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Gejagte Mafia-Jäger

von Dawl Baxx

2017 200 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • Zu diesem Buch
  • Titel
  • Impressum
  • Widmung
  • Wir sind noch nicht fertig
  • Auf zu neuen Ufern
  • Nervosität in Neapel
  • Heiße Würstchen aus Bayern
  • Leinen los!
  • Karibische Zauberei
  • Im Golf von Guinea
  • Notruf vor Madagaskar
  • Ein Domizil auf den Seychellen
  • Die Kräfte des Universums
  • Rendezvous mit den Wahljägern
  • Neapolitanische Vermutungen
  • Im Reich der Unendlichkeit
  • David gegen Goliath
  • Verzeihung, Don Corvino
  • Ein Stück Ewigkeit
  • Wir haben keine Wahl
  • Auf Spatzenjagd
  • Vielleicht war es Zufall
  • Hinweis

Zu diesem Buch

Als ihm eine Frau mit frechem Bubikopf und grünen Augen ihre Karte zusteckte, glaubte Frank Hoffmann, es sei die Einladung zu einem One-Night-Stand. Annika aber hatte ihn als Rächer am Tod ihrer Eltern erwählt. Die Mafia hatte Mutter und Tochter entführt. Statt Lösegeld verlangte sie von Annikas Vater – Finanzgenie einer Schweizer Bank–, dass er dreckigen Zaster in ehrenwertes Kapital verwandelte. Er tat es, doch als das Herz seiner geliebten Frau, die Aufregung um die Entführung nicht verkraftete, lenkte er die Mafia-Konten um. Als er selbst aus dem Leben schied, wurde sein Erbe zur sprudelnden Geldquelle der Rache. Zwei Jahre jagten Frank und Annika die Mafia. Ihre Waffe war eine schlanke Motor-Yacht, die experimentierfreudige Ingenieure in ein Schlachtschiff verwandelt hatten. Jetzt sollte die Yacht wachsen ihr Zuhause auf einer Weltreise werden. Dann schrillte das Telefon.

Und hier beginnt die Geschichte, wie Frank sie mir erzählte …

Titel

Dawl Baxx

Gejagte

MAFIA

Jäger

Kadera-Verlag

Impressum

Dawl Baxx

Gejagte Mafia-Jäger

© 2017

Kadera-Verlag, Norderstedt

www.kadera.de

Handlungen und Personen sind literarische Schöpfungen und haben keinen Bezug zu lebenden Personen oder realen Begebenheiten.

Covergestaltung: Günther Döscher (Kadera-Verlag)

unter Verwendung von Foto/Grafik aus dem Depositphotos-Stock.

Detaillierte Angaben im Verzeichnis der

Deutschen Nationalbibliothek: http://dnb.dnb.de

ISBN 978-3-944459-85-1 (Print)

ISBN 978-3-944459-86-8 (mobi)

ISBN 978-3-944459-87-5 (epub)

Widmung

Im Gedenken

an einen toten Freund

»

In der Unendlichkeit

der Fantasie

bin ich nur

ein kleines Licht.

«

Wir sind noch nicht fertig

Das Schrillen des Telefons echote aufdringlich von den kahlen Wänden, denn im Wohnzimmer unseres neuen Domizils gab es nicht mehr als einen alten Sessel. Ich erschrak etwas, atmete dreimal tief durch und fragte dann im schnurrenden Seniorenton: »Ja, bitte?« Ich meldete mich nie mit Namen, ein minimales Sicherheitsprogramm für einen Mafia-Jäger im Ruhestand.

Der Anrufer kannte meine Tarnstimme und legte gleich los: »Moin, Frank! Ich hoffe, du langweilst dich! Du musst unbedingt nach Hamburg kommen! Wir müssen reden!« Lukas war in der Leitung, mein Ingenieur auf der Kalypso, wie immer ein bisschen aufgeregt in der Stimme, aber kühl im Kopf.

»Was gibt’s denn?«, wollte ich wissen. »Hast du Probleme auf der Werft? Klappt was mit dem Umbau nicht?«

»Keine Probleme, Frank. Viel schlimmer – wir haben Herausforderungen, denen wir gerecht werden müssen.« Lukas wartete einen Moment auf meine Reaktion. »Bist du noch dran?«, fragte er nach einer Weile.

»Ja«, sagte ich. »Rede ruhig weiter, ich habe Zeit. Du hörst dich allerdings an, als ob du mich in meinem Felix Austria stören willst.«

»Pardon, Frank, dein glückliches Österreich kann ich mir gar nicht vorstellen. Hier an der Elbe weht ein frischer Nordwest, Dynamik auf der ganzen Linie. Wie geht’s euch denn? Hast du gefunden, was du dir vorgestellt hast. Annika wird sich da sicher wohlfühlen, aber du hast doch etwas mehr Salzwasser im Blut.«

»Mach dir keine Sorgen um mich«, beruhigte ich Lukas und zählte ein paar Schlagworte auf: »Modernisierte Jugendstilvilla in südlicher Hanglage. Großzügig bemessenes Grundstück, eingefasst mit einer Drei-Meter-Mauer und rückseitig eine steile Felswand. Ich fühle mich wie auf einer Ritterburg. Es ist nicht weit bis in die Stadt, aber von der Hauptstraße im Tal ist diese Festung nicht zu sehen. Es ist ein wahres Schlupfloch. Irgendwann werde ich herausfinden, wovor sich die früheren Besitzer hierhin verkrochen haben.«

»Klingt wie Urlaub in den Bergen. Wann kommst du nach Hamburg?«, fragte sich Lukas emotionslos auf sein Anliegen zurück. Es war also nur Höflichkeitsroutine, sich nach Annikas Befinden zu erkundigen.

»Sie ist zum Arzt gefahren. Es hat sich Nachwuchs angekündigt – wollte ich noch gar nicht verraten. Ist es nicht toll! Ich werde Vater!«

»Du lieber Himmel!«, entfuhr es Lukas. »Dann muss es schnell gehen. Ruf mich an, wann du kommst. Es ist wirklich wichtig.«

»Worum geht’s denn nun?«

»Das sag ich dir in Hamburg. Ich muss jetzt wieder auf die Werft. Die Kalypso braucht mich. Hummel-Hummel und Ahoi!« Lukas hatte aufgelegt, bevor ich mich zwischen »Servus«, »Pfiat di« oder »Baba« entschieden hatte. Verdammt, er hatte mich heißgemacht – und auf dem Telefondisplay keine Nummer; auch Lukas hielt sich an unsere Security-Regeln.

Gemeinsam hatten wir mächtig bei der Mafia aufgeräumt. Eigentlich eine Aufgabe der Polizei. Die Gesetzeshüter aber glaubten, wir gehörten zur gleichen Kategorie und eben die siegreiche Gruppe im Krieg zwischen den Syndikaten. Gar nicht mal so falsch, denn all die Koffer voller Dollarnoten war Mafia-Geld. Die ehrenwerten Herren hatten es doch nur zur Wäsche abgegeben. Zu treuen Händen sozusagen. Jetzt war es unser und vermehrte sich wie die Karnickel in Australiens Outback. Haralds Anlagestrategie war kein Verhütungsmittel. Ein besseres Erbe konnte er Annika wirklich nicht hinterlassen.

–:–

Ich ließ mich in den klobigen Sessel fallen, mit dem sich der Vorbesitzer beim Umzug nicht abschleppen wollte. Morgen erst sollten unsere Möbel kommen. Ja, ich langweilte mich etwas. Deshalb stand auch die Flasche »Blauer Wildbacher« neben dem Sessel. Nicht die feine Art, ihn aus der Flasche zu trinken – egal, die Wirkung ist die gleiche. Rotwein weckt Erinnerungen, manchmal wusste ich nicht, ob sie Wirklichkeit oder Traum waren, wenn sie durch mein Hirn zogen:

Annikas Vater war Generaldirektor einer Schweizer Bank, eine geachtete Kapazität im Netzwerk des internationalen Geldverkehrs. Man erzählte mir, dass ein »Aaah« durch die Gesellschaft raunte, wenn er bei festlichen Anlässen mit seiner Frau erschien. Eine wunderschöne Lady, die einem Mann den Atem verschlug. Ich habe sie nur auf den Bildern gesehen, die bei Harald auf dem Kamin standen – alle mit einem schwarzen Band trauernd und anklagend markiert. Annika ist ihrer Mutter so ähnlich, als sei sie deren jüngere Schwester. Die Cosa Nostra hatte die beiden als Geisel entführt. Die frostige Stimme eines Mafioso ließ Harald wissen: »Wenn Sie Ihre Schönen lebend zurückhaben wollen, dann müssen Sie eine kleine Dienstleistung erbringen.« Regina wäre ihm sicher Millionen wert gewesen. Viele Millionen. Annika ebenso. Aber die ehrenwerten Italiener verlangten kein Lösegeld – im Gegenteil, die Mafia wollte Geld liefern, sehr viel Geld! Viel mehr als er selbst hatte oder verdienen könnte. Haralds Aufgabe sollte es sein, diese astronomisch hohe Summe schmutzigen Geldes im Banksystem zu verteilen und »gewaschen« auf sauberen Konten für die »ehrenwerte Gesellschaft« zugänglich zu machen. Dass es die Cosa Nostra war, konnte Harald nur ahnen. Ein Bauchgefühl. Als er in einem unbedachten Moment ungeschickt danach fragte, fauchte es in seinen Gehörgängen: »Fragen Sie das nie wieder!« Also stimmt es, folgerte er.

Die Polizei einzuschalten, war für Harald nur ein sehr kurzer Gedanke. Es ging schließlich um seine Frau und um seine Tochter, um jene Menschen, die er über alles liebte. So strengte er sein Hirn darüber an, wie das Mafia-Geld so neutralisiert werden könne, dass es nicht einmal den internen Bankexperten auffiel. Schwarzgeld, Geheimkonten und Millionen-Transaktionen zu kaschieren war ihm geläufig, die verlangte gewaltige Menge stellte jedoch eine Herausforderung besonderer Art dar. Gleichzeitig musste er gegenüber der Cosa Nostra Vertrauen erzeugen.

»Bei irgendwelchen Unregelmäßigkeiten halten wir es für angebracht, die betreffenden Personen in Luft aufzulösen«, hatte man ihm in beamtischer Formulierung angedroht und mit nahezu fiskalischer Arroganz hinzugefügt: »Bei derartigen Transaktionen setzen wir auf absolute Sicherheit. Ich denke, Sie verstehen: Nur Tote reden nicht.« Harald zweifelte nicht an der Einlösung dieses brutalen Versprechens. Jeder Polizeieinsatz barg ein Risiko. Es tat ihm weh, seinen Lieben nicht sofort helfen zu können. Er erbat sich zehn Tage, um ein wasserdichtes Geldwäsche-System auszuarbeiten. Es war ihm klar, dass es den Mafioso so vorkommen musste, als hätten sie einen neuen Komplizen in ihr Syndikat aufgenommen, denn es musste eine Struktur haben, die selbst den ausgefuchsten Schwarzgeldexperten der Bank verborgen blieb.

»Wie geht denn das?«, fragte ich damals, aber Haralds Antwort war nur ein verschlagenes Lächeln. Bankgeheimnis also? Er hob die Schultern, und jetzt grinste er: »Wenn ich es einem Laien erklären könnte, wie sollte es dann vor Experten verborgen sein?« Mit einem Koffer voller Devisen der oberen Werte hatte Harald einen Test zu absolvieren. Sieben Tage lang zahlten unbekannte und prominente Firmen und Personen Geld auf neue, seriös wirkende Konten ein und hoben Beträge ab, führten geschäftliche Vorgänge durch und ließen Harald schließlich wissen, dass sie mit seiner Installation einverstanden waren. »Das weitere Geld erhalten Sie in bar durch unterschiedliche Boten«, ließ die Cosa Nostra wissen.

Harald wollte vor allem wissen, was mit seiner Frau und mit seiner Tochter geschieht. »Le donne stanno facendo bene«, ließ ihn eine krächzende Stimme am Telefon wissen, »Ihren Frauen geht es gut. Sie werden demnächst bei Ihnen eintreffen. Im Übrigen werden Sie verstehen, dass sie weiterhin in unserem Zugriff bleiben. Sie werden es nicht bemerken, solange wir Ihre Arbeit akzeptieren können. Nur ein Pfand, caro Amico.« Dann knackte es in der anonymen Leitung, die keine Rückrufmöglichkeit bot. Damit wusste Harald: Das hört nie auf.

Am Abend standen Mutter und Tochter vor der Tür und sanken Harald in die Arme. »Regina hatte immer schon ein schwaches Herz. Sie sah schlecht aus. In der Gefangenschaft der Mafia hatte sie noch durchgehalten. Dann aber, scheinbar wieder frei und zurück im sicheren Kreis der Familie, zerbrach sie an den Erinnerungen. Nach einer Woche starb sie.« Der große Banker hatte es mir unter Tränen erzählt, während Annika sich erhob, schweigend aus dem Fenster sah und sich schließlich still zur Nacht verabschiedete.

Dann erfuhr ich, warum Annika mich ihrem Vater vorgestellt hatte, warum sie mich überhaupt kennengelernt hatte: Sie wollte den Tod ihrer Mutter rächen. Ich sollte ihr vertrauenswürdiger Vollstrecker sein. Nennen wir es beim Namen: Ich war ein gekaufter Killer! Wie kam es, dass ich sofort wusste, dass ich da nicht wieder heraus kam?

Ich muss ein sehr blödes Gesicht gemacht haben, denn Harald bemühte sich um sofortige Klarstellung: »Allein gegen die Mafia, das hat keine Chance. Sie müssen sich ein starkes Team zusammenstellen. Das erforderliche Geld soll kein Problem sein.«

Was musste Annika für ein Gespür haben, mich im Vorübergehen als den Richtigen für dieses Vorhaben zu entdecken? Nein, der war ich bestimmt nicht – aber ich war auch zu feige, es klar und deutlich zu sagen. Verrückt war das – aber ich wollte Annika nicht enttäuschen. Wie hat sie das nur gemacht?

Es war damals gerade ein paar Tagen her, dass ich meinen zweiundvierzigsten Geburtstag feierte, die kleine Eigentumswohnung war abbezahlt und gerade hatte ich meine Anteile an einer Reinigungsfirma notariell einem solventen Fachmann übertragen. Noch ein kurzes Shakehands und ich war frei – und selbst mit etwas Kapital ausgestattet. Wie ich meinte, war das eine gute Voraussetzung, mir in den nächsten Tagen ein paar Gedanken über meine Zukunft zu machen. Zur See fahren? Das wollte ich früher, hatte sogar ein kleines Kapitänspatent gemacht. Ich wollte herausfinden, ob es auf den Meeren noch die Romantik gab, von der man doch schon damals nur träumen konnte ...

Der Fahrstuhl brachte mich vom Büro des Notars in die Tiefgarage. Als sich die Tür des Lifts öffnete, stand sie da: nur wenig kleiner als ich, kupferfarbenes, kurz geschnittenes Haar und graugrüne Augen, in denen mein Blick für einen Augenblick versank. Ich murmelte einen Gruß und ging zu meinem Wagen. Als ich startete, klopfte sie ans Seitenfenster und steckte mir eine Visitenkarte zu. »Annika« stand drauf – und auf der Rückseite eine handschriftliche Telefonnummer.

Den vermuteten One-Night-Stand wollte ich mir nicht entgehen lassen, doch der fand nicht statt – und am Ende war ich Mafia-Jäger, Rächer der Entführten – auch ein Gejagter. Aber nie ein Besiegter.

–:–

Es war tragisch, dass auch Harald starb. Der Arzt hatte Stress im Job diagnostiziert, Burn-out im Geschäft mit dem Geld – mir aber war klar, dass es der Kummer um seine Frau Regina war. »Die Mafia hat auch ihn auf dem Gewissen«, sagte Annika. Als alleinige Erbin musste sie sich um ihre Zukunft keine finanziellen Sorgen machen.

Annika hatte ein paar Tage nach Haralds Beerdigung sein häusliches Büro aufgeräumt. Dabei entdeckte sie die Aufzeichnungen zum Mafia-Vermögen und einen Anhang dazu, wie man es nicht nur waschen, sondern auch vermehren konnte.

»Das ist dein Part«, hatte sie gesagt und mir eine Akte über den Tisch zugeschoben. »Es gehört uns! Die Mafia hat zwei Morde zu bezahlen – es wird nie genug sein.«

–:–

Das alles lag in diesem Moment zweieinhalb aufregende Jahre zurück. Dreißig Monate auf See mit ungezählten Auseinandersetzungen in den Hafenstädten, deren Wirtschaft von der Cosa Nostra kontrolliert wurde. Man sah der schlanken Yacht Kalypso nicht an, was sie wirklich war – ein Schlachtschiff mit einer Kriegsausrüstung, die sich die Korvettenkapitäne der Marine kaum vorstellen konnten. Wir waren weg, wenn die Hafenfeuerwehr noch mit den Bränden beschäftigt war. Und wer je gesehen hatte, dass es die Kalypso war, die dieses Inferno verursacht hatte, der hatte keine Gelegenheit mehr, sein Wissen anderen mitzuteilen. Er nahm dieses Geheimnis mit in die Ewigkeit – in die Hölle der Mafia, wie Annika es formulierte.

Dennoch wurden wir international gesucht – als Unbekannte. Von der Mafia ebenso wie von der Interpol und dem Küstenschutz. Federico, unser Bordfunker, hatte ein gutes Ohr dafür. Er scannte täglich den Äther und stellte fest: »Österreich haben sie in dieser Sache jedenfalls nicht auf dem Schirm.« Und in Hamburg schnüffelten ihre Fahnder in ganz anderen Größenordnungen. Eine Yacht namens Kalypso fiel nicht in die Kategorie ihrer Verdächtigen. Die war in ihrer Vorstellung das, wonach sie aussah: nicht mehr und nicht weniger als das maritime Hobby eines Südseeprinzen.

***

Vor der Villa knirschte der Kies. Annika war zurück aus der Stadt, hatte den Arztbesuch noch mit einem Bummel durch die Geschäfte verbunden. Ich verlies das Haus, um ihre Einkaufstüten hineinzutragen. »Was gibt’s Neues im königlich-kaiserlichen Ländle? Was sagt der Doktor?«, fragte ich.

»Alles friedlich, sogar das Wetter«, sagte Annika. »Aber eine kleine Überraschung hab ich dennoch.«

»Und das wäre …?«

»Nicht so hastig – ich zeig es dir später.« Annika lachte geheimnisvoll.

»Neue Mode?«, fragte ich und hielt eine Valentino-Tüte in die Höhe.

»Neues Kleid«, lächelte Annika, »etwas weiter um die Hüfte. Ich führe es dir gleich vor.«

Sie sortierte einige Zeit in der Küche die eingekauften Lebensmittel und huschte dann die Treppe hinauf zu den Schlafräumen. Wenig später kam sie im neuen Outfit ins Kaminzimmer. Sie drehte sich einmal um sich selbst, um mir ihr neues Kleid vorzuführen: Farbenfrohe Ornamente wirbelten um ihren Körper und unterstrichen ihre entspannte Jugendlichkeit. Erst als sie stillstand, war der kleine Hügel ihres Bauches wahrzunehmen.

»Chic!«, sagte ich, ohne viel davon zu verstehen. Ich sah, dass es ihr gute Laune machte; das allein zählte.

»Und noch etwas«, kündigte Annika geheimnisvoll an, während sie mit einem Stück Papier wedelte. »Das ist die wahre Überraschung!«

»Ich bin gespannt ...«

»Es sind« – und in diesem Moment streckte sie mir ein Ultraschallbild vor die Nase – »es sind – Zwillinge!«

»Du lieber Himmel«, rief ich aus. »Wir sind zu viert!«

Ich beeilte mich, zwei Gläser auf den Tisch zu stellen und zog eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank der Bar.

»Hahaha«, kicherte Annika. »Typisch Mann! In diesem Falle sind wir zwar zu viert, aber es gibt nur einen Trinker!«

Ich stutzte: »Oje, wie sehr doch der Nachwuchs mein Leben verändert –, schon bevor er da ist.« Ich ließ den Korken knallen und schenkte ein. »Ich trinke für euch alle«, sagte ich feierlich.

Annika tunkte mit dem Zeigefinger ins Glas und lutschte ihn ab. »Soviel wird erlaubt sein«, meinte sie, wobei es ihr nicht einmal gelang, ein schmollendes Gesicht zu machen.

»Und was gibt es Neues auf unserem Felsen?«, fragte sie.

»Lukas hat angerufen«, sagte ich beiläufig. »Er meint, ich sollte mich mal in Hamburg sehen lassen. Er hat es wohl ein bisschen wichtig mit dem Umbau der Kalypso

»Ist es nur die Kalypso?«, forschte Annika. »Du klingst so uninteressiert, da steckt doch mehr dahinter.«

»Mehr hat Lukas auch nicht gesagt. Scheint es aber eilig zu haben. Ich rufe ihn morgen noch mal an.«

Annika ließ nicht locker: »Wenn Lukas es wichtig hat, dann ist es wichtig. Dann musst du nach Hamburg. Es geht bestimmt um die Mafia.«

Ich winkte ab: »Die Mafia ist besiegt.«

Annika machte schmale Augen. »Nein, Frank, die Mafia ist nicht besiegt. Niemand kann die Mafia besiegen. Man kann sie nur stören, und man muss sie stören – immer wieder.«

»Ich will dich hier nicht allein lassen, Annika – gerade jetzt nicht. Wir sind jetzt Familie.«

Sie machte keinen ängstlichen Eindruck, mir schien, als gelte ihr Vorschlag vor allem mir: »Lasst uns ein Hausmeister-Ehepaar suchen. Das Haus ist groß genug und es ist gut, wenn ein Mann und eine Frau mehr im Hause sind. Sie können uns auch ein wenig Arbeit abnehmen. Im Übrigen glaube ich aber, dass wir hier ziemlich unauffindbar sind. Ich muss selbst jedes Mal wieder den Waldweg suchen, der hier hinaufführt.«

Annika hatte recht. Ich packte meinen Koffer für die Reise nach Hamburg.

***

Es war ein schöner Frühlingstag mit schnellen kleinen Wolken am blauen Himmel, ein Hamburg für Postkarten. Lukas winkte, als ich aus der Ankunftsschleuse des Flughafens kam.

»Wir fahren gleich zur Werft«, sagte er, ohne sich mit Grußformeln aufzuhalten.

»Moin, Lukas. Warum so eilig?«

»Federico ist schon dort und wartet auf uns«, drängelte er. »Brauchst du ein Hotel?«

»Ist in der Villa kein Platz?«, fragte ich zurück.

»War nur ‘ne Routinefrage«, sagte Lukas. »Federico hat im Dachgeschoss seine Horchstation eingerichtet. Ist nicht zu orten, sagt er, aber das ist ja ‘ne Glaubensfrage.«

»Wenn Federico das sagt, dann stimmt es. Sonst würden wir ihn gar nicht kennen. Hat er was gehört?«

»Nichts, was uns direkt bedroht. Aber doch soviel, dass es uns etwas angeht.«

»Du sprichst in Rätseln.«

»Wir sind gleich da. Dann können wir konkreter werden.«

»Übrigens bewundere ich dich«, lenkte ich von dem Thema ab. »Wie du hier durch die Hafenindustrie bretterst, ohne dich zu verfahren, – einfach genial.«

Lukas winkte ab. »Ich bin hier zu Hause. Du kannst sicher sein, dass deiner Yacht nichts passiert, was ich nicht weiß. – Wir sind da.«

Die Kalypso sollte um fast zehn Meter wachsen und zwei zusätzliche Antriebswellen erhalten. Just for Fun! Ich wollte mit Annika die Welt bereisen und genug Abstand zur Mannschaft schaffen. Die Waffenbestückung sollte uns Sicherheit geben – falls wir uns einmal verteidigen müssten. Eine antimagnetische Edelstahlumwandung schützte vor Korrosion und hatte, wie Federico augenzwinkernd erwähnte, noch ein paar andere nützliche Eigenschaften. Ich hatte dafür gesorgt, dass die Kalypso in einer separaten Halle und vom übrigen Geschehen abgeschirmt umgebaut wird, so wie man es in Hamburg gewohnt ist, wenn die Saudis ihre Yachten und Jets mit neuen Geräten bestückten.

Lukas parkte den Wagen neben rostigen Schiffsschrauben, Containern und Kabelrollen. Nichts auf dem Werftgelände ließ darauf schließen, dass hier das wohl modernste Kampfschiff wie ein Wolf im Schafspelz in einer von rauer Arbeit gezeichneten Halle auf seine Wiedergeburt wartete.

Federico kam uns lachend entgegen. »Tschau Cheffe!«, rief er mir entgegen. »Kommen Sie, Frank, ich muss dir die neue Navigation zeigen.« Er glühte förmlich vor Aufregung, reichte uns gelbe Helme, wie sie hier von allen getragen wurden, und schob mich zur steilen Gangway, um zum Besteigen des Schiffs aufzufordern.

An Bord bestaunte ich zuerst mit naivem Unwissen, was er mir auf der Brücke am Bildschirm vorführte. »Bist du Kapitän oder Funker?«, fragte ich schließlich.

»Es ist so, so ...«, er suchte nach den richtigen Worten und fand sie nicht. »Es ist so, so geil, Cheffe, weißt du, was ich meine? Es ist das beste Schiff der Welt. Und nein, ich bin nicht Captain, ich bin Radio-Operatore, ich bin Amante von Kalypso, ihr Liebhaber. Verstehst du?«

»Nicht Funker, sondern Fucker«, sagte ich grinsend.

»Va bene, Cheffe. Das ist es!« Er lachte schallend.

Mir wurde wieder einmal klar, dass ich ihn eigentlich beleidigt hatte. Er war nicht Funker, aber natürlich konnte er funken, denn er war ein Genie für alles, was elektronisch war, ein Besessener. Und er riss mich mit hinein in seine Begeisterung für eine Technik, von der ich nur sehr wenig verstand. Eher gar nichts. Lukas hatte es bemerkt und hielt sich im Hintergrund. Ich spürte, dass sie etwas von mir wollten – und ich ahnte jetzt schon, dass sie es bekommen würden.

»Diese Kanonen sind Schrott!«, sagte Federico, als wir übers Deck gingen. »Wer genau hinschaut, erkennt sie sofort. Und sie sind aus dem Mittelalter.«

Das stimmte nicht, aber wenn Federico sie so einordnete, konnte ich nicht widersprechen. Er zog mich in die Funkbude und wurde konkret. Ein Ingenieur in München hatte eine Laserkanone entwickelt. Auf dem Papier. Es fehlte das Geld, sie zu realisieren. Und das sei genau die Waffe, die dieses Schiff brauchte.

»Dieser Jackl ist ein Genie, Holzmaier heißt er. Man schießt heute nicht mehr mit Knall und Geschossen. Einfach nur ein Lichtstrahl, verstehen Sie? Du schaffst Platz damit, Cheffe, sie ist viel kleiner als unsere Museumsstücke. Kaufen Sie es.«

Ich grinste; immer, wenn es ihm sehr wichtig war, vergaß er, dass wir per Du waren. Dann sah er kühn in mein nachdenkliches Gesicht. »Was ist mit Madame Annika? Brauchst du eine Kinderkajüte.«

»Fürs Erste genügt‘s – später zwei«, sagte ich – und er hatte gewonnen.

Wir begutachteten den Fortschritt des Umbaus gemeinsam mit dem Werftdirektor und deuteten an, dass noch einige zusätzliche Änderungen anstünden. Der nickte: »Das ist gut. Wir leben von der Arbeit.«

–:–

Gegen 15 Uhr machten wir uns auf den Weg zur Elbvilla, die als Domizil unserer Crew diente. Bis auf Federico und Lukas waren sie jedoch irgendwo auf Urlaub oder zu ihren Familien gefahren, es waren in dieser Zeit nicht alle Tage so sonnig wie dieser.«

Wir fuhren über die Köhlbrandbrücke und nahmen die erste Autobahnausfahrt nach dem Tunnel auf der Nordseite der Elbe. Die frische Seeluft, die Hamburg auch 80 Kilometer landein zur Küstenstadt macht, hatte meinen Magen erreicht. »Es ist zwar noch April, aber ich bekomme Hunger auf Kowalkes Maischollen. Was meint ihr, hat er schon welche?«

»Fragen wir ihn doch einfach«, sagte Lukas.

Es sei in diesem Jahr ja kein richtiger Winter gewesen, meinte der Chef des Fischereihafen-Restaurants – »dann wollen die Schollen einfach früher in die Pfanne«.

Wir hielten uns an unser Gesetz: Beim Essen reden wir nicht über das, was unser Geschäft oder unsere Aufgabe ist. So konnten wir sicher sein, dass niemand mithörte, den das nichts anging. Über Kellner, Nachbartische und selbst über die Toilette verbreiteten sich oft die bestgehüteten Geheimnisse. Wir hatten diese Informationsquellen selbst schon oft genutzt.

So diskutierten wir über die belanglose Frage, ob man die jungen Maischollen nicht korrekterweise Aprilschollen nennen sollte. Wir kamen zu keinem Ergebnis.

»Unser Gärtner bekommt gerade eine neue Hüfte«, wechselte Lukas das Thema. »Wundere dich also nicht darüber, dass nur eine Hälfte des Gartens gepflegt aussieht.«

»Nachlässige Gartenpflege ist eine Vernachlässigung, die dem Unkraut eine Chance gibt«, stellte ich in biologischer Philosophie fest.

Lukas und Federico sahen sich an und nickten. Was das zu bedeuten hatte, erfuhr ich, als wir bei der Elbvilla eintrafen.

»Global Transfer – Consular Agency«, stand in goldenen Buchstaben auf einer schwarzen Marmorplatte an einer der Säulen, die das schmiedeeiserne Tor hielten. »Was hältst du von unserem Firmennamen?«, fragte Lukas, während er den Funkschlüssel betätigte und sich die mit lanzenartigen Spitzen bewehrten Eisenflügel öffneten.

»Ich frage mich: Was macht eine Firma, die solch einen Namen hat? Wie seid ihr darauf gekommen?«

Federico lachte. »Wir suchten nach einem Namen, mit dem niemand etwas anfangen kann und der dennoch wichtig klingt.«

»Hier gehen Leute ein und aus und die Nachbarn fragen sich, was die da eigentlich machen«, sagte Lukas. »Wir müssen ihre die Neugierde befriedigen. Und wenn sie lesen ›Global Transfer – Consular Agency‹, dann sind sie zufrieden. Sauberes Weltweit-Business ohne sichtbare Arbeit, wahrscheinlich sehr wichtig und erfolgreich. Nur die ungemähte Rasenfläche macht ihnen Sorgen. Da macht sich Unkraut breit, es leuchten seit vorgestern ein paar gelbe Löwenzahnblüten. Wenn die zu Pusteblumen werden, wehen die Samen in ihre Gärten. Das ist ein wirkliches Problem.«

»Wenn es in Hamburg sonst keine Sorgen gibt«, lachte ich über die nachbarliche Kleinkariertheit, »dann werde ich morgen den Rasen mähen. Soviel ich weiß, gibt es auch ein Gerät dafür im Gartenhaus. Warum habt ihr es nicht bereits gemacht?«

»Der Gärtner wollte einen Kollegen schicken«, meinte Lukas.

»Das ist ein Benziner, dieser Rasenmäher«, ekelte sich Federico, »ich bin Elektroniker, habe Allergie gegen diese Petro-Technik.«

–:–

Am nächsten Morgen saß ich auf dem Bock des Rasenmähers und kutschierte über den Rasen. Ich hatte die Messer so tief wie möglich gestellt, um das Unkraut dicht über dem Boden zu rasieren. Auf der gepflegten Hälfte des Rasens blühten noch späte Krokusse mit großen Kelchen in Gelb und Violett. Der Rasen war dort dicht gewachsen und gab dem Unkraut kaum Chancen. Offenbar hatte bereits der Vorbesitzer die östliche Parkfläche vernachlässigt.

»Guten Morgen«, rief mir eine ältere Nachbarin zu, die ihren Kopf über die Hecke reckte. »Sind Sie der neue Gärtner?«

»Nur aushilfsweise«, grölte ich zurück, »damit Sie vom Unkraut verschont bleiben.«

»Sie kriegen das nicht aus dem Boden«, rief die Alte. »Es muss nur immer geköpft werden, sonst wird es immer mehr.«

»Klingt ziemlich brutal«, sagte ich.

»Ja, ja, es ist aber das richtige Wort«, antwortete die Nachbarin. »Wenn man das Unkraut nicht köpft, wächst es über uns hinaus. Aber die Wurzeln sind im Boden, so ist das nun mal.«

»Da ist was dran.«

Eine gute halbe Stunde lang kam ich mir wie ein motorisierter Henker vor. Dann säuberte ich den Rasenmäher und parkte ihn wieder im Gartenhaus.

Lukas und Federico hatte es auch heute schon früh auf die Werft gezogen. Sie nahmen ihren Aufsichtsposten ernst und wollten Fehler gar nicht erst entstehen lassen. Ich hatte mir vorgenommen, einmal mit dem Münchner Ingenieur Jakob Holzmaier zu telefonieren, bevor ich grünes Licht für die Laserkanone geben würde, von der meine beiden Vertrauten so begeistert waren. Auch wollte ich nicht den Eindruck erwecken, dass bei uns das Geld auf den Bäumen wächst, obwohl es mir oft selbst so vorkam.

Jakob Holzmaier hatte meinen Anruf erwartet. Er erläuterte mir gut vorbereitet die von ihm entwickelte Laserkanone. »Es genügt, wenn wir eine davon in der Mitte Ihres Schiffes installieren. Sie ist schnell, weil sie keine Ladezeit benötigt. Die Zielfindung ist automatisiert. Und niemand muss mit dem Hintern an Deck sein, das lässt sich alles aus dem Rumpf heraus steuern. Es geht also auch um Sicherheit ...«, an dieser Stelle musste er lachen, »... natürlich nur um die Sicherheit auf Ihrer Seite! Die Gegner – sssst-peng, weg sind sie! Nein, nein, nur sssst, ohne peng!«

Wir verabredeten, dass ich bereits am morgigen Tag auf meinem Rückflug nach Wien in München zwischenlande und alles Weitere persönlich mit ihm bespreche.

–:–

Als ich Lukas telefonisch informierte, dass ich schon am nächsten Tag zurückfliegen wollte, konnte ich sein erschrockenes Gesicht beinahe durchs Telefon erkennen.

»Du bist doch nicht etwa nur zum Rasenmähen nach Hamburg gekommen? Wir haben doch noch etwas zu bereden!«, regte er sich auf. »Wann geht denn dein Flieger?«

»Ist noch nicht gebucht, aber möglichst vorm Frühstück«, sagte ich. »Ich hab in München noch eine Verabredung mit Jakob Holzmaier.«

Jetzt signalisierte das Telefon Lukas’ Gesichtsaufhellung. »He, das ändert die Situation! Wir schnacken beim Abendessen. Ich bring was aus der Werft-Kantine mit. Holzfällersteak mit reichlich Zwiebeln und Bratkartoffeln – ist das okay für dich?«

»Prima!«, sagte ich. »Und vergiss das Bier nicht – ich wünsch mir Ratsherrn, ist ein bisschen herber als im Süden.«

–:–

Federico traf zuerst ein. Er wollte die Zeit nutzen, mir seine Funkbude im Dachgeschoss der Villa zu zeigen. Er öffnete eine Rumpelkammer, in der noch alte Möbel vom Vorbesitzer lagerten. Er genoss meinen erschrockenen Blick, denn so hatte ich mir sein Hightech-Refugium nicht vorgestellt. Auf der Kalypso strotzte seine Funkbude für Laien zwar auch vor Kabel und Geräten, aber wenn man ihn daran arbeiten sah, wurde schnell klar, dass eine Struktur dahinter steckt.

»Wenn sich mal einer hierhin verirrt, muss er ja nicht gleich sehen, was hier wirklich abgeht«, grinste Federico. Er zog einen Karton nach vorn und schob einen Schrank auf den freien Platz, was erstaunlich leicht zu bewerkstelligen schien. Der Schrank hatte eine Stahltür verdeckt, die aufsprang, als Federico seinen rechten Zeigefinger auf ein Glasplättchen legte. »Kleine Spielerei«, sagte er, »reagiert nur auf meinen Fingerabdruck.« Als er die Tür hinter uns schloss, leuchtete ein Überwachungs-Bildschirm für den Rumpelraum auf und wir konnten beobachten, wie Schrank und Karton wie von Geisterhand bewegt wieder auf den ursprünglichen Platz rückten.

»Hier sind wir für den Rest der Welt unsichtbar, Cheffe«, brüstete sich Federico. »Nur Lukas weiß es seit zwei Wochen – wir sind ein Team.«

Ich sah mich mit halb geöffnetem Mund in dem mit allerlei technischem Gerät ausgestatteten Raum um. »Du musst mir das jetzt nicht alles erklären, Federico«, sagte ich voller Ehrfurcht. »Nur das: Was hast du mit diesen Kisten herausgefunden?«

»Wir sind in Sicherheit, Cheffe!«, versicherte mir Federico. »Aaaber – es kann sich ändern. Die Mafia-Bosse haben Spezialisten angeheuert, die nach uns fahnden. Vor allem nach Geld. Du hast Geld, das ihnen gehört, stimmts Cheffe? Sag nichts, Cheffe – das war keine Frage. Besser, ich weiß nichts. Ich glaube nicht, dass sie nach der Kalypso suchen, die kennen sie gar nicht – na ja, wer weiß – gut, dass sie auch ihr Aussehen ändert. Aber nicht nur das Schiff, auch Geld legt eine Spur, Cheffe. Du musst damit vorsichtig umgehen.«

»Das Geld stinkt nicht mehr«, beruhigte ich ihn. »Sie werden es nicht erschnüffeln.«

Nur ich wusste, dass es nach Schweizer Art unsichtbar und wohl sechs Mal gewaschen war – und dass es sich dabei noch wundersam vermehrte. »In der Schweiz stinkt nur der Käse«, hatte Harald mal gesagt. Wenn ich ihm doch Dank sagen könnte. Ich habe ihm versprochen, dass Annika es stets gut bei mir haben würde und dass ich mich mit meinem eigenen Leben für ihre Sicherheit verbürge. Sicherheit hieß auch, Risiken zu vermeiden. Doch Pazifismus bedeutet nur dann Frieden, wenn er die Philosophie aller ist. Egal, ob es sich um Konflikte zwischen Völkern oder Ausbeutung der Bevölkerung durch kriminelle Organisationen handelte.

Wo ist der Prediger, der die Mafia zur Nächstenliebe bekehrt?

–:–

»Guten Appetit!«, wünschte Lukas. Er hatte die Steakteller verteilt, eine Schüssel Bratkartoffeln auf den Tisch gestellt und hebelte die Bierflaschen auf. Ein würziger Duft verbreitete sich im Raum. »Sollte die Werft mal keine Schiffe mehr bauen, dann empfehle ich, dass sie ein Restaurant aufmachen, der Kantinenwirt ist jedenfalls ein Genie«, schwärmte er.

»Ich hoffe doch, die Ingenieure und Schiffbauer ebenfalls«, sagte ich.

»Musst du wissen«, erklärte Federico. »Wer gut arbeitet, muss auch gut essen. Das ist Gesetz.«

»Ich habe es verdient«, behauptete ich. »Habt ihr euch mal den Rasen angesehen?«

»Unsere Nachbarin hat den neuen Gärtner mächtig gelobt«, verriet Lukas. »Sie wollte deine Telefonnummer haben, ihr Garten hat es auch nötig.«

»Gärtner? – Sie hat mich wohl eher für einen Henker gehalten«, erzählte ich. »Ich soll das Unkraut köpfen, hat sie gesagt. Immer wieder, weil es sowieso nachwächst.«

»Recht hat sie«, sagte Lukas. »Das ist es, worüber wir mit dir reden wollten.«

»He, he! Ich bin der Skipper und nicht der Gärtner.«

»Ja, darum geht es.« Lukas’ Rede bekam einen ernsthaften Ton. »Du willst ein schnelles Schiff haben, damit dir keiner folgen kann. Und du willst ein sicheres Schiff, mit dem du dich verteidigen kannst. Und deshalb interessierst du dich auch für die Laserkanone.«

»Alles nix Problem, Cheffe«, mischte sich Federico ein. »Wenn sie fertig ist, dann hast du eine unbesiegbare Kalypso – eine Meeresgöttin!«

Lukas nickte. »Solch ein Schiff ist eine Verpflichtung. Nicht allein zur Verteidigung – auch zum Angriff. Wir sind noch nicht fertig, Frank. Auch die Mafia ist Unkraut, das unbesiegbar immer wieder nachwächst. Wo es wuchert, muss gemäht werden, bevor ihr Samen in die Nachbarschaft weht. Wir müssen dem Syndikat ein paar Laserstrahlen in ihre kranken Köpfe schicken!«

»Die Cosa Nostra hat gerade die Seefahrt für sich entdeckt, sie wollen Containerschiffe kidnappen. Cheffe, bestimmt haben sie eines Tages auch Lust, die Kalypso zu besitzen. ›Impetus est optima defensio‹ – das ist doch von Cäsar, oder? Angriff ist die beste Verteidigung!«

»General Carl von Clausewitz war es, preußischer Militäradel«, warf Lukas seine Bildung in die Runde. »Es müssen ja nicht immer die alten gewesen Römer sein.«

»Mein Karate-Trainer hat es auch oft gesagt«, erinnerte ich mich.

»Was wird Annika dazu sagen?«, gab Lukas zu bedenken. »Wir machen hier gerade ihr Vermögen zur Kriegskasse.«

Ich musste an ihre Worte denken: Die Mafia ist unbesiegbar – wir können sie nur stören. Wir müssen sie stören! »Ich weiß nicht, wie sie denken wird, wenn sie Mutter geworden ist. Heute aber bedeutet ihr jeder Rachefeldzug Genugtuung. Die Mafia hat ihre Eltern ermordet! Wenn ich ihr erklären will, dass es die Herzschwäche war, woran Regina und Harald starben, wird sie wütend. Sie hat ihre Eltern mehr geliebt, als sie mich je lieben wird – es sei denn, ich ziehe mit ihr in den Krieg gegen die Mafia. Das ist mir in den letzten vierundzwanzig Stunden erst richtig deutlich geworden.«

Lukas fand meine kleine Rede wohl zu groß angelegt, er wiegte den Kopf langsam hin und her und bemerkte gewollt neutral: »Immerhin hat sie dabei auch ein Vermögen auf ihre Seite gebracht.«

»Du denkst wie ein Schwein«, sagte ich.

»Non discutere! – Nicht streiten!«, rief Federico. »Ganz ruhig, Frank. Erkläre uns, wie es wirklich ist.«

»Harald war Bankdirektor«, sagte ich betont sachlich. »Er hat Annika ganz ohne Mafia-Beteiligung nicht nur ein Vermögen hinterlassen – es ist eine sprudelnde Quelle. Sie wird es gar nicht aufbrauchen können. Und sie wird damit auch keine Kanonen kaufen oder eure Träume finanzieren.« Ich machte eine kleine Pause, um auf den anderen Teil des Vermögens zu kommen: »Jeder Euro, jeder Dollar, den wir für unseren Auftrag ausgeben, ist Mafia-Geld. Die Cosa Nostra hat es Harald anvertraut, damit er es wäscht und vermehrt. Erst als Regina starb, wurde es zur Beute, mit der Annika ihre Rache finanzieren wollte. Und diese Rache wuchs, als auch Harald der Tod ereilte. Das Geld gehört nicht uns und nicht der Mafia – es gehört der Rache.«

»Dem Gärtner, der das Unkraut köpft«, sagte Lukas.

»Esattamente!«, grunzte Federico und hebelte eine Bierflasche auf.

Es war nicht nötig, aber ich wollte es noch begründen: »Wir können nichts denen zurückgeben, denen es genommen wurde. Aber wir können daran mitwirken, dass das Verbrechen nicht über uns hinauswächst.«

Auch Lukas und ich öffneten die nächsten Bierflaschen. Als wir die Flaschen zusammenstießen, war es eine Art Verschwörung, ein Versprechen an jene, die von der Mafia um ihren Lohn gebracht wurden.

»Packen wir es an! Die Rache ist mit uns!«

Auf zu neuen Ufern

Es war Abend, als ich in München landete. Da die Vormittags-Flüge ausgebucht waren, meinten Federico und Lukas, dass ich mir noch einen zweiten Eindruck vom Umbau der Kalypso machen sollte. Bei dieser Gelegenheit nahm ich eine Kopie der Planzeichnungen mit, um eventuelle Fragen des Laser-Experten gleich beantworten zu können. Wir wollten keine Zeit verlieren.

Lukas hatte mir Jakob Holzmaier als drahtigen Kompaktbayern geschildert, der seine übers Knie reichende Lederhose mit Hosenträgern festhielt, die auf dem Bruststeg einen röhrenden Hirsch hatten, dazu grobe Kniestrümpfe und eine kragenlose Joppe zum weißen Hemd. Von ähnlich gekleideten Bajuwaren unterschied er sich mit einem kräftigen Backenbart. Ich hatte ihn beim Blick in die Menge wartender Leute sofort im Visier, was er an meinem Blick erkannte, mir zuwinkte und ohne jeden Zweifel rief: »Grüß Gott, Herr Hoffmann!«

In diesem Augenblick fiel mir ein, wie Lukas mich einmal beschrieben hatte: Sportlicher Businesstyp, bei förmlicheren Gelegenheiten mit heruntergezogenem Schlipsknoten, Dreitagebart und irgendwie ungekämmt – ich nahm mir vor, das mal kritisch vorm Spiegel zu überprüfen. Der Schlips war sowieso out, ein Nachbleibsel aus dem Reinigungs-Job, da musste ich ja korrekt und clean wirken.

»Lassen Sie uns eine Maß trinken und von schnellen Autos, Pferden und Frauen reden«, schlug Jakob Holzmaier vor. »Für mein Thema ist es gut, wenn man ausgeschlafen ist, Sie können bei mir übernachten – und für eine kräftige Brotzeit ist auch alles im Haus.«

Der Mann gefiel mir und bei der zweiten Maß schlug ich vor, dass wir zum Du übergehen. »Es sieht ganz danach aus, das wir aus dem gleichen Holz sind.«

Dass das nicht ganz stimmte, merkte ich, als er mir mit breitem Grinsen die Hand zerquetschte. »Ich bin der Jackl«, sagte er und fügte stolz hinzu: »Hab meinen Ing in Hamburg gebaut.«

»Unter Freunden bin ich Frank, zum Spitznamen hat‘s nie gereicht. Seit Kurzem fühle ich mich in Österreich recht wohl – das ist auch nicht gerade eine preußische Eigenart.«

Am nächsten Morgen erfuhr ich zuerst, dass Jackl ein schmackhaftes bayrisches Frühstück zubereiten konnte. So gestärkt fuhren wir in sein Labor, in dem er versuchte, mir ein Grundwissen zur Lasertechnik beizubringen, um dann die von ihm entwickelte Laserkanone vorzuführen. In einem etwa fünfzig Meter langen Kellertunnel baute er an dessen Ende einen kleinen Turm aus Zündholzschachteln auf. Per Laptop bediente er ein kleines Gerät, das an eine Kamera mit Teleobjektiv erinnerte. Eine kurze Suchroutine fand das Ziel. Dann tippte er auf einen roten Knopf, ohne vorher weitere Zielausrichtungen vorzunehmen. Ein blau-roter Blitz schoss wie ein Pfeil durch den Tunnel. Die Streichholzschachteln zerstoben in einer staubigen Wolke.

Jakob freute sich über mein verdutztes Gesicht wie ein Vater, der seinem Sohn ein Feuerwerk vorführt. »Das ist die Mini-Version«, lachte er. »Aber sollte es auf der Kellertreppe brennen, kann ich mir damit auch einen neuen Ausgang durch den Garten zischen.«

Ich glaubte ihm aufs Wort.

Wir breiteten die Pläne aus, diskutierten die bestmögliche Platzierung auf dem Deck und besprachen Reichweite und Intensität eines Einsatzes.

»Mich wundert, dass du nicht nach dem Preis fragst«, sagte Jakob.

»Ich denke, es ist dein Interesse, dass ich es weiß«, grinste ich. »Oder willst du nicht verkaufen?«

»Es kommt drauf an, was damit gemacht werden soll.« Er schwieg eine Weile. »Dass du damit nichts weiter vorhast, als dein Schiff im Falle eines Falles zu verteidigen – es fällt mir schwer, das zu glauben. Wenn ihr nur ein bisschen Sicherheit braucht, um gesund durch piratenverseuchtes Gewässer zu kommen – dafür könnte ich dir meine Labor-Anlage in einen Koffer packen. Also, was habt ihr vor?«

»Du weißt es schon, stimmts?«

»Sonst hätte ich dich gar nicht in mein Labor gelassen.«

Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wohl. »Ich hoffe, die Treppe brennt nicht«, sagte ich und wandte mich zur Tür.

Jakob hielt mich zurück. »Lukas und ich sind Freunde, seit wir zusammen auf der Universität waren. Er hat mir nicht alles erzählt, aber aus seinen Andeutungen heraus kann ich weiterdenken. Wir kennen uns zu genau. Manchmal haben wir gedacht, wir könnten Zwillinge sein. Du hast mein Wort – ich bin auf eurer Seite.«

»Wer weiß von der Laserkanone?«, wollte ich wissen.

»Es gibt viele Waffen, die man Laserkanone nennt. Sie sind alle nicht vergleichbar mit dieser.«

»Wer weiß davon.«

»Du und Lukas, weil ich euch vertraue. Sie darf nicht in die Hände von Terroristen kommen. Und auch nicht in die Hände kriegführender Nationen. Es wäre das Ende der politischen Diplomatie, verstehst du? Du kannst sie also nicht kaufen. Nimm mich mit ins Team, dann hast du die Kanone – aber es gibt sie noch nicht.«

»Okay, wie viel brauchst du?«

»Zwei bis drei Millionen, vielleicht mehr oder weniger.«

»Ich werde dir ein Konto einrichten, Jackl.«

»Du wirst es nicht bereuen, Frank.«

Seine Selbstsicherheit war genial. Ein paar Formalitäten noch, dann verabschiedeten wir uns. Ein seltsames Gefühl machte sich in mir breit. Ich hatte nicht den Nerv, jetzt am Airport am Schalter zu stehen und mich neben Fremde in einen Flieger zu setzen. So nahm ich einen Mietwagen, um damit zum Flughafen Wien zu fahren, wo ich in meinen Wagen umstieg. Es tat mir gut, eine Weile allein mit meinen Gedanken zu sein.

–:–

Annika empfing mich mit zärtlicher Freude. Sie hatte inzwischen eine ältere Steiermärkerin eingestellt, die ganztägig den Haushalt machte. Sie fühlte sich bei uns wie ein Familienmitglied und freute sich darüber, dass Annika sie »Mammutsch« nannte.

Es kam, wie ich vermutet hatte: Mit der Zeit verstärkten sich bei Annika Muttergefühl und Sicherheitsbedürfnis. Ich ließ eine Alarmanlage einbauen und ein mobiler Wachdienst überwachte das Anwesen Tag und Nacht in regelmäßigen Abständen.

Als Annika im sechsten Monat war, legte sie nachts meine Hand auf ihren Bauch, damit auch ich die Bewegungen unserer Zwillinge spürte. Ja, hier wuchs etwas heran, das unsere elterliche Verantwortung forderte. »Wir müssen unsere Mafia-Aktionen wohl etwas zurückstellen«, meinte sie.

Annika hatte ausgesprochen, was auch meine Gedanken bewegte. Aber wie sollte das gehen? Dafür fand ich keine Lösung. Wir liebten uns und genossen die Zeit mit Ausflügen in die erhabene Bergwelt. Nur hin und wieder klangen mir Federicos Worte in den Ohren: »Die Mafia-Bosse haben Spezialisten eingestellt, die uns finden sollen.« Ich war nicht so naiv zu glauben, dass ihnen das nicht gelingen könnte.

Und dann rief eines Tages Federico aus Hamburg an – auf dem Festnetz, das ich mit falschem Namen vom Vorbesitzer übernommen hatte: »Wir sind immer noch Mafia-Feind Nummer eins. Sie orten wieder verstärkt nach uns. Du benutzt doch nicht mehr dein altes Handy?«

»Nein«, beruhigte ich ihn. »Wir haben gemäß deiner Empfehlung auf PrePaid umgestellt.«

»Wir sollten vorbereitet sein – vielleicht auch ein neues Domizil suchen«, schlug Federico vor.

Auch ich hatte Neuigkeiten: »Jakob ist in circa zehn Tagen mit unserem Gerät fertig. Er wird selbst den Transport übernehmen und beim Einbau dabei sein. Absoluter Geheimauftrag bei der Werft – das soll Lukas ihnen klar machen. Und sie sollen sich beeilen, damit wir bald auslaufbereit sind. Wir brauchen einen sicheren Hafen für eine junge Familie.«

In Wien beauftragte ich ein international arbeitendes Maklerbüro damit, nach einem Objekt auf den Seychellen Ausschau zu halten. Ein idealer Standort für die Aktionen gegen Seepiraten. Die weiträumige Inselwelt bot auch Deckung, um aus der Schusslinie der italienischen Mafia zu kommen. »Meiner Frau gefällt der Winter in unseren Breitengraden nicht«, erzählte ich dem Makler. »Es muss nicht die Hauptinsel sein. Ein kleiner Hafen in einer romantisch versteckten Bucht könnte uns gefallen.«

»Verstehe«, meinte der Makler mit wissendem Lächeln. »Wir haben ohnehin nur steuersichere Objekte. Gern sind wir bei geschäftlichen Verbindungen behilflich.«

–:–

Ich musste in dieser Zeit öfter nach Wien, um alles für einen Umzug vorzubereiten. Und dann geschah das, wovor Federico gewarnt hatte: »Sie werden euch finden – und wenn es auch nicht euer Leben kostet. Es wird wehtun, solange sie nicht haben, was sie haben wollen.« Natürlich geschah es, während ich nicht zu Hause war: Die Mafia hatte uns gefunden und einen Überfall auf unser Haus verübt. – Was und wie es geschehen war, erfuhr ich erst später:

Zwei oder drei Männer sprangen vor unserem Grundstück aus einem dunklen Auto, überwanden die Mauer und versuchten ins Haus einzudringen. Annika hatte es rechtzeitig bemerkt, alle Türen abgeschlossen und Alarm ausgelöst. Vergeblich versuchten die Männer, die Eingangstür aufzusprengen. Dann warfen sie eine Handgranate durch ein offenes Fenster im Obergeschoss. Der Wachdienst raste heran und schoss eine Signalpatrone in Richtung Haus. Die Männer stürzten ins Auto und jagten mit rauchenden Reifen davon.

Der Wachdienst eilte sofort ins Haus, um nach Verletzten zu suchen. Die Granate war in einem kleinen Nebenzimmer explodiert, das wir für unsere Zwillinge vorgesehen hatten. Eine Trennwand war eingestürzt, aber es gab kein Feuer.

Annika war offenbar von der Druckwelle der Explosion niedergerissen worden. Wie tot lag sie am Boden, doch der Wachdienst stellte fest, dass sie nur ohnmächtig war und scheinbar ohne weitere Verletzungen. Ein herbeigerufener Ambulanzwagen war schnell zur Stelle und brachte Annika in die nahe Klinik. Er fuhr gerade ab, als ich – vom Wachdienst informiert – beim Haus eintraf. Einen Augenblick überlegte ich, gleich hinterherzufahren, doch ich wollte noch mehr Informationen haben, und glaubte Annika in guten Händen.

Unsere Mamsell, die sich im hinteren Teil des Hauses aufgehalten hatte, war lediglich vom Geschehen schockiert. Man hatte ihr eine Beruhigungsspritze gegeben. Auf meine Fragen antwortete sie mit wirr gestammelten Sätzen. Der Leiter des Wachdienstes schilderte, was sie bereits aufgenommen hatten.

»Wir werden das jetzt der Polizei zu Protokoll geben. Verzeihung, dass es noch nicht geschehen ist, es gehört zu unserer Pflicht. Wir sind jedoch in der Hektik noch gar nicht dazu gekommen – die Versorgung der Betroffenen ist nun mal Priorität.«

»Schon gut«, winkte ich ab. »Lassen Sie das mit der Polizei. Wir verfolgen das auf anderem Wege.«

»Es ist unsere Pflicht«, klärte mich der Wachmann auf. »Wenn wir es nicht machen, gefährden wir unsere Lizenz.«

»Denken Sie doch einfach, ich würde es machen. Dass Sie sich vordringlich um meine Frau gekümmert haben, rechne ich Ihnen hoch an.« Ich fingerte einige Hundert-Dollar-Noten aus der Tasche und reichte sie ihm mit einem Händedruck.

Der Wachmann verstand sofort – er nickte und ließ die Scheine schnell in der Hemdtasche verschwinden.

–:–

In der Klinik beruhigte mich der Chefarzt: »Ihre Frau ist nicht ernstlich verletzt. Sie hatte bereits im Rettungswagen ihr Bewusstsein wiedererlangt.«

Ich atmete erleichtert auf. »Dann kann ich sie wohl gleich mit nach Hause nehmen?«

»Allerdings«, fuhr der Chefarzt fort, als habe er meine Frage gar nicht wahrgenommen, »ist bei dem Unglück durch äußeren Druck ihre Leibesfrucht zerstört. Wir mussten eine Fehlgeburt einleiten. Ja, es ist tragisch – mein Beileid. Ihre Frau ist noch nicht aus der Narkose erwacht; wir wollten das nicht beschleunigen.«

Mir rannen die Tränen aus den Augen, noch bevor ich richtig erfasst hatte, was geschehen war. Unsere Zwillinge, auf die wir uns so sehr gefreut hatten – tot. Alle Träume von einem Familienleben dahin. Mir war, als fiele ich in einen tiefen Brunnen. Wie würde Annika das ertragen? Ich musste ihr beistehen, ich musste stärker als das Schicksal sein. Dieses Bewusstsein, gebraucht zu werden, gab mir wieder Halt. Ich wollte bei ihr sein, wenn sie erwachte.

Der Arzt stimmte zu und ich setzte mich an ihr Krankenbett. Ihr Gesicht sah matt und blass wie das Bettuch aus. Der Farbtupfer im Zimmer war ein roter Plastikbeutel, der an einem Galgen baumelte. Von dort tropfte Blut in einen dünnen Schlauch, der mit ihrer Armvene verbunden war. Ich umfasste ihre freie Hand und wartete.

Ich war eingenickt und kam zurück in die Wachheit, als Annika sich bewegte. Im funzeligen Licht der Notbeleuchtung meinte ich zu erkennen, dass sie die Augen öffnete und mich ansah. Ich drückte die Ruftaste und kurz danach sah die Nachtschwester ins Zimmer, machte etwas mehr Licht, fühlte Annikas Puls, nickte mir zu und ging wieder hinaus.

»Wo bin ich? Was ist passiert?«, fragte Annika mit banger Stimme.

»Ganz ruhig, Annika – du bist in einer Klinik und ich bin bei dir. Schlaf ruhig weiter, der Arzt kommt erst morgen früh.«

Sie sah mich hilflos an, versuchte sich zu erinnern, dann schloss sie die Augen und war schon wieder eingeschlafen.

Auch ich schlief auf meinem Stuhl wieder ein und erwachte, als der Chefarzt meine Schulter rüttelte. Er horchte Annika ab, kontrollierte zwei Verbände am Oberarm und Unterschenkel und sagte: »Es sind nur geringe Hautverletzungen. Ich werde ihr noch eine leichte Beruhigungsspritze geben, damit sie sich nicht zu sehr aufregt. Alles Weitere muss ich Ihnen überlassen – seien Sie lieb zu ihr, sie braucht das jetzt.«

Ich nickte. »Wir werden uns wohl gegenseitig trösten müssen.«

Nach ungefähr zwei Stunden war Annika ansprechbar. Sie hatte immer noch diesen fragenden Blick. Ich nahm sie in die Arme. »Annika, meine Liebe, ich bin so froh, dass du lebst. Wenn der Wachdienst nicht so schnell gekommen wäre, würdest du jetzt wohl nicht mehr leben – und die Mammutsch auch nicht. Du fühlst dich jetzt bestimmt sehr schwach, aber das gibt sich, bald bist du wieder völlig gesund.«

Annika strengte ihre Erinnerung an. »Ich glaube, ich habe den Wachdienst gerufen. Zwei Männer mit verhüllten Gesichtern – dann ein Knall – ich weiß nichts mehr ...« Sie betastete ihr Gesicht, strich über den Verband am Oberarm. Schließlich glitten ihre Hände über ihren Körper, fühlten den Bauch ...

»Was ist mit meinen Babys!« In ihrem Gesicht stand Entsetzen, die Augen traten groß hervor und ihr Blick flackerte. »Mein Bauch – ganz flach – was ist mit mir – wo sind die Babys? Frank, Frank! Was ist los? Ich werde verrückt!«

Ich nahm sie fest in den Arm. »Annika, du lebst! Das ist jetzt das Wichtigste. Unsere Zwillinge hatten dieses Glück nicht – sie sind im Himmel, bevor sie die Erde erlebt haben. Wir müssen jetzt stark sein und es gemeinsam mit unserer Liebe überwinden.«

Annika klammerte sich an mich, schluchzte laut mit bebendem Körper. Ich drückte sie an mich, fand keine Worte – sie wären ohnehin überflüssig gewesen. Ihr Kopf lag auf meiner Brust und mein Hemd nahm ihre Tränen auf. Und wie seltsam, dass ich in diesem schmerzhaften Moment des unfassbaren Geschehens spürte, dass wir ganz eins waren, dass unsere Liebe in der gemeinsamen Trauer wuchs, dass wir immer füreinander da sein würden. Es war, als ob wir uns in einer riesigen Welle aneinanderklammerten. Es gab nicht du und ich, nur wir – verbunden mit den gleichen Gedanken und Gefühlen.

Nach einer Weile hatte Annika sich leergeweint. Sie wand sich aus meinen Armen und sah mich lange mit ihren traurigen grünen Augen an. »Ja, ich glaube an unsere Liebe«, sagte sie dann. »Und gemeinsam werden wir die Schuldigen finden und bestrafen. Ich werde an deiner Seite sein und mit dir kämpfen.«

Sie zog mich mit ihrer spontanen Entschlossenheit in ihren Bann; ich machte mich gerade und sprach heroische Sätze: »Nur du bist meine große Liebe. Hier und heute schwöre ich bei unseren im Unrecht getöteten Zwillingen, dass wir nicht ruhen werden, bevor die Schuldigen an ihrem Tod in der Hölle brennen.«

Annika wischte sich die Augen aus und wir besiegelten den Schwur mit einem langen Kuss, der nach Salz, Rache und immerwährender Liebe schmeckte.

–:–

Wie konnte ich nur so sicher sein, in unserem Bergdomizil für die Mafia unauffindbar zu sein. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich getäuscht hatte. Wo war die faule Stelle, die uns verraten hatte? Jedenfalls mussten wir so schnell wir möglich diesen Ort verlassen. Ich beauftragte eine Firma, die Schäden am Haus zu beseitigen. Niemand sollte ahnen können, dass hier ein Attentat versucht wurde.

Der Chef des Wachdienstes bat mich um ein vertrauliches Gespräch: Er berichtete, dass ein Mitarbeiter, der zur Überwachung des Hauses eingesetzt war, ungekündigt verschwunden sei – ein Italiener, der erst vor zwei Monaten eingestellt worden sei. Er habe allerdings beste Referenzen vorgelegt.

»Danke für die Information. Wir verfolgen jedoch bereits eine andere Fährte«, sagte ich gleichgültig. Mir war daran gelegen, dass der Wachdienst den Fall zu den Akten legte. Gleichzeitig war ich froh, dass das Loch im Sicherheitssystem gefunden war. Der verschwundene Security-Mitarbeiter sollte mir im Gedächtnis bleiben und eine Warnung sein. Vielleicht war es gut, wenn er glaubte, nicht verdächtigt zu sein.

Ich orderte für Annika und mich einen Privatflug nach Hamburg mit Zwischenlandung in München. Jakob Holzmaier führte uns eine Laserwaffe vor, deren effektive Wirkung bei etwa 200 Meter Reichweite lag. Holz brannte sofort, Metall begann zu glühen, für Menschen gab es keine Überlebenschance. Jakob wollte persönlich nach Hamburg kommen, um uns einzuweisen. Ich drängte auf Entwicklung einer Laserkanone mit größerer Reichweite, denn auf See hält man größere Abstände. Jakob meinte, das sei lediglich eine Finanzfrage. Ich erhöhte den ihm zur Verfügung stehenden Finanzrahmen.

»Hör zu, Jackl, es ist eiliger geworden«, sagte ich, »kannst du etwas Gas geben, ohne dass die Qualität leidet?«

Jakob nickte. »Rechnerisch bin ich schon durch. Es müssen nur noch ein paar Teile gefertigt werden. Das ist ja kein Schreckschuss von der Stange.«

–:–

Im Telefongespräch mit meinem vertrauten Banker in Hamburg fragte ich, ob die Immobilien-Abteilung der Bank vielleicht eine hübsche Dachgeschosswohnung für uns hätte. »Wenn ja, sofort festhalten und kaufen – ich verlasse mich auf Ihren Geschmack, Mr. Money«, sagte ich. »Am liebsten möchte ich gar nicht erst ins Hotel.«

»Was ist denn mit der Elbvilla? Alles belegt?«

»Nee, nee«, lachte ich. »Ich habe meine Frau überredet, auf Berge zu verzichten. Wir wollen für uns sein – also keine Freundschafts-WG. Außerdem bin ich für die Nachbarn der Villa der neue Gärtner, die wären enttäuscht, wenn ich dort einziehe, ohne ihnen den Rasen zu mähen. Geht es noch heute, Mr. Money?« Die Anrede war ein Spitzname, im Grunde waren wir befreundet, aber in der Bank war das Du unerwünscht, so haben wir es uns gar nicht erst angewöhnt.

»Ich habe gerade etwas auf dem Bildschirm, das Ihnen gefallen könnte. Wenn es recht ist, hole ich Sie am Flughafen ab.«

»Ich wusste doch, dass Sie selbst drauf kommen«, freute ich mich. »Sagen wir um 17.30 Uhr am Privatflug-Terminal.«

»Okay. Guten Flug!«

»Bis dann.«

–:–

Als wir durchs Gate gingen, winkte Mr. Money mit einer Collegemappe. Das sah nach erfolgreicher Suche aus. »Zwei zur Auswahl!«, rief er uns zur Begrüßung entgegen.

Ich stellte ihm Annika als meine Frau vor, was sie augenzwinkernd akzeptierte. Mit Blick auf seine Mappe sagte ich: »Lasst uns gleich dorthin fahren, was Ihr favorisiertes Objekt ist, Mr. Money. Meinem Banker mein Vertrauen. – Da kommen unsere Koffer. Wir reisen mit kleinem Gepäck.«

Wir hatten es nicht weit. In Hamburg-Eppendorf fuhr Mr. Money durch den Torweg eines Jugendstilhauses auf den Hinterhof, wo er seinen Wagen parkte. »Einen Parkplatz zu haben, ist hier schon ein Hauptgewinn«, sagte er. »Es ist aber auch nicht weit zur U-Bahn«, und direkt an Annika gerichtet fügte er hinzu, dass es sich hier auch direkt vor der Haustür prima shoppen ließe.

Ein nachträglich ins großzügige Viereck des Treppenhauses eingebauter Lift brachte uns in den Dachstuhl. Breite Gauben und ein mit einem Sonnensegel versehenes Oberlicht zwischen dunklen Dachbalken brachten viel Tageslicht hinein. Ein Kamin versprach romantische Abende unterm Sternenhimmel.

»Die Einrichtung kann komplett übernommen werden. Sie ist teilweise direkt für diese Räume angefertigt worden«, informierte Mr. Money.

Annika nickte begeistert. Ich konnte mir vorstellen, dass sie in dieser schönen Wohnlandschaft mit Ausblick auf eine grüne belebte Allee ihre gelegentlichen Depressionen überwinden würde, wenn die Erinnerung an das Attentat und der Verlust der Zwillinge ihr Gemüt betrübte.

»Es kann nicht besser sein«, sagte ich. »Einverstanden!« Ich streckte dem Banker die Hand entgegen und bat darum, alles Erforderliche zu veranlassen. »Können wir gleich hierbleiben?«

»Der Besitzer hat mir alle Vollmachten übertragen. Er ist gegenwärtig nicht in Deutschland. Die Beurkundung wird deshalb etwas dauern. Wir können vorerst einen Vertrag über Probewohnen machen.«

»Ausgezeichnet – machen Sie, was gemacht werden muss.« Mein Kopf war voll mit anderen Dingen und ich war froh, dass sich die Suche nach einer Wohnung so schnell erledigt hatte.

Als ich mit Mr. Money hinunterfuhr, um die Koffer zu holen, übergab er mir die Schlüssel und sprach mich auf den Kaufpreis an. »Wie schätzen Sie den Wert ein?«, fragte ich.

»Alles relativ«, wägte er ab. »Einerseits ein Schnäppchen, andererseits haben wir in drei Monaten keinen Käufer dafür gefunden. Aber das kann auch an der fehlenden Tiefgarage liegen. Als man das Haus baute, glaubte man, es bliebe wohl dabei, Kutschen zu benutzen.«

»Die gute alte Zeit«, sagte ich. »Irgendwann wird man unsere auch so nennen. Vielleicht macht das die Wohnung zum Renditeobjekt.«

Mr. Money hob die Koffer aus dem Wagen und hängte mir meine Tasche gleich diagonal über die Schulter. »Da geht noch was rein«, sagte er und zauberte eine Flasche Champagner hervor, mit der er uns einen schönen Abend in der neuen Wohnung wünschte.

Als das Feuer im Kamin flackerte und wir die Sterne am Himmel zählten, schmiegte sich Annika an mich.

»Stell dir vor, wir sind inmitten einer Hafen-Metropole«, sagte ich und küsste sie. »Vermisst du die Berge?«

»Nicht, wenn du bei mir bist, Frank.«

***

Nach dem Frühstück fuhr ich mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof und nahm dort ein Taxi zur Werft. Ich wollte es vermeiden, dass irgendjemand meinen direkten Weg von der Wohnung zur Werft erfuhr.

Lukas war bereits zur Stelle und berichtete, dass jetzt in zwei Schichten am Schiff gearbeitet wurde. »In zwei bis drei Wochen können wir auslaufen. Ich kann es fast nicht aushalten vor Freude, mit diesem Traumschiff aufs Wasser zu kommen. Es fehlt einfach an nichts.«

»Alles paletti – vom Antrieb mal abgesehen«, kommentierte Federico grinsend, den wir bei unserem Rundgang auf dem Schiff bei der Überprüfung der neuen Geräte antrafen.

Ich erzählte von unserem Desaster in Österreich. Federico drückte mir mitfühlend die Hände. »Die Mafiosi nehmen uns sehr ernst. Sie wissen, dass wir eine Gefahr für sie sind. Und dass wir ihr Geld haben. Deshalb wollen sie uns die Kehlen durchschneiden. Aber unsere Technik wird die bessere sein – wir müssen trotzdem vorsichtig sein.«

Der Werft-Chef lobte uns und vor allem sich in höchsten Tönen. Dank unserer Vorauszahlungen konnte er eine Extraschicht einrichten, er habe auch für das zusätzliche Gerät aus München alles geplant. Er gratulierte mir zu den Mitarbeitern an meiner Seite, was Lukas schmunzelnd zur Kenntnis nahm. Alles in allem werde man zehn Tage früher fertig sein. »Natürlich in höchster Qualität.«

In der Werft-Kantine erfuhr ich von Lukas, dass die Kalypso bereits in Guatemala angemeldet sei. Auch dort liefen die Kontakte ebenfalls über einen vertrauten Banker. Annikas Vater hatte dort umfangreiche Finanzengagements getroffen. Geld erwies sich immer wieder als ein gutes Verbrüderungsmittel. Harald hatte uns dafür seine goldene Regel hinterlassen: Es darf nicht herumliegen und niemand darf den Zugriff haben außer du selbst; das ist deine Versicherung.

–:–

Die Dachgeschosswohnung in Hamburgs Jugendstil-Stadtteil Eppendorf war eine Klasse für sich. Sie ragte über die meisten Häuser in der Nachbarschaft hinaus. So konnte uns niemand in die Fenster schauen, während wir einen Blick über Dächer und Bäume hatten. Eine kleine Dachterrasse, die bald zum Sonnenbaden einladen würde, gab uns das Gefühl, ein Penthouse zu bewohnen, obwohl die Ausmaße sich im bescheidenen Rahmen hielten. Ich nahm mir Zeit, um mit Annika durch Geschäfte zu bummeln, an der Alster spazieren zu gehen oder uns bei einem Kinobesuch in andere Welten zu verlieren, um schließlich auch die Nächte mit Liebe zu füllen. So halfen wir uns gegenseitig über den Schmerz der verlorenen Zwillinge hinweg. Wir waren doch noch jung genug für Zukunftspläne.

»Das ist Männersache«, winkte sie ab, wenn ich sie einlud, mit auf die Werft zu kommen. »Du kannst mir ja davon erzählen«, meinte sie, »aber bitte nicht so viel von Technik. Ich möchte einfach nur auf ein schönes Schiff gehen, das mir keine Angst vor dem Wasser macht, wenn es ringsum bis zum Horizont reicht.«

–:–

Eines Mittags, als ich von einer kurzen Inspektion auf der Werft kam, hatte ich mich mit Annika im Café Paris verabredet. Wir wollten nur eine kleine Leckerei zu uns nehmen und setzten uns an die Bar. Sie erzählte mir, dass sie bei uns im Haus die Bekanntschaft einer Iranerin gemacht habe. »Sie ist Ärztin und bemüht sich bereits seit einiger Zeit um eine berufliche Aufgabe in einem Hamburger Krankenhaus. Ich glaube, das hat sie schon hundertmal erzählt und hofft dabei, dass es jemanden gibt, der ihr dabei helfen kann. Optimistisch ist sie jedenfalls. Sie hat extra eine Wohnung in Eppendorf gesucht, damit sie es nicht so weit bis in die Universitätsklinik hat, wenn sie da jede Woche wieder nachfragt. Aber die holen ihren Nachwuchs von der Uni. Ihr traut man nicht einmal den Standard zu, nur weil sie aus dem Iran stammt.«

»Die möchte ich gern kennenlernen!«, sagte ich so spontan, dass Annika mich skeptisch von der Seite ansah. »Hast du etwas dagegen?«, fragte ich.

»Na, dein aufflammendes Interesse lässt mich fragen: Hast du etwas im Sinn mit ihr? Olala, dir steigt das Ambiente dieser Location in den Kopf!«

Ich musste lachen. »Du scheinst meine Gedanken zu erraten. Ich muss in Zukunft vorsichtiger sein. Ist sie hübsch?«

Annika knuffte mir ihren Ellenbogen in die Rippen. »Ich habe sie heute Abend zu einem Glas Wein eingeladen, dann hast du sie auf dem Präsentierteller. Aber wehe, wenn du ... oder sie ..., dann kratze ich ihr die Augen aus!«

Ich strich ihr mit unschuldsvollem Lächeln über den frechen Bubikopf, der zu diesem Satz wie frisch geputztes Kupfer vor den funkelnden Gläsern tanzte. Es gab dazu nichts zu sagen. Meine Gedanken waren plötzlich wieder zur Kalypso gesprungen, denn ich spielte mit dem Gedanken, einen Bordarzt anzuheuern – und das könnte natürlich auch eine Ärztin sein. Sicher wäre es auch für Annika angenehmer, nicht die einzige Frau unter Männern zu sein. Denn dass sie an Land bleibt, wenn wir den Piraten das Leben schwer machen wollten, das hatte ich längst aufgegeben mit ihr zu diskutieren.

Wir aßen Zander-Flusskrebs-Roulade mit geräuchertem Kartoffelstampf und tranken ein Glas Beaujolais dazu. Mein Vorschlag, eine französische Käseplatte für den Abend mitzunehmen, bejubelte Annika mit »Quelle grande idée. Merci!« Sie hatte in Paris studiert – und dieses temperamentvoll lärmende Lokal schien turbulente Erinnerungen in ihr zu wecken.

–:–

Die »Assiette de Fromages« prangte einladend in der Mitte des Tisches, drei Gläser und roter Wein in einer Karaffe, im Kamin züngelten Flammen um ein paar Holzscheite. Beinahe schade, dass Besuch kommt, dachte ich einen Augenblick. Da klingelte es an der Tür.

»Guten Abend«, sagte ich und war sogleich der Meinung, dass der Abend zu dritt bestimmt nicht die schlechtere Möglichkeit war. »Willkommen in unserem Turm. Hoffmann, Frank Hoffmann.«

»Wir sind schon per Du«, rief Annika hinter mir.

»Maya – ich danke für Ihre Einladung.« Die warme Stimme wehte mit einem Hauch Orient zu mir herüber. Sie streckte mir eine Hand entgegen und verbeugte sich fast unmerklich zum warmen, festen Händedruck. Schlank und ungefähr 1,70 Meter groß, von einem knöchellangen blumigen Kleid umhüllt, so wartete sie geduldig, dass ich den Weg freigab. Sie schien es gewohnt zu sein, dass man sie eine Weile betrachtete: Ein klassisch ebenes Gesicht mit hohen Wangenknochen, großen dunklen Augen und sanft geschwungenen Brauen, eingerahmt vom schwarzen seidig glänzendem Haar, das aus einem strengen Mittelscheitel auf die Schultern fiel.

Annika schob mich behutsam beiseite. Die beiden Frauen begrüßten sich auf französische Art mit Küsschen rechts, Küsschen links. Maya überreichte lächelnd eine einzige Rose.

Die beiden Frauen hatten sich im Fahrstuhl miteinander bekannt gemacht und sogleich angefreundet, was mich nun überhaupt nicht mehr verwunderte. Es freute mich, dass Annika eine Gesprächspartnerin gefunden hatte. Das ging am flüssigsten auf Französisch, doch mit Rücksicht auf mich blieb die Unterhaltung deutsch, von Maya mit einem ganz besonderen Akzent, der ihre Persönlichkeit noch unterstrich.

Während ich den Kamin bediente, ab und zu Wein nachschenkte, dafür sorgte, dass alle Käsesorten durchprobiert wurden, verloren sich Annika und Maya in Frauenthemen. Das Stadtviertel war offenbar ein Eldorado zum Einkauf für Dinge, die einem Mann nur deshalb gefallen, weil sie Frauen lächeln lassen.

Immer mehr konnte ich mir Maya als Ärztin an Bord der Kalypso vorstellen. Lukas als visionärer Ingenieur mit Kapitänspatent, Federico mit seinem Enthusiasmus für alles, was mit Funk und Elektronik zusammenhing, Jakob mit der genialen Verbissenheit, etwas Einmaliges zu schaffen, schließlich natürlich Annika mit ihrer nüchternen Einschätzung aller denkbaren Situationen und ihrem unbeirrbar zielstrebigem Willen – und dann Maya, eine Ärztin wie aus 1001 Nacht. Naja, und schließlich auch ich – wenn Annika mich für ihre Mission ausgesucht hatte, dann musste an mir ja etwas dran sein. Die übrige Crew hatte sich bisher auch bestens bewährt. Solch eine ideale Mannschaft ist fast schon ein Wunder. Es ist eine Verpflichtung, ihr die beste gesundheitliche Betreuung zu bieten. Was eigentlich wird verlangt? Was eigentlich kann geschehen? Die Zukunft lag im grauen Nebel. Ja, eine Ärztin an Bord zu haben – unerlässlich. Natürlich könnte es auch ein Arzt sein ... Ich verwarf diese Idee wieder.

»Sprichst du auch arabisch?«, fragte ich Maya.

»Natürlich!«, sagte Maya, »und auch ein paar Nachbarsprachen – sie sind sich ähnlich.«

Annika sah mich seltsam fragend an. Sie witterte, dass ich einen Hintergedanken hatte und eine kleine Falte über ihrer Nase sagte mir, dass ich besser das Thema wechseln sollte. Ich schenkte Wein nach, obwohl es noch nicht nötig war und fragte, wie es ihr in Hamburg gefällt.

»Eine wunderschöne Stadt«, schwärmte Maya. »Das Wetter habe ich schon besser gehabt, aber es ist so eine freie Atmosphäre, das gefällt mir. Ich war hergekommen, um meine Fähigkeiten zu erweitern, aber es gab keinen Platz mehr. Ich hoffe auf eine Gelegenheit, bevor mein Visum abläuft. Nun suche ich eine Arbeit, bei der nicht nur meine medizinischen Kenntnisse gebraucht werden, sondern auch meine Sprachkenntnisse. In Deutschland muss man unentbehrlich sein, um bleiben zu dürfen.«

»Das wird schon«, sagte Annika, anscheinend war ihr auch dieses Thema nicht besonders angenehm.

–:–

Nachdem Maya gegangen war und im Kamin das letzte Holzscheit verglimmte, verteilte ich den Rest des Rotweins auf unsere Gläser und erzählte Annika von meinem Plan, einen Arzt an Bord zu nehmen.

»Maya brachte mich auf die Idee, dass es auch eine Frau sein könnte«, sagte ich abwiegelnd. »Du könntest doch mal unverbindlich das Thema anschneiden. Ihr Sprachvermögen kann auch nützlich sein. Vielleicht hat sie Interesse – und du hättest Gesellschaft ...«

Weiter kam ich nicht. Annika schüttelte heftig den Kopf. »Du vergisst unseren Auftrag. Wir machen keine Kreuzfahrt. Es ist ein gefährliches Unternehmen, deshalb kann ich für sie nicht zustimmen. Wir kennen sie auch weiter noch gar nicht.«

Ich hatte es wieder einmal in den Hintergrund gedrängt, aber für Annika war es ständig gegenwärtig: Wir waren rächende Mafia-Jäger. Um genau zu sein: gejagte Jäger.

»Du kannst sie doch mal ein bisschen testen«, beschwichtigte ich sie. »Versuche mal herauszubekommen, was sie für Zukunftspläne hat. Will sie wirklich hier sein – oder vielleicht nur weg aus dem Iran? Vielleicht ist sie gerade die Richtige für unsere Mission.«

»So eine Ausfragerei«, brummelte Annika. »Das kann ich nicht. Und ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt will.«

Zärtlich schlang ich meine Arme um sie, küsste sie erst auf die Stirn und biss ihr dann zart ins Ohrläppchen; das hatte bisher stets erfreuliche Folgen. »Ich weiß, du kannst es«, flüsterte ich. »Es ist doch ganz unverbindlich.«

Vielleicht hatte ich zu heftig geknabbert, Annika schubste mich jedenfalls zur Seite. »Du willst mich überrumpeln, du bist undiplomatisch«, und sie fuhr im gleichen Satz fort, »... ich werde mal drüber schlafen.«

Verstehe einer die Frauen.

Am nächsten Morgen sagte Annika beim Frühstück nur beiläufig: »Ich werd’s mal versuchen – heute oder morgen.« Sie ging davon aus, dass ich weiß, was sie damit meinte. Ich nickte zufrieden.

–:–

Kurz vor Mittag rief Federico an. Er sprach in rätselhaften Sätzen: »Es gibt Leute, die rätseln über eine Person in Österreich. Man hätte sie gern als Beute gehabt, aber sie ist verschwunden. Ein Späher vermutete, sie sei nach Deutschland gereist – mit ungewöhnlichen Sicherungsmaßnahmen. Sie strengen sich mächtig an, suchen Experten.« Und dann lachte Federico: »Cheffe, soll ich mich bewerben?«

»Riskiere nicht meinen Zorn!«, drohte ich scherzhaft. »Hast du Lukas in der Nähe? Ich möchte ihn mal sprechen.«

»Hallo, Frank – ich denke in zwei Wochen!«

»Hallo, Lukas, ich hatte doch noch gar nicht gefragt.«

»Liegt auf der Hand. Kann sein, dass der Boden heiß wird. Aber schneller als die Preußen schießen die Römer auch nicht. Übermorgen kommt Jackl und will sein Rohr einbauen. Damit sind dann noch ein paar Umbauten verbunden.«

»Ruf an, wenn er da ist, dann reden wir noch mal über alles.«

»Bis dann, Frank.«

»Okay, wir sehen uns.«

Annika hatte hinter mir gestanden und das Gespräch mit gespitzten Ohren mitgehört. »Dann ist es also bald soweit. Ich werde mich danach richten und bereit sein. Was machen wir mit der Wohnung?«

»Am liebsten möchte ich sie behalten. Ich glaube, wir haben mit unserem kurzen Aufenthalt noch keine Spuren gelegt. Was meinst du.«

Annika nickte. »So denke ich auch. Sie fällt nach außen überhaupt nicht auf und doch ist es hier wunderschön. Sieh mal, jetzt, wo die Sonne durchkommt.«

»Ich werde das mit Mister Money regeln. Vielleicht kann er sie zwischendurch mal kurzzeitig für Geschäftskunden nutzen, dann fällt sie auch im Haus nicht als unbewohnt auf.« Nach einer Pause fügte ich noch hinzu: »Wir müssen dann auch die Frage der ärztlichen Versorgung an Bord regeln.«

Annika grinste. »Ist schon erledigt, Käptn.«

Details

Seiten
200
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783944459875
ISBN (MOBI)
9783944459868
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365383
Schlagworte
Entführung Geldwäsche Rache Erpressung Piraten Laserwaffen

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Titel: Gejagte Mafia-Jäger