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No Problem, Sir! – 1

Indische Momente / E-Book 1

2017 0 Seiten

Leseprobe

Vorwort

 

Das erste Mal fuhr ich, weil meine Freundin zur Feldforschung aufbrach; das zweite Mal, weil ich für drei Monate in der Bibliothek des Goethe-Instituts arbeitete, beim dritten Indienbesuch machten wir Urlaub.

Seitdem sind weitere Urlaube, Reisen zu Hochzeiten und Feldforschungsaufenthalte hinzugekommen und die Faszination Indiens hat nicht abgenommen.

Um Familie und Freunde daheim über die Erlebnisse auf dem Laufenden zu halten, entstand ein Blog, und aus ihm dieses Buch.

Die kleinen Geschichten – Miniaturen vergleichbar – erzählen von Erlebnissen in Indien, die komisch, unterhaltsam und auch überraschend waren.

Indien ist ein aufregendes Land mit den unglaublichsten Gegensätzen. Die Mitte zwischen zwei Dingen läßt sich hier nicht wirklich denken: Slums und ungeheure Armut –daneben Prunkbauten und Reichtum; neben Menschen, die auf der Straße vegetieren, tragen anderen ihren teuren Schmuck spazieren. Müll, Dreck und dennoch – guckt man aus dem 11. Stock eines Hochhauses auf New Delhi, so sieht man vor lauter Bäumen kaum Häuser.

Immer wenn Inder mich fragen, wie es mir in Indien gefällt, muß ich überlegen, denn es gibt kaum etwas, das mich ungeteilt für dieses Land einnimmt.

Dennoch stelle ich am Ende jeden Gesprächs fest: Ich will wiederkommen. Ich weiß nicht wieso, aber so ist dieses Land eben: Man kriegt nicht genug davon.

 

Sven j. Olsson

 

Im indischen Alltag

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Welcome Tour

 

Aus aus dem Flugzeug, durch die Passkontrolle, die Rucksäcke vom Gepäckband und rein ins indische Leben. Halt! Vor dem Verlassen des Indira Gandhi International Airports in Delhi müssen wir in die Wechselstube.

Der Vermieter will die ganze Miete zuzüglich einer Kaution bei Einzug in cash haben.

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Zum Geldwechseln muss ein Formular ausgefüllt werden, das auch nach »Father’s name?« fragt. Was hat der Name meines Vaters damit zu tun, dass ich Rupien brauche? Ich überlege kurz, dann schreibe ich seinen Namen ins Wechseldokument.

Wenig später händigt mir der Mann am Schalter rund 50 000 Rs in 500-er Scheinen aus, zu Bündeln mit mehreren Metallklammern zusammengetackert, und mit flinken Fingern vorgezählt.

Schon ist der nächste Wechselkandidat an der Reihe und mein Wunsch nach Kleingeld für das Taxi wird nur widerwillig erfüllt. Wahrscheinlich bin ich zu langsam, Sonderwünsche stören die Routine.

Wir durchqueren die Eingangshalle und suchen das Schild »PREPAID TAXI«. Der Flughafen ist übersichtlich und wir finden schnell den entsprechenden Ausgang. Wir laufen vorbei an marktschreierisch feilgebotenen Taxifahrten, durch Pulks wartender Familien und Fahrern mit Schildern jeglicher Art. Es ist warm, wir sind übermüdet. Das Schild weist nach rechts und richtig, um die Ecke ist der Prepaid-Schalter, davor eine Menschenschlange. Bald merken wir: Das ist nur ein Angebot, und jede sich bietende Lücke wird genutzt um schneller dranzukommen.

Erste Lektion indischer Verhaltensweisen – ich drängle mit, eine andere Wahl gibt es nicht, wenn wir vor Ende des Tages in unserer Wohnung eintreffen wollen.

Ich fahre die Ellenbogen aus, erreiche das Fenster, beuge mich vor und werde mit der Aufforderung mich zu beeilen angesehen. Ich zeige den Zettel mit der Adresse, schiebe rechts einen Drängler zur Seite, frage nach dem Preis, versuche mein Kreuz noch breiter zu machen, frage noch einmal nach – und verstehe ihn wieder nicht. Beim dritten Mal lege ich als Antwort einfach einen großen Schein hin – der glücklicherweise groß genug ist – und kaufe die Tickets, während ich mich gegen die Masse stemme, die mich von hinten über den Tresen schieben will.

Bevor ich das Wechselgeld und die Quittung mit Durchschlag – das Original ist für den Fahrer – eingesteckt habe, sind bereits zwei Inder hinter, neben, nein, vor mir, abgefertigt.

Nun den Wagen 5181 finden. Doch keiner der schwarze Wagen mit gelbem Verdeck hat eine Nummer. Und jetzt? Suchenden Ausländern wird schnell geholfen, aber jedesmal schreit im Hirn hinten rechts einer: »Achtung, der will dich übers Ohr hauen.« Verflucht, nicht jeder sucht seinen eigenen Vorteil. Immerhin sind wir in Indien: Gandhi, Siddhartha und ... Aus dem Reiseführer ruft es: »Vorsicht, Schlepper!« Die Vorurteile schlagen aufeinander ein.

Ich ignoriere die Handgreiflichkeiten und wir folgen den freundlich winkenden Männern. Zielsicher werden wir zum Taxi 5181 gebracht. Natürlich! Das Nummernschild: 5181. Im Nu sind die Rucksäcke verstaut und wir sitzen auf der Rückbank eines klapprigen Minibusses. Schnell noch den Kopf einziehen und los geht die Fahrt. Jetzt heißt es, die Nerven abschalten, sie sind in Delhis Verkehr nur hinderlich. Der brodelnde Strom aus buntem Blech und lebensverachtenden Zweirad-Artisten pulsiert hupend, bremsend, gasgebend durch die Straßen. Jede Lücke wird sofort geschlossen, je enger desto besser, abrupte Spurwechsel im doppelten 90-Grad-Modus, hupen und hupen – jeder Quadratzentimeter Straße wird genutzt. Überholen geht auch auf dem Fußweg. Wer

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kann, erkämpft sich an der Ampel einen Startplatz vor der ersten Wagenreihe. Sie werden von jenen Fahrern ausgetrickst, die auf der Gegenfahrbahn neben ihnen auf Grün lauern und mit Blitzstart vor ihnen auf die richtige Fahrbahn schwenken. Du kannst nicht wegsehen – es stockt dir der Atem. Himmel, was sind doch die deutschen Autofahrer für lammfromme Pazifisten.

Diese Welcome Tour im Taxi ist nervenaufreibend. Wir konzentrieren uns auf jeden Fast-, Beinahe-, Nicht-ganz-Unfall, sodass wir von Delhi nur Bildfetzen sehen: nicht

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enden wollende Blechlawinen, Nobelkarossen, reichverzierte LKWs, Radfahrer mitten auf der vierspurigen Straße, Motorräder mit drei und mehr Personen, abenteuerlich beladene Lastfahrräder, Dreck und knallige Farben.

Ohne Schramme werden wir mit einem Lächeln vor unserer Ein-Zimmer-Wohnung in Defence Colony abgeliefert.

Wir sind da. Und müde.

Aber vor dem Bett liegen die unvermeidlichen Formalitäten mit dem landlord. Er möchte sein Geld und unsere Unterschrift unter dem Mietvertrag. Dafür brauchen wir als Anlage je ein Passfoto, Kopien unserer Reisepässe und der Visa. Da wir für Telefon und Internetanmeldung ebenfalls Passfotos, Ausweis- sowie Visakopien benötigen, machen wir uns auf den Weg. Auf der anderen Seite der main road soll es einen Copyshop geben, bei dem auch die erforderlichen Fotos gemacht werden können.

Der Gang durch die Gassen jenseits der main road nimmt uns schlagartig für dieses Land ein. Brodelndes Leben, exotisch und fremd, aufregend bunt – wir können uns nicht satt sehen an dem Unbekannten.

Jetzt sind wir wirklich angekommen. In Indien, meiner terra incognita.

 

 

Indische Zeitrechnung

 

Auf die Frage nach einem Internet-anschluss hatte der Vermieter, ein freundlicher und geschäftstüchtiger Mensch, am Vortag sein Handy gezückt. Nach einem kurzen Telefonat hatte er verkündet, dass in zehn Minuten jemand kommen würde, bei dem wir den Anschluss in Auftrag geben könnten. Der Angekündigte war zwar nicht in zehn Minuten

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da, aber er kam. Senior (Sr.) Officer Gupta war ein freundlicher Mann, für den alles kein Problem war und so unterschrieben wir nach wortreichen Erklärungen sechs Formulare. Passfotos, Kopien vom Pass und dem Mietvertrag wurden zum Antrag gelegt und angeheftet. Damit war alles unter Dach und Fach, und Sr. Officer Gupta hatte den Anschluss für den nächsten Morgen um elf versprochen.

Auf Grund unserer deutschen Erfahrungen hatten wir mit einigen Tagen gerechnet, und so erwarteten wir dementsprechend skeptisch den Samstag Vormittag.

Aber potzblitz – die zwei Installateure erscheinen tatsächlich um fünf Minuten vor elf. Monteure sind vielleicht pünktlich, aber vor der Zeit?

Die beiden airtel-Mitarbeiter inspizieren die Gegebenheiten und machen sich an die Arbeit. Das Kabel soll von der rückwärtigen Versorgungsstraße der Häuser über das Dach und dann irgendwie ins Zimmer gelegt werden. Wir sorgen uns, wo die beiden wohl den

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wunderbaren Holzfensterrahmen durchbohren werden, ich folge ihnen auf die Rückseite des Hauses, der Vermieter ruft freundlich aus dem Fenster »They will do their work«, ich verziehe mich wieder und meine Freundin und ich warten auf das Ende der Montage.

In relativ kurzer Zeit ist das Kabel sauber verlegt. Ein Telefon wird ausgepackt und angeschlossen, allein das Wifi-Modem ist nirgends zu sehen. Aber die Monteure nehmen ihr Werkzeug und gehen.

Auf Nachfrage erklären sie »No problem, Sir. The internet engineer is coming in thirty minutes.«

Aha – und das Modem würde er auch mitbringen und installieren.

Die dreißig Minuten sind auch nach einer Stunde noch nicht um. Ich rufe Sr. Officer Gupta an.

»No problem, Sir. He ist coming!« In zwanzig Minuten wäre er da und würde unser Internet anschließen.

Aber der engineer kommt nicht. Ein erneuter Anruf bei Sr. Officer Gupta ergibt die Telefonnummer des Ingenieurs. Ich rufe den Ingenieur an. Leider verstehe ich ihn nicht, er spricht nur Hindi. Also wähle ich erneut besagte Nummer des Sr. Officer Gupta.

In zwanzig Minuten, ganz bestimmt. »Sorry, sorry. Only twenty minutes«. Leider sind weder die ersten noch die zweiten, noch irgendwelche zwanzig Minuten annähernd zwanzig Minuten. Die Mittagszeit neigt sich langsam genauso dem Ende entgegen, wie unsere Geduld.

Beim nächsten Anruf schrumpfen die zwanzig Minuten auf fünf, im darauffolgenden Gespräch werden es wieder fünfzehn.

Dann versichert der Sr. Officer Gupta erneut »No problem, Sir. Only five minutes, Sir«.

Zwanzig Minuten lang geschieht nichts, überhaupt nichts. Als ich zum wiederholten Male zum Telefon greife, um ein weiteres Mal den internet engineer anzumahnen, steht jener vor der Tür.

Ein Lächeln, ein »Sorry, Sir«, das Modem wird ausgepackt, installiert, dann der connect, eine Unterschrift und zum Abschluss einen Beurteilungsbogen für Service und Installation.

Nach »only five minutes« ist der Ingenieur um 16 Uhr wieder aus der Tür und wir um eine Erfahrung reicher.

 

Erste Fahrt im »Auto«

 

Endlich ist es soweit. Wir stehen am Markt von Defence Colony, einem wohlhabenden Stadtteil mit vielen Ausländern, und starten in das Abenteuer Delhi. Ich will zur Deutschen Schule, dort wartet ein Theaterprojekt auf mich, und Sandra hat Verabredungen in der Jawaharlal Nehru University (JNU) und dem Institute of Social

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Sciences (ISS).

Da beides nur motorisiert zu erreichen ist, suchen wir uns eine Autorikscha. Endlich. Endlich darf auch ich mit einem TucTuc fahren, einem Phat-Phati oder Tricycle – wie auch immer diese kleinen, dreirädrigen Gefährte genannt werden. Es gibt sie an vielen Orten der Welt und sie tragen ebenso viele Namen. Hier in Delhi heißt die Autorikscha auto, gesprochen »otto«, und ist grün-gelb.

Wir gehen auf die?, das?, den? ersten auto zu, beugen uns zum Fahrer und nennen ihm unser Ziel: »Chanakyapuri, Nyaya Marg.«

Der Fahrer deutet mir einer knappen Handbewegung auf die Rückbank. Wir zeigen auf den Taxameter und fragen »Meter?«.

Aber unser Fahrer will seinen Taxameter nicht benutzen und nennt stattdessen einen Fixpreis. Wir, des Verhandelns noch ungeübt, krabbeln in den auto und setzen uns erwartungsvoll auf die Rückbank.

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Der Fahrer lässt den Motor an, und schlängelt sich, während sein linker Fuß immer noch unter dem rechten Oberschenkel liegt, in den Verkehr.

Diesmal sehen wir mehr von Delhi. Zumindest Fahrbahnen, Bürgersteige und Erdgeschosse. Alles andere verhindert das Verdeck. Plötzlich kommt uns ein Bus so nah, dass wir nur die Hand ausstrecken müssten, um ihn zu berühren. Motorradfahrer quetschen sich zwischen uns und den Bus, dann sehen wir nur Reifen neben uns – ein LKW auf Tuchfühlung. Den Kopf zwecks besserer Sicht hinauszustrecken empfiehlt sich nicht, auch wenn die Neugier groß ist.

Auch unser Fahrer drängelt sich überall durch, nutzt jede noch so kleine Lücke und fährt sogar, natürlich die Fußgänger zur Seite hupend, über den Bürgersteig, um wenige Meter abzukürzen. In wilder Fahrt und unter ständigem Hupen jagen wir von Defence Colony ins Diplomatenviertel Chanakyapuri – zur Deutschen Schule.

Während ich mit den Kindern Tiere improvisiere, wir wollen für das »48 degrees celsius Public.Art.Ecology« Festival ein Stück über Wasserverschmutzung aufführen, erlebt Sandra die Schattenseiten der threewheeler:

Bei der Weiterfahrt zur JNU funktioniert plötzlich der meter und der Fahrer fährt irgendwie, nur nicht auf dem direkten Weg, zur Universität. So dauert die Fahrt länger und wird teurer als erwartet. Von der JNU zum Institute of Social Scieneces will sie erst kein auto mitnehmen, dann nur gegen überhöhten Festpreis, dann weiß keiner wo das Institut ist, dann findet sich ein Fahrer, aber jenem muss der Professor im ISS am Handy den Weg erklären.

Ihre Rückfahrt nach Defence Colony gerät erneut zum infarktfördernden Trip, als der Fahrer im Dunkeln offensichtlich ortsunkundig den Weg durch irgendwelche Slums sucht.

Mich lädt nach Ende meiner ersten Theaterprobe ein freundlicher Inder ein, zu ihm in den auto zu steigen. Kaum hat sich sein Fahrer in den Verkehr gequetscht, erklärt der junge Mann neben mir, dass er in Kürze nach New York gehen wird, dass es wichtig ist, Fremden zu helfen und – der Rest geht im Lärm des Straßenverkehrs unter.

 

Diwali, zum Schlafen zu laut

 

Seit einigen Tagen stellt sich abends Silvestergefühl ein – es knallt in jeder Ecke. Und mit jedem Knaller rückt Diwali, das hinduistische Lichterfest, näher. Doch all das Vorgeplänkel ist nur schwacher Auftakt für die Geräuschkulisse am Diwaliabend.

Diwali dauert insgesamt fünf Tage und wird gern mit Weihnachten verglichen. Treffender ist allerdings: Diwali ist wie Weihnachten und Silvester an einem Tag. Es gibt Geschenke und Böller, Leuchtraketen und fröhliche Familienfeiern.

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An jeder Ecke der Stadt stolpern wir über die Vorbereitungen zum Fest.

Vor den Lebensmittelgeschäften mehren sich täglich die Geschenkkörbe. Mitarbeiter sitzen auf dem Boden, stapeln Lebensmittel in die Bastkörbe und binden Schleifen. Besonders beliebt sind allerdings kleine verzierte Kisten und Schachteln mit Nüssen oder Schokolade. Glücklicherweise sind die derzeitigen Temperaturen schokoladenfreundlich niedrig.

In unserer Nachbarschaft wird es jeden Abend heller und bunter. Nicht nur Lichterketten, sondern riesige blau, rosa, rot, gelb leuchtende Lichtervorhänge zieren die Häuser. In diesem Lichtermeer versinken die Straßen nicht mehr in der Dunkelheit.

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An Diwali selbst sind die Restaurants und Läden mit bunten Blumengirlanden behängt und festlich gekleidete Inder begegnen einem mit einem freundlichen »Happy Diwali«.

Wir nutzen den Tag zum Spaziergang im Lodhi Garden, einer wundervollen, großen Parkanlage mit imposanten Mogul Grabmälern aus dem 15. und 16. Jahrhundert mitten in Delhi. Hier treffen sich Pärchen mit Chips und Softdrinks zum Stelldichein. Während Streifenhörnchen die Baumstämme rauf und runter und über die Gemäuer der Grabmonumente toben, verschwinden die Verliebten mit ihren Köpfen zum Knutschen unter den shawls. Auf den Wegen wird gejoggt und Familien picknicken im Schatten der Bäume.

Als wir um 16 Uhr unserem Hunger nachgeben, stellen wir fest: die Restaurants haben seit einer Stunde geschlossen. Die Küchen sind bis zum Abend verwaist. Stattdessen werden die Bürgersteige des Defence Colony Market an diesem Nachmittag ein letztes Mal geputzt. Noch ist alles festlich ruhig. Sofern »ruhig« in dieser Stadt überhaupt möglich ist, denn gehupt wird immer.

 

Um 19 Uhr beginnt das große Knallen und es hört nicht auf. Stunden über Stunden rauschen Raketen in den Nachthimmel und zerreißen detonierde Böller den Großstadtlärm. Die erleuchtete Nacht und die Explosionen erinnern mehr an ein internationales Krisengebiet, denn an ein beschauliches Fest. Um 22 Uhr, nach drei Stunden Nonstop-Knallerei, liegt Delhi unter einer Decke von Rauchschwaden. So dicht, dass die Häuser jenseits der main road nur noch schemenhaft zu erkennen sind. Fast pünktlich um Mitternacht kehrt schlagartig Ruhe ein.

Laut »The Times of India« würde es ein leiseres und saubereres Diwali werden, da die Preise der Feuerwerkskörper 40 Prozent höher waren als im Vorjahr. Leiser? Dann muss das Vorjahr eine Visitenkarte des Infernos gewesen sein.

Wo die ganze Pyrotechnik verkauft wurde, ist mir übrigens bis heute ein Rätsel. Gesehen habe ich in den Tagen vor Diwali weder Verkaufsstände, noch Käufer. Wo die Böller zur Detonation gebracht, die Raketen gezündet wurden, entzieht sich auch jeder Gewissheit.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Band 1 von 2
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783944459707
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
indien indischer alltag indischen chaos kulturschock reiseberichte indien-bilder delhi old delhi diwali hindi

Autor

Sven j. Olsson – in Hamburg geboren und aufgewachsen – ist gelernter Buchhändler und schloss die Hochschule für Wirtschaft und Politik als dipl. Sozialwirt ab. Sein Wunsch, Filme zu machen, brachte ihn dazu eine private Schauspielschule zu besuchen. Dort wurde sein Interesse für das Theater geweckt. Bei freien Theaterproduktionen machte er anschließend alles, was beim Theater möglich und nötig ist: er spielte, knüpfte Bärte, änderte Kostüme, malte Kulissen und führte in zahlreichen Produktionen Regie. Sven j. Olsson gründete das »Theater des Goldenen Westens« und tourte unter anderem mit Gedichten und Chansons von Walter Mehring, unter dem Titel »Viel-Mehr-Mehring«, erfolgreich durch Deutschland. Mit seiner Erfahrung und seiner Leidenschaft für die Literatur der Weimarer Republik und das Kabarett gestaltete er Kleinkunstprogramme, Lesungen, Workshops und künstlerische Beiträge für unterschiedlichste Veranstaltungen. Seit einigen Jahren hat sich Sven j. Olsson ganz dem Schreiben ‹verschrieben›. Bisher sind Theaterstücke, zum Teil satirisch schwarz, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene beim Verlag für Kindertheater, Theaterverlag Karl Mahnke und chronos theatertexte erschienen. Seine Liebe zu Indien brachte das Bollywood Musical »Die mutige Kanhar De«, welches im April 2015 Premiere hat, hervor und seine Verehrung für Walter Mehring führte zur Dramatisierung des Romans »Müller. Chronik einer deutschen Sippe«. Theater macht er nebenbei immer noch. So ist er künstlerischer Leiter der »Hornköppe«, einer Theatergruppe von Wohnungslosen in Hamburg.
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