stehen zu lassen. Was dann wohl derjenige denken muss, der diesen Koffer bei der alljährlichen Versteigerung bekommt? Da wäre ich gerne dabei, um das Gesicht zu sehen. Begeistert von dieser Idee und genervt von meinem Koffer entferne ich die Banderole und nehme meine Sachen heraus.

Mit meinem Koffer gehe ich nun zielstrebig zu einer bepflanzten Säule in der Eingangshalle. Langsam stelle ich ihn ab und suche nach dem Ausgang. Das dürfte schnell gehen, denn der Flughafen hier kommt mir viel kleiner vor als der in Berlin.

Ausgang! Da ist er. Na, das ging ja schnell.

»Würden Sie uns bitte begleiten?«, höre ich plötzlich und sehe mich von Sicherheitsbeamten umzingelt. Völlig durcheinander folge ich wie befohlen den blau Uniformierten, vorbei an meinem Koffer, der ebenfalls von Sicherheitsbeamten umstellt ist. Jetzt wird mir klar, worum es geht. Ich werde für einen Kofferbomber gehalten. In einem kleinen Raum werden meine Personalien aufgenommen und ich bekomme Besuch von einem grauhaarigen Mann um die fünfzig.

»So. Vergessen, ja?«, wiederholt er ungläubig meine Worte. »Den Bildern unserer Überwachungskameras nach zu urteilen, sieht es ganz und gar nicht danach aus, als hätten Sie Ihren Koffer einfach nur vergessen. Wollen wir uns die Aufnahmen einmal gemeinsam ansehen?«

»Nein, nicht nötig«, antworte ich kleinlaut. Was für eine blöde Situation! »Der Koffer ist leer«, sage ich zu meiner Verteidigung.

»Das wissen wir inzwischen auch«, sagt der Kriminalbeamte.

»Was denken Sie denn, wie es in Zeiten von Terrorismus für das Sicherheitspersonal aussieht, wenn jemand seinen Koffer bewusst in einem Flughafengebäude abstellt und dann geht?«

Terrorismus? Jetzt werde ich auch noch für eine Terroristin gehalten?

»Werde ich jetzt etwa verhaftet?« Allmählich sehe ich mich in Handschellen und mir wird Angst und Bange. Am liebsten würde ich heulen. Das kann ich ja auf Bestellung. »Ich wollte ihn verschenken, für die Versteigerungen, die doch immer mit Liegengebliebenem gemacht werden«, sage ich und versuche, mich so aus der Affäre zu ziehen. Das war ja nicht mal gelogen.

»Verschenken? Das wird ja immer besser«, sagt der Flughafensheriff und lacht.

»Wirklich!«, sage ich flehend.

»Wer soll sich denn bitte über einen leeren Koffer freuen?«

»Na, der Koffer hat doch schließlich auch mal Geld gekostet. Und der wird schließlich mit versteigert, oder nicht?«

Okay, ich probiere es mit Heulen. Auf Befehl schießen mir die Tränen in die Augen und kommen kurz darauf über meine Wangen gelaufen. Liz Taylor hätte das nicht schneller gekonnt, da bin ich mir sicher. Dieser verdammte Koffer hat mir nur Pech gebracht. Mein Gegenüber gießt sich Kaffee ein und mustert beiläufig Schriftstücke neben sich. Neid kommt in mir auf.

»Ich weiß nicht, ob das jetzt dreist klingt, aber könnte ich auch eine Tasse Kaffee haben?«, frage ich vorsichtig nach. Der Flughafensheriff ist erstaunt, schenkt mir aber bereitwillig Kaffee ein.

»Komme ich jetzt ins Gefängnis?«, frage ich und schniefe erneut. Plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck und er scheint mich freundlicher anzusehen. Oder bilde ich mir das ein?

»Sie haben hier ganz schön Unruhe verbreitet mit Ihrem Koffer.«

Ich werde nach allen Regeln der Kunst gemaßregelt und fühle mich genauso wie damals, als ich zu Schulzeiten beim Direktor saß und meinen ersten Tadel bekam. Aber alles hört sich irgendwie so an, als dürfte ich gleich gehen.

»Trotzdem ist der Vorfall in unseren Daten gespeichert, und das bleibt er auch. In Zukunft sollten Sie ... und Sie können froh sein, dass ...«

Eigentlich höre ich überhaupt nicht hin. Oh ja, er kommt zum Ende. So klingt es jedenfalls. Ich darf wirklich gehen. Ganz überrascht bin ich jedoch nicht. Kann man überhaupt wegen eines leeren Koffers verhaften werden?

 

 

Reserviert ist nicht gekauft

Eine Ewigkeit später stehe ich wiedervereint mit meinem Koffer am Taxistand. Das Wetter ist besser als in Berlin und die Sonne scheint. Ich werde nie wieder einen Koffer irgendwo abstellen. Das schwöre ich mir hoch und heilig.

»Zum Autohaus Schröder in die Bernhauser Straße 2, bitte.«

Der Taxifahrer verstaut meinen Koffer und tippt den Mindestfahrpreis in den Taxameter ein – plus den Zuschlag für meinen leeren Koffer. Der fällt ja unter Gepäck.

Wir fahren los – und kurz danach hält er schon wieder.

Das Autohaus ist gefühlt keine hundert Meter vom Flughafen entfernt. Das hätte er mir sagen können. Zum ersten Mal in meinem Leben zahle ich kein Trinkgeld und warte, bis er die paar Pimperlinge für mein Wechselgeld zusammengesucht hat. Empört verlasse ich das Taxi. Als er meinen Koffer aus dem Kofferraum hievt, wirkt er mürrisch, und fährt wenige Augenblicke später mit durchdrehenden Reifen davon.

Ich stehe nun vor einem riesigen Autohaus mit hunderten Gebrauchtwagen auf dem Areal. Ich kann es nicht erwarten, mein Traumauto zu sehen. Ich gehe erst einmal zum Empfang. An einigen der Tische sitzen Mitarbeiter des Autohauses.

»Einen kleinen Moment bitte! Setzen Sie sich doch solange in den Wartebereich dort drüben«, fordert mich ein Mann im Anzug auf, während er in die Richtung einer Sitzgruppe zeigt.

»Guten Tag! Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragt mich nun ein anderer Mann im Anzug, der offensichtlich auch für den Verkauf zuständig ist. Er begleitet mich nun zu seinem Schreibtisch und bietet mir dort gegenüber von sich einen Platz an. Ich stelle meinen Koffer neben dem Stuhl ab und setze mich.

»Guten Tag, mein Name ist Rosenbach. Amelie Rosenbach. Ich habe telefonisch ein Auto reservieren lassen. Ich habe es auf Ihrer Internetseite gefunden. Einen weißen Sprinter.«

»Einen kleinen Moment, ich sehe gleich mal nach.

»Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«, fragt er und serviert mir kurze Zeit später meinen Kaffee in einer großen schwarzen Tasse mit Mercedes-Logo. Sogleich tippt er etwas in die Tastatur und sucht im System nach meinem Auto.

»Wissen Sie noch, bei wem Sie das Auto reserviert haben?«, fragt er, mit Blick auf seinen Bildschirm.

»Wegner oder Wendler oder so ähnlich, glaube ich.«

»Einen Wendler gibt es hier.« Immer wieder kneift er die Augen zusammen, während er offensichtlich zu ermitteln versucht, wo sich mein Auto befindet.

»Spielt es denn eine Rolle, bei wem ich es reserviert habe?«, hake ich nach.

»Nein, normal nicht. Aber von dem Modell hatten wir nur wenige und das letzte wurde, soweit ich weiß, gerade verkauft.«

»Verkauft?«, schießt es aus mir raus. »Ich habe ihn reserviert! Ich bin extra von Berlin hierher geflogen. Sie hätten mich informieren müssen! Herr Wendler hatte meine Mail-Adresse und meine Telefonnummer!«

»Beruhigen Sie sich bitte! Ich frage sofort mal nach. Herr Wendler weiß sicher mehr.«

Er geht in ein Büro mit einer Glasfront, die streifenweise aus Milchglas besteht. Hören kann ich nicht, was gesprochen wird, nur sehen, wie dort drei Personen in dunklen Anzügen gestikulieren. Meine Sicht ist zusätzlich durch eine Palme im Verkaufsraum eingeschränkt.

Kurz darauf kommt Herr Peters, der Verkäufer, mit dem ich gesprochen habe, zurück und sein Gesicht verheißt nichts Gutes. »Es tut mir wirklich sehr leid, aber der Wagen ist weg. Herr Wendler kommt gleich zu Ihnen. Er weiß sicher mehr dazu zu sagen. Ich habe noch einen Termin. Setzen Sie sich doch bitte an seinen Tisch dort drüben! Er ist sicher gleich bei Ihnen.«

Traurig wechsel ich meinen Sitzplatz.

»Es tut mir wirklich sehr leid, dass Sie von so weit hergekommen sind, aber eine Reservierung ist nur ein Besichtigungstermin, kein Kaufvertrag.« Mit Unterlagen im Arm verabschiedet er sich und verlässt das Gebäude.

 

Inzwischen sitze ich schon zehn Minuten am Schreibtisch von Herrn Wendler. Gelangweilt mustere ich den Schreibtisch und alles, das sich auf ihm befindet. Der Bildschirmschoner von Herrn Wendler zeigt einen Hund. Eine Bürotür geht auf.

»Bis morgen«, sagt eine Person.

»Ja, tschüss«, antwortet die zweite.

Die Stimme kommt mir bekannt vor und ich überlege, woher ich sie kenne.

Lackschuh! Oh nein! Herr Wendler wird doch wohl nicht der Lackschuh sein? Mein emotionales Kartenhaus bricht zusammen, denn tatsächlich ist Herr Lackschuh im Anmarsch und kommt direkt auf mich zu. Arrogant, wie ich ihn kennengelernt habe, setzt er sich in seinen Schreibtischstuhl und rollt auf diesem zu mir heran.

»Auch wenn wir uns heute Morgen schon im Flieger gesehen haben, möchte ich es dennoch nicht versäumen, Sie noch einmal herzlich in unserem Autohaus zu begrüßen, Frau ...«, wartet er darauf, dass ich ergänze.

»Ich denke nicht, dass mein Name jetzt noch eine Rolle spielt. Hätten Sie Ihre Hausaufgaben richtig gemacht, wüssten Sie ihn auch«, zische ich. »Und tun Sie bloß nicht so, als wüssten Sie nicht, warum ich hier bin!«

»Ja, wie gesagt, ist der Wagen bereits verkauft, und eine Reservierung ...«

»... ist noch lange kein Kaufvertrag«, unterbreche ich ihn und vervollständige seinen Satz.

»Vielleicht hätte Ihnen der Wagen gar nicht zugesagt. Haben Sie daran schon einmal gedacht? Dann wären Sie auch umsonst hierher geflogen.«

»Ich hätte ihn gekauft.«

»Anhand der Bilder, sicher. Sie haben ihn aber nie gesehen und hätten sich vielleicht doch nicht für ihn entschieden.«

»Ach so, das klingt ja gerade so, als würden hier schrottreife Modelle mit schönen Bildchen im Netz angeboten.«

»Sie haben mich nicht verstanden. Damit meine ich, es gibt Kunden, die sich nach der Besichtigung für eine höhere Preisklasse entscheiden«, antwortet er.

»Für meine Zwecke hätte der Wagen gereicht!« Sind 19.500 Euro etwa wenig? Ich habe lange gespart für ein Auto dieser Preisklasse, was ich ihm natürlich nicht verraten werde.

»Sie hätten sich auch vorher melden und fragen können, ob das Fahrzeug noch zur Verfügung steht.«

Zur Verfügung steht ... Wie schön gesagt.

»Wir haben noch andere Fahrzeuge im Angebot.«

»Vielen Dank!«, erwidere ich unfreundlich.

Er lehnt sich lässig zurück, spielt mit einem Kugelschreiber. Anscheinend will er mir demonstrieren, dass er keinen Fehler gemacht hat und mit seinem Gewissen im Reinen ist.

»Wie gesagt, es tut mir leid«, sagt er und ich bekomme den Eindruck, dass er mich loswerden möchte. Ich stehe auf und setze schon zu einer unfreundlichen Verabschiedung an, als mein Blick auf seinen Monitor fällt, den ich während des Gespräches völlig außer Acht gelassen habe. Er bemerkt dies, drückt auf Enter und gelangt in ein Programm, das er sogleich schließt. Für den Bruchteil einer Sekunde glaube ich das Wort moesizlak7 gesehen zu haben. Moesizlak7! Ist er das oder habe ich Halluzinationen? Wie gebannt starre ich auf den Monitor. So einen komplizierten Usernamen geben sich doch nicht mehrere Personen, oder doch? Mein Gehirn rattert, und mir fallen teilweise Passagen unserer virtuellen Auseinandersetzung ein. Ich gebe mich nicht zu erkennen, falls ich doch mit meiner Vermutung falsch liege, sonst wäre es doppelt peinlich.

»Soll ich Ihnen ein Taxi zum Flughafen rufen? Wir übernehmen auch die Kosten«, sagt er.

»Danke, aber den Kostenaufwand möchte ich Ihnen nicht zumuten«, antworte ich pampig.

»Ich dachte nur, weil Sie auch mit dem Taxi gekommen sind, wie ich gesehen habe.«

»Ach so, Sie denken also, die feine Madame ist zu faul, die paar Meter zu laufen? Es stand aber auch kein Hinweisschild am Flughafen mit der Aufschrift ›Nur noch 100 Meter bis zum Autohaus‹. Danke, ich kann laufen!«, sage ich und steuere den Ausgang an.

»Ihr Koffer!«, höre ich hinter mir. Mein Koffer! Ich drehe mich widerwillig um, gehe die paar Schritte zurück und schnappe ihn mir kommentarlos. Jetzt ärgere ich mich zum ersten Mal darüber, dass ich nie gelernt habe, wie man in Absatzschuhen läuft. Wie gerne wäre ich jetzt sicheren Schrittes mit klackernden Absätzen kerzengerade zum Ausgang stolziert, ungefähr so wie eine Anwältin auf dem Weg ins Gericht.

Die Schiebetüren öffnen sich automatisch. Schade. Ich kann nicht mal eine Tür hinter mir zuknallen. Fluchend und schnellen Schrittes gehe ich auf das Flughafengebäude zu.

Hoffentlich geht bald eine Maschine zurück.

 

»Ich brauche so schnell wie möglich einen Flug nach Berlin!«, sage ich der Dame am Schalter.

»Für heute?«

»Ja.«

»Unsere Kurzstrecken sind heute und morgen leider ausgebucht. Wenn Sie dringend nach Berlin müssen, dann nehmen Sie wohl am besten die Bahn. Tut mir sehr leid, aber es ist heute nichts mehr frei. Vielleicht ergibt sich noch ...«

Wie oft habe ich heute schon »Tut mir leid« gehört? Und jetzt? Die Bahn? Toll!

 

Ich bin wieder am Taxistand.

»Zum nächstgelegen Hotel, bitte!«, rufe ich in das geöffnete Fahrerfenster hinein. Der Taxifahrer steigt aus und nimmt mir meinen Koffer ab.

Ich öffne die Beifahrertür und setze mich, und während ich die Tür schließe, bemerke ich, dass Lackschuh mit einem teuren Auto an mir vorbeifährt. Kurz sieht er durch seine Scheibe zu mir rüber.

Ich will gar nicht wissen, was er denkt.

»Ist Ihnen das Hotel recht?«, fragt der Fahrer und zeigt nach rechts. »Es ist das nächste am Flughafen.«

»Ist hier auch der Bahnhof?«

»Nein«, antwortet er.

»Wollen Sie lieber in der Nähe des Bahnhofs ein Hotel haben?«

»Ja, gerne«, sage ich und füge hinzu: »Falls Ihnen das nichts ausmacht.«

»Wieso sollte es das?«, sagt er und lächelt. »Das ist doch mein Job.«

Mir kommt es vor, als träfe ich heute zum ersten Mal eine nette Person.

»In welcher Preisklasse soll denn das Hotel sein«, fragt mich der Taxifahrer.

»Egal«, sage ich. Inzwischen ist mir wirklich alles egal.

»Das Hotel Intercity ist fast gegenüber. Soll ich dort halten?«

Wieso eigentlich nicht? Ich habe ja das Geld für den Autokauf dabei, und wenn der Tag schon nicht gerade einer meiner besten ist, warum sollte ich mir nicht ein schickes Hotelzimmer gönnen?

»Ja, bitte.« Dieser Taxifahrer hat sich sein Trinkgeld aber redlich verdient und ich bin großzügig. Er trägt meinen leeren Koffer noch direkt bis vor die Tür und wünscht mir einen schönen Tag.

 

»Wie lange möchten Sie bleiben?«, fragt die Dame am Empfang freundlich. Sie hat ein übertrieben aufgesetztes Lächeln. Naja. Gestellte Freundlichkeit bin ich ja heute schon zur Genüge gewohnt.

»Eine oder zwei Nächte.« Tatsächlich überlege ich sogar länger zu bleiben. Was verpasse ich schon zuhause?

Alle Formalitäten an der Rezeption sind erledigt und ich schließe mit meiner Schlüsselkarte mein Zimmer auf. Zwei grüne Punkte leuchten auf der Anzeige auf und ich trete ein.

Mit Koffer in der Hand lasse ich mich aufs Bett fallen, um zu testen, ob es bequem ist. Der Koffer kriegt noch einen Tritt seitwärts und ist nun nicht mehr in Reichweite. Auch besser so. Ich schaue mich um, mustere meine neue Bleibe und stelle fest, dass alle Hotelzimmer immer irgendwie gleich aussehen.

Jetzt ist das Bad dran. Dusche, Föhn, zwei Zahnbürsten in einem Becher, wahrscheinlich weil ich ein Doppelzimmer gebucht habe, in dem ich allein schlafen werde. Mini-Zahncremetube, Seife, Shampoo und Duschgel, alles jeweils doppelt. Nimmt man das eigentlich mit, wenn man es gar nicht benutzt hat? Aber eine große Tube Zahncreme sollte ich mir heute doch noch besorgen. Und frische Unterwäsche.

Shoppen? Mal sehen.

Ich schmeiße mich wieder auf mein bequemes Bett. Müde und ausgelaugt und mit tausend Gedanken im Kopf – von moesizlak7, Lackschuhen und Flugzeugen und was sonst heute noch so dabei war – schlafe ich ein. Diesmal richtig tief und fest.

Als ich aufwache, dämmert es bereits. Haben die Geschäfte etwa schon zu? Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass ich langsam aufstehen muss, wenn ich noch etwas einkaufen möchte.

Mit dem Fahrstuhl geht es abwärts in die großzügige Lobby. Und kurz darauf stehe ich mitten im Großstadtgetümmel. Mein Stadtbummel beginnt.

 

Schlüpfer, Kosmetika, Haarbürste und was man sonst noch morgens im Bad braucht habe ich bereits gekauft und schlendere samt der Einkaufstüte an teuren Boutiquen vorbei. Ein Taschenladen ist es, vor dem ich wie gebannt stehen bleibe. Im Schaufenster spiegelt sich meine Tüte.

Ob ich mir doch mal eine Handtasche kaufe? Mit 36 Jahren kann man schon mal darüber nachdenken. Recht gefallen will mir so gar keine von denen, die im Schaufenster ausgestellt sind. Wieder sehe ich mein Spiegelbild mit Tüte in der Hand an.

Ich wollte nie eine Tasche, weil ich Taschen immer als lästiges Übel betrachtet habe, das man mit sich rumschleppen und auf das man zudem ständig aufpassen muss. Meine Vergesslichkeit war immer ein weiteres Argument. Würde da überhaupt alles reinpassen? Ich gehe trotzdem mal in den Laden.

Jetzt stehe ich wieder vor dem Schaufenster und betrachte mich. Dieses Mal allerdings mit schwarzer Umhängetasche, die ich gerade gekauft habe. Nicht nur die, sondern auch die passende Geldbörse zur Tasche. Die Tasche stünde mir ganz toll, hat die Verkäuferin gemeint, noch besser würde sie allerdings mit den richtigen Schuhen wirken.

Soll ich jetzt etwa auch noch neue Schuhe kaufen? Wer weiß, wie oft ich die Tasche überhaupt benutze? Meine Tüte samt Inhalt ist nun in der Tasche, damit sie auch schon gleich ihre erste Aufgabe hat. Mein neues Portemonnaie und mein Pass haben auch noch Platz darin gefunden, mein Geldbündel allerdings nicht. Es bleibt in der Jacke. Ist mir auch lieber so. Allmählich schließen die Geschäfte. Gehe ich morgen noch mal wegen neuer Schuhe hierher?

Dass ich gerade für eine Tasche, die ich nie haben wollte, ein kleines Vermögen ausgegeben habe, verdränge ich und beschließe, noch einen oder zwei Tage in der Stadt zu bleiben, obwohl ich natürlich nicht vorhabe, das Gesparte, von dem ich ein neues Auto kaufen wollte, in Unmengen von Taschen und Schuhen zu investieren. Ein schönes Abendessen mit Rotwein werde ich im Hotel trotzdem genießen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ein Zweiertisch wird mir von einer Dame zugewiesen und ich setze mich. Der Kellner tanzt regelrecht auf mich zu. Ich bestelle ein Mineralwasser, ein Glas Rotwein und ein hoffentlich leckeres Essen. Schlagartig fällt mir auf, dass sich sicher heute Abend niemand zu mir gesellen wird. Mit Strickpulli und Jeans und verglichen mit den anderen Gästen habe ich wohl mit Abstand den unangemessensten Kleidungsstil für ein Restaurant dieser Klasse. Was nützt die schönste Tasche, und eine solche hängt gerade an meiner Stuhllehne, wenn ich aussehe, als hätte ich gerade Gartenarbeit gemacht.

Ich fühle mich unbehaglich. Die anderen Gäste essen nicht einfach nur, nein, sie speisen. Sie würden niemals nach Steak mit Champignons fragen. Nein, für sie heißt das Pilzarrangement an Filet de Schlag-mich-tot, natürlich auf einem Bett von blanchiertem Kaisergemüse und mit einer Trilogie gebutterter Kartoffelspalten. Und wie sie sich mit den großen dunkelroten Stoffservietten den Mund abtupfen, mit denen sie vorher ihren Schoß bedeckt haben, als ob sie das zu Hause auch so machen würden, geht mir gegen den Strich. Jetzt reicht es!

Da ich außerdem bis jetzt weder etwas zu trinken noch zu essen auf dem Tisch habe, mache ich mich quer durch das Restaurant auf die Suche nach dem versnobten Kellner, der sich selbst für schöner hält als die komplette Inneneinrichtung des Restaurants. Zwischen zwei Tischen, wo er gerade Essen serviert, fange ich ihn ab und teile ihm mit, dass ich gern auf meinem Zimmer essen würde.

Bei der Gelegenheit ändere ich auch gleich meine Bestellung. Aus meinem Glas Rotwein wird eine Flasche. Morgen werde ich auch in feiner Garderobe hier speisen und meinen Mund ganz behutsam, so wie es hier wohl gern gesehen wird, mit der Serviette abtupfen, als wäre ich ein rohes Ei. Das nehme ich mir vor. Und zwar fest.

Ja, morgen wird sich so einiges hier grundlegend ändern!

 

Ein Klopfen verrät mir, dass der Page da ist. Wird er denn überhaupt Page genannt? Trägt ein Page nicht die Koffer? Egal. Jedenfalls steht die Person vor der Tür, die mir mein Essen bringt. In Erwartung einer großen Silberglocke, die mein Essen beschützt, öffne ich. Ein Angestellter des Hotels schiebt einen Rollwagen genau einen Meter in den Gang zwischen Zimmertür und Schlafbereich und geht wieder – mit der Bemerkung, dass das Essen auf die Zimmerrechnung gebucht wird.

Nichts. Keine Silberglocke. Stattdessen eine Plastikabdeckung wie von einer Tupperdose. Ich habe wohl erwartet, der Koch schiebt den Wagen höchstpersönlich zur Tür rein und nimmt die Silberglocke ab, um mein Essen zu präsentieren. Und dann würde er mich fragen, ob der Wein recht ist.

Die Weinflasche hat einen Schraubverschluss. Heißt es nicht so schön, dass ein Schraubverschluss nicht gerade für gute Qualität bürgt? Ich denke, Wein muss atmen?! Und warum stehen da zwei Weingläser? Ich werde sie beide einsauen. Genau! Schon aus Prinzip.

Das Essen schmeckt, auch wenn ich das jetzt nicht gerne zugebe. Der Rotwein auch. Vor allem spüre ich die Wirkung. Nicht einmal der Schraubverschluss ändert etwas daran.

Nach einer Weile ist der Wein ausgetrunken, und es fällt mir schwer, die kleinen Tasten der Fernbedienung zu treffen, die ich, unschlüssig, welches Programm ich wählen soll, ständig betätige. Eigentlich mag ich gar keinen Wein.

Ich ziehe mich aus und lege mich ins Bett.

 

Es klopft an der Tür. »Entschuldigung«, höre ich. Wer könnte das denn sein? Wollen die etwa den Rollwagen um diese Zeit wieder abholen?

»Ihre Tasche, Sie haben Ihre Tasche im Restaurant vergessen.«

Oh, das war mir gar nicht aufgefallen. Super! Geht ja schon gut los.

»Moment! Sekunde!«, rufe ich. Blitzschnell bin ich wieder nüchtern. Mist! Ich habe ja gar nichts an. Plötzliche Erleuchtung! Der Hotelbademantel. Schnell stürme ich ins Bad. Nur Handtücher. Wahrscheinlich wurden schon zu viele Bademäntel geklaut, schießt es mir durch den Kopf. Jedenfalls habe ich das mal gehört. Gesehen habe ich allerdings noch keinen, der sich in der Therme in einem Bademantel mit Hotelstickerei präsentiert hat.

Nervös laufe ich durchs Zimmer. Nur mit einem Handtuch bedeckt? Nein, das geht nun wirklich nicht.

»Moment ...«, rufe ich zur Tür. Eilig schnappe ich meine Jeans und springe mit einem galanten Kunstsprung hinein. Im Kunstturnen wäre das eine glatte Eins gewesen. Leider sieht es niemand.

Vorsichtig öffne ich die Tür. Allerdings so, dass nur mein Arm zu sehen ist, denn obenrum hab ich mich nicht vollständig angezogen.

»Danke«, sage ich und ziehe meine Tasche durch den kleinen Spalt ins Zimmer. »Vielen Dank!« Der Retter meiner Tasche redet durch den Türspalt weiter.

»Wenigstens war Ihr Pass in der Tasche, sonst hätte die Rezeption gar nicht gewusst, zu wem sie gehört. Ich hoffe, es fehlt nichts. Sehen Sie lieber mal nach! An der Rezeption wurde festgestellt, dass Ihre Geldbörse leer ist. Natürlich unter Zeugen, damit später keine Missverständnisse aufkommen.«

»Es war nichts Besonderes drin«, beteuere ich, während ich die Tür schließe. Sehr schön! Das gesamte Hotelpersonal kennt jetzt anscheinend den Inhalt meiner Handtasche. Zahncreme, Schminke, Haarbürste, eine Tüte mit Schlüpfern, die es für einen Euro im Sonderangebot gab und die nicht besonders schön sind, und, um es nicht zu vergessen, auch ein neues, aber leeres Portemonnaie.

Wenigstens waren die Schlüpfer neu, die an der Rezeption offensichtlich durch mehrere Hände gegangen sind. Natürlich nur, damit spätere Missverständnisse ausgeschlossen werden, wie ich gerade gelernt habe. Sagt man nicht, der Inhalt einer Handtasche verrät ... Ich will gar nicht darüber nachdenken.

Da fühlt man sich doch gleich viel besser, denke ich mit Blick auf meine neue Tasche, die im hohen Bogen durchs Zimmer fliegt und neben meinem Koffer aufschlägt. Ich weiß nicht, ob wir Freunde werden, die Tasche und ich. Sicher bin ich mir nicht.

Ab ins Bett, Amelie!

Für heute reicht es.

 

 

Kleider machen Leute

Mit den Klamotten vom Vortag, die mir jetzt wiederum gar nicht peinlich sind, sitze ich im Frühstücksraum. Nur meiner Kleidung wegen werde ich bestimmt nicht auf meinen Kaffee verzichten, was im Übrigen das Einzige ist, was es hier zum Frühstück gibt. Dafür bin ich wohl etwas zu spät. Das Buffet ist schon abgeräumt. Stört mich aber nicht. Ich bin ja zu spät dran und zu Hause esse ich morgens auch nichts. Kaffee reicht mir, auch wenn ich für ein komplettes Frühstück bezahlt habe, was ich jetzt wohl eher abtrinke.

 

»Ich möchte meinen Aufenthalt um zwei, drei Tage verlängern«, gebe ich an der Rezeption bekannt.

»Welche Zimmernummer haben Sie, Frau ...?«

»Rosenbach«, helfe ich der Dame am Empfang weiter und schaue auf ihr Namensschild. Wendler. Wendler? Ein Zufall? Seine Frau? Amelie, du siehst schon wieder Lackschuhe! Wir sind in Stuttgart, da sind zig Wendlers und unzählige Lackschuhe.

Angespannt beobachte ich die Empfangsdame dabei, wie sie die Computerdaten nach meinem Namen absucht. Ihre Augen gehen dabei im Sekundentakt von links nach rechts. Spontan fällt mir meine erste Armbanduhr aus Kindertagen wieder ein. Max und Moritz, die darauf zu sehen waren, hatten ebenfalls solche Wackelaugen wie Frau Wendler. Links. Rechts. Links. Rechts.

»Frau Rosenbach ... Ach ja ... stimmt ... von gestern Abend. Ist Ihre Tasche heil bei Ihnen angekommen?«

»Ja, danke der Nachfrage.«

Frau Wendler weiß wohl ebenfalls, wie der Inhalt meiner Handtasche ausgesehen hat.

»Frau Rosenbach, es ist generell möglich, dass Sie Ihr Zimmer behalten«, sagt sie. »Ich reserviere es gerne. Ist Ihnen Vorkasse recht? Sie können aber problemlos auch bei Abreise zahlen.«

Habe ich das gerade richtig verstanden? Habe ich das jetzt etwa auch wieder meiner Kleidung zu verdanken? Oder sagt sie das, weil gestern kein Geld in meinem neuen Portemonnaie lag? Sehe ich aus, als wäre ich nicht zahlungsfähig?

»Wenn ich es mir recht überlege, würde ich das Zimmer gern bis Sonntag behalten. Natürlich ist mir Vorkasse recht«, höre ich mich selbst sagen. Und als hätte ich einen Sechser im Lotto gehabt, knalle ich im gleichen Moment mein Geldbündel, aus dem eigentlich einmal ein Auto werden sollte, auf den Tresen. Frau Wendler macht sich an die Arbeit und tippt irgendetwas in den Computer ein.

Der Tag wartet auf mich. Stuttgart, ich komme!

 

Jetzt habe ich neue Schuhe, gleich zwei Paar. Dem Preis nach zu urteilen sind sie wohl als Edelschuhe einzustufen. Nur mit mittlerem Absatz, dann muss ich nicht so viel üben, in ihnen zu laufen. Ein Paar habe ich gleich angelassen und meine alten Schuhe schweren Herzens in einem öffentlichen Mülleimer entsorgt. Ich habe neue Unterwäsche – Lingerie mit Spitze statt der nützlichen Schlüpfer, die ich gestern besorgt habe –, Feinstrumpfhosen, sogar schwarze, halterlose Strümpfe und feine Sachen aus Boutiquen und ich war beim Friseur. Er hat ganze Arbeit geleistet, mit Schnitt und Farbe. Ich habe jetzt neue blonde Strähnen und die langen Haare wurden grob gestuft und danach ganz toll geföhnt.

Ich erkenne mich gar nicht wieder und fühle mich super. Ich habe heute so viel gekauft, dass ich denke, mein Koffer bekommt zur Abwechslung mal einen Inhalt. Schön, dass er doch noch da ist. Heute werde ich besonders hübsch aussehen, wenn ich zu Abend esse. Nicht esse – speise.

Der Fahrstuhl bringt mich wieder zu meinem Zimmer, welches inzwischen ordentlich aufgeräumt ist. Angekommen schütte ich den Inhalt meiner Einkaufstüten auf mein Bett. Jetzt kann ich das Ausmaß meines Kaufrauschs auf einem großen Haufen sehen. Habe ich etwas übertrieben? Wenn ich noch länger als bis Sonntag hierbleibe, werde ich mir wohl ein Auto auf dem afrikanischen Automarkt aussuchen müssen. Vermutlich einen alten VW Polo.

Wie viel habe ich heute eigentlich ausgegeben? Soll ich das wirklich ausrechnen? Lieber nicht! Der Spiegel wartet. Ich beginne meine Modenschau.

Mir ist schon ganz warm vom ständigen An- und Ausziehen. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich heute Abend tragen werde.

Ich entscheide mich für einen schwarzen, figurbetonten Hosenanzug, unter dem ich ein gewagtes Top und meine ersten halterlosen, schwarzen Strümpfe trage. Warum unter Hosen weiß ich wohl selbst nicht. Laut der Verkäuferin sollen die Strümpfe von ganz allein am Bein kleben bleiben. Sie war sehr nett, nur manchmal hatte ich das Gefühl, sie wäre am liebsten mit in die Umkleidekabine gekommen, als ich Kleider und Hosen und Blusen anprobiert habe, um an mir herumzuzupfen. Das hat sie vor der Kabine aber ausreichend nachgeholt, immer mit der Bemerkung, ich könnte alles tragen. Ich habe ihr mal geglaubt, auch wenn ich weiß, dass es sein könnte, dass es gelogen war. Ich kann ja nicht einmal sagen, ob sie freundlich oder einfach nur aufdringlich war. Wahrscheinlich macht sie auch bloß ganz normal ihren Job.

Ich weiß nicht, wie lange ich im Bad gestanden habe, und schon gar nicht, wie lange ich mit meinen neuen Absatzschuhen im Zimmer auf und ab gelaufen bin, aber langsam komme ich mit ihnen klar. Auf Teppichbelag geht es ganz gut, aber die Welt besteht ja leider nicht komplett aus Teppich. Meine Frisur sitzt immer noch wie am Nachmittag, meine Strümpfe halten auch. Perfekt geschminkt stehe ich ein letztes Mal vor dem großen Spiegel im Flur meines Zimmers. Ich gefalle mir selber. Am liebsten würde ich jetzt zu einem Fotoshooting gehen, um diesen Anblick festhalten zu lassen, aber ich will ja ins Restaurant. Absolut zufrieden mit mir, schließe ich die Tür und gehe zum Fahrstuhl, wo ein elegant gekleideter Mann wartet.

»Guten Abend«, grüße ich leise und bleibe neben ihm stehen.

»Guten Abend«, gibt er nett zurück. Sofort fällt mir auf, dass etwas an ihm nicht stimmt. Irgendetwas sieht komisch aus. Sein Hemd! Er hat sein Hemd falsch zugeknöpft. Der Kragen steht an einer Seite höher und unten fehlt dafür ein Stück. Ob ich es ihm sage? Ich denke, er wäre froh, das zu wissen. Die Fahrstuhltür öffnet sich.

»Möchten Sie auch in die Lobby?«, fragt er freundlich.

»Ja, ins Restaurant«.

»Da will ich auch hin. Meine Frau wartet bereits dort.«

Das wollte ich eigentlich nicht wissen, aber egal. Ich denke, ich bin so nett und sage es ihm.

»Ihr Hemd ist falsch geknöpft«, sage ich leise, als wir einsteigen.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783944459974
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417251
Schlagworte
Romanze; Single; Ü30; Chick Lit; Powerfrau; Macho

Autor

  • Katja Oelmann (Autor)

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Titel: Prinz Arschloch